Buchbesprechung zu:
„An das Wilde glauben“ von Nastassja Martin
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Original: Croire aux fauves, 2019
Matthes & Seitz Berlin, 2021, 139 Seiten

Das Genre:
Autofiktionen von französischen Autoren sind gerade sehr in Mode. Ein datierbares Ereignis, ein konkretes Erleben aus der eigenen Biografie wird reflektierend beschrieben, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und zu der wahrgenommenen Umwelt ins Verhältnis gesetzt. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen der subjektiven Wahrnehmung des Innen und des Außen, um durch das Distanzieren und sich wieder Annähern eine Integration des Geschilderten in das Selbstbild und das Bild, das man sich von der Welt macht, zu erreichen. Oder grandios daran zu scheitern.
Die zugrunde liegenden Ereignisse und Daten sind real und konkret. Das Konkrete wird durch unkonkret kreisendes Betrachten aufgeweicht, bis es sich anfühlt wie eine Fantasie, ein Traum – und gerade dadurch eine vollständigere Wirklichkeit abbilden kann, die allerdings nie ganz zum Abschluss kommt. Diese Schwebe des Erlebens, Ergehens und Werdens muss man schon aushalten können, um sich einem Titel wie „An das Wilde Glauben“ hinzugeben.
Das Konkrete:
Die Anthropologin und Expertin für arktische Naturvölker Nastassja Martin hat sich zu einer neuen Feldforschung bei den Ewenen aufgemacht. Die Ewenen sind ein indigenes Volk ganz weit im Fernen Osten Russlands. Auf der Halbinsel Kamtschatka lebt Nastassja bei einer traditionellen Ewenen-Familie im Wald. Sie unternimmt im Herbst 2014 eine Wanderung aus dem Waldgebiet heraus auf die vulkanischen Höhen. Dort begegnet ihr der Bär. Er beißt ihr in den Kopf, ins Gesicht und ins Bein. Sie wehrt ihn durch einen Schlag mit dem Eispickel in seine Flanke ab. Schwer verletzt überlebt Martin den Angriff, wird in einem russischen Krankenhaus wieder zusammengeflickt und fliegt zur weiteren Behandlung zurück nach Frankreich. Der Heilungsprozess dauert über ein Jahr, sie muss häufiger operiert werden, ein Keim setzt sich in ihrem Kiefer fest. Als endlich alles überstanden ist, kehrt sie für kurze Zeit zurück nach Kamtschatka.
Das Eigentliche:
Fortan geht es um den Bären. Oder vielmehr um Nastassjas Bären, ihren Bären, der sie ausgesucht hat, den sie ausgesucht hat. Es geht um diesen Augenblick des unbegreiflichen „Wir“, der stattgefunden hat. Wie ist dieses „Wir“ zu erklären? Gibt es dieses „Wir“? War es schon immer da und hat unweigerlich zur Begegnung der beiden geführt? Die Frau und der Bär haben beieinander Spuren hinterlassen. Selbstverständlich die Verletzung im Körper des anderen. Aber da ist noch mehr. Oder ist da mehr? Ist es tatsächlich so, wie die Ewenen ihr mitteilen, dass sie, weil der Bär sie leben ließ, nun ein zweigeteiltes Wesen ist? „Miedka“ – halb Mensch, halb Bär.
Heute verstehen wir Modernen endlich wieder, dass ein Akt äußerer Gewalteinwirkung nicht nur Spuren am Körper hinterlässt, sondern dieses „Trauma“ auch seelische Spuren hinterlässt. Die Verletzung gräbt sich in das innere Bild eines Menschen von sich selbst und der Welt ein. Man kann mittlerweile sogar Veränderungen in den Hirnaktivitäten traumatisierter Menschen nachweisen. In der schamanischen, animistischen Sichtweise geht dieses Trauma aber noch tiefer. Es verwandelt den Menschen zum Teil in das, was ihm diese Markierung zugefügt hat. Die Seele des einen Lebewesens ist in die Seele des anderen Lebewesens eingedrungen. Eine Art Metamorphose hat stattgefunden.
Diesem Gedanken gibt Nastassja sich in ihren Reflektionen hin. Sie verlässt die neutrale Perspektive einer beschreibenden Wissenschaftlerin, hebt die Distanz zu schamanistischen Vorstellungen auf und lässt zu, dass sie eine Erklärung für das sein könnten, was ihr widerfahren ist und während ihres Heilungsprozesses immer noch wiederfährt.
„Ich will die Insularität genießen, sie in meinem Körper wiederherstellen und dabei die Inkommensurabilität der Wesen akzeptieren, die meine innere Insel bevölkern. Ich sage mir, dass es nicht darum geht, unsere Seele zu entvölkern, um das bisschen Insularität zu genießen, die sie noch birgt, sondern: aus uns selbst diesen Ort, dieses Ökosystem zu machen, in dem diejenigen, die wir ausgewählt haben – oder die uns ausgewählt haben -, über die sie trennenden Abgründe hinweg kommensurabel werden.“ (S. 73)
Es ist eine unerhörte, gewaltsame Begegnung zwischen Mensch und Tier, Grenzen sind aufgehoben worden. Nastassja will diese Grenzen wieder schließen, kann es nicht. Dieses Ereignis ist keines, an das man die Frage „Warum“ richtet – warum ich, warum der Bär, warum überhaupt…? Es ist eine Frage der Integration oder Wiederauftrennung. Kann man dem Unerhörten Raum geben, indem man es Teil von sich sein lässt – oder muss man sich wieder davon abtrennen und zur Insel werden?
Nach und nach stellt Nastassja fest, dass sie Brücken schlagen muss. Dem Bären vergeben, um wieder ganz zu sein. Geht es nicht eigentlich darum, zu akzeptieren, was ist und was geschieht, ohne diese Warum-Frage zu stellen – und dann die Brücke zu schlagen zu denen, die wirklich zählen?
„Das Kind besitzt etwas, das Erwachsene sein Leben lang verzweifelt sucht: eine Zuflucht. Es sind die Wände der Gebärmutter […], die man manchmal wieder um sich herum aufbauen muss. […], wenn man das nicht schafft, […], dann erinnert uns etwas von außen an das innere Leben, indem es uns eine zunächst düstere, tatsächlich aber rettende Klausur auferlegt.“ S. 96
Nastassja findet eine Art Erklärung für das ihr Zugestoßene. Sie war vorher schon nicht ganz, nicht zu Hause in der Welt, hatte kein Gesicht mehr. Indem der Bär einen Teil ihres Gesichtes mit sich genommen hat, gab er ihr das Geschenk, ein neues Gesicht zu finden – die Brücke zwischen Welten zu schlagen und zu Hause zu sein. Trotzdem bleibt unbenennbar, was dieses „Wir“ von Mensch und Bär, die Kommunikation der Lebewesen ausmacht. Das auszuhalten ist nicht leicht.
„Man muss danach, damit und angesichts all dessen leben können; einfach weiterleben.“ (S. 127)
Man muss damit leben können, dass der Mensch im Tier ist und das Tier im Menschen, eine Urgewalt, eine Chaosmacht und eine Tendenz zum Wandel. Nastassja lernt von den Ewenen, in den Ruinen zu leben. Wie diese letzten traditionellen Indigenen die Sowjetunion, die Sowchosen überstanden haben und einige von ihnen sich wieder in die Wälder zurückgezogen haben, andere unter den Russen leben und wieder andere zwischen den Welten, so muss jeder seinen Platz finden. Auch der moderne, westliche, technisierte, maschinierte, motorisierte Mensch muss wieder lernen, dass Dualitäten tödlich sein können – eine Feindschaft zwischen sich selbst als Mensch und der Natur zu setzen, erzeugt Traumata.
So wird dieses kleine Buch auch zu einer Reflektion zwischen Ost und West, zwischen Mensch und Welt, zwischen dem Wilden und uns – und zu einer Entdeckung des Wilden in uns und des Menschlichen im Wilden. Nastassja musste das richtige Maß finden zwischen ihrer Insularität als Einzelwesen und den Resonanzen, die es zwischen den einzelnen Lebewesen zweifelsohne gibt und an die uns animistische Völker heute noch erinnern.
„Nur die Liebe müssen wir im Sinn behalten.“ S. 42
Ausgang:
Vielleicht ist dieses Buch einfach nur ein Schatz der vielfältigen Themen und Bilder. Vielleicht ist es aber auch eine Erinnerung daran, dass etwas Wildes und Unberechenbares in jedem von uns wohnt, was uns gar nicht so weit von all dem Tierischen trennt. Und vielleicht hat jeder von uns einen Bären im Leben, dem er vergeben muss, damit man nicht ein Leben lang unberührbare „Miedka“ bleibt – halb Mensch und halb das, was einem Gewalt zugefügt hat, weil eine bestimmte Begegnung zwischen zwei Lebewesen aus welchen Gründen auch immer in dieser Welt unvermeidbar war.

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