2. Dezember: Nachtschlaf
Die Welt hatte sich innerhalb eines Jahres an ihren Zustand gewöhnt. Das Kapital grinste wie zu allen Zeiten, es hielt sich nur an anderen Orten auf und nicht mehr auf den Weihnachtsmärkten. Die Dezembernächte in der Stadt waren verschwenderisch erleuchtet für niemanden. Das feuchte Pflaster lag ohne Menschen in der Stille. Selten habe ich so gut geschlafen wie in dieser Zeit, denn es fehlten die Betrunkenen, die sonst gegen drei Uhr morgens unter meinem Schlafzimmer vorbeigezogen waren. Wochenlang konnte ich im Sommer ungestört bei weit geöffnetem Fenster schlafen, denn mein Bett befindet sich in der Dachetage. Nun musste ich es gegen die ersten eisigen Winde wieder verschließen.
Umso überraschter war ich, als ich dann doch zur dunkelsten Nachtstunde aufschreckte und mich fragte, wovon ich gerade wach geworden war. Da klopfte es erneut an der Scheibe. War etwas gegen das Glas geweht worden, ein abgerissener Zweig vielleicht? Ich lauschte und stellte fest, dass der Wind sich gelegt hatte. Erneutes Klopfen. Ich schwang die Beine aus dem Bett und ging zum Fenster, um das Rollo hochzuziehen.
Da hockte er auf dem Dachvorsprung und blickte durch die Scheibe geradewegs in mein Gesicht. Seine geschwungenen Hörner glänzten im Mondlicht. Der Himmel war sternenklar, nachdem der Wind die Wolkendecke auseinandergetrieben hatte. Fragend legte der Passus seinen Kopf schief. Ich öffnete das Fenster. Die Luft, die mir entgegenkam, war ungewöhnlich warm, selbst für einen Dezember in der Zeit des Klimawandels. Vermutlich lag es an diesem Wesen. Weil ich ihn im Frühjahr entdeckt hatte und meinen Blick nicht von ihm abgewandt hatte, besuchte er mich jetzt.
„Träume ich?“, fragte ich mehr mich als die ziegen-gesichtige Gestalt auf dem Dach.
„Alle Menschen träumen ihre Tage und ihre Nächte.“, antwortete er.
„Was willst du von mir? Bist du eine Art Teufel?“, fragte ich.
„Ich bin älter als alles, was ihr euch ausgedacht habt und Teufel nennt. Ich bin, was ich dir sagte. Der Passus. Der Übergang. Meine Zeit hat jetzt angefangen.“
Ich rieb mir den restlichen Schlaf aus den Augen und griff nach der Strickjacke auf dem Stuhl neben meinem Bett. Es war zwar warm, aber wenn man gerade aus dem Bett kommt, ist jede Dezembernacht zu kalt. Der Passus blinzelte und ich sah, wie eine Träne aus seinem linken Auge lief und sein langes Gesicht hinunterglitt, um auf seinen Händen zu landen, die er zwischen den Knien hängen ließ. Ich hatte erwartet, dass diese Hände mit Krallen bewehrt wären, stattdessen waren sie schneeweiß, menschlich und mit schlanken Fingern versehen. Keine Pferdefüße. Keine Reißzähne. Nur dieses lange Tiergesicht mit den großen Augen, deren wilde Schwärze voller Traurigkeit war.
„Weinst du etwa?“, fragte ich ihn.
„Teufeleien liegen mir nicht. Jede Seele, die mich entdeckt, hängt sie mir an.“
Ich hatte ihn beleidigt und es tat mir plötzlich leid, wie mir nie etwas leidgetan hatte.
„Entschuldige. Ich war unhöflich. Es war nicht richtig, dich so etwas zu fragen.“
Jetzt blitzten seine Augen auf. Er warf wie damals im Frühjahr den Kopf mit den mächtigen Hörnern in den Nacken und lachte. Absurd, wie klar dieses Lachen durch die Stille drang. Er winkte mir mit der Hand und erhob sich. Als würde er nichts wiegen, stand er auf der Dachrinne unter meinem Fenster. Ohne weiter nachzudenken, zog ich meine Socken an und die Hausschuhe und stemmte mich am Fenstersims hoch. Da verstand ich, wie der Passus dort draußen stehen konnte. Eine fast durchsichtige Treppe, wie aus Glas, schwang sich von der Dachrinne hinauf in die Nacht. Ich griff nach der ausgestreckten Hand des Passus. Sie war kühl, nicht unangenehm. Ich bemerkte kaum, wie ich die Dachziegel hinuntergezogen wurde und neben ihm landete.
„Wo gehen wir hin?“, fragte ich.
„Zum Mond hinauf und zu anderen Dingen, die ich dir zeigen muss, weil du mich gesehen hast.“, antwortete er.
Ein kurzer Augenblick schwarzer Angst ergriff mich, als ich den ersten Schritt vom Dach in die Luft wagte. Das Mondlicht und die Sterne machten die Begrenzung der durchscheinenden Treppe sichtbar. Sie war großzügig angelegt, so dass wir nebeneinander gehen konnten, aber ich spürte unter meinen Sohlen kaum, wie ich die Stufen beim Hinaufsteigen berührte. Der Passus blieb an meiner Seite. Er passte sich offensichtlich meiner Langsamkeit an. Ich traute mich nicht, nach seiner Hand zu greifen. Er war schließlich wild und fremd.
Langsam stiegen wir vom Dach weg weiter hinauf, dem Kirchturm entgegen. Die Treppe schien sich um ihn herum zu winden, soweit ich es erkennen konnte. Der Passus schwieg. Er sah mich nicht an, nur immer in die Richtung, in die wir gingen. Ich konnte in der unbewegten Nachtluft seinen Geruch wahrnehmen. Ein bisschen wie Stroh und sonnenverbranntes Gras, ein wenig nach Tier, gar nicht nach Mensch. Es war nicht störend, nur ungewöhnlich wie alles an diesem Spaziergang. Denn wer hätte gedacht, dass die Tauben im Kirchturm so interessant werden könnten?

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