Passus – Eine Adventskalendergeschichte

1. Dezember: Entdeckung

   Der Himmel war frei von Wolken und frei von Kondensstreifen. Kein Verkehr über Land und Meer. Da waren nur Stille und blauer Himmel. Eine Welt, die mir fremd geworden ist und die ich nur als Kind kurz berührt hatte, ehe der Siegeszug des Kapitalismus unsere sozialistische Selbstgenügsamkeit bekehrte. Stärker als das Kapital und stärker als der alles verzehrende Hunger nach Einverleibung der Welt war also nur ein Wesen, das mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist und nicht einmal als vollwertiges Lebewesen zählt, wie es die lehren, die darüber Bescheid wissen. Stärker als unser Hunger danach, die Welt zu unterwerfen, war also nur das Virus. Für eine sehr kurze Zeit, in der ich feststellte, dass die Stille durchaus ihren Reiz hat. Da ich mich wie jeder Mensch dem Hunger nach mehr Besitz nicht ganz verschließen kann, suchte ich nach mehr von dieser Sache dort, wo ich sie vermutete. Ich tat, was viele taten, die plötzlich weder durch Arbeit noch durch Menschen übermäßig beschäftigt sind. Ich ging spazieren in dem, was unser Hunger von dem übrig gelassen hat, was wir gerne Natur nennen.

    Zunächst führten mich eilige Schritte durch den städtischen Park, den ich mir in den frühen Morgenstunden nur mit Joggern und Hundebesitzern teilen musste. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum er mir hier zum ersten Mal begegnete, denn als ich ihn sah, wusste ich sofort, dass er die Wege meidet, die viele Menschen gehen. Es stand ihm ins Gesicht geschrieben, ein längliches Gesicht wie das eines Pferdes oder einer Ziege. Die Haut war bleich und von einer dichten Schicht kurzer Härchen bedeckt. Seine Augen waren schwarz und bewegten sich kaum. Über der Stirn wuchsen ihm zwei mächtige Hörner aus dem Kopf, lang und geschwungen wie die eines Widders. Er stand aufrecht wie ein Mensch und soweit ich das im Schatten der Eiben erkennen konnte, waren seine Gliedmaßen auch die eines Mannes von schlanker, kleiner Statur. Eine zottige Fellweste hing locker über einem groben Hemd. Die Beine bedeckte entweder eine Hose aus demselben Fell oder sie waren tatsächlich nackt und mit Fell bedeckt. Ob diese Kreatur einen Schwanz hatte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, denn sie war mir direkt zugewandt und sah mir in die Augen.

   Ich hätte mich fürchten müssen, aber er gehörte hierher. Und statt ihn zu fragen, was er denn für ein Geschöpf sei, nickte ich ihm nur zu wie jedem beliebigen Spaziergänger, der meinen Weg kreuzt. Er nickte zurück. Ich wäre einfach weitergegangen und hätte diese Begegnung wohl vergessen, wenn in diesem Augenblick nicht ein Amselpärchen unter den Eiben gelandet wäre. Wir sahen beide hin, wie sie über den noch kühlen Boden hüpften und sich dann wieder in den blassen Frühlingshimmel davonmachten. Es war dieser Augenblick des Verweilens, der verhinderte, dass ich mich abwandte und vergaß.

   „Schön, wie sie sich jedes Jahr finden.“, bemerkte ich.

   Das gehörnte Wesen warf den Kopf in den Nacken und lachte. Überraschenderweise klang dieses Lachen sehr menschlich – etwas zu hell für das Lachen eines Mannes, etwas zu dunkel für das Lachen einer Frau. Es passte zu seinem schmalen Tiergesicht und den dunklen Augen, die jetzt fröhlich glänzten.

   „Ich bin der Passus. Der Übergang. Das Vorübergehende und damit das Bleibende. Meine Zeit ist um.“, sagte er.

   Er ging nicht, er verschwand einfach. Ein Blinzeln von mir und ich war allein unter den Eiben. Hatte ich geträumt? Stimmte die Legende, dass die giftigen Ausdünstungen des Eibenholzes einem den Verstand vernebeln konnten? Langsam ging ich durch den Park zurück in die Stadt und nach Hause. Nach einem Tee und ein paar Tagen Abstand erschien mir diese Begegnung weniger absurd und mehr wie ein Traum, den ich nachts gehabt haben musste. Das Hirn erklärt uns die Welt, so dass wir nicht irre an ihr werden. Das lehren uns die, die darüber Bescheid wissen. Meistens genügt uns das, bis eines Tages jemand auf einer durchsichtigen Treppe vom Mond herabsteigt und an dein Schlafzimmerfenster klopft.