Lesen mit zwei Augen – Von Liebe geleitet

Lesen mit dem kalten und dem warmen Auge

Von Liebe geleitet

„Am nächsten Morgen kam Mose zu dem Zelt, in dem die Tafeln mit den Geboten aufbewahrt wurden. Tatsächlich hatte Aarons Stab Knospen hervorgebracht. Er begann zu blühen und ließ sogar Mandeln reifen.“ 4. Mose 17, 23

Wer Ohren hat zu hören, der höre. Wer Augen hat zu sehen, der schaue – die Freundlichkeit des Herrn, die man schmecken kann und mit allen Sinnen in dieser Welt erfahren…

Wieder einmal war ich ein paar Stunden unterwegs und dieses Mal fiel mir ganz besonders das rote Leuchten am Wegesrand im Halbschatten von Baum und Kraut auf. Versteckt ragen sie dort am Ende des Sommers auf – die steifen, grünen Stängel, die in der oberen Hälfte mit orangeroten Beeren gespickt sind. Eine giftige und schön anzusehende Traube, unbemerkt entstanden und scheinbar plötzlich aus dem Boden geschossen. Aronstab wird diese Pflanze bei uns genannt. Die Familie dieses Gewächses ist recht groß und weit verbreitet, doch immer sind es die roten Beeren am grünen Stab, die alle Pflanzen am Ende ihres Reifezyklus verraten.

„Am nächsten Morgen kam Mose zu dem Zelt, in dem die Tafeln mit den Geboten aufbewahrt wurden. Tatsächlich hatte Aarons Stab Knospen hervorgebracht. Er begann zu blühen und ließ sogar Mandeln reifen.“ 4. Mose 17, 23

Der eigentliche Stab des Priesters Aaron trug duftende Mandeln, wenn wir uns an die Geschichte erinnern, aus der man den Namen für diese Pflanze entnommen hat. Die Mandel – ein willkommenes, liebliches, duftendes Gewächs. Ein Stab des Segens und Aufblühens soll der Priesterstab des Aaron sein. Und hier im harmlosen, deutschen Walde nennen wir ein giftiges Gewächs danach. Hat sich da irgendein Botaniker einen zynischen Scherz erlaubt? Oder wurde der Bibeltext wie so häufig falsch übersetzt, verstanden und angewendet? Ganz so abwegig ist das nicht – schließlich hatte Mose in der bildenden Kunst vorangegangener Jahrhunderte oft Hörner auf dem Kopf, da man das Strahlen seines Angesichtes als Hörner übersetzt hat. Hebräische Schrift kommt wunderbar ohne Konsonanten aus und das kann bei falsch gelesenen Wortwurzeln zu der einen oder anderen Verwirrung führen.

Ich hingegen glaube, dass in diesem Fall die Augen leitende Signalwirkung der roten Beeren, die Auffälligkeit, das Aufrechte des Stängels und sein gefühlt plötzliches Aufschießen zu dieser Assoziation geführt haben mögen. Dazu kommt vielleicht, dass man in der Bibelgeschichte den Stab des Aaron wie einen unbedeutenden, kleinen Stock gelesen hat. Als hätte Gott die Stammesfürsten angewiesen, sich ein kleines Zweiglein von irgendeinem Busch abzubrechen und vor die Bundeslade zu schmeißen.

Tatsächlich ist dieser Bericht eine Art Siegelgeschichte. Sie besiegelt das Priestertum der Familie Aarons im Stamm der Leviten. Bis heute können jüdische Familien mit dem Nachnamen „Kohn“ oder „Cohen“ oder „Kohnen“ o. ä. (von Kohen / Kohanim (Plural)) darauf verweisen, dass sie dieser Linie entstammen und ihre männlichen Mitglieder im Grunde zum Priesterdienst im Tempel berechtigt wären – nur dass es eben keinen Tempel mehr gibt. Am Versöhnungstag Jom Kippur sprechen noch heute traditionell Mitglieder dieser Linie den Aaronitischen Segen. ›Der Herr segne dich und beschütze dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende dir sein Angesicht zu und schenke dir Frieden!‹ 4. Mose 6, 24 – 26 In gewisser Hinsicht wurde der Stab des Aaron also bis heute weitergereicht.

Die 12 Stäbe der 12 Stämme des Volkes Israel sind in Wahrheit Fürstenstäbe, Herrschaftssymbole, Autoritätssiegel. Jeder Stammesfürst hat solch einen Stab, der ihn als Anführer, Vorsteher, Big Boss seiner Sippe kennzeichnet. Das Bild des Stabes ist dem Dasein als Hirten- und Nomadenvolk entnommen. Der Stab ist nicht nur schnöde Gehhilfe – er ist Signal von Führung und Richtung und er ist Waffe gegen Feinde, die Tiere aus der weidenden Herde reißen wollen. Hart umkämpft ist der Anspruch der Priesterschaft und im vierten Buch Mose findet dieser Konflikt seinen Höhepunkt und wird quasi-magisch durch eine Auslosung entschieden.

Das Volk lehnt sich gegen den Anspruch des Stammes Levi immer wieder auf und Gott übt scheinbar ständig Rache wegen dieses Frevels am Heiligen. Nachdem das Feuer Gottes unter dem Volk gewütet hat und viele getötet wurden – was auch immer das genau bedeutet – müssen alle 12 Fürsten ihre Stäbe vor der Bundeslade niederlegen. Nur der Stab des Aaron treibt über Nacht Blätter, Blüten und Früchte des Mandelbaumes und weist ihn als rechtmäßigen Träger der Priesterschaft aus.

Aufmerksame Leser bemerken, dass hier nicht nur ein Stab aus vielen gewählt wurde, sondern im Verlauf der Erezählungen vom zweiten bis zum vierten Buch Mose der Führungsstab still und heimlich von einem auf den anderen Mann übergegangen ist.

„Da fragte ihn der Herr: Was hast du da in der Hand? Mose sagte: Einen Stab. Der Herr sagte: Wirf ihn auf den Boden! Er warf ihn auf den Boden. Da wurde der Stab zu einer Schlange. Mose zuckte zurück.Doch der Herr sagte zu Mose: Jetzt pack die Schlange mit der Hand beim Schwanz! Mose packte sie und hielt sie fest. Da wurde sie wieder zu dem Stab in seiner Hand.Gott sagte: Nun werden sie glauben, dass der Herr dir erschienen ist.“ 2. Mose 4, 2 – 5

„Der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir! Befiehl den Israeliten, dass sie aufbrechen.Und du, hebe deinen Stab hoch! Strecke deine Hand aus über das Meer und teile es! Dann können die Israeliten auf trockenem Boden mitten durch das Meer ziehen.“ 2. Mose 14, 15 – 16

Es war Mose, der seinen Hirtenstab zum brennenden Dornbusch trug und von Gott Macht und Autorität erhielt, mit diesem Stab das Volk Israel wie eine Herde Schafe aus Ägypten zu führen und sie am Schilfmeer gegen die sie verfolgenden Feinde zu verteidigen. Von Anfang an wurde ihm Aaron zur Seite gestellt, aber es ist doch Mose, der Mann und Freund Gottes, der mit diesem Heiligen redet und die Worte dieses Heiligen an das Volk weitergibt. Im vierten Buch Mose nun geht der Führungsanspruch endgültig auf Aaron über. Das Priestertum löst das Prophetentum ab, könnte man sagen. Ist Mose zwar dem Stamm der Leviten zugeschrieben, bleibt er als Figur in der Geschichte doch nicht ganz greifbar. Er wächst unter den Ägyptern auf, er hütet in der Fremde Schafe und als Ägypter und Fremder und trotzdem irgendwie vom Volk Israel nimmt er sich dieser Menschen an und schwingt seinen Stab über sie.

Aaron nun ist voll und ganz Levit und Priester und sein Amt wird durch diesen blühenden Stab besiegelt, der in die Bundeslade zu den Tafeln mit den 10 Geboten gelegt wird, die Mose noch vom Berg Sinai mitgebracht hatte. Wir lesen hier von Übergängen, von Definitionen des Heiligen und des Profanen, von Berechtigung zu Prophetentum und / oder Priesterschaft – von einem Jahrhunderte währenden Konflikt. Im Stab Aarons kommt alles zusammen: Hirte, Herrscher, Priester.

Gottes mystisches Reden und Wirken erhält Form und Ritual. Insofern bleibt der Stab des Aaron auch immer der Stab, den Mose vor den Augen der Ägypter und der Israeliten auf den Boden warf, damit er sich in eine Schlange verwandelt. Der Stab des religiösen Rituals ist nicht nur Segensgerte – er kann auch giftiger Stängel sein und in der Unterscheidung von Heilig und Unheilig den Menschen abtrennen vom Zugang zu Gott. Das wird mir deutlich, als ich die leuchtend roten Beeren des Aronstabs im Wald betrachte. Es ist gar nicht so abwegig, diese Pflanze so zu nennen. Sie ist aufrecht, wunderschön und leitet die Augen – aber sie zu berühren oder zu kosten, kann ungut enden. Es ist plötzlich Gift im Guten, wenn es keine Blüten mehr treibt.

Und doch werden der Stab des Mose und der Stab des Aaron immer daran erinnern, was sie ursprünglich waren: Hirtenstäbe.

„Und muss ich durch ein finsteres Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist an meiner Seite! Dein Stock und dein Stab schützen und trösten mich.“ Psalm 23, 4

Unser kaltes Auge liest die Bücher Mose und sieht die Autorität des Herrscherstabes als das Trennende, Unterscheidende, Richtende in der Religion. Wir haben aus dem Stab des Hirten einen Prügel gemacht. Keine Mandelblüten mehr, sondern giftige, blutrote Beeren des Strafens und Richtens. Wie oft habe ich schon gehört, dass der Stab des Hirten dazu diente, den Schafen, die Hinterbeine wegzuziehen, um sie davon abzuhalten, von der Herde und dem vom Hirten ausgewählten Pfad abzuirren? Der Hirtenstab diente angeblich zur „Disziplinierung“ der Schafe – wie auf einen störrischen Maulesel schlug man also auf sie ein, um die Schafe zusammenzutreiben und zusammenzuhalten. Nicht nur einmal habe ich eine Auslegung zum 23. Psalm gelesen, in der Vers 4 als Disziplin Gottes für sein Volk ausgelegt wird. Sein Stab dient dazu, uns zu züchtigen und bei der Stange zu halten – Haha.

Lies noch einmal genau: „Dein Stock und dein Stab trösten mich.“ Wie kann ein Stock, der dazu da ist, die Schafe zu schlagen, diese Schafe trösten? Ein geschlagenes Tier wird immer vor dem Stock zurückweichen, dessen Schlag es gespürt hat. Dieser Stock wird Zeichen der Angst sein und bleiben und kann niemals Besänftigung und Trost bedeuten. Warum schreibt der Psalmist, dass Stock und Stab Trost für ihn sind? Ganz einfach, weil dieser Stecken nicht gegen die Schafe gerichtet ist, sondern gegen die, die sich der Herde in räuberischer und mörderischer Absicht nähern. Der Stab beschützt die Herde und er kennzeichnet den guten Hirten, dem die Schafe freiwillig und vertrauend folgen, weil sie wissen, dass ihnen von diesem Stab kein Schaden drohen wird. Der Stecken und der Stab sind die tröstende und leitende Liebe Gottes, nicht sein kontrollierender und strafender Zorn über das Abirren vom Wege.

Woher wissen wir das? Weil Jesus es uns erklärt hat. Aber wir sind heute genauso blinde und taube Zuhörer wie die Leute damals. Jesus wusste sicher, dass der Stab Aarons in der Bundeslade nicht nur immer Blüten und Mandeln getrieben hatte, sondern auch giftige Dornen und Beeren tragen konnte. Darüber hat er sich mit Priestern, Schriftgelehrten und Pharisäern ständig auseinandergesetzt. Er greift zurück auf den Ursprung des Aaron´schen Stabes: die Funktion von Priester und Prophet als Hirte, der seine Schafe in Liebe und Sorge leitet und führt.

Das verirrte Schaf aus Jesu Gleichnis wird vom Hirten gesucht, gefunden und zur Herde zurückgetragen. Es wird nicht durch den Stab zur Herde zurück geprügelt. Solch ein Bild kann sich nur unser kaltes Auge ausmalen. Unser warmes Auge erkennt, dass Vertrauen und Zuwendung viel stärkere Heil- und Lockmittel sind, um ein Schaf nach Hause zu leiten. Um uns nach Hause zu leiten, dich und mich. Zuhause sind wir nur dort, wo wir nicht geschlagen, sondern mit Liebe angesehen werden. Wo der Stab Trost ist und nicht Drohung.

„Amen, amen, das sage ich euch: Wer nicht durch die Tür in den Schafstall hineingeht, sondern anderswo einsteigt, ist ein Dieb und ein Räuber.Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirte der Schafe.Der Türhüter öffnet ihm, und die Schafe hören auf seine Stimme. Er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie ins Freie.Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er vor ihnen her. Die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme.Aber einem Fremden werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen. Denn die Stimme von Fremden kennen sie nicht.“ Johannes 10, 1 – 5

Jesus gibt auch die Antwort darauf, wodurch die Schafe eigentlich bei der Stange gehalten werden. Es ist die Stimme des Hirten, nicht sein Stab, dem die Schafe folgen. Sie kennen den, der auf sie aufpasst und sie zu den fetten, feuchten Saftwiesen bringt. Sie folgen ihm freiwillig, sie werden nicht vorangetrieben und zur nächsten Weide geprügelt. Es ist also wichtig, den Stab als Trost zu sehen, denn: dieses Bild vermittelt uns etwas über die Stimme, der wir nach Hause folgen sollen. Diese Stimme wird uns nicht dazu locken, die giftigen, roten Beeren zu essen. Sie ist nicht wie die Stimme der Schlange, die Adam und Eva die Frucht der Erkenntnis anbot, damit sie genau zwischen Gut und Böse zu unterscheiden vermögen… Sie wird uns nicht mit Schlägen drohen. Wer eine solche Stimme im Herzen vernimmt, der hat nicht den Hirten gehört, sondern den Räuber, auf dessen Rücken der Stab eigentlich niedergehen sollte, nicht auf den der Schafe. Wer den Stab Mose, den Stab Aarons, den Stab Gottes als Waffe gegen sich selbst gerichtet versteht, der hat Gott nicht als den guten Hirten verstanden.

Lass dir nicht einreden, dass Psalm 23 dich disziplinieren will. Lass dich nicht vom kalten Auge dazu verleiten, dass es Schläge des Schicksals benötigt, um Gott zu erkennen. Der gute Hirte läuft dem geschlagenen, vertriebenen und in den Abgrund gefallenen Schaf nach. Er stellt sich neben das Schaf in das Tal des Todes. Er nimmt für sein Schaf den Tod in Kauf. Er liebt sein Schaf.

„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte setzt sein Leben ein für die Schafe.“ Johannes 10, 11

Wer im Aronstab nur die Giftigkeit eines Todesgerichts sieht und nicht das rote, leitende Leuchten der Liebe, dem fehlt das warme Auge und er möge sich beschenken lassen durch den wahren Trost des tröstenden Stabes des guten Hirten.