Kirschplantage

Kirschplantage

Heute Morgen habe ich mich erinnert. Es gab diese Sommerferien in meiner Teenagerzeit. Während andere irgendwohin gefahren sind, um sich zu sonnen und zu baden, während andere ihre ersten Erfahrungen mit den jungen, sehr hungrigen Körpern gemacht haben, durften meine jüngere Schwester und ich unsere Körper tagelang am frühen Morgen auf die Fahrräder setzen und zu einer nahegelegenen Kirschplantage fahren. Ich weiß nicht mehr, wie genau wir zu diesem Ferienjob gekommen sind. Vermutlich hat unser lieber Stiefopa, der selbst landwirtschaftlich tätig war, entsprechende Kontakte gehabt.

Wir durften also und wir mussten, denn unsere Familie war nicht übermäßig wohlhabend. Es schien allen hilfreich, wenn wir uns ein paar Euro Taschengeld verdienen. Bildung ist in Deutschland kostenlos, aber sie kostet. Es kostete uns Geld, mit dem Bus zu fahren. Es kostete uns Geld, Schulmaterialien zu kaufen. Es kostete uns Geld, mal eine Jeans zu kaufen, die etwas „peppiger“ aussah, um nicht vollkommen als „asozial“ am Rand unserer Schulklassen zu stehen. Es kostete uns also Geld. Und das wächst im Gegensatz zu Kirschen nicht auf den Bäumen. Dummer Spruch, aber in dieser Welt leider wahr.

Ich habe es geliebt und gehasst. Heute überwiegt die Dankbarkeit für diesen Sommer, denn meine Erinnerung hat mir die Geschichte heute Morgen vollständiger erzählt, als ich sie damals erlebte.

Es war eine verwilderte Plantage. Die Bäume waren einmal zu wenig beschnitten worden und der Besitzer war offensichtlich nicht dazu gekommen, das Grün unter und zwischen den Bäumen abzumähen. Die Kirschen eigneten sich ausschließlich dazu, als Saft verarbeitet zu werden. Das bedeutete, sie mussten alle schnell von den Bäumen, direkt zur Verarbeitung. Der Sohn des Besitzers, kaum älter als wir, nicht einmal 20, verteilte die Reihen und beaufsichtigte die Arbeiter.

Arbeiter. Kein „Gendering“ notwendig. Es waren alles osteuropäische, vor allem polnische Männer, die dort im Akkord ernteten. Meine Schwester und ich waren das große Kuriosum. Zwei Mädchen in ihren Sommerferien auf einer Sauerkirschplantage unter polnischen Erntearbeitern. Ich glaube, so genau wussten das unsere Erziehungsberechtigten gar nicht, als sie entschieden, dass dieser Job gut für unsere Moral wäre. Die große Wanderung gering bezahlter Arbeiter aus Osteuropa hatte zu unserer Teenagerzeit gerade erst begonnen. Heute ist sie in aller Munde, weil nicht mehr zu übersehen.

Rückblickend fällt es mir nun auf. Der junge Hüter der Plantage machte den Spaß mit und setzte uns ein. Die Osteuropäer bekamen wir gar nicht zu Gesicht, denn er platzierte uns viele Reihen entfernt von den anderen. Immer wieder kam er zu uns, fragte, wie es uns geht, lobte unsere Arbeit und witzelte über seine Begegnungen mit den Polen, deren Sprache er zwar auch nicht recht verstand, deren Alkohol am Abend aber solche Barrieren gekonnt zu überwinden vermochte. Dieser junge Mann hielt uns von den Männern fern. Ich glaube nicht, dass jeder Mann ein böser Mann ist, der jungen Mädchen und Frauen böse Dinge antut. Aber zwei Mädchen auf einer unübersichtlichen Plantage und ein Haufen Männer – das hätte natürlich auch anders ausgehen können. Ich weiß nicht mehr, wie dieser junge Mann hieß, aber heute will ich ihm am liebsten sagen: danke, es war lustig mit dir, du warst freundlich und klug und du hast einen guten Job gemacht.

Bezahlt wurde nach Kilo. Keine Rede damals von Arbeitsstunden, Mindestlohn, Versicherungen. Man kam, man pflückte von morgens bis 17 Uhr abends und stapelte seine gefüllten Plastikkisten am Ende der Reihe auf. Jemand mit Traktor, Hänger und Waage holte sie ab und brachte Geld. Je Kilo gab es einen gewissen Centpreis. Mächtig stolz war ich über im Schnitt 20 Euro, einmal sogar 25, die ich zusammengepflückt hatte. Lächerliche Menge, denn die Polen schafften so viel, dass die Kosten ihrer Hin- und Rückreise und ihres Aufenthaltes wohl kaum ins Gewicht fallen konnten. Wer macht einen solchen Job freiwillig, wenn es sich nicht in irgendeiner Hinsicht lohnt? Denn es war ein mieser Job.

Die Brennnesseln zwischen und vor den Kirchbäumen hatten ihre ausgewachsenen zwei Meter erreicht. Wollte man an die Kirschen kommen, musste man sie zuerst niedertreten. Das kostete jedoch zu viel Zeit. „Einfach durchgreifen. Irgendwann merkt man nichts mehr.“ Kluger Rat von unserem rothaarigen Beschützer. Meine arme kleine Schwester hatte es nicht leicht mit mir. Sie konnte nicht so hoch greifen wie ich und so viel schaffen. Und im Nachhinein würde ich verstehen, wenn sie mich damals dafür gehasst hätte, wie stoisch und starrköpfig ich in die Brennnesseln griff und unaufhörlich pflückte, pflückte, pflückte. Sie konnte diesen Wettbewerb gegen mich nur verlieren. Sorry, kleine Schwester, ich war manchmal ein brutaler Arsch.

Es war irrsinnig heiß, man konnte keine langen Sachen anziehen. Die nackten Arme waren den Zweigen und Brennnesseln schutzlos ausgeliefert. Sie bewegten sich zuverlässig, geschmeidig. Sie waren taub und braungebrannt. Sie waren übersät mit geschwollenen Pusteln und roten Kratzern. Am Abend zu Hause begannen sie irgendwann zu pochen und zu kribbeln. Es war ein solch irrer Schmerz, eine so körpernahe und zugleich absurd entfernte Erfahrung, dass ich darüber lachen musste. Ich fand es lustig, gerade weil es so weh tat. Es war der Lohn meiner Arbeit und ich liebte es. Ich glaube, dass ich damals eine Art Berührung damit hatte, was Leben bedeutet. Echtes Leben. Schmerzhaftes Leben, das trotzdem oder gerade deswegen wunderschön ist.

Sonnenbrand und vernarbte Arme und ein bisschen Taschengeld. Das war im Vergleich zu den Ferienerlebnissen meiner Klassenkameraden ein Garnichts. Und doch war es unendlich viel mehr. Ich spürte, was körperliche Arbeit ist und warum sie ist und dass sie ist. Das Bewegen und Mühen und Atmen hat eine Daseinsberechtigung in sich. Es ist die Basis für alles andere. Keiner will sich verbrennen lassen in der Ernte. Die Osteuropäer – komisch, fremd. Die Arbeitsbedingungen zweifelhaft. Landwirte irgendwie verbrecherisch. Aber es ist eine feine Sache, wenn man im Winter den gepressten Sauerkirschsaft aus dem Bioladen holen kann, um ihn gegen Fieber und Mangelerscheinungen zu trinken.

Es braucht Hände. Ich verstehe das Tischgebet: „Segne die Gaben und die Hände, die sie zubereitet haben.“ Wir sind dankbar dafür, dass Dinge einfach da sind. Wir sind auch manchmal ein bisschen religiös und danken Gott, dem Geber guter Gaben. Aber ich verstehe den Punkt, den jemand mir gegenüber einmal angesprochen hat: „Warum soll ich Gott danke sagen vor meinem Essen? Ich habe doch dafür gearbeitet, dass ich es essen kann. Eigentlich müsste ich ja mir selbst danke sagen.“ Ein bisschen recht hatte derjenige. Aber es geht doch weiter. Es ist ein Wunder, dass es Kirschen gibt, die aus dem Boden wachsen. Warum nicht danke dafür sagen? Warum nicht dankbar sein, dass man die Kraft hatte, mit seiner Arbeit das zu verdienen, was man brauchte? Warum nicht dankbar sein für alle Hände, die irgendetwas tun, von dem ich dann Nutzen habe? Warum Feindschaft hegen gegen Fremde, Landwirte oder wen auch immer?

Es gibt genug Hände, die Gutes tun. Hände, die Ernten. Hände, die beschützen. Hände, die dankbar entgegennehmen. Es ist nicht alles gut, aber alles hat das Potential, gut zu werden. Faule Kirschen werden beim Pflücken nicht aussortiert. Sie werden mitgepresst. Und der Zucker und das Abkochen machen den Sauerkirschsaft haltbar. Ein paar faule Kirschen haben es nicht geschafft, das Ganze zu verderben. Es ist nicht das Ganze, was abgeschafft werden muss. Es ist das Ganze, was geheilt werden kann. Es hat Potential, es gibt gute Menschen.

War der Landwirt böse, der die Polen und uns damals je Kilo bezahlt hat? Ich habe Freundlichkeit in Erinnerung. Das gibt mir zu denken, wenn ich heute harte Urteile über ein großes Ganzes und die daran beteiligten Menschen höre und lese. Sind die Polen böse gewesen, weil sie hier geerntet haben und anderen den Job wegnahmen? Meine Schwester und ich waren die einzigen blonden Gören deutscher Staatsangehörigkeit, die dort überhaupt arbeiten wollten. Lächerlich war das, was wir geschafft haben. Aber wir arbeiteten.

Es ist natürlich auch lächerlich, einen Status quo zu verteidigen, als wäre alles daran paradiesisch – aber es ist genauso lächerlich, komplette Abschaffung zu propagieren. Abschaffung reißt Menschen mit sich. Totalität reißt Leben in den Abgrund. Und es gibt für mich bis heute nichts untotalitäreres, als meine Hände in den Brennnesseln und an den Sauerkirschen. Leben, das sauer und süß und schmerzhaft ist. Einfachheit. Atmen. Arbeiten. Essen. Es ist die Basis für alles, wohin unser Geist fliegen mag.