Die Hoffnung des Evangeliums – von George MacDonald – Kapitel 9

Die Hoffnung des Evangeliums – George MacDonald

The Yoke of Jesus – Das Joch Jesu

   „Zu der Zeit fing Jesus an und sprach:“ – nach Lukas „Zu der Stunde freute sich Jesus im Heiligen Geist und rief:“ – „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn“ – nach Lukas „weiß, wer der Sohn ist“ – „als nur der Vater; und niemand kennt den Vater“ – nach Lukas „weiß, wer der Vater ist“ – „als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“ Matthäus 11, 25 – 27 / Lukas 10, 21 – 22

   „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Matthäus 11, 28 – 30

  

   Die Worte des Herrn im ersten der zwei Abschnitte werden sowohl durch Matthäus als auch Lukas beide dargestellt als nach der Anklage der Städte Chorazin, Bethsaida und Kapernaum gesprochen; nur in der Erzählung des Lukas wird zwischendurch die Rückkehr der Siebzig erwähnt; und dort scheint der Jubel des Herrn über die Offenbarung des Vaters von sich selbst den Unmündigen in Beziehung zu den Siebzig zu stehen. Die Tatsache, dass die Rückkehr der Siebzig nirgendwo anders erwähnt wird, lässt uns die Freiheit anzunehmen, dass die Worte tatsächlich zu dieser Gelegenheit gesprochen wurden. Die Umstände sind als Umstände nichtsdestotrotz von wenig Wichtigkeit für uns, nicht notwendig zum Verständnis der Worte.

   Der Herr erhebt keine Klage gegen die Weisen und Verständigen; er stellt nur fest, dass sie nicht jene sind, welchen der Vater seine besten Dinge offenbart; für diese Tatsache und ihre Gründe dankt oder preist er seinen Vater. „Ich preise deinen Willen: ich sehe, dass du im Recht bist: ich bin eines Sinnes mit dir“: etwas von jeder dieser Bedeutungsebenen scheint zu dem griechischen Wort zu gehören.

   „Doch warum nicht wahre Dinge zuerst den Weisen offenbaren? Sind sie nicht am geeignetsten, sie zu empfangen?“ Ja, wenn diese Dinge und ihre Weisheit auf demselben Gebiet liegen – anderweitig nicht. Kein Maß an Wissen oder Fähigkeit in den physischen Wissenschaften wird einen Menschen fähiger machen, eine metaphysische Frage zu debattieren; und die Weisheit dieser Welt, gemeint ist mit diesem Begriff die Philosophie der Klugheit, des Selbst-Erhalts, der Absicherung, macht einen Menschen im Besonderen ungeeignet zu empfangen, was der Vater zu offenbaren hat: im Verhältnis zu unserer Sorge um unser eigenes Wohlergehen steht unsere Unfähigkeit des Verständnisses und des Empfangens der Fürsorge des Vaters. Die Weisen und Klugen, mit all ihrer Kraft des Denkens, könnten die Dinge des Vaters niemals ausreichend sehen, um sie als wahr zu erkennen. Ihre Klugheit müht sich mit irdischen Dingen und füllt auf diese Weise ihren Geist mit ihren eigenen Fragen und Schlussfolgerungen, so dass sie die ewigen Fundamente nicht sehen können, die Gott im Menschen angelegt hat oder die daraus folgenden Notwendigkeiten ihrer eigenen Natur. Sie sind stolz darauf, Dinge herauszufinden, doch die Dinge, die sie herausfinden, sind alle geringer als sie selbst. Weil sie sie nichtsdestotrotz herausgefunden haben, bilden sie sich ein, dass solche Dinge das Ziel des menschlichen Intellekts sind. Wenn sie es zulassen, dass Dinge jenseits davon sein könnten, zählen sie sie entweder als jenseits ihrer Reichweite oder erklären sich selbst für daran uninteressiert: für die Weisen und Klugen existieren sie nicht. Sie mühen sich nur, durch die Sinne aufzunehmen und aus dem zu folgern, was sie so aufgenommen haben, das Vernünftige, das Wahrscheinliche, das Nützliche, das Abgesicherte. Sie denken niemals an das Wesentliche, an das, was in sich selbst sein muss. Sie sind vorsichtig, argwöhnisch, achtsam, überlegt, umsichtig, vorsorgend, abwartend. Sie haben keinen Enthusiasmus und scheuen vor jeder Form davon zurück – ein gescheites, hartes, hageres Volk, welches Dinge für das Universum hält und Liebe zu Fakten für Liebe zur Wahrheit. Sie kennen nichts Tieferes im Menschen als die bloße Oberfläche verstandesmäßiger Tatsachen und ihren Bezug aufeinander. Sie nehmen keine Form der Wahrheit wahr oder wenden sich von jeder Form der Wahrheit ab, welche der Intellekt nicht ausformulieren kann. Eifer für Gott wird sie niemals aufzehren: warum sollte er? Er ist nicht interessant für sie: Theologie mag es sein; für solche Menschen bedeutet Religion Theologie. Wie sollte der Schatz des Vaters offen für solche sein? In ihren Händen würden seine Rubine ihr Feuer in sich zurückziehen und aufhören zu funkeln. Die Rosen des Paradieses in ihren Gärten würden verwelken. Sie überschreiten niemals die Schwelle des Tempels; sie sind nicht sicher, ob es irgendein adytum [heiliger Innenraum eines Tempels, Priestern einer Religion vorbehalten] gibt und sie scheren sich nicht darum, hineinzugehen und zu schauen: in der Tat, warum sollten sie? Es wäre nur, um sich umzuwenden und wieder herauszutreten. Selbst wenn sie ihre Pflicht kennen, müssen sie sie in Stücke teilen und die Gründe ihrer Ansprüche untersuchen, ehe sie Gehorsam in Betracht ziehen. All diese bösen Lehren über Gott, die Elend und Wahn bewirken, haben ihren Ursprung in den Hirnen der Weisen und Klugen, nicht in den Herzen der Kinder. Diese Weisen und Klugen, sorgsam darauf bedacht, die Worte seiner Botschafter auf ihre eigenen Schlüsse sich reimen zu lassen, deuten das große Herz Gottes aus, nicht durch ihre eigenen Herzen, sondern durch ihren niederen Intellekt; und, den Gehorsam hinausschiebend, welcher allein Kraft geben kann zum Verständnis, drücken sie dem Sinn der Menschen ihre verdrehten Auslegungen des Willens des Vaters auf, anstatt diesen Willen auf ihrem Herzen zu tun. Sie nennen ihre Philosophie die Wahrheit Gottes und sagen, dass die Menschen sie halten sollen oder draußen stehen müssen. Sie sind die Sklaven des Buchstaben in all seiner Schwachheit und Unvollkommenheit, – und sie werden es sein, bis der Geist des Wortes, der Geist des Gehorsams sie freisetzen wird.

   Die Unmündigen müssen sich hüten, dass nicht die Weisen und Klugen zwischen sie und den Vater treten. Sie dürfen keinem Anspruch auf Autorität über ihren Glauben nachgeben, geschaffen durch Mensch oder Gemeinschaft, weder durch die Kirche noch die Synagoge. Das allein gilt für sie zu glauben, was der Herr ihren Seelen als wahr offenbart; das allein ist möglich für sie zu glauben, was für ihn als Glaube zählt. Das göttliche Objekt, zu welchem Lehrer oder Kirche existieren, ist die Überzeugung des einzelnen Herzens, zu Jesus zu kommen, dem Geist, um gelehrt zu werden, was er allein lehren kann.

   Schrecklich hat sein Evangelium gelitten in den Mündern der Weisen und Klugen: wie würde es ihm jetzt ergehen, wären seine ersten Botschaften Personen von Ansehen anvertraut worden anstatt jenen einfachen Fischern? Es wäre nirgendwo, oder, wenn es wäre, unerkennbar. Von Anfang an hätten wir ein System gehabt, das auf menschlicher Interpretation des Evangeliums gegründet wäre, anstatt des Evangeliums selbst, welches verschwunden wäre. Wie es steht, haben wir ein stumpfes, elendes menschliches System nach dem anderen gehabt, das seinen Platz einnahm; doch, Gott sei Dank, das Evangelium besteht! Das kleine Kind, nicht auf seine nachfolgende Wolke der Herrlichkeit achtend und ängstlich hineinschauend in eine unbekannte Welt, mag doch sehen und in die für die Kinder offenen Arme laufen. Wie oft ist nicht ein Symbol, das im Neuen Testament verwendet wird, in den Dienst eines Argumentes für das eine oder andere verachtungswürdige Schema der Erlösung gezwungen wurden, welche keine Erlösung waren; während die Wahrheit, um derentwillen das Symbol verwendet wurde, das Ding, das damit gemeint war es dadurch zu übertragen, unbeachtet neben dem Haufen Müll gelegen hat! Wären die Weisen und Klugen die Vertrauenspersonen Gottes gewesen, wiederhole ich, hätte der Buchstabe den Platz des Geistes sofort eingenommen; der dienende Sklave wäre über den Haushalt gesetzt wurden; ein System der Religion mit seinem hinfälligen, übelriechenden Plan der Rettung wäre nicht nur sofort an den Platz eines lebendigen Christus gesetzt worden, sondern hätte diesen Platz auch gehalten. Der große Bruder, der menschliche Gott, der ewige Sohn, der Lebendige wäre so völlig vor den tränenden Augen und wunden Herzen der Mühseligen und Beladenen verborgen worden, als wäre er niemals aus den Tiefen der Liebe hervorgekommen, um die Kinder nach Hause zu rufen aus den Schatten eines von sich selbst heimgesuchten Universums. Doch der Vater offenbarte die Dinge des Vaters seinen Kleinen; die Kleinen liebten sie und begannen sie zu tun und sie dadurch zu verstehen und fuhren fort zu wachsen in der Erkenntnis von ihnen und in der Kraft, sie zu vermitteln; während den Weisen und Klugen die tiefsten Worte des kindlichsten von ihnen allen, Johannes Boanerges, selbst jetzt nur als ein abgegriffener Rosenkranz der Plattitüden erscheinen. Das kleine Kind versteht die Weisen und Klugen, doch es wird nur verstanden durch die kleinen Kinder.

   Der Vater also offenbarte diese Dinge den Unmündigen, weil die Unmündigen seine eigenen kleinen Kindlein waren, unverdorben durch die Weisheit oder Sorge dieser Welt und daher fähig, ihn zu empfangen. Die anderen, obwohl seine Kinder, hatten nicht begonnen, wie er zu sein, konnten sie daher nicht empfangen. Die Dinge des Vaters hätten auf keine Weise in ihren Sinn gelangen können ohne all ihren Wert, all ihren Geist außerhalb des unkindhaften Ortes zu lassen. Die Unmündigen sind nahe genug dem, woher sie kommen, um ein wenig zu verstehen, wie die Dinge in der Gegenwart ihres Vaters im Himmel ablaufen und dadurch die Worte des Sohnes auszulegen. Das Kind, welches noch nicht „ein oder zwei Meilen weit über“ seine „erste Liebe“ hinausgelaufen ist, ist nicht außer Reichweite des Sinnes des Vaters. Eilig wird es die alten Bande besiegeln, wenn der Sohn selbst, das erste der Kinder, das eine vollkommene Kind von Gott, kommt, um die Kinder aus den lieblichen „Schatten der Ewigkeit“ zu leiten in das Land des „weißen himmlischen Denkens.“ Wie Gott der eine, einzig wahre Vater ist, so ist es nur in Bezug auf Gott, dass einer ein vollkommenes Kind sein kann. Nur in seinem Garten kann Kindschaft blühen.

   Der Anführer der großen Abordnung der kleinen Kindlein, er selbst, Kraft seiner erstgeborenen Kindschaft, der erste Empfänger der Offenbarungen seines Vaters, nachdem er solcherart Dank dargebracht und gesagt hat, warum er Dank gibt, bricht wiederum aus, erneuernd den Ausdruck der Wonne, dass Gott es solcherart gewollt hat: „Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.“ Ich wage zu übersetzen: „Ja, Oh Vater, in solcher Weise wurde Wohlgefallen vor dir erbracht!“ und denke, er meint: „Ja, Vater, denn daraufhin wurden alle deine Engel erfüllt mit Wohlgefallen.“ Die Unmündigen waren die Propheten im Himmel und die Engel waren glücklich zu sehen, dass es so auch auf Erden war; sie jubelten, weil sie sahen, dass, was gebunden war im Himmel, auch auf Erden gebunden war; dass dasselbe Prinzip in beiden Bereichen galt. Vergleicht Matthäus 18, 10 und 14, auch Lukas 15, 10. „Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel. … So ist´s auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel,“ – unter den Engeln, welche vor ihm stehen, denke ich, dass er meint – „dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.“ „So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“

   Als er auf diese Weise seinem Vater gedankt hat, dass er nach seinem eigenen „guten und wohlgefälligen und vollkommenen Willen“ gehandelt hat, wendet er sich an seine Jünger und sagt ihnen, dass er den Vater kennt, weil er sein Sohn ist, und dass nur er den Vater den Übrigen seiner Kinder offenbaren kann: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“ Es ist fast so, als wenn seine Erwähnung der Kleinen seine Gedanken zu sich selbst und dem Vater zurückgebracht hat, zwischen welchen das Geheimnis allen Lebens und aller Sendung lag – ja, allen Liebens. Die Beziehung des Vaters und des Sohnes enthält die Idee des Universums. Jesus sagt seinen Jüngern, dass sein Vater keine Geheimnisse vor ihm hätte; dass er den Vater kennt, wie der Vater ihn kennt. Der Sohn muss den Vater kennen; er nur konnte ihn kennen – und ihn kennend, konnte er ihn offenbaren; der Sohn konnte die anderen, die unvollkommenen Kinder den Vater erkennen lassen, und sie so werden lassen wie ihn. Alle Dinge waren ihm vom Vater übergeben worden, weil er der Sohn des Vaters war: aus demselben Grund konnte er die Dinge des Vaters dem Kind des Vaters offenbaren. Die Kind-Beziehung ist die eine ewige, immer fortdauernde, sich niemals wandelnde Beziehung.

   Beachte, dass, während der Herr hier das Wissen, das sein Vater und er voneinander haben, als beschränkt auf sie selbst darstellt, sagt es nur etwas über die Tatsache aus, nicht über Plan oder Absicht: seine Gegenwart in der Welt ist zur Entfernung dieser Begrenzung. Der Vater kennt den Sohn und sendet ihn zu uns, damit wir ihn kennen sollen; der Sohn kennt den Vater und stirbt, um ihn zu offenbaren. Die Herrlichkeit von Gottes Geheimnissen ist – dass sie für seine Kinder da sind, um in sie hineinzuschauen.

   Als der Herr das kleine Kind in die Gegenwart seiner Jünger nahm und es zu seinem Repräsentanten erklärte, machte er es auch zum Repräsentanten seines Vaters; doch das ewige Kind allein kann ihn offenbaren. Zu offenbaren bedeutet unermesslich viel mehr als zu repräsentieren; es bedeutet, den Augen darzustellen, die die Wahrheit erkennen, wenn sie sie sehen. Jesus repräsentierte Gott; der Geist Jesu offenbart Gott. Den repräsentierten Gott mag ein Mensch ablehnen; viele lehnten den Herrn ab; den offenbarten Gott kann niemand ablehnen; Gott zu sehen und ihn zu lieben ist eins. Er kann nur dem Kind offenbart werden; vollkommen nur dem reinen Kind. Alle Züchtigung der Welt dient dazu, Menschen zu Kindern zu machen, dass Gott ihnen offenbart werden möge.

   Kein Mensch, wenn er zuerst zu sich selbst kommt, kann irgendein wahres Wissen von Gott haben; er kann nur ein Verlangen nach solchem Wissen haben. Doch während er ihn überhaupt nicht kennt, kann er in seinem Herzen nicht Gottes Kind werden; so muss der Vater ihn näher zu sich ziehen. Er sendet daher seinen Erstgeborenen, welcher ihn kennt, genau wie er ist und ihn vollkommen repräsentieren kann. Zu ihm hingezogen, empfangen ihn die Kinder und dann ist er dazu in der Lage, ihnen den Vater zu offenbaren. Keine Weisheit der Weisen kann Gott herausfinden; keine Worte des Gott-Liebenden können ihn offenbaren. Die Einfachheit der ganzen natürlichen Beziehung ist zu tief für den Philosophen. Der Sohn allein kann Gott offenbaren; das Kind allein kann ihn verstehen. Der ältere Bruder stellt sich dem jüngeren Bruder zur Seite und macht ihn noch mehr zu einem Kind wie sich selbst. Er durchdringt seinen willigen Gefährten mit seiner gehorsamen Herrlichkeit. Er lässt ihn sehen, wie er sich in seinem Vater freut und lässt ihn wissen, dass Gott auch sein Vater ist. Er weckt in seinem kleinen Bruder den Sinn für den Willen ihres Vaters; und der Jüngere, wie er hört und gehorcht, fängt an zu sehen, dass sein älterer Bruder das eigentliche Inbild ihres Vaters sein muss. Er wird mehr und mehr zu einem Kind und mehr und mehr offenbart der Sohn ihm den Vater. Denn er weiß, dass, den Vater zu kennen, die einzig notwendige Sache für jedes Kind des Vaters ist, die eine Sache, um den göttlichen Graben seiner Bedürftigkeit zu füllen. Den Vater zu sehen ist der Ruf jedes kindlichen Herzens im Universum des Vaters – ist das Bedürfnis, wo es nicht das Rufen ist, jeder lebenden Seele. Tröstet also euch selbst, Brüder und Schwestern; er, welchem der Sohn ihn offenbaren will, wird den Vater erkennen; und der Sohn kam zu uns, dass er ihn offenbare. „Ewiger Bruder“, rufen wir, „Zeig uns den Vater. Sei du selbst bei uns, dass wir ihn in dir erkennen mögen. Auch wir sind seine Kinder: lass die anderen Kinder teilhaben mit dir an den Dingen des Vaters.“

   Nachdem er zuerst zu seinem Vater gesprochen hat und nun zu seinen Jüngern, wendet sich der Herr an die ganze Welt und lässt sein Herz überfließen: – Matthäus allein hat für uns den ewigen Ruf bewahrt: – „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ – „Ich kenne den Vater; kommt also zu mir, all ihr Mühseligen und Beladenen.“ Er ruft hier nicht jene, welche den Vater kennen wollen; sein Ruf geht weit über sie hinaus; er reicht zu den Enden der Erde. Er ruft jene, welche erschöpft sind; jene, welche nicht wissen, dass Unwissenheit über den Vater die Ursache ist von all ihrem Mühen und der Beschwernis ihrer Lasten. „Kommt zu mir“, sagt er, „und ich werde euch Ruhe geben.“

   Dies ist des Herrn eigene Form seines Evangeliums, sehr viel persönlicher und direkter, zu gleicher Zeit von weitreichenderer Einbeziehung als das, welches er in Nazareth aus Jesaja entnahm; sich von diesem auch darin unterscheidend, dass es durchdrungen ist mit der stärksten Überredung für die Bekümmerten, einzutreten und an seiner eigenen ewigen Ruhe teilzuhaben. Ich werde sein Argument ein wenig wenden. „Ich habe Ruhe, weil ich den Vater kenne. Seid sanftmütig und von Herzen demütig gegen ihn wie ich es bin; lasst ihn sein Joch auf euch legen, wie er es auf mich legt. Ich tue seinen Willen, nicht meinen eigenen. Nehmt auf euch das Joch, das ich trage; seid sein Kind wie ich; werdet ein Kleines, welchem er seine Wunder offenbaren kann. Dann werdet auch ihr Ruhe finden für eure Seelen; ihr werdet denselben Frieden haben, den ich habe; ihr werden nicht mehr mühselig und beladen sein. Ich finde mein Joch sanft und meine Last leicht.“

   Wir dürfen uns nicht einbilden, dass, wenn der Herr sagt „Nehmt mein Joch auf euch.“, er ein Joch meint, welches er auf jene legt, die zu ihm kommen; „mein Joch“ ist das Joch, das er selbst trägt, das Joch, das sein Vater auf ihn legt, das Joch, aus welchem heraus er im selben Augenblick spricht, es mit fröhlicher Geduld tragend. „Ihr müsst auf euch nehmen das Joch, das ich aufgenommen habe: der Vater legt es auf uns.“

   Das Beste des guten Weines bleibt; ich habe es bis zum Schluss aufgehoben. Ein Freund hat mir aufgezeigt, dass der Meister nicht meint, wir müssen ein Joch wie das seine auf uns nehmen; wir müssen genau das Joch auf uns nehmen, das er trägt.

   Dante, der beschreibt, wie er auf der ersten Ebene des Purgatoriums gebeugt geht, um auf einer Höhe mit Oderisi zu sein, welcher bis zum Grund gebeugt ging durch die massive Last des Stolzes, dem er auf Erden anhing, sagt – „Ich ging mit dieser schwer-beladenen Seele, gerade wie Ochsen gehen im Joch“: dieses Bild kommt mir fast immer mit den Worten des Herrn in den Sinn „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir.“ Ihre Absicht ist „Nimm das andere Ende meines Joches, tuend wie ich tue, seiend wie ich bin.“ Denk einen Augenblick darüber nach: – im selben Joch zu gehen mit dem Sohn des Menschen, dieselbe Arbeit mit ihm tuend, und dasselbe Empfinden ihm und uns gemeinsam habend! Dies und nichts anderes wird dem Menschen angeboten, welcher Ruhe haben wollte für seine Seele; wird von dem Menschen verlangt, welcher den Vater kennen wollte; wird durch den Herrn auf ihn gelegt, welchem er denselben Frieden geben wollte, der sein eigenes ewiges Herz durchdringt und hält.

   Doch ein Joch ist wegen des Ziehens da: welche Last ist es, die der Herr zieht? Womit ist der Karren beladen, welchen er uns ihm ziehen helfen lassen will? Womit außer dem Willen des ewigen, des vollkommenen Vaters? Wie sollte der Vater den Sohn ehren außer, indem er ihm seinen Willen gibt, ihn in der Tat zu verkörpern, indem er ihn zur Hand seines Vaterherzens macht! – und das Schwerste von allem, seine Kinder nach Hause zu bringen! Besonders am Ziehen dieser Ladung muss sein Joch-Gefährte teilhaben. Wie sie zu ziehen ist, muss er von ihm lernen, welcher an seiner Seite zieht.

   Wer immer, in der allgemeinsten Pflicht, die ihm zufällt, tut, wie der Vater ihn tun haben wollte, trägt sein Joch mit Jesus; und der Vater nimmt seine Hilfe zur Erlösung der Welt – zur Befreiung der Menschen von der Versklavung ihrer eigenen Müll-beladenen Wagen, in die Freiheit von Gottes Gefolgsleuten. Dasselbe Joch mit Jesus tragend, lernt der Mensch zu gehen Schritt für Schritt mit ihm, ziehend, ziehend den Karren, beladen mit dem Willen des Vaters der beiden und jubelnd mit der Freude Jesu. Die Herrlichkeit der Existenz ist, ihre Last aufzunehmen und für die ewige und erste Existenz zu existieren – für den Vater, welcher sein göttlich und vollkommen Bestes tut, um uns sein fröhliches Leben zu vermitteln, uns zu Teilhabern der Natur zu machen, welche Wonne ist und der Arbeit, welche Frieden ist. Er lebt für uns; wir müssen für ihn leben. Die kleinen Kindlein müssen ihren vollen Anteil an dem großen Werk des Vaters nehmen: sein Werk ist die Angelegenheit der Familie.

   Schreckt deine Seele zurück, erbebt dein Hirn bei dem Gedanken an solche Last wie den Willen des ewig schöpfenden, ewig rettenden Gottes? „Wie soll der sterbliche Mensch in solch einem Joche gehen?“, fragst du, „Selbst mit dem Sohn Gottes, der mit ihm trägt?“

   Ja, Bruder, Schwester, es ist die einzig die tragbare Last – die einzige Last, die vom Sterblichen getragen werden kann! Unter jeder anderen, der leichtesten, muss er zuletzt ausgelaugt niedersinken, seine Seele ergraut von Krankheit!

   Er, auf welchem die andere Hälfte der Last Gottes liegt, das Gewicht seiner Schöpfung, die zu erlösen ist, sagt: „Das Joch, das ich trage, ist sanft; die Last, die ich ziehe, ist leicht.“ Und dies sagte er, den Tod kennend, den er sterben würde. Das Joch scheuerte nicht seinen Nacken, die Last überspannte nicht seine Sehnen, auch schreckte ihn das Ziel auf Golgatha nicht vom geraden Wege dorthin ab. Er hatte den Willen seines Vaters zu tun und dieser Wille war sowohl seine Kraft als auch seine Freude. Er hatte denselben Willen wie sein Vater. Für ihn war die eine Sache, für die es wert war zu leben, der Anteil am Werk, das der Vater in seiner Liebe ihm gab. Er liebte seinen Vater selbst bis zum Tod am Kreuz und ewig darüber hinaus.

   Wenn wir uns selbst dem Vater übergeben, wie der Sohn sich selbst gab, werden wir unser Joch nicht nur sanft finden und unsere Last leicht, sondern, dass sie Sanftheit und Leichtigkeit vermitteln; sie werden uns nicht nur nicht erschöpfen, sondern sie werden uns Ruhe geben von aller anderen Erschöpfung. Lasst uns nicht einen Augenblick verschwenden, indem wir fragen, wie das sein kann; der einzige Weg, das zu wissen, ist, das Joch auf uns zu nehmen. Diese Ruhe ist ein Geheimnis für jedes Herz, es zu kennen, für keine Zunge, es auszusprechen. Nur indem wir sie haben, können wir sie kennen. Wenn es unmöglich erscheint, das Joch auf uns zu nehmen, lasst uns das Unmögliche in Angriff nehmen; lasst uns Hand an das Joch legen und unsere Köpfe beugen und versuchen, unsere Nacken unter es zu bekommen. Wenn wir unserem Vater die Möglichkeit geben, wird er uns helfen und uns nicht enttäuschen. Er hilft uns in jedem Augenblick, wenn wir am wenigsten denken, dass wir seine Hilfe benötigen; wenn wir am meisten denken, dass wir sie benötigen, dann mögen wir am kühnsten, so wie wir es am ernsthaftesten müssen, danach rufen. Was oder wieviel seine Geschöpfe tun oder tragen können, versteht nur Gott; doch wenn es am unmöglichsten erscheint zu tun oder zu tragen, sollten wir am sichersten sein, dass er weder zu viel verlangen wird noch uns versäumen wird mit der lebendigen Schöpfer-Hilfe. Diese Hilfe wird da sein, wenn benötigt – das heißt, in dem Augenblick, wo sie helfen kann. Dazu in der Lage zu sein, uns im Vorhinein vorzustellen, zu tun oder zu tragen, haben wir weder Anspruch noch Bedarf.

   Es ist müßig zu denken, dass man irgendeine Erschöpfung, wie auch immer verursacht, irgendeine Last, wie leicht auch immer, auf andere Weise loswerden kann als, indem man den Nacken unter das Joch des Willens des Vaters beugt. Es kann keine andere Ruhe geben für das Herz und die Seele als die, die er erschaffen hat. Von jeder Last, von jeder Furcht, von jeder Scham oder jedem Verlust, auch dem Verlust der Liebe selbst, wird uns dieses Joch freisetzen.

   Diese Worte des Herrn – so viele wie bei Matthäus und Lukas gemeinsam berichtet sind, nämlich seine Danksagung und seine Aussage in Bezug auf das gegenseitige Kennen seines Vaters und von ihm selbst, begegnen mir wie ein wohlbekanntes Gesicht unerwartet angetroffen: sie kommen mir vor wie ein Stück himmlischen Brotes, abgeschnitten vom Evangelium nach Johannes. Die Worte sind nicht in diesem Evangelium und in Matthäus und Lukas gibt es nicht mehr von dieser Art – in Markus keines wie sie. Der Abschnitt scheint mir nur eine einzelne Blüte, die Zeugnis ist für die Gegenwart derselben Wurzel des Denkens und Empfindens in den Evangelien nach Matthäus und Lukas, welche in dem nach Johannes überall blüht. Es sieht so aus, als wäre es aus dem vierten Evangelium hinausgekrabbelt in das erste und dritte und scheint ein wahres Zeichen zu sein, obwohl kein Beweis, dass, wie wenig auch das vierte ist wie die anderen Evangelien, sie alle denselben Ursprung haben. Irgendein Jünger war dazu in der Lage, ein solches Wort zu erinnern, von welchen der versprochene Tröster viele dem Johannes zur Erinnerung gebracht hat. Ich sehe nicht, wie die mehr gegenständlichen Evangelien jemals zu verstehen sein sollen außer durch eine richtige Auffassung der Beziehung, in welcher der Herr zu seinem Vater steht, welche Beziehung der Hauptgegenstand des Evangeliums nach Johannes ist.

   Was den liebenden Ruf des großen Bruders an die ganze erschöpfte Welt betrifft, welchen einzig Matthäus niedergeschrieben hat, scheine ich einer gewissen unbeschreiblichen Einzigartigkeit in seinem Ton gewahr zu sein, ihn von all seinen anderen berichteten Aussagen unterscheidend.

   Jene, welche auf den Ruf des Herrn hin kommen und die Ruhe nehmen, die er ihnen anbietet, von ihm lernend und tragend das Joch des Vaters, sind das Salz der Erde und das Licht der Welt.