Die Hoffnung des Evangeliums – von George MacDonald – Kapitel 4

Die Hoffnung des Evangeliums – George MacDonald

Jesus and his fellow Townsmen – Jesus und die Leute seiner Heimatstadt

   „Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf, um zu lesen. Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ Und als er das Buch zutat, gab er´s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ Lukas 4, 16 – 21

  

   Die Bergpredigt des Herrn scheint eine solche Ausweitung dieser Worte des Propheten zu sein, dass sie, wegen der Ablehnung der Männer von Nazareth, ihm zuzuhören, dieser Lesung der Worte, von der hier berichtet wird, gefolgt sein könnte. Dass sie, wie durch den Evangelisten wiedergegeben, keinem der sich unterscheidenden Originale der englischen und griechischen Versionen entsprechen, sollte für sich selbst genug sein, mit der geistlich vulgären Annahme der Verbalinspiration der Schriften fertig zu sein.

   Der Punkt, an welchem der Herr in der Lesung aufhört, ist vielsagend: er schließt das Buch und lässt die Worte: „und der Tag der Vergeltung unseres Gottes“ oder, wie in der Septuaginta, „der Tag der Heimzahlung“, ungelesen: Gottes Vergeltung ist so eine heilige Sache wie seine Liebe, ja, ist Liebe, denn Gott ist Liebe und Gott ist nicht Vergeltung; doch offensichtlich wollte der Herr dem Wort in der Ankündigung seiner Sendung keinen Platz geben: seine Hörer würden es nicht als eine Form der Liebe des Vaters erkennen, sondern als Vergeltung an ihren Feinden, nicht als Vergeltung an der Selbstsucht von jenen, welche nicht ihres Bruders Hüter sein wollten.

   Er hatte nicht mit Nazareth angefangen, auch nicht mit Galiläa. „Ein Prophet hat kein Ansehen in seinem eigenen Land“, sagte er und fing an zu lehren, wo es wahrscheinlicher war, dass er gehört würde. Es ist wahr, dass er sein erstes Wunder in Kana wirkte, doch dies geschah auf Bitten seiner Mutter, nicht nach seiner eigenen Absicht und er begann sein Lehren nicht dort. Er ging zuerst nach Jerusalem, trieb dort die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel und tat andere bemerkenswerte Dinge, auf die Johannes hinweist; dann ging er zurück nach Galiläa, wo seine ehemaligen Nachbarn, nachdem sie die Dinge gesehen hatten, die er in Jerusalem tat, nun vorbereitet waren, ihm zuzuhören. Von jenen behielten die Nazarener, für welche sein Anblick vertrauter war, die meisten Vorbehalte gegen ihn bei: er gehörte doch gerade zu ihrer Stadt! Sie kannten ihn von Kind auf! – und gering sind in der Tat die, in welchen Vertrautheit mit dem Erhabenen und Wahrhaftigen Geringschätzung hervorbringt! Sie sind bereits gerichtet. Doch der Ruhm des neuen Propheten war solcherart, dass selbst sie willig waren, in der Synagoge zu hören, was er zu ihnen zu sagen hatte – daraus für sich selbst zu bestimmen, welchen Anspruch er auf einen ehrenvollen Empfang hatte. Doch das Auge ihres Urteils war nicht einfältig, daher war ihr Leib voll Finsternis. Sollte Nazareth sich tatsächlich, zu ihrer selbstverherrlichenden Zufriedenheit, als Stadt des großen Propheten erweisen, waren sie mehr als bereit, nach der Anerkennung, ihn hervorgebracht zu haben, zu greifen: er war tatsächlich der große Prophet und innerhalb von ein paar Minuten hätten sie ihn für die Ehre Israels erschlagen. In den Unehrenhaften hat gerade die Liebe zu ihrem Land einen großen Anteil am Unehrenhaften.

   Es gab einen Schatten der hasslosen Vergeltung Gottes in der Austreibung der unehrlichen Händler vom Tempel, womit der Herr seine Sendung einleitete: dies war das erste Gleichnis für Jerusalem; zu Nazareth kommt er mit den süßesten Worten des Propheten der Hoffnung in seinem Mund – gute Botschaft großer Freude – von Heilung und Einsicht und Freiheit; gefolgt von der gotthaften Ankündigung, dass das, was der Prophet versprochen hatte, er gekommen war zu erfüllen. Sein Herz, seine Augen, seine Lippen, seine Hände – sein ganzer Leib ist voll der Gaben für die Menschen und an jenem Tage war diese Schrift erfüllt in ihren Ohren. Die Prophezeiung ist zuvor ergangen, dass er sein Volk von ihren Sünden retten sollte: er macht eine Ankündigung, die sie besser verstehen werden: er ist gekommen, sagt er, die Menschen zu befreien von Kummer und Schmerz, Unwissenheit und Unterdrückung, von allem, was das Leben hart und unfreundlich macht. Was für eine gnadenvolle Rede, was für eine kühne Zusicherung an eine Welt versunken in Tyrannei und Übel! Für die Frauen in ihr, stelle ich mir vor, hörte es sich am süßesten an, erweckte in ihnen die höchsten Hoffnungen. Sie hatten kaum etwas davon gehört, als der Herr kam; und daher begannen die Dinge bei ihnen sich zu bessern und bessern sich immer noch, denn der Herr ist am Wirken und wird wirken. Er ist die Zuflucht der Unterdrückten. Gerade durch ihr Wehe und durch die bitterste Medizin setzt er die Welt frei von Sünde und Weh. Gerade in dieser Stunde heilt er ihre Krankheit, deren Symptome so vielfältig und schmerzhaft sind; nichtsdestotrotz treu wirkend, auch wenn die Kranken, die Symptome für die Krankheit haltend, gegen die Unfähigkeit ihres Arztes aufschreien. „Welche Macht kann diejenigen, die gebrochenen Herzens sind, heilen?“, rufen sie. Und in der Tat braucht es einen Gott, es zu tun, doch der Gott ist hier! In noch besseren Worten als jenen des Propheten, geradewegs aus seinem Herzen gesprochen, ruft er: „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid und ich will euch Ruhe geben.“ Er ruft zu sich jedes Herz, das seine eigene Bitterkeit kennt, spricht zu dem bekümmerten Gewissen eines jeden Kindes des Vaters. Er ist gekommen, uns von allem zu befreien, was das Leben zu weniger als einer ursprünglichen Wonne macht. Nichts anderes könnte ein Evangelium sein, das dem Gott der Menschen würdig ist.

   Jedermann wird, nehme ich an, mehr oder weniger Elend eingestehen. Seine augenscheinliche Quelle mag dieses oder jenes sein; seine wirkliche Quelle ist, um einen schwachen Vergleich zu benutzen, eine Ausrenkung der Verbindung zwischen dem erschaffenen und dem erschaffenden Leben. Das ursprüngliche Übel ist Erzeuger von unzähligen Übeln, daher zahllosen Kümmernissen, unter deren Gewicht der überhebliche Mensch gegen das Leben aufschreit und fortschreitet, es zu missbrauchen, während das Kind sich nach Hilfe umschaut – und wer sollte ihm helfen außer seinem Vater! Der Vater ist die ganze Zeit bei ihm, doch es mag lange währen, ehe das Kind sich selbst in seinen Armen weiß. Sein Herz mag lange bedrückt sein, ebenso wie sein äußeres Leben. Die klammen Nebel der zweifelnden Gedanken mögen sich um seinen Weg schließen und das Licht der Welt vor ihm verbergen! Kalte Winde aus der Wüste vergeblichen Bemühens mögen für eine Zeit lang seine Hoffnung wund rütteln und schütteln; doch hin und wieder wird der blaue Flecken eines großen Himmels durch die Wolken über seinem Haupt brechen; und ein blasser Morgenschein wird über seinen finstersten Osten gehen. Schrittweise wird er mehr dazu in der Lage sein, eine Welt sich vorzustellen, in welcher jedes denkbar gute Ding eine Tatsache sein mag. Im besten Falle wird die Geschichte von ihm, welcher selbst die Gute Nachricht ist, das Evangelium Gottes, nicht nur mehr und mehr glaubhaft werden für sein Herz, sondern seinem Lebenskampf dienlicher und zu seiner Versicherung eines lebendigen Vaters, welcher hört, wenn seine Kinder rufen. Das Evangelium nach diesem oder jenem Verkünder davon mag ihn unaussprechlich abstoßen; das Evangelium nach Jesus Christus zieht ihn in höchstem Maße an und hält ihn immer dort, wo es ihn hingezogen hat. Dem Priester, dem Schriftgelehrten, dem Ältesten, die sich gegen seine Selbst-Genügsamkeit im Ablehnen von dem, was sie predigen, aussprechen, antwortet er: „Es geht für mich um Leben oder Tod. Dein Evangelium kann ich nicht annehmen. Zu glauben, wie du willst, dass ich glauben soll, würde bedeuten, meinen Gott zu verlieren. Dein Gott ist kein Gott für mich. Ich verlange nicht nach ihm. Ich würde lieber sterben, als an solch einen Gott zu glauben. Im Namen des wahren Gottes, stoße ich dein Evangelium von mir; es ist kein Evangelium und es zu glauben, würde bedeuten, falsch zu handeln gegen ihn, in welchem allein meine Hoffnung liegt.“

   „Doch an einen solchen Menschen zu glauben“, mag er fortfahren zu sagen, „mit solch einer Botschaft, wie ich davon im Neuen Testament lese, ist Leben aus den Toten. Ich habe mich selbst hingegeben, nicht mehr in der Idee des Selbst zu leben, sondern mit dem Leben Gottes. Ihm übergebe ich das Geschöpf, das er gemacht hat, dass er in ihm lebe und sein Leben bewirke – es entwickle entsprechend der Idee davon in seinem eigenen schöpferischen Geist. Ich stimme ein in seine Wege für mich. Ich glaube an ihn. Ich vertraue ihm. Ich versuche, ihm zu gehorchen. Ich schaue danach aus, fähig dazu zu werden und eine reine Vision seines Willens zu empfangen, Freiheit vom Gefangenenhaus meiner Begrenzung, von der Gebundenheit einer begrenzten Existenz. Denn das Endliche, das im Unendlichen wohnt und in welchem das Unendliche wohnt, ist nicht länger endlich. Jene, welche solcherart tatsächlich Kinder sind, sind kleine Götter, die göttliche Nachkommenschaft des unendlichen Vaters. Kein bloßes Versprechen der Befreiung von den Folgen der Sünde wäre irgendein Evangelium für mich. Weniger als die Freiheit eines heiligen Herzens, weniger als die Freiheit des Herrn selbst, wird niemals eine menschliche Seele befriedigen. Vater, setze mich frei in der Herrlichkeit deines Willens, so dass ich nur will, wie du willst. Dein Wille sei zugleich deine und meine Vervollkommnung. Du allein bist Befreiung – völlige Sicherheit vor jedem Grund und jeder Art von Kummer, der jemals existierte, irgendwo jetzt existiert oder jemals im Universum existieren kann.“

   Doch die Leute in der Heimatstadt des Herrn, welchen er vorlas, ihnen zumutend, die gnadenvollen Worte des Propheten, gehörten zu den Weisen und Klugen ihrer Zeit. Mit ein und demselben Atem scheinen sie zu rufen: „Diese Dinge sind gut, es ist wahr, doch sie müssen nach unserer Weise geschehen. Wir müssen das Versprechen an unsere Väter erfüllt sehen – dass wir die Welt beherrschen werden, die Auserwählten Gottes, die Kinder Abrahams und Israels. Wir wollen ein freies Volk sein, unsere eigenen Angelegenheiten regeln, in der Fülle leben und tun, wie es uns gefällt. Freiheit allein kann jemals das Wehe heilen, von welchem du sprichst. Wir brauchen nicht besser zu sein; wir sind gut genug. Gib uns Reichtum und Ehre und halt uns zufrieden mit uns selbst, dass wir befriedigt sein mögen nach unserer eigenen Weise, und du sollst der Messias sein.“ Vielleicht wären der Menschen gesprochene Worte niemals solcherart, doch der vorherrschende Zustand ihres Geistes mag wohl oft in solcher Rede Gestalt annehmen. Worauf würden sie ihre Beschwerde gründen, sollte Gott ihnen ihres Herzens Begehren erfüllen? Wenn dieses erfüllte Begehren sich mit einem quälenden Empfinden von Sklaverei über sie ergießt; wenn sie herausfinden, dass, was sie sich als ihren eigenen Willen eingebildet haben, bloß ein Wink von wer-weiß-woher war; wenn sie entdecken, dass das Leben nicht gut ist, sie aber dennoch nicht sterben können; würden sie dann nicht umkehren und ihren Erschaffer anflehen, sie nach seiner eigenen Weise zu retten?

   Lasst uns versuchen, die kurze, elliptische Erzählung von dem, was in der Synagoge von Nazareth beim Anlass der Ankündigung seiner Sendung durch unseren Herrn stattfand, zu verstehen.

   „Heute“, sagt Jesus, „ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“; und er fuhr fort mit seiner göttlichen Rede. Wir werden noch erkennen, darauf vertraue ich, was „die gnadenvollen Worte“ waren „welche aus seinem Mund hervorgingen“: sicherlich erinnern einige, welche sie gehört haben, sie immer noch, denn „alle gaben Zeugnis von ihm und wunderten sich über“ sie! Wie legten sie Zeugnis über ihn ab? Sicherlich nicht allein durch die Intensität ihres verwunderten Starrens! Muss der Erzähler nicht meinen, dass ihre Herzen Zeugnis ablegten über die Kraft seiner Gegenwart, dass sie die Anziehung seiner Seele auf die ihre fühlten, dass sie in sich selbst sagten: „Niemals redete ein Mensch wie dieser Mensch“? Muss nicht das Licht der Wahrheit in seinem Angesicht, wahrgenommen selbst von solchen, die die Wahrheit nicht kannten, ihre Seele erhoben haben in Richtung Wahrheit? War es nicht das wahrhaftige Etwas, allen Herzen gemein, das das verwunderte Zeugnis ablegte über die Gnadenhaftigkeit seiner Worte? Hatten diese Worte nicht einen Weg zu dem reinen Menschen gefunden, das heißt, dem Göttlichen im Menschen? War es nicht deshalb, dass sie zu ihm gezogen wurden – beinahe bereit, ihn anzunehmen? – zu ihren eigenen Bedingungen, wehe, nicht den seinen! Für einen Augenblick schien er für sie ein wahrhaftiger Botschafter zu sein, doch die Wahrheit in ihm war keine Wahrheit für sie: wäre er gewesen, wofür sie ihn nahmen, wäre er kein Retter gewesen. Sie waren, nichtsdestotrotz, obwohl zum Teil im Irrtum, ihm gegenüber wohlgesinnt, und zwar mit einem wachsenden Gefühl, durch seinen Bezug zu ihnen und den Anspruch, den sie auf ihn hatten, geehrt zu sein, dass sie sagten: „Ist dies nichts Josefs Sohn?“

   Doch der Herr wusste, was in ihren Herzen war; er kannte die falsche Annahme, mit welcher sie fast bereit waren, sich zu ihm zu bekennen; er kannte auch den letzten Nachweis, dem sie dabei waren, ihn in ihrer Weisheit und Klugheit auszusetzen. Er sah nicht sehr wahrscheinlich danach aus, als sei er ein Prophet, indem sie bemerkten, dass er unter ihnen aufgewachsen war und niemals irgendwelche Vollmachten gezeigt hatte: sie hatten ein Recht auf einen positiven Nachweis! Sie hatten wunderbare Dinge gehört, die er an anderen Orten getan hatte: warum waren sie nicht zuallererst in ihrer Sichtweite getan worden? Wer hatte einen Anspruch, der ihrem gleich war? Wer war so sehr dazu in der Lage wie sie, ein Urteil über seine Sendung zu fällen, ob falsch oder wahrhaftig: hatten sie ihn nicht von Kindheit an gekannt? Seine Worte waren huldvoll, doch Worte waren nichts: er musste etwas tun – etwas Wundervolles! Ohne solch schlüssigen, befriedigenden Nachweis, würde zumindest Nazareth ihn niemals anerkennen!

   Sie waren wohl bereit für die Ehre, irgendeinen wahren Propheten zu haben; als solcher sich herausstellen zu können, schien nicht unmöglich für einen Sohn von Josef zu sein, anerkannt als Mann ihrer Stadt, einer von ihren eigenen Leuten: wenn er ein solcher war, gebührte ihnen die Anerkennung, ihn hervorgebracht zu haben! Dann waren sie tatsächlich bereit, Zeugnis für ihn abzulegen, sich auf seine Seite zu stellen, seine Sache zu vertreten und vor der Welt für ihn einzustehen! Was die Sache betrifft, dass er der Messias sei, war dies eine bloße Absurdität: kannten sie nicht alle seinen Vater, den Zimmermann? Er mochte nichtsdestotrotz der Prophet sein, welchen so viele der Besten der Nation in diesem Augenblick erwarteten! Lasst ihn etwas Wunderbares tun!

   Sie waren kein huldvolles Volk oder ein gutes. Der Herr sah ihr Denken und es war weit von davon entfernt, seinem Geist zu entsprechen. Er verlangte keine solche Aufnahme gleich der, wie sie gegenwärtig einem Propheten geben würden. Seine machtvollen Taten waren nicht bestimmt für solche wie sie – sie zu überzeugen von dem, wozu, es zu verstehen oder willkommen zu heißen, sie nicht in der Lage waren! Jene, welche nicht ohne Zeichen und Wunder glauben würden, könnten niemals angemessen glauben mit jedweder Anzahl von ihnen, und keine sollten ihnen gegeben werden! Seine mächtigen Taten waren dazu da, die Liebe aufzuwecken und den Glauben der von Herzen demütigen und sanftmütigen zu stärken, von solchen, die bereit waren, zum Licht zu kommen und zu zeigen, dass sie vom Licht waren. Er wusste, wie armselig die Bedeutung war, die die Nazarener den Worten, die er gelesen hatte, beimaßen; welche niedrig gesinnten Erwartungen sie vom Messias hatten, als sie am meisten nach seinem Kommen verlangten. Sie hörten den Propheten nicht, während er den Propheten las! Bei der Schau von ein paar armseligen kleinen Wundern, ein Nichts für ihn, für sie ausreichend, ihn als solchen Messias zu erweisen, wie sie nach ihm Ausschau hielten, würden sie in lauten Beifall ausbrechen und zu ihren Waffen eilen, eifrig, seine Offiziere und Soldaten, um den einen triumphalen Feldzug gegen die verfluchten Römer zu eröffnen und sie hinter die Grenzen ihres heiligen Landes zu fegen. Ihr Messias würde aus ihrer Nation die Befreiten des Herrn machen, sie selbst zu Bevorzugten seines Hofstaates und den Tyrannen der Welt! Rettung von ihren Sünden war nicht in ihren Herzen, nicht in ihrer Vorstellungskraft, ganz und gar nicht in ihren Gedanken. Sie hatten ihn gerade seinen Auftrag, die gebrochenen Herzen zu heilen, lesen hören; sie wollten eilen, Herzen in seinem Namen zu brechen. Der Herr kannte sie und ihre eitlen Erwartungen. Er wollten keine solchen Nachfolger haben – keine Nachfolger falscher Auffassungen – keine Nachfolger, welche Wunder erfreuen würden, aber keineswegs bessern! Die Nazarener waren noch nicht von der Sorte, die nur eine Wandlung brauchte, um sein Volk zu sein. Er war gekommen, um ihnen Hilfe zu geben; bis sie dies akzeptierten, konnten sie nichts haben, es ihm zu geben.

   Der Herr tat niemals mächtige Taten zum Beweis seiner Sendung; um einem wachsenden Glauben an sich und seinen Vater zu helfen, würde er alles tun! Er heilte jene, welche die Heilung tiefer heilen würde – jene, in welchen das Leiden so weit sein Werk getan hatte, dass seine Beseitigung, es ebenfalls weiterführen würde. Für die Nazarener würde er seine Macht nicht offenbaren; sie waren nicht in einem Zustand, um Gutes von solcher Offenbarung zu empfangen: es würde nur ihre gegenwärtige Arroganz und Ehrgeiz bestätigen. Wunderbare Werke können nur einen Glauben nähren, der bereits existiert; ihm, welcher ohne es glaubt, mag ein Wunder gewährt werden. Es war der wahrhaftige Israelit, welchem der Herr mit einem Wunder begegnete: „Weil ich dir sagte, ich sah dich unter dem Feigenbaum, glaubst du? Du wirst die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Sohn des Menschen.“ Jenen, welche ihm zum Spott lachten, war es nicht erlaubt, die Auferstehung der Tochter des Jairus zu sehen. Petrus, als er auf dem Wasser gehen wollte, wurde sowohl die Erlaubnis als auch die Kraft gegeben, so zu tun. Die Witwe empfing den Propheten und wurde ernährt; der Syrer ging zum Propheten und wurde geheilt. In Nazareth, wegen des Unglaubens, konnte der Herr nur auf ein paar Kranke die Hände legen; im Rest war nichts von dieser Neigung zur Wahrheit hin, welche allein Raum schaffen kann zur Hilfe eines Wunders. Dies machten sie bald offenbar.

   Der Herr erkannte sie an dem Punkt des Herausforderns eines Erweises seiner Macht und beantwortete die Herausforderung mit einer Verweigerung.

   Zum besseren Verständnis seiner Worte, lasst mich wagen, sie zu umschreiben: „Ich weiß, ihr werdet auf mich das Sprichwort anwenden ´Arzt, hilf dir selber´, von mir verlangend zu beweisen, was von mir in Kapernaum gesagt wird, indem ich dasselbe hier tue; doch es gibt ein anderes Sprichwort, ´Kein Prophet wird anerkannt in seinem eigenen Lande´. Nicht anerkannt, tue ich nichts Wunderbares. Während der großen Hungersnot wurde Elija zu keiner der vielen Witwen in Israel gesandt, sondern zu einer Sidonierin; und Eilsa heilte keinen Leprakranken von den vielen in Israel, sondern Naaman den Syrer. Es gibt jene, die geeignet sind, Zeichen und Wunder zu sehen; sie sind nicht immer die Verwandten des Propheten.“

   Die Nazarener lauschten mit Empörung. Ihre Verwunderung über seine huldvollen Worte wurde in bittersten Zorn verwandelt. Gerade die Stützbalken ihrer hässlichen Religion waren ein Geist der Parteiung, Exklusivität und Stolz auf die eingebildete Vorliebe Gottes für sie allein von allen Nationen: auf die Möglichkeit einer Offenbarung der Herrlichkeit Gottes einem Fremden gegenüber hinzuweisen; weit mehr, darauf hinzuweisen, dass ein Fremder geeigneter sein mag, solch eine Offenbarung zu empfangen, als ein Jude, war ein Vergehen, das bis zur schlimmsten Beleidigung reichte; und es wurde in ihr Gesicht geschleudert durch einen gewöhnlichen Mann ihrer eigenen Stadt! „Du bist bloß der Sohn eines bekannten Zimmermanns und du lehrst uns so! Wagst du eine göttliche Bevorzugung von Kapernaum über Nazareth zu behaupten?“ In schlechtem Ruf bei dem Rest ihrer Landsleute, waren sie umso stolzer auf sich selbst.

   Die ganze Synagoge, beachtet es, erhob sich in Wut. Solch ein Kerl ein Prophet! Er war schlimmer als der Schlimmste der Heiden! Er war ein falscher Jude! Ein Verräter an seinem Gott! Ein Freund der Götzen-anbetenden Römer! Hinfort mit ihm! Die Bewohner seiner Heimatstadt leiteten den Zug in seiner Ablehnung durch sein eigenes Volk an. Die Männer von Nazareth hätten die Kreuzigung durch jene von Jerusalem vorziehen wollen. Was! Eine Sidonierin geeigneter, den Propheten zu empfangen, als irgendeine Jüdin! Ein Heide würdiger, um durch ein Wunder in Zeiten der Hungersnot am Leben gehalten zu werden, als ein Anbeter des wahren Gottes! Ein Leprakranker von Damaskus weniger missliebig für Gott als die Leprakranken seines auserwählten Volkes! Es war nicht länger herablassende Billigung, die in ihren Augen glomm. Er ein Prophet! Sie hatten ihn durchschaut! Bald hatten sie ihn entlarvt! In dem Augenblick, als er es für nutzlos erkannte, für sie den Propheten zu geben, welche die ganze Zeit seine Herkunft gekannt hatten, wandte er sich um, sie zu beleidigen! Er wagte nicht, in seiner eigenen Stadt die Täuschungen zu proben, mit welchen, durch die Hilfe Satans, er solch eine große Schau veranstaltet und die Dummköpfe von Kapernaum hereingelegt hatte! Er sah, dass sie ihn zu gut kannten, zu aufgeweckt waren, um durch ihn eingelullt zu werden, und um ihre erwartete Herausforderung zu vermeiden, verfiel er ins Schmähen der heiligen Nation. Lasst ihn die Folgen erfahren! An den Abhang des Hügels mit ihm!

   Wie könnte es da für solche irgendein Wunder geben! Sie waren wohl zufrieden bei sich selbst und

            Beinahe nichts sieht Wunder

Außer Elend.

   Bedürftigkeit und der aufwärts gerichtete Blick, die Haltung, die bereit ist zu glauben, wann und wo sie kann, der keimende Glaube, ist teuer für Ihn, dessen Liebe uns ihm vertrauend haben wollte. Lasst jeden Menschen ihn suchen – nicht in neugieriger Nachforschung, ob die Geschichte von ihm wahr sein mag oder nicht wahr sein kann – sondern in demütiger Bereitschaft, ihn völlig zu akzeptieren, wenn man es nur kann, und man wird ihn finden; uns soll es nicht an Hilfe zu glauben mangeln, weil wir zweifeln. Doch wenn der Fragende ein solcher ist, dass die Zerstreuung seines Zweifels ihn bloß im Ungehorsam zurücklässt, hat die Kraft der Wahrheit keine Aufgabe, seine Überzeugung zu beeinflussen. Warum einen Teufel austreiben, auf dass der Mensch umso besser das Werk des Teufels tun kann? Der kindliche Zweifel wird, wie er sich besänftigt und beugt, zur Nahrung all dessen dienen, was darin gut war für den Glaubens-Keim in seinem Herzen; den Weisen und Klugen wird der Unglaube gelassen, um sein eigenes Elend zu entfalten. Der Herr könnte ganz einfach die Nazarener zufrieden gestellt haben, dass er der Messias war: sie hätten sich nur verhärtet in den Zellkern einer Armee zur Unterwerfung der Welt. Zu einem Krieg gegen ihre eigenen Sünden, zur Unterwerfung ihres Tuns und Wollens dem Willen des großen Vaters, hätten all die Wunder in seiner Macht sie niemals überreden können. Eine wahre Überzeugung ist nicht möglich für ein Herz wie das ihre und einen Geist wie den ihren. Nicht nur ist es unmöglich für einen niedrig gesinnten Menschen, einen tausendsten Teil von dem zu glauben, was ein edler Mensch glaubt, sondern ein niedrig gesinnter Mensch kann nichts so glauben, wie ein edler Mensch es glaubt. Die Menschen von Nazareth hätten an Jesus als ihren Retter von den Römern glauben können; als ihrem Retter von ihren Sünden hätten sie ihm nicht glauben können, denn sie liebten ihre Sünden. Der König des Himmels kam, um ihnen einen Anteil an seinem Königreich anzubieten; doch sie waren nicht geistlich arm und das Himmelreich war nicht für sie. Jubelnd hätten sie die Erde geerbt; doch sie waren nicht sanftmütig und die Erde war für die demütigen Kinder des vollkommenen Vaters.