Absonderliche Gruseligkeiten – gruselige Absonderlichkeiten
Buchbesprechung zu:
„Sträters Gutenachtgeschichten“ Die gesammelten Horror-Storys
von Torsten Sträter
1. Auflage April 2021, Ullstein, 505 Seiten, Paperback

Ich bin der Anleitung des Titels gefolgt und habe in den letzten zwei Wochen vor dem Einschlafen je ein oder zwei der Kurzgeschichten dieses Kleinodes einer Gesamtausgabe des Wortakrobaten und Humoristen Sträter gelesen. Ob dies eine weise Entscheidung war, mag dahin gestellt bleiben – in jedem Fall hat es dazu geführt, dass ich die unterhaltsamsten Träume seit langer Zeit hatte. Gestern zum Beispiel. Da wohnte ich des Nachts einem Fototermin meines verstorbenen Großvaters bei, der sich vor wilden Fantasy-Postern ablichten ließ. Ich fürchte, die abgebildeten Gestalten wollten gerade lebendig werden, ehe der Wecker klingelte. Nun gut, ich habe mir das so ausgesucht. Danke, Herr Sträter.
Es sind 27 Storys, die sich recht gleichmäßig auf die gut 500 Seiten verteilen. Zwei Dinge bekommt man nicht. Es sind keine ausgedehnt verschachtelten Texte des typischen, blumig umschreibenden Sträter-Humors, wie man ihn mittlerweile hinlänglich aus YouTube-Videos und Fernseh-Aufzeichnungen kennt. Es ist auch keine Nobelpreis-würdige Literatur, die schlummernd darauf gewartet hat, dass man endlich ihren Glanz und Ruhm erkennt.
Aber: Es ist beste Unterhaltung! Es sind konsequent und gut erzählte Geschichten mit überraschenden Wendungen. Tatsächlich hat sich Torsten Sträter die Erzählweise von Stephen King zum Vorbild genommen (wie er selbst im Vorwort beschreibt) und den Texten merkt man an, dass hier gut gelernt wurde, wie man auf den Punkt kommt, den Leser überrumpeln kann, Unnötiges wegzustreichen ist und wie man überhaupt eine gute Story erzählt. Dabei fehlt es ganz und gar nicht an Originalität. Dass diese Geschichten in den 90ern geschrieben wurden, atmen sie fast durchgehend aus den Seiten, aber es verleiht ihnen auch einen gewissen Charme. Für Menschen, die in den 90ern bei vollem Bewusstsein waren, ein bisschen was für Stephen King übrighaben und empfänglich für bodenständigen Humor sind, ist das genau die richtige Nachtlektüre.
Man will Sträter, man bekommt Sträter. Wenn auch auf etwas andere Weise. Er schafft es, den ganz normalen Durchschnittstypen, der einfach nur irgendwie durch den Tag kommen will, seine Rechnungen zu bezahlen hat oder seinen Liebeskummer in Ruhe auskurieren möchte, in die absonderlichsten Situationen zu stürzen. In den meisten der Geschichten ist es der mittelalte, männliche Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive wir die Vorgänge erleben. Ja, der „weiße, alte Mann“ ist momentan nicht sehr in Mode. Ist mir persönlich jedoch egal. Ich bin kein Mann. Und genau deshalb reizt es mich, die Welt einmal aus anderen Augen zu betrachten. Das ist das „Spiel der Literatur“ wie es letztens Denis Scheck in einem seiner Beiträge in der ARD genannt hat. In die Haut und das Leben anderer schlüpfen, dabei feststellen, dass jeder Mensch im Grunde ein Normalo ist, der in dieser Welt durchzukommen versucht.
Die knorrige, alltags-abgebrühte Ruhrpottigkeit eines durchschnittlichen Typen, aufgebrochen durch Begegnungen mit Sträters eigenem Absurdistan. Wer hätte geahnt, dass der Türke Orhan hinter seinem Internet-Café eine Parallelwelt voller Wüstenkrieger findet? Oder der Kerl, der seinen Liebeskummer einfach nur weiter gemütlich in Mr. Daniels ertränken wollte, in der Tanke auf den einen oder anderen Zombie trifft? Wer weiß denn schon so genau, wie und warum der Struwwelpeter geschrieben wurde? Sträter gibt darauf seine eigene gruselige Antwort. Der moderne Fährmann ins Reich der Toten hat übrigens ein ziemlich schickes Auto. Und wer seinen Handy-Vertrag nicht bezahlt, muss mit der Bestrafung durch ein uraltes Dämonengeschlecht rechnen. Ein Werwolf zur Untermiete? Das geht. Verschollene Kurierfahrer, übermotivierte Geisterbahn-Mitarbeiter, Krieger der Apokalypse, kuriose Rituale geheimer Orden, ein unheimlicher Kühlschrank. Und so Vieles mehr. Es versteht sich von selbst, dass ich hier mehr als diese Schnipsel nicht verraten werde. Wer Absurdes liebt, kommt voll und ganz auf seine Kosten.
Sträter ist ein Mann der originellen Einfälle, dabei bleibt er sich treu, tritt nicht zu weit aus seiner Perspektive, hält sich an das, was er kennt und wohl selbst nachvollziehen kann. Die Alltagssituationen sind absolut glaubwürdig. Genau das macht die Begegnungen mit dem Unheimlichen so besonders. Es ist die größte Stärke dieser Kurzgeschichten: Sie sind in ihrer Unglaubwürdigkeit vollkommen glaubwürdig. Darum bringen sie auch öfter zum Schmunzeln als zum Gruseln. Und ja, der Mann kann tatsächlich schreiben.
505 Seiten pures Vergnügen. Klare Leseempfehlung nicht nur für Sträter-Fans.

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