Die Hoffnung des Evangeliums – von George MacDonald – Kapitel 5

Die Hoffnung des Evangeliums – George MacDonald

The Heirs of Heaven and Earth – Die Erben des Himmels und der Erde

   „Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. […] Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Matthäus 5, 2 + 3 + 5

   Die Worte des Herrn sind die Saat, die vom Sämann gesät wird. In unsere Herzen müssen sie fallen, auf dass sie wachsen mögen. Meditation und Gebet müssen sie wässern und Gehorsam sie im Sonnenlicht halten. Auf diese Weise werden sie Frucht tragen zur Ernte des Herrn.

   Jene seiner Jünger, das heißt, gehorsame Hörer, welche irgendeine Erfahrung darin hätten, zu versuchen danach zu leben, würden sie zum Teil sofort verstehen; doch während sie gehorchten und sich besännen, würde ihre Bedeutung fortfahren zu wachsen. Dies sehen wir in den Schreiben der Apostel. So wird es auch sein mit uns, welche nötig haben alles zu verstehen, was er sagte, weder mehr noch weniger als sie, zu welchen er zuerst sprach; während unsere Verpflichtung zu verstehen weit größer ist als die ihre zu jener Zeit, insoweit als wir beinahe zweitausend Jahre Erfahrung mit dem fortgesetzten Kommen des Himmelreiches, das er predigte, gehabt haben: es ist noch nicht da; es ist die ganze Zeit nähergekommen und kommt jetzt langsam näher.

   Die Bergpredigt, wie sie gemeinhin genannt wird, scheint die erste freie Äußerung des Herrn über die gute Nachricht des Himmelreiches in der Gegenwart irgendeiner größeren Versammlung. Er hatte seine Jünger und Botschafter gelehrt; und er hatte bereits die frohe Kunde gebracht, dass sein Vater ihr Vater war, daneben vielen anderen – Nathanael zum Beispiel, Nikodemus, der Samariterin, jedem, den er geheilt hatte, jedermann, dessen Ruf nach Hilfe er gehört hatte: seine Epiphanie war eine schrittweise Sache, beginnend, wo sie sich auch fortsetzt, bei dem Einzelnen. Es ist unmöglich, auch nur zu erahnen von welcher Anzahl er bei dieser Gelegenheit gehört worden sein mag: wegen der Menge scheint er auf den Berg hinaufgegangen zu sein – um eine etwas offenere Position einzunehmen, von welcher aus er besser sprechen konnte; und dorthin folgten ihm jene, welche danach verlangten, von ihm gelehrt zu werden, begleitet zweifellos von nicht wenigen, bei welchen das Hauptmotiv Neugier war. Ob Jünger oder Schaulustiger, er sprach die Person eines jeden an, welcher Ohren hatte zu hören. Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes, sind alle, die wir als bekannte Jünger, Nachfolger und Gefährten zu dieser Zeit wissen; doch während sich seine Worte an solche richteten, die zu ihm gekommen waren, danach verlangend, von ihm zu lernen, waren die Dinge, die er äußerte, ewige Wahrheiten, das Leben in ihnen grundlegend für jedes der Kinder seines Vaters, daher waren sie für alle bestimmt: er, welcher hörte, um zu gehorchen, war sein Jünger.

   Wie verschieden muss die gute Nachricht bei ihrem ersten Erklingen von den Nachrichten gewesen sein, die von jenen so ängstlich erwartet wurden, welche auf den Messias harrten! Selbst der Täufer lag im Gefängnis dort lauschend auf etwas von ganz anderer Art. Der Herr musste ihm eine Botschaft senden, durch Augenzeugen seiner Taten, um ihn daran zu erinnern, dass Gottes Gedanken nicht sind wie unsere Gedanken, oder seine Wege wie unsere Wege – dass die Absicht Gottes anders und besser ist als die Erwartung der Menschen. Seine Zusammenfassung der Gaben, die er den Menschen geben wollte, gipfelte in das Predigen der guten Nachricht zu den Armen. Wenn Johannes von diesen seinen Taten zuvor gewusst hätte, hätte er sie nicht als der besonderen Sendung des Herrn zugehörig erkannt: der Herr sagt ihm, dass es nicht genug ist, ihn als Messias anerkannt zu haben; er musste seine Taten als das Werk erkennen, das zu tun er in diese Welt gekommen ist und diese in ihrer Natur so göttlich, als dass sie eben die Aufgabe des Sohnes Gottes sind, an welchem der Vater sein Wohlgefallen hatte.

   Worin also bestand das Gute der Nachricht, zu welcher er seinen Mund auftat, sie ihnen zu geben? Was enthielt die Nachricht, um die Armen froh zu machen? Warum war seine Ankunft mit solchen Worten in seinem Herzen und Mund das Kommen des Himmelreiches?

   Alle gute Nachricht vom Himmel ist von der Wahrheit – der ursprünglichen Wahrheit, Verpflichtung beinhaltend und die Hilfe gebend und versprechend, sie zu vollbringen. Es kann keine gute Nachricht für uns Menschen geben als die der aufrichtenden Liebe und niemand kann aufgerichtet werden, welcher sich nicht erheben will. Wenn Gott selbst versuchte, seine Kindlein ohne ihr zustimmendes Bemühen aufzurichten, würden sie aus seinem vergeblichen Bestreben niedersinken. Er wird uns in seinen Armen tragen, bis wir dazu in der Lage sind zu gehen; er wird uns in seinen Armen tragen, wenn wir erschöpft sind vom Gehen; er wird uns nicht tragen, wenn wir nicht gehen wollen.

   Sehr verschieden ist die gute Nachricht, die Jesus uns bringt, von bestimmten vorherrschenden Darstellungen des Evangeliums, gegründet auf die heidnische Annahme, dass Leiden ein Ausgleich für Sünde ist und gipfelnd in die abscheuliche Behauptung, dass das Leiden eines unschuldigen Menschen, nur weil er unschuldig ist, ja, vollkommen, eine Genugtuung ist für den heiligen Vater ist wegen der bösen Werke seiner Kinder. Als eine Theorie in Bezug auf die Wiedergutmachung könnte nichts schlimmer sein, weder intellektuell noch moralisch noch geistlich; verkündet als das Evangelium selbst, als die gute Nachricht vom Himmelreich, ist die Idee so monströs wie irgendein chinesischer Drachen. Solch ein sogenanntes Evangelium ist kein Evangelium, auch wenn es als Gott-gegeben akzeptiert wird durch gute Menschen einer bestimmten Ausrichtung. Es ist böse Nachricht, klein-machende, versklavende, verrückt-machende – Nachricht für das Kinder-Herz, von fürchterlichster Verdammung. Zweifellos werden bei den meisten Gelegenheiten seiner Verkündigung einige Elemente des Evangeliums damit vermischt; deshalb ist es noch lange nicht die von ihm empfangene Botschaft. Es kann nur gute Nachricht für solche sein, die vernünftigerweise willens sind von einem Gott, den sie fürchten, befreit zu werden, doch nicht in der Lage sind, das Evangelium eines vollkommenen Gottes anzunehmen, auf welchen man völlig vertrauen kann.

   Die gute Nachricht Jesu war einfach die Nachricht der Gedanken und Absichten des Vaters in der Mitte seiner Familie. Er sagte ihnen, dass die Art, wie Menschen über sich selbst und ihre Kinder denken, nicht die Art war, wie Gott über sich und seine Kinder dachte; dass das Himmelreich gegründet wurde und sich selbst auf lange Sicht als gegründet zeigen musste auf sehr verschiedenen Prinzipien als denen der Königreiche und Familien der Welt, mit der Welt den Teil der Familie des Vaters meinend, welcher nicht durch ihn geordnet werden will, nicht einmal versuchen will, ihm zu gehorchen. Der Mensch der Welt, ihr großer, ihr erfolgreicher, ihr ehrenwerter Mensch, ist der, welcher tun und lassen kann, was ihm beliebt, dessen Stärke im Geld liegt und im Lob der Menschen; der Größte im Himmelreich ist der Mensch, welcher am demütigsten ist und seinen Mitmenschen am meisten dient. Scharen von Menschen, in keiner Weise wahrnehmbar als ehrgeizig oder stolz, halten den ehrgeizigen, den stolzen Menschen in Ehren, und, bei aller Befreiung, hoffen sie auf einen Schatten seines Wohlstandes. Wie viele gerade von jenen, welche nach der Welt ausschauen, die da kommt, ersuchen die Mächte dieser Welt um Befreiung von ihren Übeln, als wenn Gott nur der Gott der Welt wäre, die da kommt! Die Unterdrückten zur Zeit unseres Herrn schauten aus nach einem Messias, ihre Nation zu befreien und sie reich und stark zu machen; die Unterdrückten unserer Zeit glauben an Geld, Wissen und den Willen eines Volkes, welches nur Macht braucht, um seinerseits zum Unterdrücker zu werden. Die ersten Worte des Herrn in dieser Angelegenheit waren: – „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihnen gehört das Himmelreich.“

   Es sind nicht die Stolzen, es sind nicht die nach Geltung Gierenden, es sind nicht jene, welche raffen und horten, nicht jene, welche das Gesetz gegen ihren Nächsten beugen, nicht jene, die sich herablassen, nicht vielmehr als jene, die gleichgültig mit der Schulter zucken oder schmollen, die irgendeinen Anteil am Himmelreich des Vaters haben. Dieses Himmelreich hat keinen Bezug zu oder Ähnlichkeit mit den Königreichen dieser Welt, geht mit keiner einzigen Sache um, die ihre Herrscher kennzeichnet, außer sie zu verwerfen. Der Sohn Gottes wird nicht den kleinsten Ehrgeiz bevorzugen, sei es auch im Herzen dessen, welcher an seinem Busen lehnt. Das Himmelreich Gottes, die Zuflucht der Unterdrückten, das goldene Zeitalter der neuen Welt, das wirkliche Utopia, das neueste und doch älteste Atlantis, das Heim der Kinder, wird seine Tore dem Allerelendesten nicht öffnen, welcher sich noch über denjenigen im selben Elend erheben wollte, welcher noch herabschaut auf irgendeinen, der elender ist als er selbst. Es ist das Heim der vollkommenen Bruderschaft. Die Armen, die Bettler im Geiste, die Menschen demütigen Herzens, die ohne Ehrgeiz, die Selbstlosen; jene, welche die Menschen niemals verachten und niemals ihr Lob suchen; die Demütigen, welche nichts Bewundernswertes in sich selbst sehen, daher nicht danach streben können, von anderen bewundert zu werden; die Menschen, welche sich selbst dahingeben – diese sind die freien Bürger des Himmelreichs, diese sind die Bewohner des neuen Jerusalem. Die Menschen, welche sich ihrer eigenen zu Grunde liegenden Armut bewusst sind; nicht die Menschen, welche arm an Freunden sind, arm an Einfluss, arm an Errungenschaften, arm an Geld, sondern jene, welche arm im Geiste sind, welche sich selbst als arme Geschöpfe empfinden; welche von nichts wissen, weshalb sie selbstzufrieden sein sollten und nach nichts verlangen, das sie gut von sich selbst denken lässt; welche wissen, dass sie sehr viel benötigen, um ihr Leben lebenswert zu machen, ihre Existenz zu einer guten Sache zu machen, sie fähig zu machen zum Leben; diese Demütigen sind die Armen, welche der Herr gesegnet nennt. Wenn ein Mensch sagt, ich bin niedrig und wertlos, dann beginnt das Tor des Himmelreichs sich ihm zu öffnen, denn da hinein treten die Wahrhaftigen und dieser Mensch hat angefangen, die Wahrheit in Bezug auf sich selbst zu erkennen. Was auch immer solch ein Mensch erreicht hat, er vergisst es sofort; es ist Teil von ihm und liegt hinter ihm; seine Aufgabe liegt in dem, was er nicht hat, bei den Dingen, die über und vor ihm liegen. Der Mensch, welcher auf irgendetwas stolz ist, von dem er denkt, er hätte es erreicht, hat es nicht erreicht. Er ist nur stolz auf sich selbst und bildet sich einen Grund für seinen Stolz ein. Wenn er es erreicht hätte, hätte er bereits begonnen zu vergessen. Er, welcher darin schwelgt, darüber nachzusinnen, wozu er es gebracht hat, gleitet nicht nur zurück; er ist bereits im Schmutz der Selbst-Zufriedenheit. Das Tor des Himmelreichs ist verschlossen und er ist draußen. Das Kind, welches, sich an den Vater klammernd, nicht wagt zu denken, dass es in irgendeinem Fall etwas errungen hat, während es noch nicht wie sein Vater ist – seines Vaters Herz, seines Vaters Himmel ist sein natürliches Heim. Über sich selbst herauszufinden als über seinen Mitmenschen stehend zu denken, würde für dieses Kind ein schauderhaftes Grauen sein; sein Universum würde sich um es herum zusammenziehen, sein Ideal auf dem Thron verwittern. Die geringste Regung der Selbst-Zufriedenheit, der erste Gedanke daran, sich selbst in die höchste Wertschätzung zu heben, würde für es ein Aufblitzen des tiefen Abgrunds sein. Gott ist sein Leben und sein Herr. Dass sein Vater zufrieden mit ihm sein sollte, muss sein ganzes Kümmern sein. Unter den Beziehungen mit seinem Nächsten, unendlich kostbar, hat der Vergleich mit seinem Nächsten keinen Platz. Welcher der größere ist, ist von keinerlei Bedeutung. Es würde nicht wählen, weniger als sein Nächster zu sein; es würde nicht wählen, dass sein Nächster größer als es ist. Es schaut zu jedem Menschen auf. Auf andere Weise begabt als es, ist sein Nächster mehr als es. Alle kommen von dem einen, mächtigen Vater: sollte es die lebendigen Gedanken Gottes richten, welcher größer und welcher geringer ist? Darin verleugnend, darin sich von sich selbst abkehrend, hat es keinen Gedanken an Frömmigkeit, keinen Gedanken außer an seinen Vater und seine Brüder. Für ein solches Kind liegen die besten Geheimnisse des Himmels offen. Es turnt ungerügt um den Thron seines Vaters; sein Rücken ist bereit für den kleinsten himmlischen Spielkamerad; seine Arme sind eine offene Zuflucht für jedes schwärzeste, kleine, verlorene Lamm von der Herde des Vaters; es wird sich mit ihm die himmlische Treppe hinaufmühen, geradewegs die Stufen des großen, weißen Thrones hinauf, um es auf die Knie des Vaters zu legen. Denn die Herrlichkeit dieses Vaters liegt nicht darin, sich selbst als Gott zu kennen, sondern im Hingeben von sich selbst – im Erschaffen und Erlösen und Verherrlichen seiner Kinder.

   Der Mensch, welcher das Selbst nicht beherbergt, hat Raum sein wahres Selbst zu sein – Gottes ewige Idee von ihm. Er lebt ewig; kraft der schöpferischen Macht, gegenwärtig in ihm mit augenblicklicher, ungehinderter Schöpfung, ist er. Wie sollte in ihm ein Gedanke des Herrschens oder Befehlens oder Übermannens sein! Er kann sich keine Wonne vorstellen, kein Gutes darin, größer zu sein als jemand anderer. Er ist unfähig, sich selbst anders zu wünschen als er ist, außer mehr, wozu Gott ihn gemacht hat, welches in der Tat das höchsten Wollen des Willens Gottes ist. Seines Bruders Wohlergehen ist eigentliche Wonne für ihn. Der Gedanke, höher als sein Bruder in der Gunst Gottes zu stehen, würde ihn elend machen. Er würde jeden Bruder emporheben zur Umarmung des Vaters. Selig sind die Armen im Geiste, denn sie sind vom selben Geiste wie Gott und nach der Natur ist das Himmelreich Gottes das ihre.

   „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“, drückt dasselbe Prinzip aus: dasselbe Gesetz besteht auf der Erde wie im Himmelreich. Wie sollte es anders sein? Hat der Schöpfer der Enden der Erde aufgehört, nach seiner Weise zu herrschen, weil seine rebellischen Kinder sich so lange, zu ihrem eigenen Schmerz, vergeblich mühten, nach ihrer Weise zu herrschen? Das Himmelreich gehört den Armen; die Sanftmütigen sollen die Erde erben. Die Erde, wie Gott sie sieht, wie jene, welchen das Himmelreich gehört, sie auch sehen, ist gut, vollständig gut, sehr gut, passend für die Sanftmütigen, sie zu erben; und eines Tages werden sie sie erben – tatsächlich nicht wie Menschen der Welt das Erben auffassen, sondern wie der Schöpfer und Eigentümer der Welt es von Anfang an aufgefasst hat. So verschieden sind die zwei Weisen des Erbens, dass einer der von Herzen Sanftmütigen sich erfreuen mag an seinem Eigentum, während einer der Stolzen ihn selbstsüchtig von dem Flecken darin, den er am meisten liebt, aussperrt.

   Die Sanftmütigen sind jene, die sich nicht selbst behaupten, sich nicht selbst verteidigen, niemals davon träumen, sich selbst zu rächen oder davon, etwas anderes als Gutes für Böses zurückzugeben. Sie stellen sich nicht vor, dass es ihre Aufgabe ist, sich um sich selbst zu kümmern. Der sanftmütige Mensch mag in der Tat viel bedenken, doch es wird nicht für sich selbst sein. Er baut niemals eine ausschließende Mauer, schließt niemals irgendeinen aufrichtigen Nächsten aus. Er wird nicht immer den Wünschen, doch immer dem Guten seines Nächsten dienen. Sein Dienen muss ein wahrhaftiges Dienen sein. Das Selbst wird kein Schiedsmann in seinen Angelegenheiten sein. Des Menschen Bewusstsein von sich selbst ist nur ein Schatten: des sanftmütigen Menschen Selbst schwindet immer im Licht einer wirklichen Gegenwart. Seine Natur liegt offen vor dem Vater der Menschen und ist jedem guten Impuls gegenüber so, als wäre es leer. Keine sich sträubende Wichtigkeit, keine eitle Widmung gegen eingebildete Rechte und Übel bewacht seine Tür oder überfüllt die Durchgänge seines Hauses; sie stehen den Engeln für ihr Kommen und Gehen zur Verfügung. Auf diese Weise der Wahrheit ausgeliefert, wie die Tropfen vom glänzenden Fluss in die Blumen von Dantes unvollkommener Vision tropfen, so treten die vielen Seelen der sichtbaren Welt, Lichter vom Vater der Lichter, frei in sein Herz ein; und durch sie erbt er die Erde, zu der er geschaffen wurde, sie zu erben – besitzt sie wie sein Vater ihn fähig dazu gemacht hat zu besitzen und die Erde dazu, besessen zu werden. Weil der Mensch sanftmütig ist, ist sein Auge einfältig; er sieht Dinge wie Gott sie sieht, wie er will, dass sein Kind sie sehen soll: der Schöpfung mit klaren Augen zu begegnen heißt, sie zu besitzen.

   Wie wenig fähig ist der Mensch, welcher alles an sich reißen wollte, sein Eigen zu erschaffen! Der Mensch, welcher, durch den Ausschluss anderer aus dem Raum, den er sein Eigen nennt, nach jedem Stück der Erde als seinem eigenen greifen würde, narrt sich selbst in dem Versuch. Eben das Brot, das er hinuntergeschluckt hat, kann so in keinem wirklichen Sinne sein eigenes sein. Es gibt keine solche Macht des Besitzens, wie er beanspruchen wollte. Es gibt keinen solchen Sinn des Habens, wie den, von welchem er den Schatten in seiner degenerierten und verfallenen Vorstellung empfangen hat. Der wahre Eigentümer seines Grundbesitzes ist der Hausierer, der an seinem Tor vorübergeht, in einer göttlichen Seele die Süßigkeiten empfangend, welche nicht all die Gier des so-genannten Besitzers in seinen Mauern halten kann: sie überfließen den Becherrand der Mauerkrone, um sich selbst an den Wanderer hinzugeben. Die luftigen Regungen, die Klänge, die Düfte jener eingekerkerten Räume sind die Ernsthaftigkeit eines Besitzens, für welches die Macht des Besitzens immer wächst. In keiner Weise wird solches Erbe sich überschneiden mit dem Anspruch des Menschen, welcher es sein Eigen nennt. Jeder Besitzer hat es als seines, so viel wie jeder in seiner eigenen Weise dazu in der Lage ist, es zu besitzen. Denn Besitz wird bestimmt durch die Art und Reichweite der Macht des Besitzens; und die Erde hat eine vierte Dimension, von welcher der bloße Eigentümer ihres Bodens nichts weiß.

   Das Kind des Schöpfers ist natürlicherweise der Erbe. Doch wenn das Kind versucht, das Ding als Haus zu besitzen, das sein Vater als ein Instrument geschaffen hat, wird er Erfolg haben, es in dieser Weise zu besitzen? Oder wenn er sich in einer Ecke seines Kastens einnistet, wird er dadurch den Herrn aus seiner vielschichtigen Harmonie drängen, herrschaftlich auf dem schwankenden Sitz hockend und mit „flüchtiger Anrührung“ vom Haus des Kindes die Abgaben aus den Reichtümern des Lehens-Gutes abziehen? Der Armut eines solchen Kindes sind alle überlassen, welche nach der verdrehten Einbildung eines gierigen Selbst denken zu haben und zu halten.  

   Wir können die Welt nicht sehen, wie Gott sie meint, außer in dem Maße, wie unsere Seelen sanftmütig sind. In Sanftmut allein sind wir ihre Erben. Sanftmut allein macht die geistliche Netzhaut klar, um Gottes Dinge zu empfangen, wie sie sind, mit ihnen weder Unvollkommenheit noch Unreinheit von sich selbst vermengend. Ein so betrachtetes Ding, dass es mir den göttlichen Gedanken ausgehend von seiner Gestalt übermittelt, ist meines; durch nichts außer seine Vermittlung zwischen Gott und meinem Leben kann irgendetwas mir gehören. Der Mensch, der so stumpfsinnig ist, dass er darauf besteht, dass ein Ding das seine ist, weil er es gekauft und dafür bezahlt hat, sollte besser bei sich bedenken, dass all die kombinierten Kräfte von Recht, Gesetz und gutem Willen es nicht als seines halten können; während selbst der Tod die Welt nicht fortnehmen kann von dem Menschen, welcher sie besitzt, da allein der Erschaffer von ihm und ihr dafür sorgt, dass er sie besitzen soll. Dieser Mensch verlässt sie, doch trägt sie mit sich; jener Mensch trägt nur seinen Verlust mit sich. Er vergeht, nicht dazu in der Lage, Hand oder Mund um irgendeinen Teil davon zu schließen. Sein Eigensein waren für ihn bloß die Veränderungen, die er darin machen konnte und die Nähe, in welche er es zu dem Leib bringen konnte, in dem er gelebt hat. Diesen Leib besitzt nun ihrerseits die Erde und er liegt sehr still, nichts verändernd, aber selbst verändert werdend. Ist dies das edle Gut des großen Landbesitzers, seinen edlen Teller gefüllt mit edlem Dreck zu haben? In der Seele des Sanftmütigen bleibt die Erde ein endloser Besitz – sein Eigen, weil er, welcher sie machte, sein Eigen ist – sein Eigen wie nichts, außer sein Erschaffer, jemals das Eigen des Geschöpfes sein könnte. Er hat die Erde durch seine göttliche Beziehung zu ihm, welcher sie aus sich hervorbrachte, wie ein Baum seine Blätter hervorbringt. Die Erde zu erben bedeutet, immer lebendiger zu wachsen, hin zu der Gegenwart, in ihr und in all ihren Teilen, von ihm, welcher das Leben der Menschen ist. Wie weit einer fortschreiten mag in solchem Erbe, während er noch im Leib ist, wird einfach von der Sanftmut abhängen, die er erlangt, während er noch im Leibe ist; doch es mag sein, wie Frederick Denison Maurice, der Diener Gottes, dachte, während er noch bei uns war, dass der neue Himmel und die neue Erde dieselben sind, in welchen wir jetzt leben, rechtmäßig bewohnt durch die Sanftmütigen, mit ihren tiefer-geöffneten Augen. Was, wenn die Sanftmütigen der Toten sie gerade jetzt in solcher Weise besitzen! Doch ich gedenke nicht zu spekulieren. Es ist genug, dass der Mensch, welcher es ablehnt, sich selbst durchzusetzen, keine Beachtung durch Menschen sucht, die Sorge um sein Leben dem Vater überlässt und sich selbst mit dem Willen des Vaters befasst, sich selbst nach und nach daheim finden wird im Hause des Vaters, mit allem Eigentum des Vaters als seinem Eigentum.

   Wer ist mehr der Besitzer der Welt – er, welcher tausend Häuser hat, oder er, welcher, ohne ein einziges Haus sein Eigen zu nennen, zehn hat, in welchen, indem er an deren Türen klopft, Jubel ausgelöst wird? Wer ist reicher – der Mensch, welcher, all sein Geld ausgegeben, keine Zuflucht hätte; oder er, für dessen Not hundert andere ihre Bequemlichkeit opfern würden? Welcher der zwei besaß die Erde – König Agrippa oder der Zeltmacher Paulus?

   Wer ist der wahre Besitzer eines Buches – der Mensch, welcher seine Erstausgabe hat und jede darauf folgende Ausgabe und manch einem bewundernden und beneidenden Besucher mal diese, dann jene mit Besitzer-Stolz den Charakter ihres Einbandes zeigt; ja, er ist dazu in der Lage, aus einem geheimen Schrein das Manuskript des Autors hervorzuziehen und es auszubreiten, in eben der Gestalt, in welcher die Gedanken ans Licht des Tages hervortraten, – oder der Mensch, welcher eine kleine, im Buchrücken gebrochene, Buchdeckel-lose, Titelblatt-lose, abgegriffene Ausgabe hegt, welche er auf seine einsamen Spaziergänge mit sich nimmt und in seiner stillen Kammer über ihr nachsinnt, immer wieder irgendeine Schönheit oder Exzellenz oder Hilfe in ihr findend, die er zuvor noch nicht gefunden hatte – welche für ihn in Wahrheit ein lebendiger Begleiter ist?

   Denn was macht ein Ding zu einem Buch? Ist es nicht, dass es eine Seele hat – der Geist darin von ihm, welcher das Buch schrieb? Dadurch allein kann das Buch besessen werden, denn Leben allein kann der Besitz des Lebens sein. Die Toten besitzen ihre Toten nur, um sie zu begraben.

   Besitzt also nicht er, welcher sein Buch liebt und versteht, es mit solchem Besitzen, wie es dem anderen unmöglich ist? Gerade so mag die Welt selbst besessen sein – entweder als ein ungelesener Band oder als der Wein einer Seele, „das kostbare Lebensblut eines meisterhaften Geistes, einbalsamiert und als Schatz gehortet zum Zwecke eines Lebens jenseits des Lebens.“ Sie mag besessen sein als ein Buch, gefüllt mit Worten aus dem Munde Gottes, oder nur als die Gold-verbrämten Deckel dieses Buches; als eine Verkörperung oder Fleischwerdung Gottes selbst; oder nur als ein Haus gebaut zum Verkauf. Der Herr liebte die Welt und die Dinge der Welt, nicht wie die Menschen der Welt sie lieben, sondern seinen Vater in allem findend, das aus dem Herz des Vaters kam.

   Derselbe Geist also ist für das Besitzen des Himmelreiches und das Erben der Erde erforderlich. Wie sollte es nicht so sein, wenn die eine Kraft das vermittelnde Leben von beidem ist? Wenn wir des Herrn sind, besitzen wir das Himmelreich und erben so die Erde. Wie viele, welche sich selbst bei seinem Namen nennen, wollten es anders haben: sie wollten die Erde besitzen und das Himmelreich erben! Solche füllen Kirchen und Kapellen an den Sonntagen: überall ist es für die Anbetung des Mammon passend.

   Doch wahrlich, sowohl die Erde als auch der Himmel mögen auch jetzt weithin besessen sein.

   Zwei Menschen gehen zusammen über Land; für den einen hält die Welt einen Gedanken der Wonne nach dem anderen bereit; er sieht Himmel und Erde einander umarmen; er fühlt eine unbeschreibliche Gegenwart über und in ihnen; seine Freude wird hinterher, in der Einsamkeit seiner Kammer, in Gesang ausbrechen; – für den anderen, bedrückt vom Gedanken an seine Armut oder gedanklich durchkauend, wie man viel zu noch mehr machen kann, ist die Herrlichkeit des Herrn bloß ein warmer Sommertag; er tritt in kein Fenster seiner Seele ein; er bietet ihm keine Gabe; denn, gerade im Tempel Gottes, schaut er nach keinem Gott darin aus. Es müssen nicht notwendigerweise zwei Menschen sein, die so unterschiedlich denken. In was für unterschiedlicher Art wird jedes Subjekt einer stets wechselnden Laune dieselbe Welt desselben fröhlichen Schöpfers sehen! Weh für die Menschen, wenn sie sich änderte, wie wir uns ändern, wenn sie bedeutungslos würde, wenn wir treulos werden! Bedenken um ein Morgen, dass nie kommen mag, Grauen vor dem trennenden Tod, welcher zur endlosen Gemeinschaft wirkt, Zorn über jemanden, den wir lieben, wird den strahlenden Morgen bewölken und den Tag schwärzen wie zur Nacht. Am Abend, wenn wir uns besonnen haben und umgekehrt sind zu ihm, der die Raben füttert und den sterbenden Spatz sieht und zu seinen Kindern sagt „Liebt einander“, ist das Leuchten des Sonnenuntergangs froh über uns, der westliche Himmel ist glänzend wie der Königshof des Vaters, wenn die frohe Kunde verbreitet wird, dass ein Sünder umgekehrt ist. Wir haben getrauert im Zwielicht unseres Kleinglaubens, doch, indem wir unsere Sünden abgetan haben, hat uns die Herrlichkeit von Gottes Himmel über seiner dunkelnden Erde getröstet.