Lesen mit zwei Augen – Die Liebesernte

Lesen mit dem kalten und dem warmen Auge

Die Liebesernte

24Jesus erzählte der Volksmenge noch ein weiteres Gleichnis: »Mit dem Himmelreich ist es wie bei einem Bauern, der auf seinen Acker guten Samen aussäte.25Als alle schliefen, kam sein Feind. Er säte Unkraut zwischen den Weizen und verschwand wieder.26Der Weizen wuchs hoch und setzte Ähren an. Da war auch das Unkraut zwischen dem Weizen zu erkennen. 27 Die Feldarbeiter gingen zum Bauern und fragten ihn: ›Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut auf dem Feld?‹ 28Er antwortete: ›Das hat mein Feind getan.‹ Die Arbeiter sagten zu ihm: ›Willst du, dass wir auf das Feld gehen und das Unkraut ausreißen?‹29Aber er antwortete: ›Tut das nicht, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus!30Lasst beides bis zur Ernte wachsen. Dann werde ich den Erntearbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut ein! Bindet es zu Bündeln zusammen, damit es verbrannt werden kann. Aber den Weizen bringt in meine Scheune.‹« Matthäus 13, 24 – 30 [Übersetzung Basis Bibel]

Auf einer meiner letzten Wanderungen in der Sommerhitze kam ich an einem fast reifen Weizenfeld vorbei. Der sogenannte Sachkundeunterricht aus der Grundschule ist bei mir nun auch schon einige Tage her, darum musste ich kurz nachdenken, ob das Getreide, das ich dort sah, tatsächlich Weizen war. Es war Weizen. Taschenlexikon Gugel bestätigte es. Aber es war nicht so sehr der Weizen auf dem kleinen Feld, der meine Aufmerksamkeit erregte, sondern vielmehr das, was zwischen dem Weizen stand. Irgendein anderes grünes Kraut unter den ordentlichen Erntehalmen. Unweigerlich musste ich an das Gleichnis Jesu vom Unkraut im Weizen denken. Hier hatte ich es plötzlich vor Augen. Was wir sehen, wenn wir es denn wirklich sehen, ist uns der beste Lehrer. Es steht uns vor den Augen des Herzens, den warmen Augen des Herzens.

Nun wurde schon viel über dieses Gleichnis Jesu geredet, nachgedacht und geschrieben. Die meisten Übersetzer und Ausleger sind sicher, dass es sich bei diesem Unkraut im Weizen um eine Pflanze handelte, die im anfänglichen Wachstum genauso aussieht wie Weizen, aber keiner ist. Ein giftiges Süßgras namens Taumellolch. Seine Wurzeln und die des Weizens verflechten sich miteinander und wenn man versucht, den Taumellolch auszuraufen, dann rauft man zugleich auch den guten Weizen mit aus und verdirbt damit natürlich den Ernteertrag.

Doch unabhängig von dieser klugen Erklärung ist jedem, der irgendwann in seinem Leben mit dem Aussäen, Pflanzen und Ernten in Berührung gekommen ist, klar, dass hoch gewachsene Pflanzen, die einem erwünscht sind, gefährdet werden können, wenn man die unerwünschten Pflanzen neben ihnen ausreißt. Am Anfang mag das noch gut gehen, das Pflegen und Jäten – aber kurz vor der Ernte ist es nahezu unmöglich, ohne Schaden für die erwünschten Pflanzungen beizugehen und das Unerwünschte auszureißen.

Oder anders: Es gibt ein Haus, das ich in Abwesenheit der Besitzer betreue. Es wäre schon lange wünschenswert, das zwischen den Steinen im Eingangsbereich aufschießende Kraut herauszuziehen. Da aber der Fußweg recht frisch gepflastert ist, die Steine sich also noch nicht ausreichend gesetzt haben, zieht man mit den Wurzeln des Unkrauts gleichzeitig die Steine hoch und zerstört so den Gehweg.

Oder noch anders: Meine Mutter hegt und pflegt seit Jahren ihren Garten. Damit bin ich aufgewachsen. Unkräuter sind in ihrem Munde seit geraumer Zeit zu „Beikräutern“ geworden. Sie stehen neben den erwünschten Pflanzen mit ihrer ersehnten Ernte. Erst wenn das Beet abgeerntet ist, wird auch dieses Beikraut wieder entfernt, die Erde auf den Winter und die nächste Aussaat und Pflanzung im Frühjahr vorbereitet. Das Beikraut hält die Erde zusammen und die Feuchtigkeit im Boden, es hilft damit auch den erwünschten Pflanzen.

Oder wieder ganz anders: Ich stehe hier am Feldrand und schaue auf das kleine bescheidene Weizenfeld, das ich seit dem Frühjahr beobachte. Mein kaltes Auge sieht, dass es gut steht, aber diese sonst so technische Ordentlichkeit, die man aus moderner Landwirtschaft kennt, durch hohes, grünes Kraut unterbrochen ist. Unerwünscht. Unordentlich. Unkraut. So habe ich auch lange Zeit dieses Gleichnis Jesu erzählt bekommen und verstanden. Das Böse ist unerwünscht. Es ist das Ungute. Das, was beseitigt gehört. Die Rache und der Zorn Gottes werden kommen. Das Feuer der Hölle wird die Unmenschen vernichten. Und es ist wichtig, der Weizen zu sein, die gute Pflanze zu sein, ein ordentliches Leben zu führen, um nicht verbrannt zu werden. Und es ist ebenso wichtig, das Unkraut zu kennen, dieses fiese Unkraut. Trenne dich davon, sei Weizen.

Aber da zieht der kalte Schauer über mich, mitten in der Sommerhitze. So habe ich all die Jahre gedacht – oder zumindest versucht zu denken? Ist das wirklich, was Jesus seinen Jüngern mit dem Gleichnis sagen wollte? Erkenne das Unkraut, sei Weizen und wisse genau, wer Weizen und wer Unkraut ist – also wer den Willen Gottes tut und wer nicht. Ja, Ich und Ich und Ich entscheide also ständig, wer Unkraut ist und wer nicht – und selbstverständlich bin ich selbst der gute Weizen, die anderen sind das Problem.

Mich beschleicht das Gefühl, dass dies genau das Problem ist, was Jesus in seinem Gleichnis ansprach – eben diese Unterscheidung, Trennung, Auftrennung, Abgrenzung. Dieser Akt des Unterscheidens und Richtens – der ist es, der am meisten Schaden verursacht und das Gute zusammen mit dem Unguten verdirbt, in einem einzigen Feldbrand im Hochsommer, der das Weizenfeld verzehrt und die Ernte unwiederbringlich vernichtet. Ein richtendes Herz ist so trostlos und trocken wie die letzten drei Dürrejahre in Deutschland. Es kann die Welt in Brand setzen.

Jesus scheint dieser Punkt, diese Mahnung besonders wichtig zu sein. Das Gleichnis vom Unkraut zwischen dem Weizen ist eines der wenigen, deren Bilder er den Jüngern im Einzelnen erklärt. (Matthäus 13, 37 – 43) Anhand dieser Bilder will ich versuchen zu beschreiben, was mein kaltes Herz einst zu glauben meinte und was das warme Auge heute darin zu entdecken sucht.

D e r  B a u e r

„Der Bauer, der den guten Samen sät, steht für den Menschensohn.“

Der Bauer bestellt das Feld und sät den Weizen aus. Es ist gute Saat von höchster Qualität. Im Gleichnis steht der Bauer für den Menschensohn – ein Titel, mit dem Jesus sich selbst in den Evangelien häufig bezeichnet. Jesus also ist in die Welt gekommen und bringt gute Saat mit, die er ausstreut. Auch wenn es nicht direkt dasteht, wird diese Saat in den Auslegungen häufig gleichgesetzt mit der Saat aus einem vorangegangenen Gleichnis. Es ist das Wort vom Vater, das er in die Welt bringt und predigt. Zuvor hat Jesus von diesem Wort als einer Saat gesprochen, die in den Herzen der Menschen, die das Wort hören, unterschiedlich gut aufgeht und auch unterschiedlich viel gute Frucht bringt. Folgt man dieser Logik, bedeutet das: Jesus predigt das Wort und um guter Weizen zu werden, muss man dieses Wort glauben und danach handeln. Die guten Taten und der gute Charakter sind dann die Frucht dieses Weizens. Wir haben hier also eine Befehlshierarchie. Menschensohn predigt Wort, Wort wird umgesetzt, Frucht und Belohnung folgen.

Dies ist aber nicht die Logik des Gleichnisses. Die Saat dieses Gleichnisses ist nur lose mit der Saat aus dem Gleichnis über den Sämann der guten Worte verbunden. Hier ist die Saat nicht das Wort, sondern es sind ganze Menschen, die als Samenkörner in die Welt gepflanzt werden, um dort aufzugehen, zu wachsen und guten Ertrag zu bringen. Der Bauer, dem die Welt gehört, versteht alle Menschen als Samenkörner mit dem Potential zu einer reichen Ernte. Der Bauer ist nicht Heerführer der guten Soldaten Christi, sondern Pfleger der guten Schöpfung Gottes, zu der jeder Mensch unvoreingenommen gehört. Du kannst die Samenkörner nicht voneinander unterscheiden und du kannst die aufschießenden Halme nicht voneinander trennen. Alles ist Acker und Garten dieses guten Bauern.

D e r  A c k e r

„Der Acker ist die Welt.“

Der Acker ist die ganze Welt, sagt Jesus. Wir haben diesen Acker oft nur als Stückwerk verstanden. Noch ein Feld, das für den Herrn erobert und bearbeitet werden muss. Noch ein Hügel für die Standarte unseres Obersten Heerführers Christus. Und wieder gehört ihm etwas mehr von der Welt, wenn das nächste Missionsfeld abgesteckt wurde.

Wir vergessen jedoch, dass dieses Weizenfeld bereits die ganze Welt umfasst. Es gehört dem Bauern ohne Ausnahme, da muss nichts erobert werden. Wenn Gott die Welt geschaffen hat, dann gehört sie ihm auch und wir können nicht einen Faden breit dazu tun, dass sie ihm noch mehr gehört. Wir verstehen das Gleichnis oft so, als würden dem Unkraut säenden Feind die anderen Teile der Welt gehören und er würde als böser Nachbar auf unser christliches Grundstück treten, um uns die Ernte zu verhageln.

Der Feind aber hat kein Land. Alles ist Bauernland. Der Weizen muss weder gesät noch verteidigt werden. Er ist da und er wächst. Nicht mehr und nicht weniger.

D i e  S a a t

Der gute Samen steht für die Menschen, die zum Reich Gottes gehören.“

Der gute Samen sind die Menschen, die zum Reich Gottes gehören, spricht Jesus. Wer aber gehört zum Reich Gottes? Gute Samen. Gute Menschen. Wir haben unter guten Menschen allzu oft diejenigen verstanden, die unserem Bild von Regeleinhaltung, kulturellen Gepflogenheiten und religiöser Ausrichtung entsprechen.

Aber keine unserer Ansichten lässt sich in dieses Gleichnis schieben. Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen – da steht nichts davon, dass diese Menschen sich bekehren müssen, bestimmte Gebete sprechen müssen, bestimmte Dinge einhalten müssen. Sie sind Weizen und sie wachsen. Sie gehören dazu, weil sie dazu gehören. Sie sind gute Menschen. Und tausend Predigten können nicht ersetzen, was jeder Mensch, jedes Samenkorn Gottes auf diesem Feld der Welt bereits weiß: guter Weizen ist einfach gut. Und wir wissen in unseren Herzen, was gut und böse ist. Mehr braucht es nicht.

Nicht jeder Weizenhalm wächst gerade oder bringt volle Frucht (hier erst ist die Verbindung zum Gleichnis vom Sämann der guten Worte), aber Weizen ist Weizen. Er wächst. Er streckt sich dem Licht entgegen. Und das ist das Einzige, was wir tun müssen, um Weizen zu sein. Gut sein. Uns dem Licht entgegenstrecken. Das ist die härteste aller Bedingungen und zugleich die einfachste. Hart, weil sie einfach ist und das Loslassen von Unterscheidung und Urteil verlangt. Sei Weizen. Wachse. Kümmere dich nicht um das Unkraut. So flüstert mir das Feld zu, vor dem ich stehe.

D a s  U n k r a u t

„Das Unkraut steht für die Menschen, die dem Bösen folgen.“

Das Unkraut sind die Menschen, die dem Bösen folgen, sagt Jesus. Wir verstehen das Gleichnis oft so, als wäre es von Anfang an vorherbestimmt, wer Weizen und wer Unkraut ist. Oder als hätte sich der Weizen durch bösartige Magie plötzlich in etwas Monströses verwandelt, das uns bedroht. Unkraut ist etwas, das wir meiden sollen.

Doch wenn die ganze Welt ein Weizenfeld ist und das Unkraut zwischen den guten Halmen steht, gibt es kein Ausweichen. Unweigerlich wird der Wind alle aufgeschossenen Pflanzen bewegen und sie werden sich berühren, ihre Wurzeln miteinander verflechten und gemeinsam wachsen. Da gibt es kein Entrinnen. Menschen werden anderen Menschen begegnen und an ihnen leiden und ihnen Leid zufügen.

Wir können diese Pflanzungen nicht vorsorglich unterscheiden. Erst wenn alles miteinander aufgeschossen ist, zeigen Weizen und Gras ihre wahren Gesichter. Sie sind auf einem Feld, in einer Welt. Sie sind miteinander verbunden und ihnen beiden widerfahren in gleichem Maße Sonne und Regen. Das ist die schwer zu verstehende Gerechtigkeit Gottes, dass er die Bösen im Diesseits nicht straft und es den Guten so richtig wohl gehen lässt. Manchmal ist es genau umgekehrt. Das Unkraut schnappt dem Weizen Sonne und Regen weg. Wer gut ist und Gutes tut, erfährt nicht immer nur Gutes. Wer böse ist und Böses tut, erfährt nicht immer nur Böses. Oh, diese schwer zu ertragende Geduld und Barmherzigkeit Gottes, die uns so oft wie gleichgültige Grausamkeit der Welt vorkommt. Hiob, mein Bruder!

D e r   F e i n d

„Der Feind, der das Unkraut sät, steht für den Teufel.“

Wir haben den Feind, den Teufel, in diesem Gleichnis zu einem König gemacht. Ein Großgrundbesitzer, ein Tyrann mit Macht und Autorität. Wie stark muss er sein, dass er die Ernte verdirbt, den Weizen zerstört! Ein Herrscher in dieser Welt, vor dem man sich fürchten muss.

Nichts von alledem ist wahr. Der Feind besitzt nichts, keine Macht und Größe. Er ist nicht dazu in der Lage, die gute Saat zu verderben oder die Ernte zu verhindern. Er macht den Arbeitern nur ihre Arbeit etwas schwerer, weil sie am Ende Weizen und Unkraut auseinander sortieren müssen.

Das Böse für sich ist nicht fassbar. Ob wir ihm in der Gestalt des Teufels eine Entität zuschreiben oder ihn wie im Gleichnis nur als Figur für das nicht greifbare Böse, das im Menschen aufschießen kann, verstehen, ist völlig gleichgültig. Der Feind ist ein Schleicher, ein Heimlicher, ein Eindringling, ein stiller Verderber. Des nachts versteckt er sich im Feld und streut sein Übel. Was muss er sich fürchten vor dem Bauern, dass er nicht wagt, des Tags das Feld zu verwüsten oder ihm die Ernte anzuzünden?

Er ist nur in der Lage zu stören, nicht völlig zu zerstören. Das macht mir Hoffnung und nimmt mir Angst. Das Böse hat nie das letzte Wort, auch wenn wir es um uns herum ertragen müssen.

D i e  E r n t e

„Die Ernte steht für das Ende der Welt.“

Wir haben das Ende der Welt oft so verstanden, dass Gott sich irgendwann auf seinen höchstrichterlichen Thron setzen wird, in die Hände klatscht und diese ganze Geschichte namens Welt oder Universum oder Schöpfung als Projekt für beendet erklärt. Danach wird sortiert. Die einen frohlocken in ewiger, geisterhafter Glückseligkeit. Die anderen brennen in ewigen Qualen. Entscheiden wird dieser göttliche Tyrann auf dem Thron, der seine Schöpfung lieblos mit einem Fingerschnippen aus der Existenz streicht.

Aber wir haben vergessen, was Ernte bedeutet. Die Ernte ist eine sehr harte Arbeit, aber auf diese Arbeit folgt eine große Freude und der Ertrag bedeutet Sattsein, Wohlergehen und Versorgung. Der Jahreskreis neigt sich dem Ende zu. Nach Wachsen und Reifen kommt das Vergehen. Selbstverständlich ist dieses Leben hier endlich, selbstverständlich ist diese Welt – so lange nach derzeitiger wissenschaftlicher Erkenntnis auch Leben auf ihr existieren mag – ein Feld, dessen Lebenskraft vergehen wird. Früheren Generationen war das viel bewusster und es ist für sich betrachtet auch nichts Furchtbares. Es ist, was es ist. Warum es so ist, wozu es so ist – wer kann das schon beantworten?

Bis dahin sind wir alle wachsender Weizen oder wachsendes Unkraut. Entweder schlagen wir den Weg des Guten ein und reifen zu einem Menschen, der dem Reich Gottes entspricht. Oder wir entscheiden uns, zu richten, zu urteilen, das Feld entzwei zu reißen und wachsen hin zu etwas, das einem Menschen, einem guten Weizenhalm nicht einmal mehr ähnlich ist. Der Mensch entstellt sich selbst. Jesus sagt, die Menschen folgen dem Bösen. Dazu brauchen sie nicht einmal den Feind. Jeder entscheidet selbst, ob er lieber Gutes tut oder nicht. Das Feld ist in Sonne und Regen sich selbst überlassen bis zur Ernte. Mag hart klingen, doch Sonne und Regen sind die Barmherzigkeiten, die von der Aussaat zur Ernte andauern. Barmherzigkeit, Vergebung, die Weigerung zu urteilen und zu trennen vor der Zeit – das ist es, was uns durch diese Zeit, durch dieses Leben trägt bis ans Ende.

D i e  E r n t e a r b e i t e r

„Die Erntearbeiter stehen für die Engel.“

Die Erntearbeiter sind die Engel, die Gott ausschickt, um das Unkraut einzusammeln, es vom Weizen zu trennen und im Feuer zu verbrennen, denn zu etwas anderem ist es nun nicht mehr nütze. Wird das exakt so passieren, wie einige es glauben wollen? Zumindest scheint es eine Rechtfertigung für manch Gläubige zu sein, jetzt schon zwischen Weizen und Unkraut zu unterscheiden. Wir übergeben andere dem Scheiterhaufen unserer Selbstgerechtigkeit. Brennen sollen sie! In der Hölle!

Dumm nur, dass die Hölle eine recht späte Erfindung ist und der Scheiterhaufen für das Unkraut in diesem Gleichnis in die Hände von Engeln gelegt ist. Tröstlich kann es uns sein, dass all die Ungerechtigkeiten dieser Welt nicht vergessen sind bei Gott – dass bösartiges Handeln nicht ohne Konsequenzen bleiben wird für die, die es betreiben. Bei sich selbst werden sie empfinden, was es bedeutet, böse zu sein. Auf diese Weise wurde das Gleichnis in der frühen Christenheit und auch noch bis zur Jahrtausendwende im Mittelalter ausgelegt. Man hat sich sehr viel mehr um die Pflege des Weizens gekümmert als um das Verbrennen des Unkrauts, das überhaupt nicht unsere Aufgabe ist.

Achten wir genau auf die Worte. Das Feuer betrifft diejenigen Menschen, die aktiv darum bemüht sind, anderen zu schaden, sie vom rechten Weg abzubringen und die bewusst gute Gesetze Gottes missachten. Wer von uns tut wirklich aktiv das Böse? Auf wen trifft das zu? Kann es sein, dass viel mehr Menschen zum Weizen gehören, als wir denken? Wir können nicht beurteilen, was weiter wachsen darf und was ausgerissen wird. Das steht uns nicht zu und liegt in anderen Händen.

D a s  F e u e r

„Die Engel werden sie in den brennenden Ofen werfen. Dort gibt es nur Heulen und Zähneklappern.43Aber alle, die nach Gottes Willen leben, werden im Reich ihres Vaters strahlen wie die Sonne.“

Das Feuer (im Sinne von Gehenna, brennendem Ofen, tatsächlich eine Art „Müllverbrennungsanlage“ vor den Toren der Stadt Jerusalem) ist ein Bild, das Jesus hin und wieder gebraucht, wenn er vom Jenseits redet und was in diesem Jenseits mit denen passiert, die bewusst bösartig sind und handeln. Eine klassische Hölle, wie sie seit Dantes Dichtung chic ist, kann man daraus nicht bauen. Es ist schlicht Feuer, das Böses verbrennt. Und zwar etwas, das so böse ist, dass es gar kein Weizen mehr ist, gar nicht mehr menschlich. Das ist sehr wichtig, sich zu Herzen zu nehmen – wir können und dürfen nicht anderen Menschen einfach so ihr Menschsein absprechen, nur weil sie nicht mit unseren Überzeugungen übereinstimmen – das ist nicht das Böse, was Jesus meinte.

Nun stellte sich vielen Auslegern die Frage, wie das Feuer hier und anderswo genau zu verstehen ist. Ein Bild? Ein geistliches Feuer im Jenseits? Ein Feuer Gottes? Gar DAS Feuer Gottes und damit etwas eigentlich Gutes?

Es kommt auf unser Herz an, wie wir das beurteilen mögen. Das kalte Auge sieht den Bösen gern bestraft und giert nach Genugtuung und Rache. Das warme Auge mag vielleicht lesen, dass Jesus im selben Atemzug davon spricht, dass diejenigen, die nach Gottes Willen leben, strahlen werden wie die Sonne. Kann es sein, dass sowohl Gute als auch Böse – also jede Saat vom Feld der Welt – durch dasselbe Feuer von Gottes Liebe gehen muss? Und nur das Gute bleibt, hält diesem Feuer stand und strahlt auf. Vielleicht bedeutet es, dass das Böse in den Bösen verbrennt. Eine Art reinigendes Feuer von Gottes Liebe – schmerzhaft, weil es mit der eigenen Bösartigkeit konfrontiert. Vielleicht vergeht auch ein wirklich Böser in diesem Feuer, weil in ihm gar nichts Menschliches mehr ist – er ist kein Weizen, sondern Taumellolch. Vielleicht ist es beides. Oder nichts davon.

Das Einzige, was wir für die Gegenwart aus dem Gleichnis mitnehmen können ist, dass böse Dinge nicht ohne Konsequenz bleiben für die, die sie tun – wie auch immer diese Konsequenz aussieht. Dass Gerechtigkeit hier auf der Erde, wenn sie von uns ausgelegt und forciert wird, immer auch neue Ungerechtigkeiten schaffen wird – wir werden durch Urteilen und Unterscheiden immer Weizen und Unkraut gemeinsam treffen – darauf läuft jedes menschliche System von Macht und Hierarchie unweigerlich hinaus. Unsere Aufgabe ist nicht die der Engel. Wir sind nicht die Erntearbeiter. Wir sind der Weizen. Wir sind da, wir wachsen. Wir sind. Nicht mehr und nicht weniger. Da sein und sich dem Licht und dem Guten aussetzen und selber gut sein. Das ist es, was Weizen tut. Sehr einfach und genau deshalb so schwer. Wir wollen Gott sein, der unterscheidet. Wir wollen Engel sein, die verbrennen. Wir wollen nicht nur Weizen sein und den Unbilden dieser Welt ausgeliefert. Aber so ist es. Wir sind Weizen. Wir sind ausgeliefert und zugleich gesegnet. Nicht mehr und nicht weniger.