Das innere Feuer bewahren

Das innere Feuer bewahren

Buchbesprechung zu: „Die Straße“ von Cormac McCarthy

Für diesen Text gelesen: Ausgabe aus dem Rowohlt Verlag von 2020, übersetzt von Nikolaus Stingl, 252 Seiten – Original: „The Road“, New York 2006

Stille. Kälte. Schwarz gegen Weiß. Kein Atem mehr außer dem des Vaters und des Sohnes. Sie haben nichts. Nicht einmal Namen. Aber sie haben einander. Der Junge vertraut dem Mann. Für den Mann ist der Junge das Wort Gottes. Vielleicht der letzte Gott der Erde. Denn gibt es keine Menschen mehr, sterben auch alle Götter. Und wenn man der letzte aller Menschen wäre und sterben würde, dann wäre es eben so. Und der Tod steht ratlos auf der Straße, denn er hat nichts mehr zu tun. Übrig bleibt nur die Landschaft, älter als der Mensch und alles andere Leben, das von dieser Welt verschwunden ist. Und die Sonne umkreist den Planeten und dringt nur wenig durch die Wolkenhülle. Und alles ist verbrannt und wird weiter verbrennen. Asche überall. Der Ozean ist leer. Alles ist leer. Die Gegenstände haben ein längeres Leben als die Menschen, die sie erschaffen haben.

Warum die Welt so ist, erfahren wir Leser nicht. Wir erfahren keine Zeit und keine Namen. Nur die grobe Geografie des ehemaligen Gebietes der USA auf dem Nordamerikanischen Kontinent verortet uns in diesem schrecklichen Universum, das so gleichgültig und schön ist. Nur der Mann und der Junge sind das Zentrum unserer inneren Welt. Der Junge vielleicht 8 oder 9 Jahre alt. Genau wissen wir es nicht. Es gibt keine Kalender mehr und keine Feste. Das Paradies besteht aus gefundenen Konserven. Die Hölle sind die Menschenfresser. Der Mann und der Junge sind die Guten. Das ist ihre Erzählung. Vielleicht gibt es noch andere Gute. Und vielleicht ist es im Süden wärmer und es gibt noch etwas. Irgendetwas. Aber wahrscheinlich nicht.

Und so ziehen die beiden auf der Straße Richtung Süden. Denn noch einen Winter werden sie nicht überleben. Sie schlagen sich in die Böschung oder in die toten Wälder, wenn die Bösen kommen, die die Guten und die Schwachen jagen, ausweiden und essen. Die Nächte sind schwarz. Wir Modernen haben vergessen, wie es war, als es noch kein Feuer gab und noch kein elektrisches Licht und kein Vollmond schien und Wolken die Sterne bedeckten. Dann ist die Welt nämlich ausgelöscht, nichts sieht man. Und doch sind diese kalten Nächte, wenn das Feuer – falls sie Mittel haben eines anzuzünden – abgebrannt ist, die sicherste Zuflucht, denn auch die anderen, die es noch gibt, sehen nichts.

Man kennt die Bilder aus US-amerikanischen Filmen, in denen die Obdachlosen – schmutzig, verfilzt, zerlumpt – ihren spärlichen Besitz in einem Einkaufswagen vor sich her schieben. Sie sind unser Sinnbild von der Armut im Kern unseres allgegenwärtigen und selbstverständlichen Wohlstandes voller Essen und Licht und Wärme und Dinge. In dieser Welt, die McCarthy hier beschreibt, sind der Mann und der Junge – schmutzig, verfilzt, zerlumpt – ihren spärlichen Besitz, der vornehmlich aus ein paar gefundenen Konserven und schmutzigen Decken besteht, in einem Einkaufswagen vor sich her schiebend, die reichsten und lebendigsten Menschen, die es noch gibt. Die anderen verhungern oder essen sich gegenseitig. Aber der Mann und der Junge sind Menschen geblieben. Sie „bewahren das Feuer“ wie es heißt.

Von der Kritik wird das Buch als „alttestamentarisch“ beschrieben. Gemeint ist damit landläufig eine Welt, in der Brutalität und Gewalttätigkeit und Mythen und Schönheit zu Hause sind – eine Welt, die in sich selbst ein überwältigendes Monument ist. Doch hier geht die Beschreibung wesentlich tiefer und zielt auf die Essenz der Geschichte. Denn am Anfang oder im Anfang – so heißt es ja mit den ersten Worten des ersten Buches Mose, das den Reigen der alttestamentarischen Schriften eröffnet – war: nichts? Das stimmt nicht. Es gab schon eine Welt, ein Wasser, eine Tiefe – also einen Raum und eine wilde Landschaft schöpferischen Chaos, über dem der göttliche Geist schwebte. Auch hier gibt es im Grunde nur noch die Landschaft und das Meer. Alles andere lebt nicht mehr. Und wie in der Schöpfungsgeschichte scheinen die Menschen, die es noch gibt, aus einem plötzlichen Nichts heraus da zu sein. Sie sind. Und in manchen von ihnen ist Geist – in anderen ist das Tier, das ohne Moral frisst und im Mitmenschen nicht den anderen sieht, der denselben Geist hat und damit unantastbar ist. Denn das ist die Essenz – Menschliches und Göttliches sind so eng miteinander verwoben, dass man kaum sagen kann, was zuerst da war. Ist Gott dem Geist des Menschen entsprungen und hat aus dem Menschen erst ein Wesen mit Kultur und Moral gemacht, das den anderen nicht mehr fressen will? Oder hat der göttliche Geist den Menschen befähigt, sich selbst und den anderen zu erkennen? Woher kommen Mitleiden und Barmherzigkeit? Und stirbt das Göttliche mit dem letzten Menschen, der „das Feuer bewahrt“ hat, wie es McCarthy dem Mann und dem Jungen in den Mund legt?

Alttestamentarisch ist der Text, denn er verlegt die Geschichte, die Vater und Sohn miteinander leben, in eine vorkultische, vorreligiöse Dimension. Der Junge betet einmal zu den Menschen, die nicht mehr da sind und deren geheime Vorräte sie gefunden haben. Er dankt ihnen für das, was sie zurückgelassen haben, damit er und sein Vater überleben können. Ein Gebet an Ahnengeister wie es alle alten Kulte dieser Welt kannten. Das Bewusstsein dafür, dass die Menschen miteinander verbunden sind über Raum und Zeit hinweg. Gott ist nicht greifbar. Er ist kein Konzept und es gibt kein Fest und kein Ritual. Er ist gleichgültig. Göttlich ist für den Vater nur noch sein Sohn, den er seine Rechtfertigung nennt für alles, was er tut und dafür, dass er überhaupt noch lebt und nicht aufgegeben hat.

Alttestamentarisch ist der Text, denn es gibt auch eine Begegnung mit einem Propheten. Ein alter, fast blinder Mann, der allein unterwegs ist. Ihm begegnen der Mann und der Junge. Sie teilen ein Essen und einen Abend miteinander, weil der Junge darauf besteht. Hier fällt der einzige Name in der Geschichte. Ely – wie der größte der alttestamentarischen Propheten – nennt sich der Alte. Doch er ist in diesem Text ein Anti-Prophet. Es gibt keine Warnung oder Mahnung, die er verkünden könnte, denn alle Schrecknisse, die alttestamentarische Propheten je verkündet haben, sind bereits eingetroffen. Es gibt auch keinen Trost und keine Hoffnung, die Ely verkünden könnte. Nur die Leere und den Tod. Vermutlich entsteht keine neue Schöpfung aus dieser leeren Tiefe. Und doch…

Neutestamentarisch ist der Text nämlich für die, die ihn tief lesen. Wenn der Vater seinen Jungen das Wort Gottes nennt und es über den Jungen heißt, dass der Vater seine ganze Welt ist, dann fühlt man sich an die Worte Jesu erinnert, an das Johannesevangelium – „Ich und der Vater sind eins“ – Inbegriff des Göttlichen im Menschen, des Einsseins, des Geistes. McCarthys Text beschwört mächtige Archetypen und wird selbst zum Mythos, zur inneren Wahrheit des Menschseins, das seine Erfüllung im Gegenüber findet und ahnt, dass zum wirklichen Leben mehr gehört als das große Fressen.

Der Roman endet genauso offen, wie er angefangen hat. Zum Schluss gibt es eine menschliche Familie, die gemeinsam weiterzieht. Es gibt Geschwister, es gibt eine Mutter, die von Gott erzählt. Einen Vater, der das Überleben sichert. Ob die Welt sich wieder füllt, erfahren wir nicht. Doch selbst wenn man kein religiöser Mensch ist, möchte man zum Schluss sein wie der Mann und der Junge. Nämlich „das Feuer bewahren“. Und das bedeutet auch, im anderen Menschen einen göttlichen Funken zu sehen – und ihm gegenüber barmherzig zu sein, wenn es einem möglich ist. Der Mann sagt zu dem Jungen, er sei nicht derjenige, der sich um alles Gedanken machen muss. Der Junge antwortet, dass er doch derjenige sei. Jeder von uns ist derjenige. Wir sind verantwortlich.