Lesen mit dem kalten und dem warmen Auge
Der Liebesversuch
„Die Klagen über sie sind groß, und ihre Vergehen wiegen schwer vor dem Herrn.“ (1. Mose 19, 13)

Natürlich gibt es die Behauptung, dass uns im Alten Testament ein ganz anderer Gott begegnet als im Neuen Testament. Im Alten haust ein Gott, der zornig und schnaubend die Menschen vernichtet, die nicht das tun, was er gerne hätte. Der Gott, der Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorra regnen ließ. Im Neuen haust der Gott, an dessen Schulter man sich anlehnen kann. Der Gott, dessen Sohn seine eifrigen Jünger scharf zurechtweist, als sie ihn danach fragen, ob sie nicht Feuer und Schwefel auf eine Stadt herabregnen lassen sollen, weil sie nicht auf ihr Predigen hören wollten. Diese Zwei-Göttertheorie lässt uns verunsichert zurück. Sollten wir das Alte dann als schlechten Witz hinter uns lassen und nur das Neue behalten? Oder hat ein und derselbe Gott sich entschieden, seine Meinung zu ändern und plötzlich zum lieben Gott zu werden? Kann er dann nicht auch wieder zum zornigen Gott werden und die Erde mit Feuer und Schwefel vernichten? Solch ein Gott ist ein Witz oder eine Horrorvision.
Also nimmt man die Ein-Gott-Theorie. Im Alten und im Neuen ist es derselbe Gott. Er ist immer schon der liebe Kumpel gewesen und gleichzeitig eine zornige Bestie. Er war so und ist immer noch so. Das ist dann kein Witz mehr – bleibt nur noch der Horror. Verständlicherweise wollen die meisten Menschen mit solch einem Götterwesen nichts zu schaffen haben. Vernünftig ist es, sich nicht auf ein Wesen zu verlassen, das mir heute mit Gnade und Geschenken begegnet und mich am nächsten Tag im Feuer verbrennen lässt, weil ich mein Buch nicht in die Bibliothek zurückgebracht habe.
Was jedoch passiert, wenn wir das kalte Auge der Logik dem warmen Auge unseres Herzens – das in vielen Dingen nicht immer, aber doch öfter als wir denken Recht hat – unterordnen? Was ist, wenn wir annehmen, dass Gott immer schon derselbe war? Nämlich immer schon gut und wohlmeinend und von schöpferischer Liebeskraft. Dann müssen wir in einen sehr unangenehmen Teil unserer Selbst und unserer Geschichte blicken. Es ist nämlich der Mensch, der wandelbar ist und sich zum Bösen oder zum Guten entscheiden kann.
Es ist auch der Mensch, der je nach seinem Zustand und seiner Gemütsstimmung entscheidet, welchen Gott er lieber hätte. Den lieben Gott, an den er sich anlehnen kann oder den zornigen Gott, der bitte alle anderen verbrennt, mit denen ich nicht so gut zurechtkomme. Es ist nämlich meist das Ich, was den lieben Gott einfordert und den anderen Feuer und Schwefel zudenkt. Oder sich kümmerlich windet in Angst und Anstrengung, einem Gott zu genügen, der es jederzeit vernichten kann, wenn es nicht entsprechenden Regeln sklavisch folgt. Das ist weder ein gesunder Gott, der sich hier im Menschen spiegelt, noch ist das ein gesundes Ich, welches sich selbst und andere zerfetzen will.
Wenn wir also noch einmal neu in die Geschichte um Sodom und Gomorra in den Kapiteln 18 und 19 des ersten Mosebuches einsteigen und genau lesen, mit dem warmen Auge, dann können wir den Text als Schatz begreifen, der uns nicht weiter Furcht einflößen muss. Wir lesen von drei Engelsgestalten, die mit Abraham darüber reden wollen, was Gott mit Sodom und Gomorra vorhat, nämlich dass er die Städte vernichten will. Aber das steht dort gar nicht! Es heißt, Gott will die Klagen, die ihn über diese Städte erreicht haben, prüfen. Wer hat denn bei ihm als Richter geklagt? Waren es nicht Menschen, die unter den Menschen Sodoms und Gomorras gelitten haben? Wer sonst sollte sich über die schlimmen Taten der Stadtbewohner bei Gott beklagen? Gott will die Städte nicht vernichten – er will erst einmal prüfen, ob ihre Bewohner tatsächlich so verdorben sind. Natürlich weiß Gott es bereits. Aber ist es nicht ein schönes Bild – dass Gott diese verdorbenen Menschen besucht, sich mitten unter sie begibt, um doch noch etwas Gutes zu finden? Ein letzter Liebesversuch Gottes sozusagen.
Es ist Abraham, der davon ausgeht, dass Gott die Städte vernichten wird – nun wohnt ja sein Neffe Lot dort und er weiß sicherlich von ihm, wie es da zugeht – seine Befürchtungen sind also vielleicht berechtigt. Dennoch ist es nicht Gott, der die Verhandlung über die Vernichtung der Städte beginnt, sondern der Mensch Abraham. Und er handelt Gott runter. Wenn es nur 50, 45, 40, 30, 20, 10 Gerechte dort gibt – und jedes Mal stimmt Gott ihm zu, dass er die Städte dann nicht vernichten wird. Und es ist Abraham, der bei 10 Gerechten, die er in der Stadt vermutet, aufhört zu verhandeln. „Ein letztes Mal“ wendet er sich an Gott. Ich bin überzeugt, er hätte mit Gott darüber verhandeln können, dass er die Stadt verschont, wenn nur 1 Gerechter darin wohnt und Gott wäre darauf eingegangen. Denn aufmerksame Leser ahnen, Gott weiß bereits, dass sich keine 10 Gerechten in Sodom und Gomorra befinden. Wozu lässt er sich dann aber auf die Verhandlung mit Abraham ein? Vielleicht aus dem Grund, um zu zeigen, was der Mensch über den Menschen denkt und nicht, was Gott denkt?
Denn Abraham redet nach der 10 nicht weiter. Er ist wie alle Menschen. Er geht davon aus, dass Gott nur bis zu einem bestimmten Maß gnädig sein kann – und dieses Maß hängt davon ab, wie wir selbst es bemessen, was wir selbst für angemessen halten, das Gott uns und anderen durchgehen lassen sollte. Und Abraham geht davon aus, dass der Mensch insgesamt doch noch gut genug ist – 10 anständige Leute lassen sich bestimmt finden. So verdorben ist die Menschheit nicht… oder?
Nun also geht Abraham nach Hause, Gott zieht sich zurück – wohin auch immer. Die anderen beiden Männer – Engel Gottes – sind ja bereits vorausgegangen. Sie gehen in die Stadt – wie gesagt zunächst nicht, um sie zu vernichten! Sie gehen hinein, um sich umzusehen. Sie treffen auf Lot, der sie freundlich einlädt und bewirtet. Sie treffen in der Stadt, über die es so viele Klagen wegen ihrer bösen Bewohner gibt, auf einen freundlichen Gastgeber. Beinahe hätte Lot es also geschafft, die Engel davon zu überzeugen, dass es etwas Gutes in Sodom und Gomorra gibt. Aber wie stets muss man wohl mit der Bösartigkeit der anderen rechnen.
Männer kommen zu Lots Haus und fordern ihn dazu auf, die beiden Gäste herauszugeben, damit sie mit ihnen Geschlechtsverkehr haben können. Wir reden hier nicht von einvernehmlichem Geschlechtsverkehr – und jeder Gläubige sollte sich hüten, diese Stelle als Begründung dafür heranzuziehen, Homosexualität als eine Sünde zu beurteilen, die durch Feuer und Schwefel bestraft gehört, weil Gott das ja in Sodom und Gomorra so getan hat! Wir reden hier über Vergewaltigung. Über Gewalttätigkeit von Menschen an Menschen – nicht über sexuelle Vorlieben! Das gehört klar getrennt. Ich persönlich bin mir sicher, Gott hätte ein gastfreundliches, homosexuelles Pärchen wohl ebenso aus der Stadt geführt, wie er es mit Lot und seiner Familie getan hat. Denn hier geht es um eine ganz andere Sache als Sexualität.
„Die Klagen über sie sind groß.“
Die Klagen darüber, dass Menschen anderen Menschen schlimme und gewalttätige Dinge antun. Das ist es, was die beiden Engel prüfen und sie erfahren, dass es sich genauso verhält. Erst jetzt sprechen die beiden Gäste mit Lot darüber, dass die Stadt vernichtet werden soll und er seine Familie schnappen und verschwinden muss, um dem Schicksal der Vernichtung zu entgehen. Mehr noch, als Lot zögert, zerren die beiden Männer ihn und seine Familie aus der Stadt. „Rette dein Leben“, sagen sie ihm.
Und vielleicht geht es hier um mehr, als dem Regen aus Feuer und Schwefel zu entgehen. Ist es nicht so, dass es uns und unsere Seele verletzt und zerstört, wenn wir uns unter gewalttätigen Menschen aufhalten? Wie oft sehen wir das in der Welt. Kindersoldaten, die in jungen Jahren zum Töten gezwungen werden und nie wieder den Weg zurück in eine liebevolle Gemeinschaft finden, selbst zu Ausbildern des Todes werden, wenn sie nicht vorher gerettet werden. Mitläufer in diktatorischen Systemen – „Ich tötete, weil es mir befohlen war. Es war normal. Es war meine Aufgabe.“ Menschen werden häufig zu Gewalttätern, wenn sie selbst Gewalt erfahren haben. Das ist nicht zwingend so. Ihnen ruft vielleicht auch ein Engel zu: „Rette dein Leben!“ Und vielleicht wollten die Engel es allen Bewohnern Sodoms und Gomorras zurufen: „Rettet euer Leben! Befreit euch von der Gewalttat!“
Man kann mit dem warmen Auge die Geschichte Sodoms und Gomorras als einen Liebesversuch Gottes lesen. Er wollte von Abraham vielleicht hören, dass er den Städten insgesamt gnädig sein soll, ob Gerechte in ihnen waren oder nicht. Und vielleicht hätten die Boten Gottes es am liebsten so getan wie in einem sehr viel später geschriebenen Buch der Bibel es der Prophet Jona mit der Stadt Ninive getan hat. Er rief ihnen zu: Tut Buße, sonst werdet ihr vernichtet. Und Die Bewohner hörten dem Propheten zu. Sie bereuten ihre Taten und änderten sich und Gott war der Stadt gnädig und vernichtete sie nicht – worüber Jona im Übrigen sehr zornig war. Gott ist immer gnädiger als der Mensch es gerne hätte, wenn es um andere geht…
Aber in Sodom und Gomorra hört keiner zu. Letztlich ist die Botschaft der Geschichte nicht, dass Gott den Sünder vernichten und verbrennen wird. Die Botschaft ist, dass Gewalttat die Menschenleben verschlingt. Wer gewalttätig ist, vernichtet seine eigene Seele und die anderer. Der ewige Liebesversuch Gottes ist, dass er die Menschen trotzdem besucht – zuletzt in der Gestalt seines Sohnes. Und die Botschaft ist noch heute: „Lasst euch retten aus diesem verkehrten Geschlecht.“ Wie es in Luther-Manier heißt. Oder schlicht: Rettet euer Leben, indem ihr euch losmacht von den Ungerechten, der Ungerechtigkeit, der Gewalttat. Liegen nicht zwei Weltkriege hinter uns, die uns diese Wahrheit schmerzhaft gelehrt haben? Dass Gewalttat alle mit sich reißen und vernichten kann – das Übel, das der Mensch über andere Menschen bringen kann, hat schon immer mehr Opfer gefordert als es ein Regen aus Feuer und Schwefel je könnte.
Der Liebesversuch Gottes wird immer um den Menschen werben und ihn davon zu überzeugen suchen, selbst barmherzig zu sein und jegliche Gewalttat zu meiden.
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