Die Hoffnung des Evangeliums – von George MacDonald – Kapitel 6

Die Hoffnung des Evangeliums – George MacDonald

Sorrow the Pledge of Joy – Traurigkeit – der Zuspruch der Freude

   „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Matthäus 5, 4

 

   Trauer also, Kummer, Herzensschmerz, Totenklage ist keine Trennwand zwischen Mensch und Gott. Sie ist so weit davon entfernt, irgendein Hindernis für den Eingang von Gottes Licht in des Menschen Seele darzustellen, dass der Herr jene beglückwünscht, die trauern. Es ist nichts Böses im Kummer. Wahrhaftig, es ist kein grundlegend Gutes, ein Gutes in sich selbst, wie die Liebe; doch es wird sich mit jeder guten Sache mischen und ist auch so verbunden mit dem Guten, dass es die Tür des Herzens für jedes Gute öffnen wird. Mehr der kummervollen als der freudvollen Menschen halten sich stets bei den immerwährenden Türen auf, die sich in die Gegenwart des Allerhöchsten öffnen. Es ist ebenfalls wahr, dass Freude in ihrer Natur göttlicher ist als Kummer; denn, obwohl der Mensch trauern muss und Gott teilnimmt an seinem Kummer, ist doch Gott in sich selbst nicht kummervoll und der „fröhliche Schöpfer“ schuf den Menschen niemals zum Kummer: es ist nur ein stürmischer Engpass, durch welchen er passieren muss, um zu seinem Ozean des Friedens zu gelangen. Er „macht die Freude zum Schlusswort in jedem Liede“. Trotzdem, wiederhole ich, ist ein Mensch in Kummer Gott weit näher als ein Mensch in Freude. Frohsinn mag einen Menschen seine Dankbarkeit vergessen machen; Elend treibt ihn in seine Gebete. Denn wir sind es noch nicht, wir werden erst. Auf lange Sicht wird der endlose Tag heraufdämmern, dessen jedweder pulsierende Augenblick unsere Herzen Gott-wärts heben wird; wir werden kaum nötig haben, sie emporzuheben: für jetzt gibt es zwei Türhüter zum Haus des Gebetes und Kummer ist aufmerksamer sie zu öffnen als ihr Enkelsohn Freude.

   Das frohgemute Kind rennt querfeldein; das verwundete Kind kehrt nach Hause zurück. Der Weinende setzt sich nah an das Tor; der Herr des Lebens kommt ihm nahe von innen her. Gott liebt den Kummer nicht und doch jubelt er, einen Menschen kummervoll zu sehen, denn in seinem Kummer lässt der Mensch den Riegel der himmelwärts gerichteten Tür offen und Gott kann eintreten, um ihm zu helfen. Er liebt es, sage ich, ihn kummervoll zu sehen, denn dann kann er nahekommen, um ihn von dem zu scheiden, was seinen Kummer zu einem willkommenen Anblick macht. Wenn Ephraim sich selbst betrauert, ist er ein wohlgefälliges Kind. Kummer ist so eine gute Medizin, so kraftvoll, die Motten zu erschlagen, die das menschliche Herz befallen und zerfressen, dass der Herr froh ist, einen Menschen weinen zu sehen. Er beglückwünscht ihn zu seiner Traurigkeit. Trauer ist eine ungeliebte Sache, doch sie ist das Kind der Liebe und ihre Mutter liebt sie.

   Das Versprechen an die, die trauern, ist nicht das Himmelreich, sondern dass ihre Trauer beendet werden soll, dass sie getröstet werden sollen. Zu trauern bedeutet nicht, mit dem Bösen zu kämpfen; es bedeutet nur, das zu vermissen, was gut ist. Es ist kein grundlegend himmlischer Zustand, wie Armut im Geiste oder Sanftmut. Kein Mensch wird seine Trauer mit sich in den Himmel tragen – oder, wenn er es tut, wird sie eilig entweder in Freude verwandelt oder in das, was in Freude resultiert, nämlich erlösendes Wirken.

   Trauer ist eine Geschwür-geplagte Blüte am Rosenbaum der Liebe. Gibt es irgendeine Trauer, die ihren Namen wert ist, die nicht die Liebe zu ihrer Wurzel hat? Menschen trauern, weil sie lieben. Liebe ist das Leben, aus welchem alle natürlichen Empfindungen gestaltet sind, jede Emotion des Menschen. Die Liebe geformt durch Glauben ist Hoffnung; Liebe geprägt durch Übel ist Zorn – wahrlich Zorn, obwohl rein von Sünde; Liebe durchdrungen von Verlust ist Trauer.

   Das Trauergewand ist am allermeisten ein Leichentuch; der Verlust des Geliebten durch den Tod ist die Hauptursache der Trauer der Welt. Das griechische Wort, das hier gebraucht wird, um die Gesegneten des Herrn zu beschreiben, bedeutet im Allgemeinen jene, die um die Toten trauern. Es wird in diesem Sinne nicht ausschließlich im Neuen Testament eingesetzt, auch stelle ich mir nicht vor, dass es hier nur für solche steht: es gibt Trauer, die weit schmerzvoller ist als der Tod und weit schwerer zu trösten – schwerer selbst für Gott, bei welchem alle Dinge möglich sind; doch es mag Wohlgefühl geben, zu wissen, dass das Versprechen des Trostes an jene, die trauern, besonders zutrifft auf diese, die trauern, weil ihre Liebsten aus ihrer Sicht entschwunden sind und außer Reichweite ihres Rufens. Ihr Kummer bedeutet für die göttliche Liebe in der Tat keine Schwierigkeit; sie ist eine geringe Angelegenheit, der einfach begegnet werden kann. Der Vater, dessen älterer Sohn immer mit ihm ist, doch dessen jüngerer in einem weit entfernten Lande weilt, sein Vermögen durch lasterhaftes Leben durchbringend, ist unaussprechlich mehr zu bedauern und ihm ist schwerer zu helfen als dem Vater, dessen beide Söhne im Schlaf des Todes liegen.

   Vieles, was unter dem Namen des Trostes daherkommt, ist bloß wertlos; und solche, die dadurch getröstet werden könnten, kümmere ich mich nicht zu trösten. Lasst die Zeit tun, was sie kann, um Erleichterung des Vergessens zu bringen; lasst Szenenwechsel tun, was in ihm liegt, um das Denken fortzuleiten von dem Verschwundenen; lasst neue Liebe die Trauer begraben im Grab der alten Liebe: Trost solcher Art hätte niemals durch den Geist Jesu gehen können. Würde Die Wahrheit einen Menschen gesegnet genannt haben, weil sein Schmerz früher oder später schwinden würde, ihn günstigenfalls nicht besser als zuvor zurücklassend und sicherlich ärmer? Nicht nur das Geliebte gegangen, sondern der Kummer darum ebenso und mit dem Kummer auch die Liebe, die den Kummer verursacht hat? Gesegnet von Gott, weil eine Abwesenheit von Kummer wiederhergestellt ist? Solch ein Gott wäre passenderweise nur verehrt, wo nicht ein einziges Herz in Geist und Wahrheit anbetete.

   „Der Herr meint natürlich“, mögen einige sagen, „dass der Trost der Trauernden die Wiederherstellung dessen sein wird, was sie verloren haben. Er meint „Selig seid ihr, obwohl ihr trauert, denn euer Kummer wird in Freude verwandelt werden.““

   Glücklich sind diese, welche nichts weniger als solche Wiederherstellung trösten wird! Doch wäre solche Wiederherstellung Trost genug für das Herz Jesu, ihn zu geben? War Liebe je so tief, so rein, so vollkommen, als dass sie gut genug für ihn wäre? Und nehmt an, die Liebe zwischen den getrennten Zweien wäre solche gewesen, würde die bloße Wiederherstellung in der Zukunft von dem, welches er einst hatte, Grund genug sein für solch eine emphatische Verkündigung, dass der Mensch jetzt gesegnet ist, gesegnet, während er noch in der Mitternacht seines Verlustes ist und nichts weiß von der Stunde seiner Erlösung? Einen Menschen in seinem Kummer gesegnet zu nennen wegen etwas, das ihm gegeben werden wird, impliziert gewiss ein Etwas, das besser ist als das, was er zuvor hatte! Wahrhaftig, die Freude, die vergangen ist, mag so groß gewesen sein, dass der Mensch sich gesegnet fühlen mag in der geringsten Hoffnung ihrer Wiederherstellung; doch würde dies Bedeutung genug für das Wort im Munde des Herrn sein? Dass die Unterbrechung seines Gesegnet-seins nur vorübergehend war, würde kaum ein passender Grund sein, um den Menschen in dieser Unterbrechung gesegnet zu nennen. Gesegnet ist ein starkes Wort und im Munde Jesu bedeutet es alles, was es bedeuten kann. Kann seine Aussage hier weniger bedeuten als – „Gesegnet sind jene, die trauern, denn sie werden getröstet mit einer Wonne, die wohl all den Schmerz des heilsamen Kummers wert ist“? Nebenbei bemerkt, bedeutet die Seligpreisung gewiss, dass der Mensch gesegnet ist wegen seines Zustandes der Trauer, nicht trotz dessen. Sein Trauern ist schließlich gewiss Teil des Grundes für den Herrn, ihn zu beglückwünschen: ist es nicht das gegenwärtig wirksame Mittel, wodurch der Trost möglich wird? In einem Wort, ich denke nicht, dass der Herr zufrieden wäre, einen Menschen gesegnet zu nennen aus dem bloßen Grund seines Wiedererhalts einer vorherigen Wonne, die keinesfalls vollkommen war; ich denke, er beglückwünschte die Trauernden zu ihrer Trauer, die sie durchlebten, weil er die außerordentliche Herrlichkeit des Trostes sah, der sich näherte; weil er die unaussprechlich größere Freude kannte, zu welcher der Kummer plötzlich den Weg bahnte und den Trauernden leitete. Wenn ich sage größer, verhüte Gott, dass ich anders meine! Ich meine dieselbe Wonne, göttlich erweitert und göttlich gereinigt – abermals durch die Hände der schöpferischen Vervollkommnung gegangen. Der Herr kannte die ganze Geschichte von Liebe und Verlust; schaute durch das Universum hindurch die geflügelte Liebe das Skelett der Furcht entthronend. Gottes Trost muss stets größer sein als des Menschen Trauer, anderweitig wären Lücken in seiner Gottheit. Bloße Wiederherstellung würde eine Leerstelle hinterlassen, unfruchtbar und kahl, in der Entfaltung seiner Kinder.

   Doch, wehe, was für eine verknappte Hoffnung, was für armselige Erwartungen, ziehen am meisten die, welche sich selbst des Herrn Jünger nennen, aus ihrer Wahrnehmung seiner Lehre! Wohl mögen sie vom Tode denken als der einen Sache, die recht eifrig zu vermeiden sei, und für immer beklagt! Wer würde selbst die fensterlose Hütte seines Kummers für den gemeinen Ort verlassen, den sie sich als des Vaters Haus vorstellen! Ach, viele von ihnen erwarten nicht einmal, ihre Freunde dort zu erkennen! Erwarten nicht, einen vom anderen zu unterscheiden in der ganzen heiligen Versammlung! Sie werden in viele Gesichter schauen, doch niemals alte Freunde und Geliebte wiedererkennen! Ein feiner Retter der Menschen ist ihr Jesus! Herrliche Lichter leuchten sie in die Welt unseres Kummers, ein Wort der Finsternis herausredend, des trostlosesten Todes! Ist der Herr solcherart, wie sie von ihm glauben? „Leb wohl dann, guter Meister!“, ruft das menschliche Herz. „Ich dachte, du könntest mich retten, doch, weh, du kannst es nicht. Wenn du den Teil unseres Seins rettest, welcher sündigen kann, lässest du den Teil, der lieben kann, in hoffnungsloses Verderben sinken: du bist nicht der, welcher kommen soll; ich schau nach einem andern aus! Du würdest mich zerstören und nicht retten! Dein Vater ist nicht mein Vater; dein Gott ist nicht mein Gott! Ah, zu wem sollten wir gehen? Er hat nicht die Worte des ewigen Lebens, dieser Jesus, und das Universum ist finster wie das Chaos! Oh, Vater, dieser, dein Sohn, ist gut, doch wir brauchen einen größeren Sohn als ihn. Niemals werden deine Kinder dich lieben unter dem Schatten dieses neuen Gesetzes, dass sie einander nicht lieben sollen, wie du sie liebst!“ Wie liebt dieser Mensch Gott – von welcher Art ist die Liebe, die er ihm gegenüber hat – welcher nicht dazu in der Lage ist, zu glauben, dass Gott jeden Schlag eines jeden menschlichen Herzens für das andere liebt? Starb nicht der Herr, auf dass wir einander lieben sollen und eins mit ihm und dem Vater sind, und ist nicht das Wissen des Unterschieds wesentlich für die tiefste Liebe? Kann es Einssein ohne Unterschied geben? Harmonie ohne Unterscheidung? Sollen wir alle dasselbe Gesicht haben? Warum dann überhaupt Gesichter? Wenn die Weiten des Himmels gefüllt sein sollen mit immer demselben Gesicht, wieder und wieder, so wird nicht ein Augenblick vergehen, ehe sich durch Monotonie die Wonne in ein Grauen verwandelt haben wird. Warum nicht eher vollkommene Sphären gestaltlosen Elfenbeins, als jene unüberschaubare Zahl an Häuptern mit demselben Angesicht! Oder müssen wir von vorn anfangen mit völlig neuen Gesichtszügen, jedes wunderschön, jedes liebenswert, jedes eine Offenbarung des unendlichen Vaters, jedes verschieden vom anderen und daher alle sich vermengend hin zu einer vollständigen Offenbarung – doch niemals mehr die geliebten, alten, kostbaren Angesichter mit ihrer ganzen Geschichte in jedem, welche, beim bloßen Gedanken an sie, unsere Herzen aus unserem Busen zu ziehen scheinen? Wurden sie nur geschaffen, um liebenswert zu werden und dann vernichtet zu werden? Ist es nur beim Wein so, dass der alte besser ist? Würde solch ein neuer Himmel eine Sache sein, um Gott dafür zu danken? Würde dies eine Aussicht sein, auf welche hin der Sohn des Menschen den Trauernden beglückwünscht oder bei welcher der um die Toten Trauernde sich selbst für gesegnet halten würde? Es ist eine Schande, dass solch ein lächerlicher, monströser Unglaube nach Verteidigung verlangen sollte.

   Ein Himmel ohne menschliche Liebe darin wäre unmenschlich und daher umso ungöttlicher, danach zu verlangen; er sollte nicht von einem einzigen Wesen, das im Bilde Gottes geschaffen ist, verlangt werden. Der Herr des Lebens starb, damit seines Vaters Kinder vollkommen würden in Liebe – ihre Brüder und Schwestern lieben sollten, wie er sie liebte: müssen sie zu diesem Zwecke aufhören, einander zu kennen? Die Vergangenheit unseres irdischen Leibes auszulöschen würde bedeuten, unter der Ferse eines eisernen Schicksals eben die Idee der Zärtlichkeit zu zermalmen, die der menschlichen oder der göttlichen.

   Wir werden zweifellos alle verwandelt werden, doch in welche Richtung? – zu etwas Geringerem oder zu etwas Größerem? – Zu etwas, das weniger Wir ist, was Herabwürdigung bedeuten würde? Zu etwas, das nicht Wir ist, was Auslöschung bedeutet? Oder zu etwas, das mehr Wir ist, was eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Idee von uns bedeutet, des göttlichen Keims von uns, in sich enthaltend alles, was wir je waren, alles, was wir je werden können und müssen? Was ist es, das diesen oder jenen Menschen ausmacht? Ist es, was er selbst denkt, dass er es ist? Sicherlich nicht. Ist es, was seine Freunde in jedem einzelnen Augenblick von ihm denken? Weit gefehlt. In welcher seiner sich wandelnden Stimmungen ist er mehr er selbst? Liebt irgendein Liebender so wenig, dass er keine Veränderung in der geliebten Person verlangt – nicht irgendeine Veränderung, um ihn oder sie dem innewohnenden Ideal näher zu bringen? Gibt es in der Allerliebenswertesten nicht etwas, das nicht wie sie ist – etwas, das weniger liebenswert ist als sie selbst – eine kleine Sache, in welcher eine Veränderung sie nicht weniger, sondern mehr sie selbst machen würde? Ist es nicht vom eigentlichen Wesen der Christlichen Hoffnung, dass wir verwandelt werden sollen von vielem Übel zu allem Guten? Wenn eine Ehefrau so liebte, dass sie jeden Gegensatz, jede Widersprüchlichkeit in ihrem Ehemann doch für einen Teil seines harmonischen Charakters hielte, liebte sie nicht gut genug für das Himmelreich. Wenn seine Unvollkommenheiten wesentlich wären für die Persönlichkeit, die sie liebt, und für das Wiedererlangen ihrer Freude daran, kann sie sicher sein, dass, wenn er ihr wiedergegeben wird, wie sie ihn haben wollte, würde sie bald dahin kommen, ihn weniger zu lieben – ihn vielleicht gar nicht mehr zu lieben; denn niemand, welcher nicht Vollkommenheit liebt, wird jemals andauernd sein im Lieben. Fehlerhaftigkeit ist nicht liebenswert; es ist nur das Gute, in welchem der fremdartige Fehler wohnt, das ihn als liebenswürdig erscheinen lässt. Es sind nicht irgendeines Menschen Eigenheiten, die ihn liebenswert machen; es ist das eigentliche Menschsein, das diesen Eigenheiten zugrunde liegt. Sie mögen ihn interessant machen und, wo sie nicht anstößig sind, mögen sie geliebt werden um des Menschen willen; doch in sich selbst sind sie von wenig Belang.

   Wir dürfen trotzdem nicht Eigentümlichkeit mit Unterschiedlichkeit verwechseln. Unterschiedlichkeit ist in und von Gott; Eigentümlichkeit in und vom Menschen. Der wahre Mensch ist die göttliche Idee von ihm; der Mensch, den Gott im Sinn hatte, als er anfing, ihn hervorzubringen aus dem Gedanken ins Denken; der Mensch, den er nun zum Vollkommenen hin wirkt, indem er austreibt, was nicht er ist und entwickelt, was er ist. Doch in Gottes wahren Menschen, das heißt, seinen idealen Menschen, ist die Unterschiedlichkeit unendlich; er wiederholt seine Schöpfungen nicht; jedes einzelne seiner Kinder unterscheidet sich von jedem anderen und in jedem einzelnen ist die Unterschiedlichkeit liebenswert. Gott gibt in seinen Kindern eine Ausprägung von sich selbst, eine Ausprägung, die niemals erschöpft sein wird. Es ist die ursprüngliche Gott-Idee des einzelnen Menschen, die auf lange Sicht gegeben wird, ohne Flecken oder Runzel, in die Arme der Liebe hinein.

   Solcherart ist gewiss das Herz des Trostes, den der Herr jenen geben wird, deren Liebe sie nun trauern lässt; und ihre gegenwärtige Seligkeit muss die Erwartung der Zeit sein, wenn der wahre Liebhaber das Wiedergegebene so vorfinden wird wie das Verlorene – mit kostbaren Unterschieden: die Dinge, die nicht wie das wahre Selbst waren, vergangen oder vergehend; die Dinge, die am lieblichsten waren, immer noch lieblicher; das Wiedergegebene nicht bloß mehr als das Verlorene, sondern mehr die verlorene Person als er oder sie, die verloren war. Denn die Dinge, welche ihn oder sie zu dem machten, was er oder sie war, die Dinge, die sie als liebenswert auszeichneten, die Dinge, die der Person wesentlich waren, werden gegenwärtiger sein, weil mehr entfaltet.

   Ob der Herr hier im Besonderen an die um die Toten Trauernden dachte, wie ich denke, dass er tat, so beschränkt er das Wort des Trostes gewiss nicht auf sie oder wünscht, dass wir weniger glauben, als dass sein Vater vollkommenen Trost für jeden menschlichen Kummer hat. Es gibt solch elende Theologen, die, anstatt diese Worte in die gute Erde eines großzügigen Herzens zu empfangen, um hundertfach Wahrheit hervorzubringen, die Worte des Herrn so zertrennen und teilen, dass sie alles Leben aus ihnen nehmen, all ihre Herrlichkeit und Farbe aus ihnen quetschen in ihrer eigenen Unfähigkeit zu glauben und immer noch den toten Buchstaben der Worte akzeptiert haben wollen als den Trost eines Schöpfers für die wunden Herzen, die er in seinem eigenen Bilde schuf! Hier, „als wären sie Gottes Spione“, wollen einige von solchen uns erzählen, dass der Herr die Seligkeit derer verkündet, die wegen ihrer Sünden trauern und nur um diese. Welcher bloß aufrichtige Mensch würde ein Versprechen geben, welches insgesamt ein Aufschub ist, außer in einem unerwähnten Punkt! Sicherlich werden die, welche wegen ihrer Sünden trauern, herrlich getröstet werden, doch gewiss auch solche, die gebeugt sind durch irgendeine Trauer. Der Herr will uns wissen lassen, dass Kummer kein Teil des Lebens ist; dass er nur ein hindurchwehender Wind ist, um zu sichten und zu säubern. Wohin soll die Frau gehen, deren Kind am Rande des Todes steht oder welche der Ehemann ihrer Jugend verlassen hat, außer zu ihrem Vater im Himmel? Muss sie fernbleiben, bis sie sich selbst als trauernd über ihre Sünden weiß? Wie sollte diese Frau sich kümmern, von ihren Sünden befreit zu werden, wie könnte sie irgendeinen Trost annehmen, welche das Kind ihrer Brust für immer verloren glaubte? Würde der Herr solch eine voll Freuden sein lassen, fröhlichen Herzens, weil ihre Sünden ihr vergeben wurden? Würde solch eine Mutter eine Frau sein, von welcher der Retter der Menschen geboren worden wäre? Wenn eine Frau das Kind vergäße, das sie geboren und genährt hat, wie sollte sie des Vaters gedenken, von welchem sie selbst hergekommen ist? Der Herr kam, um die mit gebrochenem Herzen zu heilen; daher sagte er: „Selig sind die Trauernden.“ Hoffe auf Gott, Mutter, um das toteste deiner Kinder, selbst für dieses, welches in seinen Sünden starb. Du mögest lange zu warten haben auf es – doch es wird gefunden werden. Es mag sein, dass du selbst eines Tages ausgesandt sein wirst, um es zu suchen und zu finden. Setze deine Hoffnung auf keine Entschuldigung, die deine Liebe für es machen wollte, auch nicht auf irgendeine theologische oder priesterliche Spitzfindigkeit; hoffe auf ihn, welcher es erschuf und welcher es mehr liebt als du. Gott wird es besser entschulden als du und seine unverbindliche Gnade ist größer als die seiner Diener. Sollte nicht der Vater sein Bestes tun, um seinen verlorenen Sohn zu finden? Der Gute Hirte, um sein verlorenes Schaf zu finden? Die Engel in seiner Gegenwart kennen den Vater und schauen nach dem Verlorenen aus. Du sollst getröstet werden.

   Es gibt eine Phase unseres Trauerns um die Toten, welche ich nicht unbeachtet lassen möchte, indem ich sehe, dass sie der Schmerz im Schmerz all unseres Trauerns ist – der Kummer nämlich, mit seinen scharfen, wiederkehrenden Stichen wegen der Dinge, die wir gesagt oder getan haben oder unterlassen haben zu sagen oder zu tun, während wir mit dem Verschiedenen zusammen waren. Gerade das Leben, das sich selbst dem anderen geben wollte, schmerzt in dem Empfinden, dass es, zu dieser oder jener Zeit, nicht gegeben hat, was es sollte. Wir werfen uns selbst nieder zu ihren Füßen und rufen, Vergebt mir, Geliebte meines Herzens! Doch sie sind verblasst in der Entfernung und scheinen nicht zu hören. Es mag sein, dass sie in ähnlicher Agonie der Liebe nach uns verlangen, doch es besser wissen oder vielleicht nur sicherer sind als wir, dass wir zusammen getröstet werden sollen nach und nach.

   Bedenke bei dir, Bruder, Schwester, sage ich; bedenke bei dir den Glanz Gottes und antworte – Wäre er vollkommen, wenn in seiner Wiederherstellung aller Dinge keine Möglichkeit wäre, unsere bittere Trauer und unser Bedauern um die Vergangenheit zu klären? Kein Augenblick, in welchem wir schluchzen könnten – Schwester, Bruder, ich bin dein Knecht? Kein Raum, um Wiedergutmachung zu leisten? Zur gleichen Zeit, wenn der ersehnte Augenblick kommt, mag ein Blick in die Augen genug sein und wir werden den anderen ebenso erkennen wie Gott uns kennt. Wie die zurechtgelegten Worte des verlorenen Sohnes im Gleichnis kann es sein, dass die Worte unseres Bekenntnisses kaum Platz finden werden. Herz mag so zu Herz sprechen, auf dass sie vergessen, dass es je solche Dinge gab. Trauernder, hoffe auf Gott, und Trost, wo du kannst, und der Herr der Trauernden wird dazu in der Lage sein, dich umso eher zu trösten. Es mag gerade deine Ernsthaftigkeit mit dir selbst sein, die den Herrn bereits bewegt hat, deinen Teil auf sich zu nehmen.

   Solche, die den Verlust des Geliebten betrauern, solche, von welchen der Freund, der Bruder, der Geliebte sich abgewandt hat – was sollte ich ihnen zurufen? – Ihr auch sollt getröstet werden – harret nur darauf: Was auch immer für Selbstsucht die Liebe umwölkt, die den Verlust der Liebe betrauert, diese Selbstsucht muss aus ihr herausgenommen werden – aus ihr herausgebrannt werden, selbst durch extremen Schmerz, wenn solcher nötig ist. Durch die Ursache dessen in deiner Liebe, was keine Liebe war, mag dein Verlust hergekommen sein; trotzdem, wegen der Fehlerhaftigkeit deiner Liebe musst du leiden, auf dass sie erfüllt werde. Gott wird nicht, wie der ungerechte Richter, dich rächen, um der Anrufung, die ihn bedrängt, zu entfliehen. Keine Anrufung wird ihn dazu bringen, deine Selbstsucht zu trösten. Er wird dich nicht unfähig machen, wahrhaftig zu lieben. Er verachtet weder deine Liebe, obwohl sie mit Selbstsucht vermengt ist, noch dein Leiden, das aus beidem entspringt; er wird deine Selbstsucht von deiner Liebe entwirren und sie ins Feuer werfen. Seine Heilung für deine Selbstsucht und dein Leiden zugleich ist dazu da, dich mehr lieben zu lassen – und wahrhaftiger; nicht mit der Liebe zur Liebe, sondern mit der Liebe zu der Person, deren verlorene Liebe du betrauerst. Denn die Liebe zur Liebe ist die Liebe deiner selbst. Fange an zu lieben wie Gott liebt und deine Trauer wird sich lindern; doch wegen des Trostes warte Seine Zeit ab. Was er für dich tun wird, weiß er allein. Es mag sein, dass du niemals erkennen wirst, was er tun wird, sondern nur, was er getan hat: es war zu gut für dich, es zu erkennen, außer indem du es empfängst. In dem Augenblick, in welchem du dazu fähig bist, wird es dir gehören.

   Eine Sache ist deutlich in Bezug auf jede Sorge – dass der natürliche Umgang damit geradewegs zum Schoß des Vaters reicht. Der Vater ist Vater für seine Kinder, warum sonst machte er sich selbst zu ihrem Vater? Wolltest du nicht, Trauernder, lieber nach der einen ewigen Weise getröstet sein – das Kind durch den Vater – als in solch ärmlicher, zeitweiliger Art, die dich umso mehr deinem schlimmsten Feind ausgeliefert ließe, deinem eigenen unerlösten Selbst? Ein Feind, welcher nur diese eine gute Sache in sich hat – dass er dich immer zum Kummer bringen wird!

   Der Herr kam, um unsere Tränen abzuwischen. Er tut es; er wird es tun, sobald er es kann; und bis er es kann, wird er sie fließen lassen ohne Bitterkeit; zu welchem Zweck, sagt er uns, es eine selige Sache ist, zu trauern, wegen des Trostes, der bereits unterwegs ist. Nimm seinen Trost jetzt an und bereite dich so vor auf den Trost, der da ist. Er bereitet dich darauf vor, doch du musst Mitwirker sein mit ihm oder er wird es nie tun können. Er muss dich reinen Herzens haben, eifrig nach Gerechtigkeit, ein rechtes Kind seines Vaters im Himmel.