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Das Gehen erfasst den Raum auf eine Weise, der das Auge folgen kann, um die Landschaft in ihrer Struktur zu erfassen. Der Fuß vermittelt dem Verstand am besten, wie Wälder, Felder, Hügel, Ebenen, Täler und Flussläufe sich aneinanderfügen und eben das bilden, was wir Landschaft nennen. Das ergibt Orientierung.

Unser innerer Raum hingegen wird strukturiert durch alles, was wir erlebt haben, unsere Sinne aufgenommen haben, was wir uns selbst und anderen getan haben – und auch durch das, was uns getan wurde. Es ist die Erinnerung, die uns Orientierung gibt und uns erzählt, wer wir im Ganzen sind.

Manchmal treffen diese beiden Räume, der äußere und der innere, im Erinnern aufeinander. Sie manifestieren sich im Gedenken – konkret in Orten, Landschaften, Wegmarken, die daran erinnern, was Menschen in der Landschaft und einander getan haben.

Traumata hinterlassen nicht nur Spuren in unserer Seele, an unserem Leib, in unserer Hirnstruktur, unserer DNA, unserer Lebensführung, in unseren Familien und bei denen, die nach uns kommen. Sie bilden sich auch ab im greifbaren Raum, im Außen. Es sind gewaltige Handlungen gewaltiger Menschen und Systeme, die sich zum Beispiel in Gedenksteinen und Gedenkstätten manifestieren. Wer vor solch einer Spur steht, der wird unwillkürlich etwas empfinden.

Selten ist es Gleichgültigkeit. Wir nehmen fälschlicherweise an, dass diese Haltung von Emotionen befreit ist, doch gerade Gleichgültigkeit verlangt emotionale Anstrengung. Es ist mit hohem innerem Aufwand verbunden, sich von etwas zu distanzieren, es von sich abzuspalten, sich zu etwas nicht zu verhalten, keine Haltung zu haben.

Es ist wesentlich einfacher und heilsamer, der Traurigkeit, der Wut, der Freude Raum zu geben, auch wenn diese Gefühle wiederum unserer Anstrengung bedürfen, um sie in die Landschaft der Seelenerinnerung zu integrieren. Diese Begegnungen unserer Gefühlswelt mit Gedenkmarken in der Landschaft sind zuallermeist Reaktionen auf Gewaltigkeit. Es ist Gewaltigkeit, Gewalttätigkeit, welche die Wegmarken der Geschichte formt.

Es ist ein Akt der Rebellion in dieser Welt, sich bewusst andere Wegmarken zu setzen – den Wegmarken der Gewalttätigkeit das Gedenken an das Gute, die Gütigkeit vorzusetzen und sich zu entscheiden, dass tatsächlich wieder Blumen und Gräser auf den Narben der Historie wachsen dürfen, ohne dass wir das Gewaltige als Mahn- und Gedenkstein vergessen.

Nur der Friedensschluss mit sich selbst und den Spuren der Traumata kann diese klobigen Ungetüme in die Landschaften von Weltenraum und Seelenraum integrieren. Nur das Zulassen von Gefühl und das Loslassen von Gleichgültigkeit und Gewalttat kann irgendwann das Setzen und Erhalten von Mahnmalen unnötig machen.