Lesen mit dem kalten und dem warmen Auge
Der Liebesschlaf
„Da versetzte Gott der Herr den Menschen in einen tiefen Schlaf. Er nahm eine von seinen Rippen und verschloss die Stelle mit Fleisch. Aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, bildete Gott der Herr eine Frau. Die brachte er zum Menschen.“ (1. Mose 2, 21 – 22)

Du kannst die alten Schriften mit zwei Augen lesen. Es gibt ein kaltes und ein warmes Auge. Das kalte Auge fragt stets danach: Welche Gesetzmäßigkeiten kann ich aus dem gerade gelesenen Vers ableiten und wie ordne ich damit die Welt? Das warme Auge fragt dagegen: Was sagt dieser Vers über mich und was kann ich als Mensch in der Welt tun und sein?
Wenn wir die zweite Schöpfungsgeschichte, die uns im ersten Buch Mose überliefert ist, wie eine Bauanleitung lesen, ziehen wir die entsprechenden Schlussfolgerungen über die Funktionalitäten des Mannes und der Frau. Wir ordnen chronologisch und gesetzmäßig, wie man es uns beigebracht hat. Was leistet ein Mann? Was leistet eine Frau? Was definiert sie? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Wer ist oben? Wer ist unten?
Der Mann war zuerst da, darum muss er höhere Bedeutung und Funktionalität haben. Die Frau wurde aus seiner Rippe geschnitzt. Sie ist die Ableitung aus einem Teil des Ganzen und darum von minderer Qualität und Funktionalität. Sie hat nicht das ganze Programm geladen, nur Teile davon. Sie ist kein richtiger Mensch, nur die Ableitung eines Menschen.
Das klingt hart, nicht wahr? Aber genau so liest das kalte Auge seit Jahrhunderten den Text. Damit werden bis heute – mehr oder weniger bewusst – die sozialen und rechtlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen begründet und festgelegt. Dieses Muster zu durchbrechen und eine tatsächliche Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern herzustellen ist unendlich schwer, aber es ist möglich.
Wie? Indem wir lernen, den Text wieder mit dem warmen Auge zu lesen. Wir schließen die Augen und gehen tief hinein in die Situation. Es spielt keine Rolle mehr, was vorher war und nachher sein wird. Es zählt nur das, was ist. Der Mensch wurde geschaffen. Allein. Einsam. Das ist Schmerz der Sehnsucht. Er ist weder Mann noch Frau, sondern ein schmerzhaft einzelnes Wesen. Gott senkt einen Schlaf über den Menschen. Im Schlaf schneidet Gott den Menschen entzwei. Als der Mensch aufwacht, ist er zwei und nicht mehr einer und deshalb nicht mehr einsam, sondern vollständig. Er ist vollständig einer, gerade weil er zwei ist. Das hier ist keine Versuchsreihe aus dem Labor. Es ist kein Experiment. Es ist eine Liebesgeschichte.
Erst jetzt sind sie Mann und Frau – oder Mann und Männin, wie Luther das hebräische Isch und Ischa poetisch überträgt. Sie sind beide Isch – aber die Frau ist hier sogar ein Laut mehr und nicht weniger – sie ist Ischa. Sie kann als Eva sogar Leben hervorbringen. Aber sie ist eben auch ganz Isch – und selbst ganz Adam, ganz Mensch und nicht nur halb oder eine Ableitung.
Mit dem tiefen Schlaf, der vor der gemeinsamen Liebe kommt, ist dem Adam nicht nur eine Rippe entnommen wurden. Pfui – wie haben wir mit unserem kalten Auge diese Liebesgeschichte nur zu einem chirurgischen Eingriff unter Neonlicht machen können? Es ist, als hätte man ihn mitten entzweigeschnitten, damit er für immer seine andere Hälfte sucht, um dann wieder einer zu sein.
Das ist die Geschichte. Sie spricht von deiner und meiner Einsamkeit. Von Zweisamkeit. Von gegenseitiger Ergänzung. Davon, dass Gott, der einsame Gott, eine ganze Welt erschuf und den einsamen Menschen darin versteht und ihm im Schlaf die Zweisamkeit und damit die Vollständigkeit schenkt.
Wenn wir die Geschichte mit dem warmen Auge lesen, dann fällt es uns nicht mehr schwer zu verstehen, dass der Mensch immer Mensch ist und ihm wahrhaftige, anerkennende Gerechtigkeit zusteht und Liebe. Egal, ob Mann oder Frau. Wir sind alle nur vollständig, weil wir andere haben: Männer, Frauen, Kinder, Schwester, Brüder, Mütter, Väter, Freunde… Wir brauchen einander. Das hier ist unsere Liebesgeschichte, die wir wahr werden lassen können. Aus dem Schlaf erwachen und entdecken, dass die Liebe zum anderen die eigene Erfüllung bedeutet.
Lies die Welt und die Menschen noch einmal neu. Mit dem warmen Auge.
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