3. Dezember: Tauben
Die durchsichtige Treppe führte direkt über die kahlen Baumkronen der Linden im Kirchhof hinweg und am runden Turmfenster unterhalb der Kirchturmspitze vorbei. Es fühlte sich wattig unter den Füßen an, in der Luft zu gehen. Die Stufen gaben dem Druck der Schritte kräftig nach, was in ständigen Wellen der Angst, gleich in die Tiefe zu stürzen, mündete. Fremdartig stakten die kahlen Äste uns von unten her entgegen. Über uns keine Wolke, kein Schleier, nur die kalten Sterne. Nackt und ausgeliefert fühlte ich mich in meinem dünnen Schlafanzug.
Vor dem runden Fenster hielt der Passus an. Ich hatte diese Öffnung im Gemäuer immer nur von Weitem gesehen und war erstaunt über ihre Ausmaße. Dreimal übereinander hätte ich in den Durchmesser passen können. Die Rundung füllte ein gotisches Rosettenmuster, das in schlichten Farben verglast war, die man unter dem Nachtlicht nur schwer ahnen konnte. Einige der Scheibchen fehlten. Dahinter war leises Gurren zu hören, dann kehrte Stille ein. Hier schliefen einige der Tauben, die vor der Winterkälte Zuflucht suchten, wenn ihnen die entlaubten Bäume keine Deckung mehr boten.
„Lass uns nach ihnen sehen.“, flüsterte der Passus.
Er stand eine Stufe über mir und wir führten beide unsere Gesichter vorsichtig an jeweils eine der Öffnungen, in denen das Glas fehlte. Ich benötigte einige Augenblicke, um die Balkenkonstruktion im Inneren des Turmes zu erkennen. Dicht beieinander hockten darauf graue Häufchen, aufgeplustert, die Schnäbel unter ihre Flügel geschoben. Im Sommer hatte ich kaum etwas von ihnen gesehen. Da hatten sich die Pärchen gefunden, gebrütet, versteckt in Bäumen und irgendwelchen Nischen, auf die nie ein Mensch kommen würde. Jetzt sammelten sie sich in Schwärmen und leisteten einander Gesellschaft. Hier durfte ich einen Blick in einen ihrer geheimen Schlafplätze erhaschen.
Der Passus berührte meine Schulter mit einem seiner kühlen Finger. Plötzlich stand ich nicht mehr draußen vor dem Fenster in der Luft. Wo war ich? Es war warm und dunkel. Ich fühlte mich rund und kompakt. Links und rechts nahm ich einen angenehmen Druck gegen meine Schultern wahr. Tief in mir, unterhalb meiner Kehle, stieg ein sanftes Gurren auf. Ich war eine der Tauben und halb wachte ich, halb schlief ich. Ich dachte an den frühen Sommer, an die grünen Linden und ihren süßen Duft. Klebriger Saft aus dem Lindenbaum im Spätsommer, der mein Federkleid beträufelte und eigenartig schmeckte, wenn ich mich putzte. Ich hörte das Rauschen meiner Flügel. Unter mir glitten die Baumkronen davon. Meine nackten Füße spürten die Wärme des Dachfirstes, der den ganzen Tag unter der Sonne gebraten hatte. Von hier sah ich die anderen Dachfirste und die Baumkronen der Stadt. Ich drehte meinen Kopf. So unglaublich weit hatte ich meinen Kopf noch nie bewegen können. Beinahe konnte ich vollständig sehen, was hinter mir war. Der blaue Himmel über mir strahlte. Alles war erfüllt und wie es sein sollte. Wieder breitete ich meine Schwingen aus und glitt über die Dächer, über die Bäume und landete auf dem Fenstersims unterhalb der Kirchturmspitze.
Ich öffnete die Augen und befand mich wieder in meinem Schlafanzug, mitten in der Luft, unter den Sternen. Der Passus blickte mich an. Schwarze Augen. Warm, unbeweglich, tierisch, fragend.
„Ist es besser mit der Furcht?“
Ich sah mich um, blickte durch meine Füße hindurch und sah das halberfrorene Gras dort unten vor den Kirchenmauern. Es kam mir natürlich vor, von der Luft und der Nacht getragen zu werden. Es gibt nichts anderes, als ausgeliefert zu sein und es ist richtiger, als es den Anschein macht. Eine Taube in der Stadt weiß das. Ich nickte dem Passus zu. Er wandte sich um und winkte mich zurück an seine Seite.
Nebeneinander setzten wir den Aufstieg fort. Wie ich es vermutet hatte, umrundete die durchscheinende Treppe den Kirchturm und schwang sich dahinter steil in den Himmel hinauf. Da die Stufen kaum Widerstand gegen die Sohlen leisteten, bereitete es nur wenig Mühe, sie zu erklimmen. Anfangs blickte ich noch oft unter mich, gab das aber bald auf, denn die Welt verschwamm unter der Decke der Nacht zu einer grauen Masse. Wesentlich deutlicher waren nun der Mond und die Sterne über mir. Es wurde kälter.
Der Passus zog seine Fellweste aus und reichte sie mir.
„Hier. Ich vergesse immer wieder, dass ihr kein Fell habt unter eurer Kleidung.“
„Aber frierst du dann nicht, wenn ich dir deine Weste wegnehme?“, fragte ich höflich.
Der Passus warf wieder den Kopf in den Nacken und lachte. Dieses Mal klang es eher wie das Meckern einer Ziege, weniger menschlich. Mir wurde bewusst, dass er ein wenig über mich spottete.
„Du nimmst sie mir nicht weg. Ich gebe sie dir. Nehmen und geben – das wirklich zu unterscheiden, darin sind die Menschen ziemlich unfähig. Auch das hatte ich fast vergessen.“
Ich hätte beleidigt sein können über seine Bemerkung, aber irgendwie war ich es nicht. Zögernd griff ich nach seiner Weste. Zivilisierte Gedanken an Schmutz und Fett und Tier kamen in mir auf, dennoch legte ich sie über meine Schultern und murmelte ein „Danke.“
„In mir ist genug Wärme. Deine Wärme wurde verändert wie bei den meisten. Das Wilde schläft in euch. Ich bin das Wilde.“, erklärte er.
Ich traute mich nicht zu fragen, was das bedeuten sollte, denn er hatte Recht. Er war etwas Wildes und Unbekanntes, dem ich nicht recht traute. Trotzdem war ich dankbar für die zottige Weste, die mir bis fast auf die Knie hing und sich mit den Händen vor der Brust zusammenziehen ließ. Sie roch wie der Passus. Eher nach Tier als nach Mensch. Von Dreck jedoch keine Spur.
Wir gingen weiter und der Mond wurde größer. Ein knochenfarbiger Dezembermond, der noch so manche Überraschung bieten sollte.

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