Der ewige Text für die Postmoderne

Der ewige Text für die Postmoderne

   Kurzbesprechung zur Basis Bibel

   Neue Übersetzung des gesamten Alten und Neuen Testamentes (ohne Apokryphen), Deutsche Bibelgesellschaft, Veröffentlichung der Gesamtausgabe Basis Bibel am 21. 01. 2021

Ist es nötig, eine weitere Übersetzung der Bibel ins Deutsche vorzunehmen? Das fragt sich vielleicht mancher, der weiß, dass es bereits die mannigfaltigsten Versionen der Heiligen Schrift gibt. Von der Übertragung in Jugend-Slang (Volxbibel) über die heimeligen Aktualisierungen im Luther-Stil – die letzte Revision der Lutherbibel erfolgte tatsächlich gerade erst zum Lutherjahr 2017 – bis hin zu den knorrigen Bemühungen, besonders urtextnah zu arbeiten (Elberfelder u. ä.), gibt es für jeden Geschmack und Anspruch etwas auf dem Bibelmarkt.

   Und doch ist es schon ein Weilchen her, dass der Versuch unternommen wurde, sich ganz neu an die Texte zu setzen. Die Basis Bibel ist keine Revision, keine Übertragung, keine Aufpolierung. Sie ist tatsächlich eine neue Übersetzung von Grund auf, an der seit 17 Jahren fleißig gearbeitet wurde. Allein dafür hat dieses Mammut-Projekt volle Aufmerksamkeit verdient.

   Dazu kommt noch eine weitere Besonderheit. Man konnte während des gesamten Prozesses dem Übersetzerteam bei der Arbeit nahezu über die Schulter gucken. Die Basis Bibel ist ein digitales Projekt. Die Texte sind im Netz auf der Seite der Bibelgesellschaft frei verfügbar, es gibt sie als App, auf den Social-Media-Plattformen wurden alle Schritte bis hin zur Auswahl des Designs und der Drucklegung dokumentiert. Klarheit und Transparenz zeichnen die Arbeit und das Endprodukt dieser Arbeit aus. Ich selbst gehöre von Anfang an zu einer Fan-Gemeinde, die mit Spannung die endgültige Veröffentlichung der Vollübersetzung herbeigesehnt hat. Diese Fan-Gemeinde umfasst vor allem jüngere bis mittelalte Menschen, die mit den digitalen Medien einigermaßen vertraut sind. Es sind fromme Laien, an der Bibel als urtümlichem Textungetüm generell Interessierte und junge Pastoren und Pastorinnen oder andere junge Menschen aus geistlichen- und Gemeindediensten. Eine bunte, digitale Mischung.

   Heute ist es endlich soweit. Der 21. 01. 2021 ist der offizielle Termin der Veröffentlichung und der Erstverkaufstag. Dadurch, dass ich im Buchhandel arbeite, gehöre ich zu den privilegierten Menschen, die schon ein paar Tage vorher ein erstes ausgeliefertes Exemplar in der Hand halten durften. Die Vollbibel gibt es als – bereit ausverkaufte! – Schmuckausgabe und in zwei Versionen für den allgemeinen Gebrauch. Die sogenannte „Komfortable“ ist großformatig und nach Beschreibung der Herausgeber gesetzt „wie ein Gedicht“ – das bedeutet, es gibt nach jedem Satz oder Halbsatz einen Zeilenumbruch. Dies macht diese schwere Bibel – in den Farben Rot oder Violett – eher zu einer Ausgabe für die Kanzel oder für das heimische Studium. Die andere Version, die sogenannte „Kompakte“ – in den Farben Hellblau, Pink oder Grün -, ist gesetzt „wie ein Roman“ – also als fortlaufender Text auf dem üblichen Dünndruckpapier für Gesamtausgaben der Bibel. Diese Ausgabe ist praktisch und transportabel.

   Es sind klare, moderne Farben, hipp und auffällig. Das schlichte, weiße Kreuz, das sich über beide Buchdeckel und den Buchrücken zieht, wirkt trotz seiner Präsenz, unaufdringlich und geradezu einladend. Von Anfang an fand ich persönlich das Grunddesign der Basis Bibel eines der Gelungensten, die ich je gesehen habe.

   Wichtiger als diese ins Auge fallenden Äußerlichkeiten, ist ja der Text selbst. Was genau macht diese Bibel also zu einem „Must-have“? Sie ist eine Bibel für alle, das kann man schon so sagen. Die Übersetzung will urtextnah und trotzdem modern und verständlich sein. Wie schafft sie das? So weit ich das als Laie, aber langjährige Bibelleserin, beurteilen kann, gelingt ihr tatsächlich eine großartige Genauigkeit, die sich mit allen anderen Übersetzungen, die den Anspruch haben, direkt und genau aus dem Urtext heraus zu übersetzen, mehr als messen kann. Die Basis Bibel erreicht dabei eine sprachliche Klarheit, die anderen Bibeln fehlt, weil sie einen sehr einfachen und doch genialen Trick anwendet. Sie kennt keine verschachtelten Satzungetüme!

   Dazu muss man wissen, dass die Ursprachen der Bibel keine Satzzeichen kennen und es schon immer teilweise in der Entscheidungsgewalt der Übersetzer lag, wo genau sie nun Kommata oder Punkte setzen. Teilweise kann das die Bedeutung eines Verses verschieben oder verändern, je nach dem, wie (oft auch traditionell begründet) entschieden wird. Die Basis Bibel wählt den vergleichsweise radikalen Weg, die Sätze so kurz wie möglich zu halten, ohne dass sie den Sinn des fortlaufenden Textes entstellen. Es gibt viele Hauptsätze, wo es möglich ist. Diese kurzen Sätze oder Satzteile stehen in der „Komfortablen“ untereinander, so dass der Leser durch seine Augen ganz langsam von Sinneinheit zu Sinneinheit geleitet wird. Die „Kompakte“ hat denselben Text, aber er ist fortlaufend gesetzt. Trotzdem wird das Lesen langsamer, weil es häufiger durch Punkte unterbrochen wird. Der Kopf macht automatische Pausen beim Lesen.

   Das ist für mich der vielleicht größte Gewinn bei der Lektüre der Basis Bibel: das Lesen bekommt eine überraschend „unmoderne“ kontemplative Komponente, gerade indem der Text versucht, so modern, deutlich, kurz und klar wie möglich zu sein. Die tatsächliche Schönheit dieser neuen Übersetzung liegt in ihrer Schlichtheit gegenüber anderen Übersetzungen. Dadurch wird sie für verschiedene Lesergruppen interessant. Sie ist absolut geeignet für all jene, die schon immer die biblischen Texte kennenlernen wollten, sich jedoch davor gescheut haben, weil sie die Kompliziertheit der Formulierungen in den meisten gängigen Übersetzungen abgeschreckt haben. Sie ist aber auch überaus geeignet für erfahrene Leser und Nutzer der Heiligen Schrift. Das Lesen darin bricht gewohnte Muster auf. Wer das gediegene Lutherdeutsch recht wohlig im Ohr hat, wird sich sehr umgewöhnen müssen, aber es lohnt sich, darauf einzugehen und die alten Texte neu kennen zu lernen.

   Die Basis Bibel kommt außerdem mit ein paar sehr praktischen „Gimmicks“ daher. Sie hat ein Lesebändchen und ein Griffregister mit ausklappbaren Verzeichnissen der einzelnen Bibelbücher in den Buchdeckeln. Es gibt kurze Lesepläne zum Kennenlernen der Bibel, Kartenmaterial und eine sehr kurze Beschreibung der einzelnen Bücher der Bibel mit einem wunderbaren 4-Punkte-Bewertungs-System, das den Schwierigkeitsgrad des Textes angibt. Meiner Einschätzung nach trifft diese Bewertung in den einzelnen Fällen tatsächlich zu und kann eine wertvolle Orientierungshilfe für unbedarftere Lesser der alten Texte sein. An den Rändern der Texte sind zentrale Begriffe wie z. Bsp. „Segen“ oder „Fluch“ oder „Engel“ sehr knapp und klar erklärt – denn nicht jedem neuen Leser der Texte steht der ganze Schatz an kirchlicher Tradition und Wissen zur Verfügung, um diese Begriffe sofort einordnen zu können.

   Kurzum ist die Basis Bibel die perfekte Bibel sowohl für Neueinsteiger als auch „alte Hasen“. Ich hoffe, dass sie in Zukunft auch in verschiedensten Gemeinden weite Verbreitung erfährt. Das würde vielen Gläubigen und auch neu Interessierten eine große Hilfe sein. Sie ist eine Chance zur Erfrischung und Vertiefung des eigenen Glaubens und eine Chance für alle, die jene Texte, die unsere Kultur so tief geprägt haben, endlich kennenlernen und verstehen möchten. Ich würde sogar soweit gehen, darauf zu hoffen, dass diese Bibel ein Mittel und eine Brücke für Offenheit und Verständnis wird – ob man nun tief gläubig ist oder nur am Text an sich als Quelle von Kunst und Kultur interessiert. Die Basis Bibel ist tatsächlich die Übersetzung für das 21. Jahrhundert – das ist kein hohles Versprechen, sondern eine begründete Hoffnung.