Lesen mit zwei Augen – Das Liebeszeichen

Lesen mit dem kalten und dem warmen Auge

Das Liebeszeichen

„Der Herr machte ein Zeichen an Kain. Niemand, der ihm begegnete, durfte ihn töten.“

Und wieder haben wir hier eine archaische Geschichte, die so tief unter unsere kulturelle Haut gedrungen ist, dass wir sie kaum noch von den gewohnten, kalten Mustern ablösen können. Kain hat seinen eigenen Bruder Abel getötet. Nicht im Streit, sondern mit Vorsatz und aus Eifersucht. Dies ist der erste Mord in der Geschichte der Menschheit. Und Mord muss bestraft und gerächt werden. So sind wir es gewohnt, nur das kann uns – und auch Gott – Genugtuung verschaffen. Der Übeltäter muss und wird bestraft werden, so liest es unser kaltes Auge. Und das Mal an seiner Stirn kennzeichnet ihn als verstoßenen Mörder, der aus der Nähe anderer Menschen und aus der Nähe Gottes verbannt ist. Recht so. Er hat es verdient.

Allein, wenn wir die Geschichte so deuten, dann vermittelt sie uns nur eine gesetzmäßige Abfolge von Straftat und Bestrafung der Straftat. Das kann auch das Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland für uns tun. Mord. Töten aus niederen Beweggründen. Das gibt lebenslänglich Gefängnis. Aus der Lebensmitte des Mörders schneidet man ein großes Stück an Lebensjahren heraus, indem man ihn verbannt. Weg von den anderen Menschen. Zwar nicht die Todesstrafe als die Mordtat spiegelnde Vergeltung, aber doch ein sozialer Tod. Verurteilung, Genugtuung. Gerechtigkeit. Wirklich? Ist es das, was uns diese alte Geschichte sagen möchte?

Lesen wir sie doch einmal neu mit unserem warmen Auge. Aus dem Blickwinkel, dass Gott den Menschen, den er geschaffen hat, liebt. Und dass Gott will, dass wir einander lieben und nicht töten. Gehen wir tief hinein in das, was geschieht, als Gottes Finger die Stirn des Kain berührt. Allein dies sollte uns aufhorchen lassen. Gott selbst berührt den Unberührbaren, der ja eigentlich aus seiner Nähe verbannt werden sollte, oder nicht?

Kain und Abel opfern Gott. Ein Ritual der Anbetung, von dem ein Mensch sich erwartet, dass es durch irdisches Wohlergehen, durch ganz konkret anfassbaren Segen beantwortet wird. Abel, der Viehhirte, wird gnädig von Gott angesehen. Kain, der Ackerbauer ist und einen Teil seines Ertrages opfert, wird nicht gnädig angesehen. Was genau das bedeutet, erfahren wir nicht. Vermutlich erhält Abel etwas, das Kain nicht erhält. Ob das tatsächlich mit der Beurteilung durch Gott zu tun hat, wer das bessere Opfer darbringt, ist mehr als fraglich. Priesterlich betrachtet, also aus dem Blickwinkel späterer mosaischer Gesetzgebung, steht das Tieropfer sicher religiös höher im Kurs als ein paar Ähren vom Felde. Aber so weit sind wir noch gar nicht.

Und Gott beurteilt nicht das Opfer, sondern die Beurteilung der Gegebenheiten durch das menschliche Herz. Kain hat etwas nicht bekommen, was er wollte. Abel hingegen schon. Und Kain neidet es seinem Bruder. Die Stimme Gottes – sein Gewissen? – meldet sich, er solle Acht haben. Das Böse lauert schon vor der Tür. Kain ist verantwortlich dafür, wie er mit seinem Zorn, seinen verletzten Gefühlen umgeht.

Wir alle können nichts dafür, dass wir uns manchmal zurückgedrängt und benachteiligt fühlen. Das liegt in unserer kindlichen Natur. Wir wollen haben, was andere haben. Wir wollen glücklich sein. Wir wollen, dass es uns gut geht. Wir sind traurig und zornig, wenn andere etwas bekommen, was uns scheinbar genauso oder noch vielmehr zusteht. Das Gefühl allein ist noch keine schlimme Sache. Unser Umgang damit zeitigt die entsprechenden Konsequenzen.

Kain entscheidet sich dafür, dem Zorn nachzugeben und er lockt seinen Bruder hinterhältig auf das Feld. Dort erschlägt er den, der es angeblich besser hat als er selbst. Der, dessen Anblick seinen Zorn erregt, wird beseitigt. Das Problem ist aus der Welt, weil der Mensch jetzt aus der Welt ist. Wirklich?

Gott fragt Kain, wo sein Bruder Abel ist. Kain versteckt seine Schuld. „Bin ich dazu da, auf meinen Bruder achtzugeben?“, fragt er patzig. Gott spricht es nicht aus, aber wir kennen die Antwort: Ja, du und ich, wir alle sind dazu da, aufeinander Acht zu geben! Kain hat das ultimative Gegenteil davon getan. Gott weiß das bereits und er scheint zu wollen, dass Kain es auch begreift, statt zu leugnen. „Was hast du getan? … Verflucht sollst du sein, verbannt vom Ackerboden… Du wirst ein heimatloser Flüchtling sein und von Ort zu Ort ziehen.“ Das ist keine Strafe und Vergeltung, die Gott hier über Kain verhängt. Dann hätte er ihn auslöschen, ihn töten müssen. Blitz vom Himmel und weg ist Kain. Getötet, weil er tötete. Das erwarten wir eigentlich, aber es passiert nicht.

Gott verdeutlicht Kain ganz schlicht die Konsequenz aus der aufgedeckten Tat. Glauben wir tatsächlich, dass eine böse Tat keine Konsequenzen hat für den, der sie tut? Dass erst Gott strafen muss? Natürlich muss Kain fliehen, wenn seine Tat aufgedeckt ist! Er ist unmöglich geworden für andere Menschen. „… Als heimatloser Flüchtling muss ich von Ort zu Ort ziehen. Jeder, dem ich begegne, kann mich erschlagen.“ Kain weiß, dass andere ihn töten wollen, weil er Abel getötet hat. Wenn er überleben will, muss er umherziehen. Dann wird er auch keinen Acker mehr bestellen können. Dann ist er wahrhaft verflucht. Ein Fluch zum Anfassen, den er sich selbst auferlegt hat, nicht Gott.

Nun kommt der ultimative Plot Twist. „Das soll nicht geschehen.“, sagt Gott. „Wer Kain tötet, an dem soll es siebenfach gerächt werden.“ Der Herr kennzeichnet Kain – es ist wie ein Schild, auf dem steht: „Dieser Mann darf nicht getötet werden! Das hat sonst schlimme Konsequenzen!“ Was genau sagt uns das jetzt? Wer Kain tötet, an dem soll es siebenfach vergolten werden. Das bedeutet, sieben andere Menschen aus der Sippe des Mörders von Kain werden getötet werden. Wenn für diese sieben Menschen wieder Rache genommen würde, kämen wir schon auf sieben mal sieben. 49 Tote. Das potenziert sich rasend schnell. Das ist Krieg und Morden in unaufhaltsamer Folge. Gottes Ausspruch ist eine Prophetie und eine Mahnung. Das Zeichen an Kain ist der Versuch der Gnade, dieses Morden von Vorneherein zu unterbinden.

Einer von Kains Nachkommen, mit Namen Lamech, spricht aus: „Ich erschlage den Mann, der mich verwundet. Ich erschlage das Kind, das mich schlägt. Wird Kain siebenmal gerächt, soll Lamech siebundsiebzigmal gerächt werden.“

Kain hat die ihm erwiesene Gnade nicht verstanden. Der Mensch hat nicht verstanden, dass das Töten nicht aufhören wird, wenn man eben nicht damit aufhört. Rache erzeugt wieder Rache. Gewalt bringt Gewalttat hervor. Unaufhaltsam wälzt sich diese blutige Welle durch die Menschheitsgeschichte. Und dabei hat Gott doch an uns allen das Zeichen gemacht, jeden von uns berührt und auf der Stirn eines jeden Menschen steht: „Nicht töten! Es hat fatale Konsequenzen!“

Jesus hat das auch verstanden, als er auf die Frage seiner Jünger, wie oft sie denn vergeben sollen, antwortete, dass sie es nicht sieben Mal, sondern siebenundsiebzig Mal tun sollten. Siebenundsiebzig Mal vergeben, statt wie Lamech siebenundsiebzig Mal töten. Hören wir genau hin? Verstehen wir, dass es in unserer Hand liegt, die zornigen Gefühle nicht ausbrechen zu lassen? Verstehen wir, dass Vergebung ein Lebensretter ist, ein Seelenretter? Verstehen wir, dass Gott keine Genugtuung empfindet, wenn eines seiner Geschöpfe zu Tode kommt? Verstehen wir, dass es tatsächlich das wichtigste Gebot ist, dass wir haben? Gib auf deinen Bruder Acht. Liebe deinen Nächsten.

Ein Wort zum Schluss: Gott verbannt Kain vom Ackerboden. Kain legt diese Verbannung noch einmal schärfer aus: „Du… verbannst mich aus deiner Gegenwart.“ Das hat Gott nicht gesagt. Der Mensch hört nicht hin. Am Ende heißt es, Kain zog fort, weg vom Herrn… Es ist nicht die göttliche Macht, die uns entfernt. Wir sind es, die uns entfernen. Von göttlicher Gnade und von anderen Menschen. Fort von allem, was gut ist, wird der Mensch nicht besser. Er bringt Lamechs hervor, die weiter zürnen und töten und wüten.