Passus – Eine Adventskalendergeschichte

4. Dezember: Gesichter

   Der Mond stand rund und voll im kalten Nachthimmel, so dass er eine Aura bildete, wenn man geradewegs in sein Licht blickte. Hier oben, wo der Passus und ich uns in der Luft bewegten, blendete er fast. Sein Licht ist nicht echt, lehren die, die darüber Bescheid wissen. Es ist nur geborgt. Wir bewegten uns stetig aufwärts und zugleich geradeweg auf diesen perfekten Kreis im Schwarz zu, der immer größer wurde. Noch nie hatte ich so deutlich erkennen können, dass es schattige Flecken und Falten im knochigen Leuchten gab. Krater, Höhen und Vertiefungen, ein Relief der Schönheit.

   Wie der Mond in Gegenwart der Sonne verblasst, so verblichen auch die Sterne im Angesicht dieses grotesk großen Himmelskörpers. Es gab nichts mehr außer diesem Leuchten und der tiefen Nacht. Zugleich war es alles, was mich in diesem Augenblick interessierte. Etwas anderes hatte ich nicht nötig. Ich fror nicht mehr, war nur noch Auge. Die Bewegungen des Passus zu meiner Rechten nahm ich wahr wie einen Schatten.

   Ich hielt in meinem Lauf inne und blinzelte. Der Passus hielt ebenfalls an, als hätte er gewusst, dass ich genau jetzt stehenbleiben würde.

   „Sehe ich richtig?“, fragte ich verwirrt.

   „Noch nicht ganz.“, erwiderte er und berührte wieder mit dem kühlen Finger meine Schulter.

   Da sah ich es deutlicher. Die Schatten auf dem Mond veränderten sich, zogen auseinander, ballten sich neu zusammen, wirbelten wie vom Wind getriebene Wolken ineinander. Sie bildeten Gesichter. Zuerst das eines Säuglings, schlafend und tief atmend. Danach das einer wunderschönen Frau mit schmalen Zügen, einem freundlichen Mund und großen Augen. Dann das eines jungen Mannes, stolz und unbekümmert. Danach sah ich das Gesicht einer alten Frau in den Schattenflecken auf dem Mond, mit tausend Falten um Augen und Mund. Zum Schluss verwandelte es sich in das Gesicht eines bärtigen Greises, dem die Brauen müde über die Augen wucherten. Dann wieder leuchtete mir das fast konturlose Gesicht des Säuglings entgegen, ehe die Flecken alle an ihren altbekannten Platz rückten und die vertraute Mondlandschaft bildeten.

   „Was habe ich da gerade gesehen?“, fragte ich.

   „Die Phasen des Mondes. Sein Werden und Vergehen.“, flüsterte der Passus.

   Zum ersten Mal wieder sah ich ihn an. Er hatte sein Gesicht leicht angehoben und blickte ehrfürchtig zum Mond auf. Das weiße Licht ließ jedes einzelne der feinen Härchen auf den langen, tierischen Zügen wie Silberfäden leuchten. Seine Augen waren noch viel schwärzer geworden und in ihrer Mitte spiegelte sich der Mond. Drei Monde. Der am Himmel und je einer in seinem linken und seinem rechten Auge, dachte ich. Er liebte den Mond.

   „Ich bin der Übergang. Der Wechsel.“, sagte er. „Und ihr Menschen seid Wesen des Übergangs. Ihr habt es nur vergessen, weil ihr nicht mehr oft genug zum Mond reist.“

   „Von uns waren doch schon welche auf dem Mond und sind dort spazieren gegangen, haben sogar eine Fahne aufgestellt, ihre Fußabdrücke hinterlassen.“

   „Das ist nicht dasselbe.“, meinte er und schüttelte traurig den Kopf.

   Ich kam mir sehr dumm vor. Immerhin hatte ich ihn nicht wieder beleidigt, trotzdem zog ich es vor, zu schweigen. Dafür redete er weiter.

   „Sie sind alle zugleich da und alle sind eins, obwohl sie verschieden voneinander sind. Wenn der Mond irgendwo als schwarzer Schatten geboren wird, dann ist er woanders schwanger vor Glück und wieder andernorts stirbt sein Licht. Wenn du sein Licht erlebst, schläft ein anderer in Finsternis. Aber es ist derselbe Mond für euch beide.“

   Ernst hatte er geredet, doch sogleich lachte er hell und menschlich, als hätte er eben einen wirklich guten Scherz gemacht. Er winkte mir und wir setzten uns in Bewegung, immer weiter hinauf, bis es nur noch das Mondlicht gab und keine Schwärze mehr. Es wurde so hell um uns herum, dass nichts mehr zu erkennen war, auch die durchsichtige Treppe nicht. Der Passus wusste, dass meine Augen schlechter waren als seine und für eine kurze Zeit gingen wir Hand in Hand am Mond vorbei, denn die Treppe führte um ihn herum. Ich war ein wenig enttäuscht, dass wir dieses silberne Licht verlassen würden, andererseits blendete es fast schmerzhaft und die kühle, feste Hand des Passus um meine Finger war mir unheimlich.

   Leer und erleichtert fühlte ich mich, als der Weg einen Bogen nach links machte, wir den Mond rechterhand passierten und die durchsichtige Treppe zu einer durchsichtigen Bahn wurde, die scheinbar um den Mond herum in die sternenübersäte Stille der Nacht führte.