Lesen mit dem kalten und dem warmen Auge
Liebe bedeckt das Land
„Gott sprach: Die Erde soll frisches Grün sprießen lassen und Pflanzen, die Samen tragen! Sie soll auch Bäume hervorbringen mit eigenen Früchten und Samen darin! Und so geschah es.Die Erde brachte frisches Grün hervor und Pflanzen, die Samen tragen. Sie ließ auch Bäume wachsen mit eigenen Früchten und Samen darin. Und Gott sah, dass es gut war.Es wurde Abend und wieder Morgen – der dritte Tag.“ 1. Mose 1, 11 – 13
„Gott sprach: Als Nahrung gebe ich euch alle Pflanzen auf der Erde, die Samen hervorbringen – dazu alle Bäume mit Früchten und Samen darin.Die grünen Pflanzen sollen Futter für die Tiere sein: für die Tiere auf der Erde, die Vögel am Himmel und alle Kriechtiere auf dem Boden.“ 1. Mose 1, 29 – 30

Wenn wir die Berichte über die Entstehung der Welt, die Naturbeschreibungen und die Vergleiche zwischen Glaubensdingen und Naturerscheinungen in der Schrift mit unserem kalten Auge lesen, dann schauen wir auf das Gras als das, was eben da ist, um die Tiere zu nähren. Die Tiere nähren dann wiederum uns Menschen, die wir weit über ihnen stehen und ohnehin die Krone der Schöpfung sind.
Denn hat Gott den Menschen nicht erst am sechsten Tage erschaffen und sich damit für ihn am meisten Zeit gelassen, weil er das größte Kunstwerk in der Erschaffung der Welt ist? Hat der Mensch nicht daher schon von Natur aus oder aus Evolutionsgründen oder aus Gottes Verordnung heraus – oder wie immer man es nennen will – Recht und Anspruch darauf, alles andere in der Welt zu beherrschen und es für seine Zwecke zu nutzen? Sicher, Gott ist ja gerecht und er will, dass auch seine Menschen gerecht sind, also sollten wir mit dem Geschenk, das er uns gemacht hat, einigermaßen ordentlich umgehen. Sich unterordnen und zu unserem Nutzen da sein muss es trotzdem! Denn so hat Gott es gewollt! Er hat doch gesagt, macht euch die Erde untertan, oder nicht? Was zählt da der einzelne Grashalm? Was kümmert es uns, wenn das Gras unter unseren Füßen niedergetrampelt wird? Es muss uns dienen, das ist sein Fluch, denn wir sind die Krone.
Was wäre, wenn uns das warme Auge dazu anleitet, den Schöpfungsbericht einmal andersherum zu empfinden? Das erste Lebendige in der Welt, von dem uns das erste Kapitel im ersten Buch Mose berichtet, ist das Gras. Das Grüne. Es kommt noch vor den Bäumen, vor den Vögeln, vor den Fischen, vor den Landsäugetieren, vor dem Menschen. Es ist hier das erste, das wächst und atmet und sich vermehrt. Ohne Gras wäre nichts anderes, was lebt. Der atmende, denkende Mensch ist fürchterlich abhängig davon, dass die Erde Gras wachsen lässt.
Und nutzt der Mensch das Land auf eine Weise, dass es kein Gras mehr hervorbringen kann, dann kann auch der Mensch irgendwann nicht mehr leben. Das ist eine Weisheit, die so alt ist wie der Mensch selbst:
„Für das Vieh lässt du [Gott] Gras wachsen
und Getreide für den Ackerbau des Menschen.
So kann die Erde Brot hervorbringen
und Wein, der das Menschenherz erfreut.
So gibt es Salböl für ein glänzendes Gesicht
und Nahrung, die das Menschenherz stärkt.“ (Psalm 104, 14 – 15)
„Wie lange soll die Erde ihretwegen trocken bleiben? Wie lange sollen die Pflanzen noch verdorren? Tiere und Vögel schwinden dahin, weil die Bewohner dieses Landes böse sind.“ Jeremia 12, 4
Die Hirten und Bauern wussten noch, dass ohne Gras ein ganzes Land stirbt. Und die Propheten bringen das verdorrte Gras und das verhungernde Land direkt mit der Bosheit des Menschen in Verbindung. Natürlich haben sie zum Teil noch dieses einfache Gottesbild, dass Unfrömmigkeit die Strafe Gottes in Form von ausbleibendem Regen nach sich zieht. Aber wenn wir diese Verse heute lesen und die Bilder sehen vom brennenden Land in Nordamerika, in Australien und im letzten Jahr auch bei uns, insbesondere in Ostdeutschland… wenn wir wissen, dass Wettersysteme sich verschieben und Wetterextreme sich deshalb häufen, weil der Mensch zu viel verbraucht und gierig das Land frisst – dann steht dieser Prophet aus einer archaischen Welt uns plötzlich sehr nahe und seine angeblich so naive Sicht wird zu bitterer Wahrheit.
Ohne das sanft wogende Gras gibt es weder Nahrung noch irgendein Leben. Heute wissen wir, dass jedes Stück englischer Rasen und jedes Stück deutscher Beton den Tod bedeutet für unzählige Insekten, damit auch eine Gefahr für Nutzpflanzen und damit wiederum der Ertrag menschlicher Nahrung auf den Feldern schwinden kann. Aber immer noch gieren wir danach, das Land zu schlucken, denn wir Menschen sind hungrig und wir sind die Tyrannen der Welt – uns muss alles Leben geopfert werden. Wir sind die Götter und für unser Leben und Wohlergehen muss mehr Blut fließen und müssen mehr Leben geopfert werden, als es jemals in irgendeinem Tempel der alten Welt geschehen ist. Weder Zeus noch Jahwe haben je so viele Schlachtopfer gefordert wie der moderne Mensch.
Es ist die alte Geschichte. „Hat Gott nicht gesagt…?“, flüstert die Schlange. Die Schlange ist uns näher, als wir denken. Sie ist nicht der Satan außerhalb von uns. Sie ist der Satan in uns. Unser Ego: ICH bin Gott. Mir muss sich die Welt fügen. Mir muss sie dienen. Wir fühlen uns wie Könige, doch wir sind kleine Tyrannen auf unseren wohlfeil abgesteckten Parzellen voller Beton und Angst.
Aber sehen wir doch neu auf das Gras. Oder alt. Wie die Hirten, die Propheten und die Könige vor uns. Sehen wir doch das Gras als Liebe Gottes, die das Land bedeckt. Sein Erbarmen, das die Landschaft einhüllt und die Narben, die wir dem Land zugefügt haben, gnädig verschließt. Ist es nicht erstaunlich, wie schnell ein ausgetretener Pfad wieder bekrautet wird, wenn kein Menschenfuß ihn mehr begeht? Wie innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten das Grundstück eines abgerissenen Hauses überwuchert wird, trotz der letzten Reste von Beton und Fundamenten? Gras ist das erste, immer das erste, das wächst, wenn die Vernichtung aufgehört hat. Nach jeder Feuersbrunst braucht man nur darauf warten, dass der Boden sich abkühlt, der nächtliche Tau herabsinkt und ein leichter Schauer aus den Wolken kommt. Mitunter sprießt schon am ersten Tag nach dem Brand ein Halm aus der Erde.
Oder noch anders: Ich war in den letzten Wochen an einem freien Tag unterwegs und bin nach Langenstein (bei Halberstadt, Harzvorland, Sachsen-Anhalt) gewandert. Dort gab es zur Zeit des Dritten Reiches ein großes Zwangsarbeiterlager in einem wunderschön gelegenen Tal. Man weiß, dass sich dort nicht nur hunderte, sondern zeitweilig ein paar Tausend Menschen befunden haben. Unvorstellbar bei den Begrenzungen des ehemaligen Lagers, die man heute mit einem einfachen Spaziergang und ohne große Mühe ablaufen kann. Dort liegen noch Reste und Fundamente der Baracken. Als die Zwangsarbeiter aus ganz Europa und der Welt dort ausharren und leiden mussten, wuchs nicht ein Halm mehr dort. So wie die Menschen war auch das Land, auf dem sie vegetierten, verwundet. Wir wissen aus unzähligen Augenzeugenberichten, dass der Boden aller solcher Lager nur aus Erde und Schlamm bestand. Da war nichts Grünes, das die weinenden Augen trösten konnte. Eine Wüste – so trostlos wie das Elend, das hier Menschen anderen Menschen antaten. Ihre Bösartigkeit verwüstete das Land – wie der Prophet es sagte.
Und heute? Gras wächst dort. Es ist untersagt, die Fläche zu betreten. Man soll sich auf den Waldwegen halten und die Gedenktafeln abschreiten. Wo Menschen elend zu Grunde gefoltert worden sind, wo die Tyrannen das Gras unter ihren Stiefeln in den Schlamm getreten haben, breitet sich eine sanfte Wiese aus. Hier summen die Insekten, zirpen die Grillen, flöten die Vögel ihre Balzlieder in den Zweigen der Bäume, die diesen Platz umsäumen.
Ich schaue über die Wiese. Natürlich machen mein Wissen und die gefühlte Verantwortung einer Haltung zu dem, was hier geschehen ist, diesen Ort zu einem bereits besetzten Platz. Aber eigentlich herrscht jetzt der Grashalm hier. Er hat den Stiefel der Sklaventreiber und die nackten Füße der Geschundenen abgelöst. Über tausende Folterkeller und tausende Schlachtfelder aus den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte ist zuverlässig Gras gewachsen.
Jetzt also frage ich mich, in diesem Augenblick, wo meine Füße nach der langen Wanderung schmerzen und mir der Schweiß den Rücken hinab rinnt und mein Herz wund ist, wenn ich daran denke, was Menschen ihren eigenen Brüdern und Schwestern antun: ist nicht das Gras, das hier wächst, wie die Barmherzigkeit Gottes, die über die Wunden kriecht und sie abdeckt? Gras macht die Verletzung der Landschaft nicht vergessen. Die Strukturen bleiben. Aber das barmherzige Gras tröstet und verbindet die Wunden. Ist nicht Barmherzigkeit mit dem anderen Menschen, mit dem anderen, was lebt und atmet wie ich, die Heilung für gegenseitige Verletzungen? Barmherzigkeit befähigt die Seele, neue Blüten zu treiben. Sie ist Heilung und Nahrung wie das Gras.
Und das Gras ist Nahrung für das liebe Vieh. Seine große Schwester, das Getreide, ist unsere Nahrung. In diesem Sinne ist jedes Brot Barmherzigkeit, die in uns dringt, uns nährt und heilt. Ist es da noch so abwegig, vom gemarterten Leib des Herrn Jesus zu sprechen und zu denken als dem Brot, das uns Barmherzigkeit schenkt? Wenn Christus im Johannesevangelium sagt, er sei das Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, damit es als Korn aufwächst und zu Brot wird und Nahrung gibt – können wir das nicht zumindest als Bild nachempfinden? Als Wahrheit, die man tatsächlich tief erfahren kann, auch wenn sie mit Worten nie recht einzufangen ist.
Wenn ich das Gras sehe, dann sehe ich Barmherzigkeit. Dann glaube ich daran, dass Verlust, Verwundung und Sterben nicht das Ende der Geschichte ist. Die tyrannische Gier des Menschen kann durch das Brot der Barmherzigkeit geheilt werden. Ein Anfang ist gemacht, wenn du auf das Gras schaust und erkennst, dass es nicht nur Gras ist, was das Land bedeckt, sondern Liebe, die uns alle, die wir leben und atmen, trägt und ernährt.

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