Die Hoffnung des Evangeliums – George MacDonald
Salvation from Sin – Errettung von Sünde
„Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“ Matthäus 1, 21

Ich möchte einigen helfen zu verstehen, wozu Jesus aus dem Haus unseres Vaters kam, es für uns zu sein und für uns zu tun. Alles in der Welt wird zuerst mehr oder weniger missverstanden: wir müssen erfahren, was es ist und auf lange Sicht dahin gelangen zu erkennen, dass es so sein muss, dass es nicht anders sein kann. Dann kennen wir es; und wir kennen eine Sache niemals wirklich, bis wir sie auf diese Weise kennen.
Ich nehme an, es gibt kaum ein menschliches Wesen, das entschieden hat, offen zu sprechen, welches nicht gestehen würde, dass es etwas plagt, etwas, wovon frei zu sein, es froh wäre, etwas, weshalb es sich in diesem Augenblick als unmöglich erweist, das Leben als eine insgesamt gute Sache zu betrachten. Die meisten Menschen, nehme ich an, stellen sich vor, dass, frei von diesen und jenen widerstreitenden Dingen, das Leben eine unvermischte Befriedigung wäre, wert unbestimmt verlängert zu werden. Die Gründe ihres Unbehagens sind von aller Art und die Abstufungen reichen von einfacher Beklommenheit bis hin zu einem solchen Elend, wie es die Auslöschung zur höchsten Hoffnung des Leidenden macht, welcher sich selbst von seiner Möglichkeit überzeugen kann. Vielleicht geht der größte Teil der Lebensenergie dieser Welt hinaus in dem Bestreben, sich selbst vom Unbehagen zu befreien. Einige, um ihm zu entfliehen, lassen ihre natürliche Herkunft hinter sich und steigen mit starkem und kontinuierlichem Bemühen die soziale Leiter hinauf, um bei jedem neuen Aufstieg neue Schwierigkeiten zu entdecken, von denen sie denken, dass sie auf sie gewartet haben, wohingegen sie die Schwierigkeiten in Wahrheit mit sich gebracht haben. Andere, die sich eilen reich zu werden, werden langsam herausfinden, dass die Armut ihrer Seelen, nichtsdestotrotz sich ihre Börsen füllen, sie doch unglücklich halten wird. Einige buhlen um endlose Veränderung, wissen nicht, dass bei ihnen selbst die Veränderung stattfinden muss, die sie freisetzen wird. Andere erweitern ihre Seelen mit Wissen, nur um herauszufinden, dass Zufriedenheit in dem großen Haus, das sie erbaut haben, nicht weilen will. Die Varianten des menschlichen Bemühens, dem Unbehagen zu entfliehen, aufzuzählen, würde bedeuten, all die Lebensweisen aufzuführen, die nicht wissen, wie zu leben. Alle suchen die Sache, deren Fehlerhaftigkeit als der Grund ihres Elends erscheint, und es ist nur die unterschiedliche Ausprägung davon, der Grund der Form, die es annimmt, nicht der des Elends selbst; denn, wenn ein scheinbarer Grund beseitigt ist, folgt darauf sofort ein anderer. Der wirkliche Grund seiner Schwierigkeit ist ein Etwas, das der Mensch vielleicht nicht einmal als existent bemerkt hat; in jedem Fall ist er noch nicht mit ihrer wahren Natur vertraut.
Wie absurd auch immer die Aussage für einen erscheint, welcher die Tatsache für sich selbst noch nicht entdeckt hat, der Grund von jedermanns Unbehagen ist das Böse, das moralisch Böse – zuallererst das Böse in ihm selbst, seine eigene Sünde, seine eigene Falschheit, seine eigene Unrichtigkeit; und danach das Böse in jenen, die er liebt: mit dem Letzteren muss ich mich jetzt nicht befassen; der einzige Weg für den Menschen, es loszuwerden, ist, seine eigene Sünde loszuwerden. Keine spezielle Sünde mag als Verursachung diesen oder jenen speziellen körperlichen Unbehagens erkennbar sein – welches tatsächlich seinen Ursprung bei irgendeinem Vorfahren haben mag; doch das Böse in uns selbst ist der Grund seiner Fortsetzung, die Quelle seiner Notwendigkeit und die Vorsorge für das Erdulden, welches seinen Stachel bald von ihm nehmen oder zumindest abstumpfen würde. Das Böse ist seinem Wesen nach unnötig und geht mit der Erlangung des Objektes vorüber, zu welchem es gestattet wird – nämlich die Entwicklung des reinen Willens im Menschen; das Leiden ist ebenfalls seinem Wesen nach unnötig, doch während das Böse noch besteht, ist das Leiden, ob daraus folgend oder es begleitend, absolut notwendig. Töricht ist der Mensch, und es gibt viele solche Menschen, welcher sich selbst und seine Mitmenschen vom Unbehagen befreien wollte, indem er die Welt berichtigt, indem er Krieg führt gegen die Bösartigkeiten um ihn herum, während er jenen wesentlichen Teil der Welt vernachlässigt, wo seine Verantwortung liegt, seine erste Verantwortung – nämlich bei seinem eigenen Charakter und seinem eigenen Betragen. Wäre es möglich – eine absurde Annahme –, dass die Welt solcherart von außen berichtigt würde, wäre es doch immer noch unmöglich für diesen Menschen, welcher sich diesem Werk gewidmet hat, bleibend was er wäre, jemals die Vollkommenheit des Ergebnisses zu genießen; er selbst nicht in Harmonie mit der Orgel, die er gestimmt hat, muss er sie immer noch als verstimmtes, misstönendes Instrument betrachten. Der Philanthrop, welcher das Falsche als in der gesamten Menschenart betrachtet, indem er vergisst, dass die Art aus bewussten und fehlerhaften Individuen besteht, vergisst auch, dass das Falsche immer durch ein Individuum erzeugt und vollbracht wird; dass die Falschheit im Individuum existiert und durch es, als Tendenz übertragen wird auf die Art; und dass kein Böses in der Art geheilt werden kann, außer dadurch, dass es in ihren Individuen geheilt wird: Tendenz bedeutet nicht absolut Böses; es ist da, damit ihm widerstanden wird, nicht sich ihm ergeben. Es gibt keinen Weg, drei Menschen rechtschaffen zu machen, außer indem man jeden einzelnen der drei rechtschaffen macht; doch eine Heilung bei einem Menschen, welcher bereut und umkehrt, ist ein Anfang der Heilung der gesamten menschlichen Art.
Selbst wenn eines Menschen Leiden ein fernes Erbe wäre, zu dessen Heilung durch Glauben und Hingabe dieses Leben nicht ausreichend lang wäre, würden doch Glaube und Hingabe es für diesen Menschen erträglich machen und würden überfließen in Hilfe für seine Leidens-Genossen. Der stöhnende Leib, gekleidet in das Gewand der Hoffnung, wird, mit gerecktem Nacken, ausschauen nach seiner Erlösung und aushalten.
Die eine Heilung für jeden Organismus ist, berichtigt zu werden – alle seine Teile in Harmonie miteinander gebracht zu haben; der eine Trost ist, zu wissen, dass diese Heilung im Gange ist. Richtigkeit allein ist Heilung. Die Rückkehr des Organismus zu seinem wahren Selbst ist seine einzig mögliche Erleichterung. Um einen Menschen vom Leiden zu befreien, muss er berichtigt werden, in Heil versetzt; und das Heil an der Wurzel des Seins eines Menschen, seine Richtigkeit, ist, frei zu sein von Falschheit, das heißt von Sünde. Ein Mensch ist richtig, wenn kein Falsch in ihm ist. Das Falsche, das Böse ist in ihm; er muss von ihm befreit werden. Ich meine nicht, freigesetzt von den Sünden, die er getan hat: das wird folgen; ich meine die Sünden, die er tut oder zu denen er fähig ist, sie zu tun; die Sünden in seinem Sein, welche seine Natur verderben – die Falschheit in ihm – das Böse, zu dem er neigt; die Sünde, die er ist, welche ihn die Sünde tun lässt, die er tut.
Einen Menschen von seinen Sünden zu retten bedeutet, ihm zu sagen, in vollkommenem und ewigem Sinne, „Steh auf und wandle. Sei frei in deinem wesentlichen Sein. Sei frei, wie der Sohn Gottes frei ist.“ Dies für uns zu tun, wurde Jesus geboren und bleibt dazu geboren für alle Zeitalter. Wenn das Elend einen Menschen dazu treibt, die Quelle seines Lebens anzurufen, – und ich nehme den ansteigenden Aufschrei gegen die Existenz als ein Zeichen des Wachstums der Art hin zu einem Sinn für das Bedürfnis der Erneuerung – die Antwort, denke ich, wird kommen in einer Belebung seines Gewissens. Dieser Ernst der versprochenen Befreiung mag nicht sein, nach aller Wahrscheinlichkeit wird er nicht sein, was der Mensch verlangt; er wird nur sein Leiden loswerden wollen; doch das kann er nicht haben, außer indem er von seiner zugrundeliegenden Wurzel befreit wird, eine Sache, die unendlich schlimmer ist als jedes Leiden, das sie hervorbringen kann. Wenn er diese Befreiung nicht haben will, muss er sein Leiden behalten. Durch Läuterung wird er zuletzt den einzigen Weg nehmen, der in die Freiheit dessen führt, was ist und sein muss. Es kann keine Befreiung geben, außer aus seinem bösen Traum herauszutreten in die Herrlichkeit Gottes.
Es ist wahr, dass Jesus kam, indem er uns von unseren Sünden befreite, um uns auch von den schmerzvollen Folgen unserer Sünden zu befreien. Doch diese Folgen existieren durch das eine Gesetz des Universums, den wahrhaftigen Willen des Vollkommenen. Ist dieses gebrochen, wird ihm durch die Kreatur nicht gehorcht, erzeugt Unordnung unausweichlich Leiden; es ist die natürliche Folge des Unnatürlichen – und, in der Vollkommenheit von Gottes Schöpfung, ist das Ergebnis heilsam für die Ursache; der Schmerz neigt zuletzt zur Heilung des Bruchs. Der Herr kam niemals, um die Menschen von den Folgen ihrer Sünden zu befreien, während diese Sünden noch verblieben: das würde bedeuten, die Medizin zur Heilung aus dem Fenster zu werfen, während der Mensch noch krank darnieder liegt; völlig gegen die eigentlichen Gesetze des Seins zu wirken. Doch die Menschen, ihre Sünden liebend, und nichts von ihrer grauenhaften Hassenswertigkeit empfindend, fuhren fort anzunehmen, in Übereinstimmung mit ihrem niederen Zustand, dass dieses Wort in Bezug auf den Herrn bedeutet, er kam, um sie von der Bestrafung ihrer Sünden zu retten. Die Idee – oder eher elende Einbildung – hat die Predigt des Evangeliums fürchterlich entstellt. Die Botschaft der Guten Nachricht ist nicht wahrhaftig vermittelt worden. Nicht fähig, an die Vergebung ihres Vaters im Himmel zu glauben, sich ihn vorstellend als nicht frei zu vergeben oder als unfähig geradewegs zu vergeben; nicht wirklich an ihn als Gott, unseren Retter, glaubend, sondern einen Gott, der gebunden ist, entweder in seiner eigenen Natur oder durch ein Gesetz über ihm und ihm aufgezwungen, irgendeine Entschädigung oder Genugtuung für Sünde einzufordern, hat eine Menge an lehrenden Menschen ihre Nächsten gelehrt, dass Jesus kam, um unsere Strafe zu tragen und uns von der Hölle zu retten. Sie haben ein Ergebnis als Absicht seiner Sendung repräsentiert – das besagte Ergebnis ist keineswegs zu begehren durch den wahrhaftigen Menschen, außer als folgend aus dem Gewinn seiner Absicht. Die Sendung Jesu kam aus derselben Quelle und mit derselben Absicht wie die Bestrafung unserer Sünden. Er kam, um mit unserer Bestrafung zusammen zu wirken. Er kam, um auf ihrer Seite zu sein und uns frei zu setzen von unseren Sünden. Kein Mensch ist sicher vor der Hölle, bis er frei ist von seinen Sünden; doch ein Mensch, für welchen seine Sünden, das heißt die bösen Dinge in ihm, eine Last sind, während er tatsächlich manchmal empfinden mag, als wäre er in der Hölle, wird bald vergessen haben, dass er jemals irgendeine andere Hölle hatte, daran zu denken, als die seines sündenvollen Zustandes. Denn für ihn sind seine Sünden die Hölle; er würde in die andere Hölle gehen, um frei von ihnen zu sein; frei von ihnen, würde die Hölle selbst erträglich für ihn sein. Denn die Hölle ist Gottes, nicht des Teufels. Hölle ist auf Seiten Gottes und des Menschen, um das Kind Gottes von der Verderbnis des Todes zu befreien. Nicht eine Menschenseele wird jemals von der Hölle erlöst werden, außer, indem er von seinen Sünden errettet wird, von dem Bösen in ihm. Wenn die Hölle ihm nützlich ist, wird die Hölle lodern und der Wurm wird sich winden und nagen, bis er Zuflucht nimmt im Willen des Vaters. „Errettung vor der Hölle“ ist Errettung, wie sie durch solche begriffen wird, für welche die Hölle und nicht das Böse der Schrecken ist. Doch selbst wenn aus Grauen vor der Hölle eine arme Seele den Vater sucht, wird er von ihm gehört werden in seinem Schrecken und von ihm gelehrt, die unermesslich viel größere Gabe zu suchen, wird er im Größeren das Geringere empfangen.
Es gibt ein anderes wichtiges Missverständnis der Worte des Botschafters der guten Neuigkeiten – dass sie uns mit Bestrafung drohen wegen der Sünden, die wir begangen haben, wohingegen ihre Botschaft die der Vergebung ist, nicht der Vergeltung; der Befreiung, nicht des Bösen, das da kommt. Nicht für irgendetwas, das er begangen hat, drohen sie einem Menschen mit der äußersten Finsternis. Nicht für irgendeine oder alle seine Sünden, die vergangen sind, wird ein Mensch verurteilt; nicht wegen der schlimmsten von ihnen braucht er fürchten, dass ihm nicht vergeben wird. Die Sünde, in der er verharrt, die Sünde, aus der er nicht herauskommen will, ist der einzige Ruin eines Menschen. Seine gegenwärtigen, lebendigen Sünden – jene, die seine Gedanken durchziehen und sein Betragen beherrschen; die Sünden, die er fortsetzt zu tun und nicht aufgeben will; die Sünden, zu denen er aufgerufen wird, sie zu lassen und an denen er festhält; dieselben Sünden, welche der Grund seines Elends sind, obwohl er es nicht wissen mag – diese sind es, für welche er gerade jetzt verurteilt ist. Es ist wahr, dass die Erinnerung der Falschheiten, die wir getan haben, sehr bitter ist oder werden wird; doch nicht für diese gilt die Verurteilung; und wenn das in unserem Charakter, welches sie ermöglichte, beseitigt wäre, würde das Bedauern seine schlimmste Bitterkeit in der Hoffnung auf zukünftige Wiedergutmachung verlieren. „Dies ist die Verurteilung, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, weil ihre Werke böse waren.“
Es ist die innewohnende Schlechtigkeit, bereit schlechte Handlungen hervorzubringen, von der wir erlöst zu werden nötig haben. Wenn gegen diese Schlechtigkeit ein Mensch nicht ankämpfen will, wird er überlassen, das Böse zu tun und die Folgen zu ernten. Von diesen Folgen errettet zu werden, wäre keine Erlösung; es wäre eine unmittelbare, sich stets vertiefende Verdammung. Es ist das Böse in unserem Sein – kein wesentlicher Teil von ihm, Dank sei Gott! – die elende Tatsache, dass eben dieses Kind Gottes sich nicht um seinen Vater schert und ihm nicht gehorchen will, uns dazu veranlassend, falsch zu begehren, falsch zu handeln oder, wo wir versuchen, nicht falsch zu handeln, es für uns doch unmöglich machend, nicht falsch zu empfinden – das ist es, wovon uns zu erlösen, er kam; – nicht von den Dingen, die wir getan haben, sondern von der Möglichkeit, solche Dinge weiter zu tun. Mit dem Verschwinden dieser Möglichkeit und mit der Hoffnung des Bekenntnisses hiernach an jene, denen wir Falsches getan haben, wird auch die Macht der bösen Dinge, die wir getan haben, über uns verschwinden und so sollen wir von ihnen auch errettet werden. Das Schlechte, das in uns lebt, unser böses Urteil, unser ungerechtes Begehren, unser Hass und Stolz und Neid und Gier und Selbstzufriedenheit – diese sind die Seelen unserer Sünden, unsere lebendigen Sünden, weit schrecklicher als die Leiber unserer Sünden, nämlich die Werke, die wir tun, insoweit wie sie nicht nur diese verachtenswerten Dinge hervorbringen, sondern uns verachtenswert machen wie sie. Unsere falschen Werke sind unsere toten Werke; unsere bösen Gedanken sind unsere lebendigen Sünden. Diese, die wesentlichen Gegenspieler des Glaubens und der Liebe, die Sünden, die in uns wohnen und wirken, sind die Sünden, von welchen uns zu befreien Jesus kam. Wenn wir uns gegen sie kehren und uns weigern, ihnen zu gehorchen, erheben sie sich in grimmiger Beharrlichkeit, doch im selben Augenblick beginnen sie zu sterben. Wir sind dann auf der Seite des Herrn, wie er immer auf unserer gewesen ist, und er beginnt, uns von ihnen zu befreien.
Alles in dir, was dich bei deinem eigenen Kind empfinden lassen würde, dass es nicht so angenehm ist, wie du es gerne hättest, ist etwas Falsches. Dies mag für den einen viel bedeuten, für den anderen wenig oder nichts. Dinge bei einem Kind, welche für ein Elternteil nicht wert erscheinen, dass man sie beachtet, würden ein anderes mit Grauen erfüllen. Je nach seinem moralischen Entwicklungsstand, würde, wo ein Elternteil lächelt, das andere entsetzt schauen, beides wahrnehmend, das gegenwärtige Böse und die daraus folgende Schlangen-Brut. Doch wie die Liebe von ihm, welcher die Liebe ist, unsere übersteigt, so wie die Himmel höher sind als die Erde, so muss er bei seinem Kind unendlich viel mehr verlangen als die eifersüchtigste Liebe der besten Mutter bei dem ihren. Er würde es frei haben wollen von aller Unzufriedenheit, aller Furcht, allem Groll, aller Bitterkeit in Wort und Denken, allem Wiegen und Messen des Eigenen mit einem anderen Maß als dem, das es an andere anlegen würde. Er wird kein Verziehen des Mundes dulden; keine Gleichgültigkeit in ihm gegen den Menschen, dessen Dienst er in irgendeiner Form gebraucht; kein Verlangen, einen anderen auszustechen, keine Befriedigung, durch seinen Verlust etwas zu gewinnen. Er wird nicht dulden, dass er den kleinsten Dienst ohne Dank empfängt; würde nicht einen Ton von ihm hören wollen, um das Herz eines anderen zu erschüttern, ein Wort, ihm wehzutun, sei der Schmerz auch noch so flüchtig. Von solchen, wie von allen anderen Sünden, uns zu befreien, wurde Jesus geboren; nicht zuerst oder für sich allein, von der Bestrafung irgendeiner von ihnen. Wenn sie alle verschwunden sind, wird die heilige Bestrafung ebenso verschwunden sein. Er kam, um uns gut zu machen und darin selige Kindlein.
Eine Erz-Sünde liegt an der Wurzel aller anderen. Es ist kein individuelles Handeln oder etwas, das aus Laune oder Leidenschaft heraus geschieht; es ist die Fehlwahrnehmung durch den Menschen, und die daraus folgende Untätigkeit in ihm, der höchsten aller Beziehungen, jener Beziehung, welche die Wurzel und die erste wesentliche Bedingung jeder anderen wahren Beziehung von oder in der menschlichen Seele ist. Es ist die Abwesenheit im Menschen von der Harmonie mit dem Wesen, dessen Denken des Menschen Existenz ist, dessen Wort des Menschen Kraft des Denkens ist. Es ist wahr, dass, auf solche Art sein Sprössling zu sein, Gott, wie Paulus bestätigt, nicht weit von einem jeden von uns sein kann: wären wir nicht in engster Verbindung von Schöpfendem und Geschöpf, könnten wir nicht existieren; wie wir in uns selbst keine Kraft haben zu sein, so haben wir keine für fortgesetztes Sein; doch es gibt noch eine engere Verbindung, so völlig notwendig für unser Wohlergehen und höchste Existenz wie das andere für unser Sein überhaupt, für die bloße Fähigkeit des guten oder schlechten Ergehens. Denn die höchste Schöpfung Gottes im Menschen ist sein Wille und bis das Höchste im Menschen dem Höchsten in Gott begegnet, ist ihre wahrhaftige Beziehung noch keine geistliche Tatsache. Die Blüte liegt in der Wurzel, doch die Wurzel ist nicht die Blüte. Die Beziehung existiert, doch während eine der Parteien weder weiß, liebt noch handelt nach ihr, ist die Beziehung, sozusagen noch ungeboren. Das Höchste im Menschen ist weder sein Intellekt noch seine Vorstellungskraft noch sein Verständnis; alle sind seinem Willen unterlegen, und tatsächlich, in einer großartigen Weise, hängen sie von ihm ab: sein Wille muss dem Willen Gottes begegnen – ein Wille unterschieden von dem Gottes, anders wäre keine Harmonie möglich zwischen ihnen. Nicht umso weniger also, sondern umso mehr gehört alles Gott. Denn Gott erschafft in dem Menschen die Kraft, Seinen Willen zu wollen. Es mag Gott ein Leiden kosten, von dem der Mensch niemals etwas wissen kann, den Menschen an den Punkt zu bringen, an welchem er seinen Willen wollen wird; doch, wenn er an diesen Punkt gebracht wurde und sich für die Wahrheit festlegt, das heißt, auf den Willen Gottes, wird er eins mit Gott und das Ziel Gottes in der Schöpfung des Menschen, das Ziel Jesu, zu welchem er geboren wurde und starb, ist erreicht. Der Mensch ist errettet von seinen Sünden und das Universum erblüht nun wieder in seiner Wiederherstellung. Doch ich möchte nicht, dass man von mir annimmt, von dem her, was ich sagte, mir vorzustellen, dass der Herr ohne Mitgefühl für die Sorgen und Nöte ist, welche offenbaren, was Sünde ist, und durch welche er den Menschen die Sünde satthaben lassen will. Mit allem Menschlichen fühlt er mit. Das Böse ist nicht menschlich; es ist der Fehler und der Widerpart des Menschen; doch das Leiden, das ihm folgt, ist menschlich, gehört notwendig zum Menschen, der gesündigt hat: während es von der Sünde verursacht ist, ist das Leiden für den Sünder, dass er von seiner Sünde befreit werden mag. Jesus ist in sich selbst eines jeden menschlichen Schmerzes gewahr. In ihm ist es ebenso Schmerz. Mit der Kraft der sanftesten Liebe will er, dass seine Brüder und Schwestern frei sind, dass er sie erfüllen mag bis zum Überfließen mit diesem wesentlichen Ding, Freude. Dafür wurden sie tatsächlich erschaffen. Doch in dem Augenblick, wo sie existieren, wird Wahrheit die erste Sache, nicht Glücklichsein; und er muss sie wahrhaftig machen. Wäre es möglich, wie auch immer, für den Schmerz, fortzudauern, nachdem das Böse gegangen ist, würde er niemals ruhen, während noch ein Weh in der Welt wäre. Vollkommen im Mitgefühl, spürt er in sich selbst, sage ich, die gequälte Gegenwart eines jeden Nervs, dem seine Linderung fehlt. Der Mensch mag das Böse in sich nur als Schmerz wahrnehmen; er mag wenig über seine Sünden wissen und sich nicht darum kümmern; und doch tut dem Herrn sein Schmerz leid. Er ruft laut: „Kommt zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Ruhe geben.“ Er sagt nicht: „Kommt zu mir, alle, die ihr die Last eurer Sünden spürt.“ Er öffnet seine Arme für alle, die erschöpft genug sind, zu ihm zu kommen in der ärmlichsten Hoffnung auf Ruhe. Recht gern würde er sie von ihrem Elend befreien – doch er weiß nur einen Weg: er wird sie lehren zu sein wie er selbst, sanftmütig und demütig, mit Freuden das Joch des Willens seines Vaters tragend. Dies ist der eine, der einzig richtige, der einzig mögliche Weg, sie von ihren Sünden zu befreien, der Grund für ihre Unruhe. Bei ihnen kommt die Erschöpfung zuerst; bei ihm die Sünden: es gibt nur eine Heilung für beides – der Wille des Vaters. Das, was seine Freude ist, wird ihre Befreiung sein! Er mag tatsächlich, es kann sein, das Menschliche von ihnen nehmen, sie hinab senden zu einem niedrigeren Stand des Daseins, und sie so vom Leiden befreien – doch das muss entweder ein Abstieg hin zur Auslöschung sein oder ein neuer Anfang, um wieder hin zu wachsen zur Ebene des Leidens, die sie verlassen haben; denn das, was nicht wächst, muss auf lange Sicht aus der Schöpfung scheiden. Die Ungehorsamen und Selbstsüchtigen würden gern in der Hölle ihrer Herzen die Freiheit und Freude besitzen, die zu Reinheit und Liebe gehören, doch sie können sie nicht haben; sie sind erschöpft und beladen, sowohl mit dem, was sie sind, als auch wegen dessen, wozu sie geschaffen wurden und was sie nicht sind. Der Herr weiß, was sie brauchen; sie wissen nur, was sie wollen. Sie wollen Erleichterung; er weiß, sie brauchen Reinheit. Ihre eigentliche Existenz ist ein Böses, von welchem, außer wegen seines Beschlusses, sie zu reinigen, ihr Schöpfer sein Universum von ihnen befreien müsste. Wie kann er eine verdorbene Gegenwart vor seinen Augen behalten? Sollte der Schöpfer sein Wirken aussenden, um ein Ding am Leben zu erhalten, das böse sein will – ein Ding, das nicht sein sollte, das keinen Anspruch hat, außer zu vergehen? Der Herr selbst würde nicht leben außer mit einer vollkommen guten Existenz.
Es mag sein, dass mein Leser danach verlangen wird, dass ich sage, wie der Herr ihn von seinen Sünden befreien wird. Das ist wie die Äußerung des Schriftgelehrten: „Wer ist mein Nächster?“ Der Geist, in solcher Art das Angebot des Herrn zur Befreiung zu empfangen, ist die Wurzel allen Grauens einer verdorbenen Theologie, recht annehmbar für jene, welche schwache und ärmliche Buchstabierbücher der Religion lieben. Solche Fragen entspringen aus der Leidenschaft nach der Frucht des Baumes der Erkenntnis, nicht der Frucht des Baumes des Lebens. Menschen wollen verstehen: sie scheren sich nicht darum, zu gehorchen, – verstehen, wo es unmöglich ist, dass sie verstehen könnten, außer indem sie gehorchen. Sie wollen die Werke des Herrn erforschen, anstatt ihren Teil dazu beizutragen – es auf diese Weise unmöglich machend sowohl für den Herrn, sein Werk fortzusetzen, als auch für sie selbst, fähig zu werden, zu sehen und zu verstehen, was er tut. Anstatt dem Herrn des Lebens sofort zu gehorchen, die eine Bedingung, unter welcher er ihnen helfen kann, und in sich selbst der Anfang ihrer Befreiung, machen sie sich daran, ihren unerleuchteten Intellekt nach seinen Plänen für ihre Befreiung zu befragen – und nicht bloß, wie er meint, sie zu bewirken, sondern wie er in der Lage ist, sie zu bewirken. Sie wollen ihren Samson binden, bis sie seine Glieder und Muskeln untersucht haben. Unfähig, die ersten Regungen der Freiheit in sich selbst zu verstehen, fahren sie fort, die Reichtümer seiner göttlichen Seele in Begriffen ihrer eigenen ärmlichen Vorstellungen auszulegen, seine herrlichen Verse in ihre eigene dürftige, geschäftsmäßige Prosa umzuschreiben; und dann, in ihrer wachsenden Annahme von eingebildetem Erfolg, bestehen sie darauf, dass ihr Nächster ihre entstellten Schatten des „Planes der Erlösung“ annimmt als die Wahrheit von ihm, in welchem keine Finsternis ist, und als die eine Bedingung ihrer Annahme durch ihn. Sie zögern hinaus, ihren Fuß auf die Treppe zu setzen, welche allein sie zum Haus der Weisheit leiten kann, bis sie ihr Material und die Art ihrer Konstruktion bestimmt haben werden. Um des Wissens willen schieben sie das hinaus, was allein sie in die Lage versetzen kann, zu wissen, und tauschen für das wahrhaftige Verständnis, welches jenseits von ihnen liegt, eine falsche Überzeugung ein, die sie bereits verstehen. Sie wollen nicht ihr höchstes Privileg akzeptieren, das heißt danach handeln, dem Sohn Gottes zu gehorchen. Es gilt jenen, die seinen Willen tun, dass der Tag dämmert; für sie steigt der Morgenstern herauf in ihren Herzen. Gehorsam ist die Seele der Erkenntnis.
Mit Gehorsam meine ich keine Art von Gehorsam gegen den Menschen oder Unterwerfung unter eine Autorität, die durch den Menschen oder eine Gemeinschaft von Menschen beansprucht wird. Ich meine Gehorsam dem Willen des Vaters, wie auch immer er in unserem Gewissen offenbart ist.
Gott verhüte, dass es so erscheint, als verschmähte ich Verständnis. Das Neue Testament ist voll vom Drängen auf Verstehen. Unser ganzes Leben, um überhaupt Leben zu sein, muss ein Wachstum des Verständnisses sein. Wogegen ich aufschreie, ist das Missverstehen, das von dem Bestreben eines Menschen zu verstehen kommt, während er nicht gehorcht. Auf Gehorsam muss unsere Kraft verwendet werden; Verständnis wird folgen. Nicht bestrebt zu sein, unsere Verpflichtung zu kennen oder sie zu kennen und nicht zu tun, wie sollen wir da verstehen, was nur ein wahrhaftiges Herz und eine reine Seele jemals verstehen kann? Die Kraft in uns, die verstehen würde, wäre sie frei, liegt in den Banden der Unvollkommenheit und Unreinheit und ist daher unfähig, das Göttliche zu beurteilen. Sie kann die Wahrheit nicht sehen. Wenn sie sie sehen könnte, würde sie sie nicht erkennen und nicht besitzen. Bis ein Mensch anfängt zu gehorchen, ist das Licht in ihm Finsternis.
Jede aufrichtige Seele mag so viel verstehen, dass der Herr dennoch – denn es ist eine Sache, die wir von uns selbst aus als richtig beurteilen mögen – einen Menschen nicht von seinen Sünden retten kann, während er an seinen Sünden festhält. Eine Allmacht, die dasselbe Ding im selben Augenblick tun und nicht tun könnte, wäre eine Idee, die zu absurd ist, um ihr auch nur zu spotten; eine Allmacht, die einen Menschen sofort zu einem freien Menschen machen könnte und ihn einen selbst-entwürdigten Sklaven sein ließe – ihn zum Ebenbilde Gottes machend und nur gut, weil er nicht anders könnte, als gut zu sein, wäre eine Idee desselben Charakters – genauso absurd, genauso in sich widersprüchlich.
Doch der Herr ist nicht unvernünftig; er verlangt keine edlen Absichten, wo solche noch nicht existieren. Er sagt nicht: „Dir müssen deine Sünden leidtun oder du brauchst nicht zu mir zu kommen.“ Damit ihm seine Sünden leidtun, dazu muss ein Mensch Gott und Mensch lieben, und Liebe ist eben das Ding, das in ihm erst entfaltet werden muss. Es ist nur gesunde Vernunft, dass, wenn ein Mensch sich danach sehnt, vom Leiden befreit zu werden oder in die Lage versetzt zu werden, es zu tragen, sich selbst zu der Kraft begeben muss, durch welche er ist. Genauso ist es gesunde Vernunft, dass wenn ein Mensch vom Bösen in sich befreit werden will, er selbst anfangen muss, es auszustoßen, er selbst anfangen muss, ihm nicht zu gehorchen, und Gerechtigkeit üben muss. Genauso wie dies beides ist es gesunde Vernunft, dass ein Mensch nach der Hilfe seines Vaters ausschauen sollte und sie in seinem Bestreben erwarten. Allein mag er sich mühen in Ewigkeit und keinen Erfolg haben. Er, welcher sich nicht selbst gemacht hat, kann sich selbst nicht berichtigen ohne ihn, welcher ihn gemacht hat. Doch sein Schöpfer ist in ihm und ist seine Stärke. Der Mensch jedoch, welcher, anstatt zu tun, was ihm gesagt ist, spekulierend brütet über der Metaphysik von ihm, welcher ihn zu seinem Werk aufruft, steht da mit dem Rücken an die Tür gelehnt, durch welche der Herr eintreten wollte, ihm zu helfen. In dem Augenblick, wenn er sich daran macht, die Sache in Ordnung zu bringen, die verkehrt ist – ich meine, recht zu tun, wo er falsch gehandelt hat, zieht er sich vom Eingang zurück, macht dem Meister Platz einzutreten. Er kann sich selbst nicht rein machen, doch er kann das lassen, was unrein ist; er kann das „beschmutzte und verfärbte Netz“ seines Lebens vor der bleichenden Sonne der Gerechtigkeit ausbreiten; er kann sich selbst nicht retten, doch er kann den Herrn ihn retten lassen. Der Kampf seiner Schwachheit ist genauso wesentlich für den kommenden Sieg wie die Stärke von Ihm, welcher bis zum Tod widerstand, streitend gegen die Sünde.
Die Summe der ganzen Angelegenheit ist: – Der Sohn ist vom Vater gekommen, um die Kinder von ihren Sünden freizusetzen; die Kinder müssen hören und ihm gehorchen, dass er das Gericht zum Sieg aussenden kann.
Sohn unseres Vaters, hilf uns zu tun, was du sagst, und also mit dir der Sünde sterben, dass wir aufstehen zur Sohnschaft, zu welcher wir erschaffen wurden. Hilf uns umzukehren, bis hin zum Ausstoßen unserer Sünden.
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