Endgültige Erlösung von Schmerz und Tod?
Buchbesprechung zu:
„Die Heilung der Welt. Das Goldene Zeitalter der Medizin 1840 – 1914“
Von Ronald D. Gerste
Klett-Cotta, 2021 – 378 Seiten (mit Anhang 399)

Es gibt kein passenderes Buch, das man dieser Tage lesen kann, um der pandemischen Situation mit kühlem Kopf zu begegnen. Zur Seelenberuhigung ist es meiner Meinung nach nämlich wenig empfehlenswert, die verschiedenen Expertenmeinungen, die in Buchform aktuell den Markt schwemmen, zu konsumieren. Diese sind interessant, aber sie sind nur die Momentaufnahmen eines gerade unentwegt stattfindenden Diskurses in der Wissenschaft. Und Wissenschaft ist kein mythisches Wesen und kein religiöses Dogma, sondern ein Prozess. Prozesse schreiten fort, bilden Wandel ab, bestehen aus Versuch und Irrtum und fortlaufendem Erkenntnisgewinn. Das ist alles sehr spannend, aber hilft natürlich nicht so gut wie Kaffee und ein tröstlicher Input, um den Tag mutig zu beginnen.
„Die Heilung der Welt“ bietet uns nun aber beides: die spannende Beschreibung eines fortschreitenden Erkenntnisgewinns in Naturwissenschaft und Medizin und das Potential, die aktuellen Ereignisse in das rechte Verhältnis zu setzen.
Ronald D. Gerste beginnt mit der Beschreibung der Supermärkte und Straßen im Frühjahr 2020. Er spannt einen humorvollen Bogen vom fehlenden Toilettenpapier zur Überraschung der Ärzte in Wien Mitte des 19. Jahrhunderts, als sie plötzlich dazu angehalten wurden, sich vor der Geburtshilfe die Hände zu waschen. Hygiene ist uns eben wichtig geworden. Daher wohl der gesteigerte Abverkauf von Produkten wie Toilettenpapier, Desinfektionsmitteln und Einmalhandschuhen.
Aber wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass uns Dinge wie sauberes Wasser und saubere Hände so wichtig und zugleich selbstverständlich geworden sind? Noch keine 200 Jahre ist es eben her, dass Ignaz Philipp Semmelweis mit seinen statistischen Forschungen zur Müttersterblichkeit auf die Spur ihrer Ursache kam und mit dem einfachen Trick des Händewaschens hunderten von Gebärenden das Leben rettete. Die Ursache indes, nämlich für das bloße Auge nicht sichtbare Keime, konnte er nicht nachweisen – wohl aber einen Zusammenhang zwischen Sauberkeit und der Chance, dem gefürchteten Kindbettfieber zu entgehen.
Die Entdeckung von Bakterien unter dem Miskroskop und die Entwicklung von Seren zur Behandlung oder Verhinderung von Infektionskrankheiten blieb anderen Pionieren nach Semmelweis vorbehalten. Von diesem Entwicklungsprozess berichtet uns Gerste eindrücklich in 23 kurzen Kapiteln, die sich im Kern meist um eine Persönlichkeit drehen, die eine wichtige Entdeckung im Bereich der Medizin gemacht hat. Doch dabei bleibt er nicht. Er beschreibt die Zeit von 1840 an bis zum Ersten Weltkrieg mit all ihren Wundern und Schrecken – Politik, Kunst, Kultur, Weltgeschehen, militärische Konflikte – aber eben aus der Perspektive von Wissenschaftlern im Labor oder von Chirurgen im Feld, die verwundeten Soldaten ihre Gliedmaßen absägen mussten.
Im Lichte all der Ereignisse werden die segensreichen Fortschritte – ja, so kann man sie durchaus ohne Übertreibung nennen – in ihrer Wahrnehmung verstärkt. Es kam einem Wunder gleich, dass man durch den Einsatz von Äther und Chloroform, später auch Kokain, den Patienten weitgehende Schmerzfreiheit bei Operationen schenken konnte. Das war nun auch für die behandelnden Chirurgen eine unglaubliche Möglichkeit – konnten doch immer kompliziertere Eingriffe gemacht werden und Ende des 19. Jahrhunderts bereits war es nicht mehr undenkbar, dass man im Bauchraum oder gar am offenen Herzen operierte.
Doch nicht nur Geburtshilfe und Chirurgie erlebten Fortschritte, auch die Krankenpflege spezialisierte und professionalisierte sich. Wenn auch das 19. Jahrhundert über weite Strecken friedlicher war als die Jahrhunderte zuvor, so gewannen die stattfindenden militärischen Konflikte – wie zum Beispiel der Amerikanische Bürgerkrieg (1861 – 1865) oder der Deutsch-Französische Konflikt von 1870/71 – an Brutalität. Die neu entwickelten technischen Möglichkeiten sorgten dafür. Die Eisenbahn erlaubte Truppenbewegungen von bisher ungekannten Ausmaßen in sehr viel kürzerer Zeit. Neu entwickelte Munition hatte schrecklichste Wunden bei einer Vielzahl der kämpfenden Soldaten zur Folge. Hier zeichnete sich bereits ab, was im Great War ab 1914 gipfelte. Stellungskriege von unfassbarer Grausamkeit und mit einer Unzahl Todesopfer und Verstümmelter. Eine effektive Versorgung der Verwundeten wurde erforderlich. Nicht nur Soldaten mobilisierte man, auch Mediziner und Krankenschwestern, nachdem deutlich geworden war, dass das Elend der verlausten und an Wundbrand leidenden Verwundeten nach einer stattgefundenen Schlacht noch viel schlimmer war als die bewaffnete Auseinandersetzung selbst. Damit schlug auch die Stunde der Plastischen Chirurgie. Oder die des Roten Kreuzes.
Ebenso wie die Stunde der Psychologie. Neue Phänomene zeigten sich – eine Art Rastlosigkeit bei den Menschen, die zum Beispiel von der neuen Geschwindigkeit der Bahn und ganz allgemein der Zeit überfordert waren. Psychosomatische Leiden wurden erstmals als solche wahrgenommen und beschrieben und man suchte nach Behandlungsmethoden. Namen wie Freud und Jung tauchen bald auf.
Entscheidender Fortschritt gelang auf dem Gebiet der Seuchenbekämpfung. Cholera, Typhus, Diphterie, Tuberkulose – das sind Krankheiten, die wir nur noch aus Erzählungen und Romanen kennen. Die Entdeckung, dass verunreinigtes Wasser Cholera verursacht, war tatsächlich revolutionär. Die Detektivarbeit des John Snow, der die in London auftretenden Fälle kartografierte und sie schließlich auf eine bestimmte Wasserpumpe zurückführen konnte, die durch verunreinigtes Wasser aus einer beschädigten Sickergrube für die Ausbreitung der Erkrankung sorgte, war in einem Punkt besonders bemerkenswert: sie wies nach, dass Krankheiten durch einen unsichtbaren Keim verursacht werden können – und keineswegs wie bisher angenommen durch seltsame Ausdünstungen der Erde oder schlechte Luft, sog. „Miasmen“. Einmal auf diese Spur gekommen, war es nicht mehr weit, diese Keime unter dem Mikroskop zu entdecken.
Eine ebenso entscheidende Erkenntnis war die, dass der Körper aus Zellen besteht und auf dieser zellulären Ebene Krankheiten entstehen können – und nicht durch ein, wie seit der Antike angenommen, Ungleichgewicht bestimmter Körpersäfte – das bisherige Allheilmittel Aderlass verlor damit zum Beispiel seine Begründung.
Dies sind nur kurz angerissen ein paar der entscheidenden Entwicklungen. Begleitet werden diese Beschreibungen von Berichten über persönliche Schicksale einzelner Menschen – bekannte wie die Queen Victoria und weniger bekannte wie der Elefantenmensch Joseph Merrick. Ronald D. Gerste versteht es, einzelne Persönlichkeiten und große historische Ereignisse miteinander ins Verhältnis zu setzen. Das Buch ist kurzweilig, verständlich, unterhaltsam und wirkt an keiner Stelle langatmig. Von Kapitel zu Kapitel schreitet er in der Zeit voran, trotzdem werden immer wieder Rückbezüge zu vorangegangenen Kapiteln gezogen, Verbindungen hergestellt. Es entsteht ein faszinierendes Netz aus Zeitgeschehen und Medizingeschichte, das auch für Laien hoch interessant ist.
Als besonders geschickt empfinde ich den Bogen, den Gerste noch einmal im Epilog zur aktuellen Pandemie spannt. Er setzt dieses Ereignis in ein anderes Verhältnis zu den Seuchen der vergangenen Jahrhunderte, als es manch anderer bisher getan hat. Er verharmlost die Lage nicht, merkt aber wohl an, dass unser medialer Umgang damit kritisch ist und wir durch die gerade im Buch beschriebenen Fortschritte der Medizin heute in einer ganz anderen Situation sind. Wir fühlen uns zwar hilflos – durch die permanente Berichterstattung, die auf uns einrieselt – aber wir sind nicht so hilflos wie Generationen vor uns, die unzählige Menschen an unsichtbare Keime verloren haben. Dieser Bogen von damals zu heute stimmt zuversichtlich, ohne Heilsversprechen zu machen.
Denn dies ist ein weiterer Punkt in Gerstes Buch: das lange 19. Jahrhundert versprach eine umfassende Glückseligkeit für die Menschheit. Aber es mündete doch in den Ersten Weltkrieg. Letztendlich haben wir es selbst in der Hand, den Herausforderungen unserer Zeit mit Mut und Zuversicht zu begegnen, ohne uns in Untergangsszenarien oder in übersteigerte Hoffnungen auf ein Paradies zu stürzen. Wissenschaft ist eben keine Heilsbringerin per se. Sie ist ein Prozess. Und dieser kann Gutes und weniger Gutes hervorbringen – ja nach dem, wie wir die Ergebnisse dieses Prozesses auf unser Leben, unsere Gesellschaft anwenden.

Hinterlasse einen Kommentar