Böse Spiele

Kurzbesprechung zu:

„Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet.“

von Mats Schönauer / Moritz Tschermak

Kiepenheuer & Witsch, 2021, 334 S. (Mit Anhang, Quellen)

Zu dieser sogenannten Tageszeitung namens BILD gibt es nicht viel Neues zu sagen und es ist auch nicht das erste Buch über sie und ihre Methoden. Seit Hans Esser ist der Sumpf hinlänglich bekannt. Allerdings ist dieses kritische Buch zur BILD genau das richtige für eine neue Generation, die sich immer weniger über Printmedien informiert und zunehmend in digitalen Räumen bewegt. Denn längst hat sich die Wirkung des Boulevard-Blattes von den Kneipen, Stammtischen und Frühstückstischen genau dorthin verschoben. Oft unreflektiert werden die Schlagzeilen in Social Media geliked, geteilt und diskutiert.

Schönauer und Tschermak sind die Gründer von Topfvollgold, die seit Jahren die Regenbogenpresse kritisch beobachten und kommentieren. Ihre Beobachtungen, insbesondere aus den letzten 10 Jahren bei Bildblog, fließen in das Buch ein. Sie beleuchten die wichtigsten Schlagzeilen und deren nachweisliche Auswirkungen auf die Stimmung in der Gesellschaft.

Persönlich muss ich sagen, dass ich einen ziemlichen Respekt davor habe, wie man es aushalten kann, täglich die Artikel von BILD zu lesen, auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu durchleuchten, Fakten zu recherchieren und dieses Blatt dann immer wieder mit seinen Verfehlungen zu konfrontieren. Ich ertrage es nicht einmal, das Titelblatt anzuschauen.

Ein kleines Erlebnis, das ich vor Jahren hatte, soll als Einstieg dienen. Als es noch das sog. Bildgirl gab (warum es das nicht mehr gibt, erklären die Autoren Schönauer und Tschermak in ihrem Buch), stand ich bei einem Discounter an der Kasse. Zwei ältere Herren hinter mir griffen sich eine ausliegende BILD. Einer von ihnen deutete auf die barbusige Dame und meinte zum anderen: „Dass die nicht friert?“ Sie lachten beide. Ein harmloses Alltagserlebnis, das aber schon viel verdeutlicht.

Die meisten von uns mögen dieses Blatt ebenso lächerlich finden wie die beiden Herren. Wir lachen über die kindlich wirkenden Vereinfachungen, die emotionalisierten Beschreibungen. Wir schütteln in moralischer Entrüstung den Kopf über veröffentlichte Privatheiten. Danach aber seufzen wir, zucken mit der Schulter und gehen unserer Wege. Ohne zu wissen, dass uns diese bunten Schlagzeilen tiefer in der Meinungsbildung beeinflussen, als wir ahnen. Totraser, Sextäter und Busenblitzer sind Wörter und Bilder, die jeder von uns kennt und im Kopf hat, auch wenn man das Blatt meidet wie der Deibel das Weihwasser.

Verdächtige werden zu Killern, Mördern, Totschlägern. Vergewaltiger hingegen sind nur Sextäter. Andererseits ist die Justiz ja viel zu lasch mit ihnen. Frauen sind schlank wie Gazellen und haben nicht nur den Kühlschrank prall gefüllt. Flüchtlinge sind eine Flut, ein Fluss, eine Überschwemmung. Menschen werden zu Monstern und Katastrophen, zu den Urgewalten, die unser bürgerliches, sicheres Leben bedrohen und wegspülen.

So weit, so durchschaubar. Und doch prägend. Schönauer und Tschermak belegen durch eine detaillierte Betrachtung von Beispielschlagzeilen aus den letzten Jahren, die insbesondere ein Julian Reichelt als Chefredakteur von BILD mitgeprägt hat, den weitreichenden Einfluss des Blattes auf gesellschaftliche Grundstimmungen und sogar politische Entwicklungen. Sie legen diese nicht allein dem Blatt zur Last, aber weisen durch eine ordentliche Auflistung an Quellen einen hohen Grad der Mitwirkung nach. Beinahe müßig zu sagen, dass auf privaten und öffentlichen Kanälen von AfD-Politikern und AfD-Sympathisanten die höchste Rate an von BILD geteilten Inhalten zu finden ist… Der Grund: sie spielen populistischen Kräften in die Karten. Besonders durch den Aufbau von Feinbildern.

Lieblingsfeinde von BILD: faule Arbeitslose, betrügerische Asylsuchende. Arme werden gegen noch Ärmere ausgespielt. Geht man den Quellen nach, bleibt von den Einzelfällen, die als Beispiel für eine angeblich so verdorbene Gesamtheit stehen, nur sehr wenig oder gar nichts übrig. Statistiken werden gekürzt, Zahlen weggelassen, damit das Bild passt. Das sind keine neuen Methoden, aber sie entwickeln gerade heute eine neue Sprengkraft, wenn die angeblichen Skandal-Informationen von BILD für ordentlich recherchierte Fakten gehalten und als Belege und Quellen durch das Teilen in Social Media vervielfacht werden.

So gelangen die konstruierten Bilder auch in die Köpfe derer, die mit BILD gar nichts zu schaffen haben wollen – die nicht einmal politisch konservativ sind. Ein mulmiges Gefühl von Bedrohung und Unsicherheit ist bei sehr vielen aus den letzten Jahren zurückgeblieben, selbst wenn in Wirklichkeit keine Veranlassung dazu besteht.

Wer Genaueres wissen möchte, möge das wirklich gut recherchierte und verständlich aufgebaute Buch lesen. Es gibt jedoch einen Punkt, den ich erwähnen will, der sich unter Herrn Reichelt wieder verschärft hat, und der mich besonders fassungslos zurückgelassen hat. Das sogenannte „Witwenschütteln“ hat wieder verstärkt Einzug gehalten. Man erinnere sich nur an die Chatnachrichten des Mädchens, das gerade seine Familien verloren hatte, die von BILD öffentlich gemacht wurden. Oder an die Berichterstattung über den Absturz der Germanwings Maschine in den Alpen. Angehörige der Opfer wurden – so belegen es Schönauer und Tschermak detailliert – massiv verfolgt und bedrängt. Um jeden Preis will man Bilder und Privatinformationen haben. Das Argument von BILD ist durchgängig, man wolle nur berichten und die Öffentlichkeit habe ein Recht auf Information. Was die Öffentlichkeit allerdings Privatnachrichten eines Mädchens angehen oder Fotos von Todesopfern, die man bei Facebook kopiert und in das Blatt setzt, erschließt sich keinem – auch mir nicht. Diese Berichterstattung hat keinen Nachrichtenwert und bedient kein öffentliches Interesse. Sie bedient einzig die Sensationslust und rührt an die niedersten Instinkte der Leserschaft.

Ebenso die Unsitte, Mail-Adressen und Telefonnummern von Organisationen und Personen zu veröffentlichen, mit denen BILD eine persönliche Auseinandersetzung hat. Die Leser werden dazu aufgefordert, dort anzurufen und ihre Meinung zu sagen. Das passiert dann auch: Todesdrohungen und Beleidigungen ohne Unterlass.

BILD ist unter Reichelt einmal mehr zu einem Blatt geworden, das aufhetzt, Feindbilder konstruiert, Ängste schürt, Unruhe stiftet, persönliche Feinde bloßstellt, das Leid und Elend von Opfern schwerer Unglücke und Angehöriger der Opfer ausschlachtet, ausnutzt und damit das Leid der Betroffenen vergrößert. Es gibt keine andere Zeitung, über die in diesem Maße bekannt wäre, dass ihre Berichterstattung den Suizid von Menschen, über die so berichtet wurde, gefördert hat. Die einwandfreien Nachweise dafür liefern Schönauer und Tschermak ebenso. Auch an den in der Presse seit Jahren ausgehandelten Codex, über Suizide zurückhaltend zu berichten, keine Details zu nennen, um einen sog. Werther-Effekt zu vermeiden (den es nachweislich gibt) und mindestens die Nummer der Telefonseelsorge (0800111011 / 08001110222) anzugeben, hält sich BILD – Überraschung! – nicht!

Empfehlung: wer die Schlagzeilen der letzten zehn Jahre gemäßigt einordnen und über die aktuellen Methoden von BILD Bescheid wissen möchte, der ist bei diesem Buch an der richtigen Adresse. Gewisse gesellschaftliche und politische Entwicklungen werden ansatzweise nachvollziehbar, auch wenn das noch nicht das ganze Bild ist.

Persönliches Fazit: BILD nicht anfassen, nicht kaufen, nicht lesen, nicht teilen. Von BILD geteilte Schlagzeilen im Netz IMMER mit Distanz und Skepsis behandeln. Wenn eine Schlagzeile Emotionen anspricht in Richtung Bedrohung, Angst, Wut – insbesondere dann auf Distanz gehen. Abwarten, Fakten checken, sich nicht beunruhigen lassen. Wenn BILD über persönliche Schicksale berichtet und sie ausschlachtet: es sind echte Menschen, die da gerade wirklich leiden. Sie haben unser Mitgefühl verdient, Solidarität und Hilfe, aber niemals unsere gierenden, ergötzenden Blicke auf ihr Leid. Und: Angst und Wut sind immer die schlechtesten Berater, die man haben kann – in persönlichen wie politischen Entscheidungen.