Jesus mein Beystand

Mit welcher Motivation hat der Erbauer des Hauses diesen Wahlspruch angebracht oder anbringen lassen? Ist es ein Gebet, die Bitte um Beistand, Segen für das Haus und die Menschen, die hineingehen, bleiben, wieder hinausgehen? Hat derjenige Jesus als Beistand erlebt? In welcher Form? Wie hat dieser Mensch den Beistand begriffen oder empfunden? Sind die drei Wörter eine Erfahrung, ein Wunsch, eine Hoffnung? Wie verstehe ich sie im Vorübergehen? Mein Hirn wirft mir sofort die entsprechenden Bälle zu, erinnert mich an alle Bibelverse und Abschnitte in der Schrift, wo auch nur im Entferntesten von einem Beistand die Rede ist. Ich halte inne, denn mir fällt eine Spur in meinem gedanklichen Monolog auf, die ich infrage stellen will.
Jesus als Beistand begriffen. Wo und wie habe ich das schon gehört, vermittelt bekommen? Welches Bild erzeugt das in mir? Ein Beistand wird weithin verstanden als Verteidigung, als anwaltliche Vertretung, Rechtsbeistand. Wenn Jesus mein Anwalt ist, wer ist dann der Richter? Wer der Staatsanwalt, der Ankläger? Ein weiteres Bild. Der Teufel wird Ankläger genannt. Also stehe ich als Mensch jetzt oder im Jenseits vor Gericht? Jesus als mein Anwalt, der rechtliche Beistand. Staatsanwalt, Ankläger ist der Teufel. Gott der Richter. Es ist eine groteske Vorstellung, nicht wahr? Und doch ist es ein oft vermitteltes Bild. Sogar ein Bild, an das sehr viele Menschen nicht nur als ein Gleichnis, sondern als eine Wirklichkeit glauben.
Der Teufel hat alle Sünden des Menschen schön auf einer Liste gesammelt. Die Anklagepunkte sind zusammengestellt und er tritt vor Gott auf: diese Person hier ist schuldig und gehört verurteilt. Hölle, ewige Verdammnis – was immer man sich darunter vorstellt, seit Dantes (fiktivem) Inferno… Jesus hingegen ist der weiche, empathische Typ Strafverteidiger. So eine Art halb erwachsen gewordener Hippie, der zufällig Jura studiert hat. Klar, er weiß schon, dass der Mensch, dem er beisteht, „sündig wie die Hölle“ ist, aber er zieht sämtliche Register, um die Haut seines Mandanten zu retten. Er ist halt ein Netter. Wenn er seine Sache gut macht, dann wird Gott gnädig sein…
Eine recht vage und armselige Hoffnung, die man als Christ so haben kann. Weil Jesus alles ausreichend erledigt hat und am Kreuz eine Strafe erlitten hat, die eigentlich seinem Mandanten zugedacht war, drückt Gott mal ein Auge zu und ignoriert die Anklagen des Teufels. Schwein gehabt, der Hölle entkommen. Wer Jesus nicht als Beistand hat, ist erledigt. Da gibt es keine Gnade.
Das Bild ist nicht nur grotesk, schief und unvollständig. Es ist falsch. Es gehört nicht nur geradegerückt, sondern von der Wand genommen. Wer die Schriften kennt, weiß, dass Jesus von Gott als dem Vater gesprochen hat. „Ich und der Vater sind eins“, hat er gesagt. Also sind sich Verteidiger und Richter einig. Sie sind sich einig im Urteil über den Mandanten, den Angeklagten vor dem Richterstuhl. Wenn Jesus mein Beistand ist, mir gnädig ist, dann ist es auch Gott, der Vater. Mehr noch. Jesus und Gott sind eins. Gott selbst ist Beistand der Menschen. Er verteidigt und liebt die Menschen gegen jede vernichtende Anklage. Was ist dann mit dem Teufel, mit der Schuldenliste?
Gott ist Beistand gegen jede Anklage. Gegen die Anklage durch andere Menschen. Gegen die Anklage meines eigenen Gewissens. Es ist nicht so, als wäre diese Anklage gleichgültig. Sie ist ja da, spürbar im eigenen Gewissen, im Bewusstsein persönlicher Unvollkommenheit. Den Nächsten sollte ich lieben. Wie oft habe ich das nicht getan? Wie oft bin aber auch ich nicht geliebt worden? Wenn die gegenseitige Anklagerei in Zeit und Welt nicht zum Schweigen gebracht wird, dann gibt es keinen Frieden, keine Gnade, keinen Neuanfang, keine Hoffnung.
Aber das ist die Hoffnung – dass es eben kein Gericht gibt, weil Jesus und der Vater sich einig darin sind, dass der Mensch ein liebenswertes, rettenswertes, erlösenswertes Wesen ist. Ein bedürftiges Wesen, das sich selbst am meisten anklagt. So begriffen ist der Beistand ein Zuspruch, eine Sicherheit – keine bloß letzte Linie der Verteidigung. Es gibt die Gnade nur unter Ausschluss jeglicher Anklage, unter Ausschluss von Strafandrohungen. „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.“, schreibt Johannes, ein Jünger Jesu, in einem seiner Briefe an die Gemeinde.
Der Teufel, der Ankläger wird zum Nichts gemacht durch den allumfassenden Akt der Liebe eines Gottes, der für sein Geschöpf stirbt, sich von seinem Geschöpf töten lässt und ihm dieses wie alles andere vergibt. „Vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun“, sprach der Sterbende am Kreuz. Das ist nicht der stahlbrüstige Verteidiger, den ein Delinquent sich wünscht. Aber es ist die einzige Verteidigung, die der Mensch jemals bekommen wird – die einzige, die er braucht und die beste: die absolute Bedürftigkeit, durch Vergebung und Gnade vor der Anklage des eigenen Herzens gerettet zu werden.
Eine Wahrheit, ein Geheimnis. Nicht fassbar, aber eine feste Hoffnung, ein echter Beistand.
Und wen nannte Jesus selbst noch einen Beistand? „Einen anderen Beistand“ verspricht Jesus seinen Jüngern, ehe er den Weg zum Kreuz geht. Er soll euch an alles erinnern, was ich gesagt, gelehrt habe. Sorgt euch nicht, was ihr reden sollt vor Gericht, es wird euch gegeben werden, was ihr reden sollt. So sagt es Jesus. Und plötzlich wird der Beistand ganz praktisch und diesseitig. Es sind menschliche Gerichtsbarkeiten, vor die Jesu Jünger später gezerrt werden. Sie sind nicht dem Zorn Gottes, sondern dem Zorn der Menschen ausgeliefert. Und sie müssen sich selbst verteidigen. Solche Prozesse sind nicht fair. Nur Gott ist ihr Beistand.
Und jeden Tag kann es praktisch sein. Der Beistand, Gott selbst, sein Geist in unserem Herzen, erinnert uns daran, was gut und richtig und anständig ist. Oft ist es noch vermischt mit der Anklage unseres Gewissens oder der Anklage gesellschaftlicher Erwartungen. Doch wir ahnen, dass der Ankläger kein Recht hat zu sprechen. Die leise Stimme des Herzens, die uns zur Liebe drängt. Sie ist unser Beistand.
Das hat nichts mit dem Bild vom Anfang zu tun. Dieses neue Bild gefällt mir besser an der inneren Wand im Wohnzimmer meines Herzens und meiner Gedanken. Jetzt wirkt der Schriftzug an der Häuserwand nicht mehr so verloren, deplatziert, seltsam, aus der Zeit gefallen mit seinem Ypsilon für das „Ei“ in Beistand.
Hinterlasse einen Kommentar