Bis wir ein Gesicht haben

Bis wir ein Gesicht haben

Buchbesprechung zu:

„Till We Have Faces“

(Auf deutsch erschienen unter dem Titel: Du selbst bist die Antwort)

Von C. S. Lewis (erstmals veröffentlicht 1956)

Diese Ausgabe: A Harvest Book, Harcourt, Inc., Taschenbuch, 313 Seiten

Zum zweiten Mal habe ich dieses Buch gelesen. In diesem Jahr kam ich damit am 23. April zu Ende. Es ist das zivile Hochzeitsdatum von C. S. Lewis und Joy Davidman. Dank sei Facebook und seinen vielen Fan-Seiten, die mich daran erinnerten. Gibt es ein passenderes Datum für dieses Buch, das Davidman von Lewis gewidmet wurde, um es gebührend zu feiern? Man könnte es als fantastischen Liebesbrief eines gebildeten und belesenen Mannes an seine ebenso intelligente und scharfsinnige Frau lesen. Geht es doch um den Liebes-Mythos schlechthin – die Begegnung von Amor und Psyche. Eine Prinzessin, die vom Gott der Liebe selbst geliebt wird und diese Liebe erwidert. Und nach allen Prüfungen und Kämpfen wird aus dieser Liebe eine Tochter geboren, die sie „Freude“ nennen. Joy. Wie passend. Wenn die Seele von der Liebe geküsst wird, gebiert sie Freude. Ein Archetyp, ein Mythos, eine simple Seelen-Weisheit.

   Und doch ist dieses Buch hier viel mehr. Der Geschichte zu Grunde liegt – wie von Lewis selbst in einer kurzen Nachbemerkung geschildert – die Erzählung von Lucius Apuleius Platonicus in den Metamorphosen.*[für diejenigen, denen die Original-Geschichte unbekannt ist, wird sie unter diesem Beitrag kurz zusammengefasst] Steht bei ihm die wunderschöne Psyche im Mittelpunkt und die beiden eifersüchtigen Schwestern sterben einen strafenden Tod, so verrückt Lewis die Perspektive und legt den Fokus auf die älteste der drei Schwestern. In seiner Version nennt er sie Orual und sie hat im Gegensatz zu Psyche, hier Istra genannt, ein sehr hässliches Gesicht. Worin genau diese Hässlichkeit besteht, wird im Laufe der Geschichte nicht genau beschrieben. Darin liegt eine der Stärken des Buches. Die Schilderungen sind bildreich, aber teilweise archaisch verknappt und lassen der Vorstellung weiten Raum. In den meisten Inhaltsangaben zu diesem Titel von Lewis wird behauptet, er versetzt die Erzählung in ein altertümliches, „vorchristliches“ Land. Es trifft den Kern der Geschichte jedoch genauer, wenn man dem Text des Buches selbst folgt, denn darin ist die Rede von einem Land, in dem „vorgriechische“ Verhältnisse herrschen. Bei allem Gerede um einen christlichen Westen vergessen wir, wer die grausamen Götter zuerst gebannt hat. Es waren die Griechen, die ihnen all die menschlichen Eigenschaften zusprachen, sie dann genau deshalb verspotteten und sich schließlich dem Innersten des Menschen und der Welt zuwandten. Ihre Philosophie schaffte es, einen „unbekannten Gott“ zu ersinnen, auf den Paulus in seiner Rede auf dem Areopag hinweist. Es ist dieser Bogen, den Lewis in seinem Text spannt.

   Das Buch kommt daher als die am Ende ihres Lebens von ihr selbst niedergeschriebene Geschichte von Orual, der Königin des Barbarenreiches Glome. Sie bezeichnet ihre in Griechisch abgefassten Zeilen als Anklage gegen die Götter, die sie ungerecht behandelt und ihr die Liebe verweigert haben. Die Liebe, die sie einst hatte, wurde ihr durch die Götter entrissen. Namentlich die Liebe ihrer jüngsten Schwester Psyche. Zunächst gab es nur die Schwestern Orual und Redival. Nach dem Tod der Mutter heiratet der König die Prinzessin eines benachbarten Landes, um doch noch einen männlichen Erben zu zeugen. Diese Mutter stirbt im Kindbett und hinterlässt wieder nur eine kleine Tochter. Ein Kind, das innerlich und äußerlich vollkommen ist. Die kleine Istra wird fortan die große Liebe ihrer älteren Schwester Orual. Gemeinsam werden die drei Töchter von einem griechischen Sklaven aufgezogen und in aller Weisheit der Griechen unterrichtet. Der König hatte ihn eigentlich erworben, um den zukünftigen Erben zu lehren, der nun ausbleibt. In seinem Zorn und Desinteresse an den Töchtern überlässt er sie und den Sklaven sich selbst. Immerhin kann er die Fähigkeiten des Gelehrten noch verwenden, indem er ihn als Ratgeber behält. Bald geht Redival ihre eigenen Wege. Gelehrsamkeit interessiert sie nicht. Ihr steht eher der Sinn nach den jungen Männern. So werden „Großvater“ – wie sie den Sklaven nennen –, Orual und Istra bald unzertrennlich.

   Das Königsgeschlecht gilt als von den Göttern abstammend und Istras (oder Psyches) Schönheit lässt das einfache Volk daran glauben, dass ihre Gegenwart und Berührung Heilung und Segen bringt. Es ist schließlich eine Mischung aus Volkszorn wegen unerfüllter Hoffnungen, Missernten, Hunger, grassierendem Fieber und der Eifersucht von Redival auf ihre Schwester Istra, die das Unglück heraufbeschwört.

   Ungit, die von Glome verehrte Göttin der Fruchtbarkeit, fordert ihre eigene Art der Verehrung. Sie ist das barbarische Urbild der griechischen Venus. Ihre Heiligkeit ist nicht Symbol und Schönheit, sie riecht noch nach dem Blut und verbranntem Fett der Opfer. Und sie fordert unaufhörlich Opfer, um Fruchtbarkeit zu geben. Ihre göttliche Liebe ist verschlingend und verzehrend, ehe sie gibt. Es ist Redival, die Istra an den Priester verrät. Ja, die Götter sind eifersüchtig, weil die Menschen dieses schöne Kind verehren. Darum drohen Hunger, Seuche und Krieg. Nur die Opferung von Psyche kann das Elend des Volkes nach drei Dürrejahren beenden. Der König, ein roher Mensch natürlicher Grausamkeit, aber immerhin aufrichtig darin, verweigert sich zunächst tobend, doch er muss nachgeben und es fällt ihm gar nicht so schwer, die ihm fremde Tochter herzugeben.

   Es ist der geheimnisvolle Gott des grauen Berges, der Psyche zugleich als Beute und als Braut verlangt, indem sie dort an einen toten Baum gefesselt zurückgelassen wird. Sie soll vom „Schattenbiest“ verschlungen werden, dem Sohn der Göttin Ungit. Wie kann eine Gottheit zugleich verzehrend und gebend sein? Dies ist eines der großen in diesem Buch angedeuteten Geheimnisse.

   Vergeblich suchen Orual und der Grieche die Opferung zu verhindern. Es geschieht und danach wendet sich tatsächlich das Geschick des Landes. Wind kommt auf und bringt Regen. Es ist, als hätte der König damit seine anderen beiden Töchter noch mehr vergessen. Orual gelingt es nach einigen Tagen mit Hilfe des jungen Kriegers Bardia heimlich zum Berg aufzubrechen, um dort die Überreste ihrer geliebten Schwester zu finden und anständig zu bestatten. Orual konnte keine Iphigenie sein [sich selbst opfern und Psyche retten], sie will wenigstens eine Antigone sein [gegen Gesetz und Befehl der Schwester eine Bestattung geben], so sagt sie. Sie muss feststellen, dass Psyche ihre Opferung auf wundersame Weise überlebt hat und wild in einem fruchtbaren Tal jenseits des Flusses lebt.

   An diesem Punkt vermischt sich in der Geschichte die historisch anmutende Erzählung mit den fantastischen Elementen. Psyche berichtet von ihrer wunderbaren Rettung durch einen Wind, der sie ins Tal getragen hätte, von ihrem Ehemann, der des nachts zu ihr kommt und ein Gott ist, von ihrem Schloss. In der ursprünglichen Geschichte sehen die beiden Schwestern die Reichtümer und werden eifersüchtig. Lewis wendet hier einen Kniff an, um der Geschichte tiefere Bedeutung zu verleihen. Orual sieht keinen Palast und erblickt Psyche zwar glücklich, gesund und schöner als je zuvor, doch sonnengebräunt und in Lumpen. Sie muss annehmen, dass ihre Schwester den Verstand verloren hat. Doch etwas stimmt nicht an dem Bild. Psyche wirkt klar und aufrichtig. Sie spricht erkennbar die Wahrheit.

   Dennoch versucht Orual sie zumindest davon zu überzeugen, dass ihr göttlicher Mann vielleicht doch das hässliche „Schattenbiest“ sein könnte oder ein gewöhnlicher Mann, der ihr etwas vormacht. Obwohl Psyche bei ihrer Überzeugung bleibt, muss sie ihrer Schwester doch versprechen, das Licht aus ihrer Hand zu nehmen und damit ihren schlafenden Mann auszuleuchten, wenn sie nicht will, dass Orual, sich selbst tötet. Orual beobachtet das Aufleuchten in der Nacht vom anderen Ufer des Flusses aus. Ein Schrei ertönt, eine göttliche Stimme spricht, ein gewaltiges Unwetter bricht los. Am nächsten Tag ist das Tal verwüstet und Psyche fort. Orual sieht sie nie wieder.

   Davon, wie genau sie ihre Schwester Psyche durch deren Liebe zu Orual gezwungen hat, berichtet sie bei ihrer Rückkehr in den väterlichen Palast niemandem. Sieh ahnt, dass es ihr Zorn darauf ist, dass Psyche dazu in der Lage war, jemand anderen mehr zu lieben als ihre ältere Schwester Orual, der sie dazu trieb. So wie sie dieses Geheimnis in sich verschließt, trägt sie fortan entgegen der Sitte des Landes einen Schleier, um ihr hässliches Gesicht zu verbergen. Sie selbst wird zum Mythos. Zur neuen Königin, als der Vater stirbt. Zur Kriegerin. Zur Erneurin ihres Landes im griechischen Geist, der auch die grausame Ungit bezähmt. Unermüdlich arbeitet sie und begräbt so die alte Orual und die Liebe zu Psyche in sich.

   Im zweiten, wesentlich kürzeren Teil des Buches legt die alte Königin, da sie weiß, ihr bleibt nicht mehr viel Lebenszeit, eine Art Lebensbeichte ab. Visionen suchen sie heim, in denen sich ihr Bewusstsein zeitweise auflöst. Mal ist sie die alte Orual, mal sie als alte Königin, mal ist sie Psyche, mal ist sie die Göttin Ungit, mal das Schattenbiest.

   Sie lernt, dass ihre Liebe zu Psyche und dem Griechen und dem Krieger Bardia nicht die königinnenhafte Liebe war, wie sie es sich ein Leben lang eingeredet hat. Ihre Liebe ist wie die von Ungit gewesen, wie die des Schattenbiestes. In ihrer Gier danach, selbst geliebt zu werden, hat sie die Menschen, die sie lieben sollte und wollte, verschlungen. Sie hat die Lebenskraft ihrer treuen Berater mit Mühen und Arbeit aufgesogen. Sie hat ihre Schwester Redival abgelehnt und sich Psyche zugewandt und damit die Eifersucht Redivals und ihren Verrat an Psyche mitverursacht. Sie hat Psyche mit der Liebe, die sie für Orual empfand, zerstört. Sie erkennt ihr wahres Gesicht. Und indem sie dieses Gesicht erkennt, erfährt sie, dass sie nicht nur Orual oder Ungit ist. Sie ist auch Psyche und soll Psyche sein. Geliebt. Nur wenn sie ihr wahres Gesicht zeigt, können die Götter auch ihr wahres Gesicht zeigen, kann der geheimnisvolle Gott des grauen Berges, auf den sie ein Leben lang zornig war, ihr begegnen. Er gibt keine Antwort. Er ist die Antwort.

   Das Buch endet mitten im Satz als Orual stirbt und mit einem fiktiven Nachtrag des neuen Priesters der Ungit, der die Schrift aufbewahrt, bis jemand sie mitnimmt und nach Griechenland bringen möge.

   In meiner kurzen Nacherzählung des Buches habe ich viele Details ausgelassen. Das Buch hat eine enorme Dichte. Man findet hier in belletristischer Form das, was Lewis in seinem Buch über die vier Arten der Liebe ausgeführt hat. Es ist in gewisser Hinsicht eine Art Zusammenführung dessen, was er in vielen anderen Schriften über das Wesen der Gottheit und der göttlichen Liebe für sich erfasst hat. Im Zentrum steht die sich selbst zum Wohl anderer aufopfernde Liebe. Die Fesselung der Psyche als williges Opfer an den Baum erinnert nicht umsonst an das Opfer Jesu am Holz des Kreuzes. Wie Psyche in dieser Geschichte bereit war zum Wohl ihres Volkes zu sterben, so heißt es das auch von Jesus in den Überlieferungen der Evangelien. Doch in dieser Art der Liebe und des Opfers steckt noch viel mehr. Die hässliche Orual ist ebenso eine Psyche, die sich zum Wohl des Volkes ein Leben lang aufopfert, wenn auch zunächst aus einer bitteren Verletzung heraus.

   Schließlich beschreibt dieses Buch die schlimmste Form der menschlichen Grausamkeit, zu der wir fähig sind. Wenn wir die Liebe eines anderen Menschen zu uns dazu verwenden, um diesen Menschen zu manipulieren, um ihn an uns zu binden, ihn zu besitzen, können wir ihn damit zerstören. Das ist grausamer als die Grausamkeit des tyrannischen Königs am Anfang des Buches. Liebe, die erzwungen wird, ist keine Liebe. Wirkliche Liebe gibt den anderen frei und lässt ihn frei, auch andere zu lieben. So ist dieses Buch nicht nur eine dicht gewobene und wunderschöne Verarbeitung des alten Mythos, sondern eine Art Manifest der sich selbst aufopfernden und sich nie aufzwingenden Liebe. Eine Liebe, die nicht schwach ist, sondern in ihrer Freigebigkeit und freisetzenden Art trotzdem und gerade deswegen verzehrend. Ganz so, wie ich mir die Liebe Gottes als Kern des Ganzen vorstelle. Verzehrendes Feuer. Freisetzendes Aufopfern. Ein Gegensatz, der keiner ist. Der nie vollständig begriffen, aber erfahren werden kann.

   Wer immer an ein Exemplar des Buches kommt, dem sei die Lektüre wärmstens empfohlen. Dieser Beitrag die persönliche Feier eines meiner Lieblingsbücher.

*[Im Zentrum der Schilderungen steht die wunderschöne Psyche, jüngste von drei Königstöchtern. Die Menschen beten sie aufgrund ihrer Erscheinung wie eine Göttin an. Das erregt die Eifersucht der Göttin Venus, die ihrem Sohn Amor befiehlt, Psyche zu vernichten. Irdisch ergibt sich ein ganz anderes Problem. Psyche ist zu schön für den Heiratsmarkt, niemand traut sich, um ihre Hand anzuhalten. Der König befragt ein Orakel. In einem düsteren Vers wird offenbart, dass Psyche geopfert werden muss. Auf einem heiligen Berg wird sie ausgesetzt. Doch Amor, der sich in Psyche verliebt hat, befiehlt dem Westwind, die Schöne fortzutragen in seinen Palast. Dort besucht er sie nur des nachts und verbietet ihr, jemals sein Gesicht zu sehen. Psyche bekommt Sehnsucht nach ihren Schwestern. Amor erlaubt ihr, sie zu sich einzuladen. Die beiden Schwestern werden eifersüchtig auf die Pracht, in der sie lebt. Sie bereden Psyche, des nachts mit einem Licht nachzuschauen, wer da bei ihr liegt. Das heiße Öl der Lampe tropft auf den schlafenden Gott. Er wacht auf, flieht und Psyche wird dazu verurteilt, in der Welt umherzuirren. Die beiden Schwestern finden den Tod. Psyche gelangt in den Palast der Venus und muss sich harten Prüfungen unterstellen, bei denen sie göttlichen Beistand erfährt. Schließlich wird sie von den Göttern als Gattin des Amor akzeptiert und selbst in den Stand einer Göttin erhoben. Sie bekommt ihre Tochter „Freude“.]