Schönheit des Scheiterns

Buchbesprechung zu:

Leonard Cohen. So long. Ein Leben in Gesprächen

Kampa Verlag, Reihe Kampa Salon. Herausgegeben von Cornelia Kühne und Daniel Kampa. Aus dem Französischen und Englischen von Thomas Bodmer und Cornelius Reiber. 186 Seiten

Biografien sind eine heikle Angelegenheit. Sie sind der Versuch einer Annäherung an eine Person und ihr Leben, der grundsätzlich scheitern muss. Sie sind Fiktion. Im besten Fall eine, die der Wahrhaftigkeit sehr nahe kommt. Wenn es überhaupt möglich ist, einem Menschen, den wir interessant finden, nahe zu kommen, dann gelingt dies am ehesten, wenn man den Worten dieser Person lauscht. Auf die eine oder andere Art steckt Wahrheit in dem, was ein Mensch ausspricht. Man verrät durch seine Worte immer ein Stück von sich selbst. Auch wenn das eigene Erinnern wiederum eine Form von Fiktion ist. Aber eine authentische.

Das Konzept des Kampa-Verlages, die Gespräche und Interviews mit bekannten Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur zusammenzustellen und damit ihre Äußerungen aus verschiedenen Jahrzehnten zu einer Art fragmentarischer Biografie zu formen, ist eine wunderbare Idee.

Wer zum Beispiel wie hier Leonard Cohen so nahe wie möglich kommen möchte – außerhalb seiner Lyrik und seiner Musik – der ist gut beraten, sich dieses Buch zur Hand zu nehmen. Hier findet eine echte Begegnung statt. Es sind intelligente Fragen in ausgewählten Gesprächen, die Cohen auf seine unnachahmliche Art beantwortet, ganz der Gentleman und Poet, der er war. Er antwortet wirklich, weicht nicht aus, bleibt bei sich, spinnt den Faden weiter und führt den Leser an bemerkenswerte Orte seiner Seele.

Leonard Cohen hat es verstanden in dem „crack in everything“ zu leben, in diesem Spannungsfeld, das sich Welt nennt. Er hat es verstanden, in tiefster Depression nach dem Licht zu sehnen und zu suchen. Er hat Großartigkeit gelebt und Bescheidenheit. Er hat gelernt, sein Scheitern zu lieben. Er hat erlangt, was nur wenige am Ende ihres Lebens haben: Weisheit.

Es ist berührend, die Worte dieses Mannes zu lesen, die er über sich selbst äußert. All dieses Streben, Sehnen, Scheitern, an sich selbst und dem Dunklen in der Welt verzweifeln. Seine Weigerung, sich mit sich selbst zu sehr zu beschäftigen und sich dennoch so gut zu kennen. Sein Greifen nach dem Absoluten, dem Verbindenden. Seine unpolitische Art doch irgendwie politisch zu sein.

Kuzum: sein poetisches Herz. Das Herz des „kleinen Juden, der die Bibel geschrieben hat“. Das ist er. Das ist es, was die Welt für ihre Wunden braucht – das Herz von Propheten und Poeten, die nach dem Absoluten suchen, nach dem Ausdruck für das Wahrhaftige und Authentische.

Diesen Mann finden wir, seinen Schatten, eingefangen in den in diesem Buch zusammengestellten Gesprächen. Es ist ein berührendes, besänftigendes, tröstendes Buch. Selten liest man so gerne Interviews.

Klare Leseempfehlung.