Lesen mit zwei Augen – Die Liebe von Hiobs Frau

Lesen mit dem kalten und dem warmen Auge

Die Liebe von Hiobs Frau

„Er saß auf dem Boden im Dreck. Seine Frau sagte zu ihm: „Willst du dich noch immer frei von Schuld halten? Verfluche endlich Gott, sodass du stirbst!“ Hiob 2, 8b – 9

Was haben sich ganze Heerscharen von vor allem männlichen Predigern doch Gedanken gemacht über die Niedertracht von Hiobs Frau! Selbst kaltherzig lasen sie mit dem kalten Auge ihre Worte an den geschädigten Ehemann und urteilten über ihr kaltes Herz. Kein Wort des Trostes hat sie für den armen Hiob, der ja alles verloren hat und nun auch noch schwer krank im Dreck hockt. All sein Besitz ist vernichtet, seine Kinder sind tot. Und die Ehefrau, die ihn doch so treu trösten sollte in Armut und Krankheit, hat nichts Besseres zu schaffen, als ihm zu sagen, er solle doch endlich sterben. Klammer auf: damit ich dich los bin, du Versager, und mir einen Besseren suchen kann – Klammer zu.

Aus Hiobs Ehefrau hat man im Laufe der Jahrhunderte eine missgünstige Hexe gemacht, eine läufige Hure, die aus dem Ehebund mit dem kranken, kaputten Hiob herauswill, statt ihm treu beizustehen – bis dass der Tod euch scheidet – na, dann mach mal Hopp! guter Hiob, dass dieser Fall bald eintritt – deine Frau hasst dich, stirb endlich.

Wie zynisch und kalt muss man sein, um zu vergessen, dass es auch die Kinder dieser Frau waren, die gestorben sind? Die ganze Zeit über hat nicht nur Hiob gelitten, der große Glaubensheld, der an seiner hohen Moral und Frömmigkeit festhält, obwohl Gott ihn durch den Satan gehörig verprügeln lässt. Es ist auch seine Frau, die mit ihm gemeinsam allen Wohlstand und alle Versorgung verloren hat. Es sind ihre Kinder, die sie unter Schmerzen geboren hat, die nicht mehr sind. Und nun sieht sie, wie ihr Mann schwer erkrankt dasitzt. Wenn nicht Liebe, so empfindet man doch eine gewisse Zusammengehörigkeit, da man all die Jahre gemeinsam verbracht und Kinder großgezogen hat. Ich behaupte hier: diese Frau liebt ihren Mann und genau aus diesem Grund sagt sie zu ihm, was sie sagt.

Man muss einen Text aufmerksam lesen, um Zusammenhänge zu verstehen. „Bei allem ließ Hiob sich nichts zuschulden kommen. Er tat nichts, woran Gott Anstoß nehmen konnte.“ (Hiob 1, 22) Dieser Satz steht nach der ganzen Aufzählung der Unglücksfälle, die den Mann getroffen haben. Er sagt zweierlei aus. Einmal erzählt er von einem sehr bekannten Gottesbild, das bis heute gepflegt wird: „Wenn ich alles richtig mache, jede Regel einhalte und fromm bin, dann wird Gott mich segnen und mir widerfährt nichts Schlimmes.“ Das Buch Hiob erzählt von der Wirklichkeit, die eben anders ist: Schlimme Dinge widerfahren guten, sehr guten Menschen. Das ist so in dieser Welt. Es lässt sich nicht wegerklären oder wegglauben. Zum anderen begründet das in diesem Satz angedeutete Gottesbild des Ehepaars Hiob, was Frau Hiob zu Herrn Hiob sagt.

Sie kann nicht fassen, dass ihrem Hiob – sie kennt ihn ja und weiß, dass er ein guter Typ ist und sehr fromm – soviel Unglück widerfahren ist, so ungerechtfertigt und unverdient. Aber sie glaubt immer noch an den Gott, der böse Dinge bestraft. Sie sagt mit diesem zunächst so hartherzig klingenden Satz eigentlich Folgendes: „Ich sehe, wie du leidest. Das bricht mir das Herz. Es wäre besser für dich, wenn du das nicht mehr erleben müsstest. Ich wünsche dir, dass du sterben kannst. Warum hältst du daran fest, diesem Gott gegenüber gut zu sein, der nicht gut zu dir gewesen ist und uns alles genommen hat? Wenn du diesen Gott verfluchst, dann wird er vielleicht noch zorniger und tötet dich. Dann bist du von diesem Leiden hier erlöst.“

Natürlich ist das in seiner Einfachheit ein uns heute unverständliches Gottesbild. Aber es ist nur logisch für die Frau, ihrem Mann zu wünschen, dass er nicht mehr leiden muss. Ihre Worte sind ein Wunsch, ein letztes Aufbäumen von Liebe und Mitleid für ihren Mann – sie kann nicht mehr mit ansehen, wie er leidet. Das mag feige sein und kleinmütig – aber es ist nicht herzlos oder unlogisch. Denn vergessen wir nicht: auch sie hat gelitten! Wenn Hiob stirbt, bleibt sie allein zurück mit ihrer Trauer und in Armut. Wer wird eine halb verbrauchte Frau nehmen, um ein neues Leben mit ihr anzufangen? Sie weiß, dass es ihr immer noch schlecht ergehen wird, wenn Hiob tot ist – vielleicht sogar schlechter. Sie will ihren Mann nicht loswerden – sie will ihn nur nicht mehr leiden sehen. Warum? Weil sie ihn liebt. Anders ist ihre Aussage in dieser Zeit und in diesem Zusammenhang nicht logisch zu erklären.

Weil Liebesheirat eine noch junge Erfindung der Moderne ist, meinen wir häufig, eheliche Liebe sei zu früheren Zeiten auf den Sexualtrieb des Mannes, die Unterordnung der Frau und das rein wirtschaftliche Interesse einer Familiengründung zur Sicherung von gegenwärtiger Existenz und Erbfolge beschränkt gewesen – ein nüchternes Unternehmen frei von Emotionen. Doch der Mensch war immer derselbe. Er hat schon immer an dem gehangen, was er besaß und er hat sich schon immer seinen engsten Angehörigen verbunden gefühlt. Er war ebenso fähig zu lieben und zu hassen, wie er es heute noch ist. Gepflogenheiten mögen sich ändern, fühlende Wesen bleiben wir.

Wenn uns etwas erschrecken sollte, dann nicht Hiobs Frau, sondern ihr trostloses Gottesbild, das sie durchaus mit ihrem Mann teilt. Gott kann hier nur belohnen, sinnlos wegnehmen und bei Nichtbefolgen von Regeln bestrafen. Er ist Gott und muss es nicht begründen. Einzig auf seinen Zorn kann man sich wohl verlassen. Es lohnt nicht mehr, sich um die Gunst eines solch willkürlichen Gottes zu mühen. Stirb Hiob, das Leben ist ohne Sinn für dich und mich! Hiobs Frau kann ihren Mann nicht trösten, weil sie selbst ohne Trost ist. Wer glaubt, die Sache mit dem Leben in dieser Welt funktioniert so, dass die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden, der muss unweigerlich enttäuscht werden und ohne Trost bleiben.

Eine tatsächliche Antwort auf die Frage, warum guten Menschen böse Dinge widerfahren, gibt auch das Buch Hiob am Ende nicht. Aber das Leben findet zu einem „Trotzdem“ zurück. Hiob zeugt neue Kinder und gewinnt neuen Wohlstand. Wir finden kein weiteres Wort mehr über Hiobs Frau, aber es ist auch nicht die Rede von einer neuen Frau, die er sich statt derjenigen, die ihm den Tod wünschte, angeschafft hätte. Es ist vermutlich dieselbe Frau, die sich mit ihm trösten lässt über die Verluste des Lebens, noch einmal neu anfängt und Kinder zur Welt bringt.

Wenn wir die Worte von Hiobs Frau mit unserem kalten Auge lesen, finden wir nur Verbitterung über das erlittene Unheil. Wenn wir die Geschichte mit dem warmen Auge lesen, dann entdecken wir, dass ein Mensch einem anderen Menschen aus Liebe den Tod wünschen kann, wenn ihm selbst der Trost fehlt, weil sein Bild von der Welt und von Gott eines ist, das zum erlittenen Leid nur noch mehr Leiden hinzufügt. Man kann diese empfundene Willkür des eigenen Ergehens auf dieser Welt Gottes Zorn oder Satan nennen – beides vermischt sich tatsächlich im Prolog zur Geschichte des Hiob. Die Erfahrung bleibt dasselbe: es ist nicht fair in dieser Welt. Darum ist es umso wichtiger, dass wir zueinander fair sind.

Nicht alles, was kaltherzig erscheint, ist auch lieblos gemeint. Und nicht jeder Trost – wie wir in den folgenden Kapiteln durch den Besuch von Hiobs Freunden erfahren – ist herzlich und liebevoll gemeint. Hiob hat durch den einen Satz seines hilflosen, verzweifelten Eheweibes mehr Beistand erfahren als durch all die seitenlangen Reden seiner vermeintlichen Freunde. Sie nämlich unterstellen ihm, er müsse Falsches getan haben, sonst hätte Gott ihn nicht derart schlecht behandelt. Seine Frau weiß, dass er nichts Falsches getan hat, darum wünscht sie sich, er würde nur einmal etwas Falsches tun und endlich sterben, um dieser Willkür zu entkommen. Ihre harten Worte sind unendlich viel mehr Trost als alles Gerede, das darauf folgt.

Lasst uns ehrlich zugeben, dass Schlimme Dinge passieren. Dass Dinge sind, wie sie sind. Lasst uns fair zueinander sein und dem anderen zugestehen, dass er grundlos leidet. Lasst uns ehrlich verzweifelt miteinander sein. Nur so bleibt das Herz weich und wird frei für die guten Dinge, die am nächsten Tag auf die schlimmen Dinge folgen mögen.