5. Dezember: Rückseite
Endlich konnten meine geblendeten Augen wieder auf dem Teppich der Nacht ruhen, als wir die Mondgesichter hinter uns ließen. Und was für ein Teppich das war! Man konnte diesen Blick hinter den Mond nicht vergleichen mit dem, was ich sonst bei nächtlichen Spaziergängen unter der Deckung von Straßenlaternen über mir gesehen hatte. Hier störte keine Menschenleuchte, der flimmernde Luftfilter war wesentlich dünner und wir waren dem Schauspiel näher. Ich erkannte die vertrauten Sternbilder nicht, dafür war der Himmel zu voll und die Sterne waren weiter auseinandergerückt.
Farblos wurde alles in meiner Erinnerung, was ich je gesehen hatte, beim Anblick der kosmischen Wirbel, der rotierenden Sterne und ihrer Begleiter, die wir Planeten nennen. Wanderer sind es, die ihre Bahnen um helle Sonnen ziehen. Diese Sonnen leuchten in allen nur denkbaren Farbschattierungen, als hätte jemand eine Schatztruhe voller Edelsteine auf dunkelblauen und schwarzen Samt gestreut. Nur dass diese Edelsteine selbständig Licht abgeben. Was im Stern verbrennt, gibt ihm seine Farbe, lehren die, die darüber Bescheid wissen. Sich aufzehrende, verbrennende Schönheit.
„Wie ist es möglich, dass ich hier oben atmen kann?“, fragte ich.
„Man muss nur die geheimen Bahnen kennen, die Übergänge zwischen dem Hier und dem Dort. Ich kenne diese Orte. Ich bin der Übergang. Der Passus.“, erklärte mein Begleiter.
Stumm sah ich ihn an. Irgendetwas schien er mir ständig mitteilen zu wollen, ohne dass ich es begriff. Ich ahnte, dass es wenig Zweck hatte, ihm die Schulfragen zu stellen, die seit der ersten Sendung Sesamstraße in meinem Kopf wohnten. Wieso, weshalb, warum. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Vielleicht stellen wir sogar zu viele Fragen und hören und sehen nicht richtig hin?
Die Bahn, auf der wir schritten, machte tatsächlich einen weiten Bogen um den Mond. Wie ich vermutet hatte, führte sie hinter ihn zurück. Nun erstreckte sich linkerhand der wundervolle Teppich des Universums und rechterhand kam wieder der Erdtrabant in Sichtweite. Wie anders sah er nun aus. Grau, unscheinbar, lichtlos. Das machte mich fast ein bisschen traurig. Die Schattenseite des Mondes schien mir wenig sehenswert.
„Hier gibt es wohl nichts zu sehen.“, bemerkte ich.
Der Passus hielt an und drehte sich zu mir. Er legte den Kopf schief. Sein Gesichtsfell war jetzt grauweiß, die Augen zwei schwarze Kohlenstücke, die geschwungenen Hörner über seiner Stirn wirkten spitzer und tierischer denn je. Mahnend hob er seinen rechten Zeigefinger. Ich hatte zum ersten Mal Angst vor ihm.
„Es gibt immer etwas zu sehen für die, die hinsehen. Sei nicht albern, Mensch.“, sagte er und fing im gleichen Augenblick an zu lachen, meckernd wie eine Ziege. Er fand mich albern. Das verärgerte mich etwas und ich vergaß darüber den kurzen Anflug von Furcht über sein wildes Aussehen im Schatten des Mondes.
„Aber es ist doch die Rückseite des Mondes“, widersprach ich ihm. „Die leuchtet nicht. Sie sieht grau aus wie Asche.“
„Na hör mal!“, sagte der Passus leicht entrüstet. „Du hast die Rückseite des Mondes doch noch nie gesehen. Ihr seht doch immer nur sein Gesicht, das auf die Erde blickt. Bist du nicht neugierig auf den Schatten? Warum will niemand das Reich der Schatten erkunden? Ich bin der Schatten.“
Er schüttelte den Kopf, lachte kurz auf und ging dann unbeirrt weiter. Seufzend folgte ich ihm, fiel etwas zurück und betrachtete, nun doch etwas neugierig geworden, die näherkommende Rückseite des Mondes. Da das blendende Licht fehlte, konnte ich die Erhebungen und Senken auf der Oberfläche besser erkennen. Tiefe Krater voller Schwärze, nadelspitze Bergketten, zerklüftete Täler, zerriebene Ebenen. Ich musste zugeben, dass der Passus recht gehabt hatte. Diese Seite des Mondes war aufregend und wild anzuschauen.
Ich hob etwas den Kopf an und blieb stehen.
„Passus! Passus!“, rief ich.
Er hielt an und rückte an meine Seite.
„Ja. Das ist das größte Himmelsjuwel von allen.“, flüsterte er.
Hinter dem grauweißen, indirekt beleuchteten Kreis des Mondes zeichnete sich eine blaue Scheibe ab. Ein unfassbares Blau, ein Blau der Tiefe und der Höhe. Ein Blau, das kein Auge ganz begreifen kann. Ein Blau, das kein Maler, keine Kamera aufzeichnen kann. Das Blau der Erde, die wir auf der durchsichtigen Bahn verlassen hatten. Durchbrochen von fruchtbarem Grün und Braun. Zerfurcht und zerfressen von Lichtern und schwarzen Linien und Flecken. Zerfressen vom Menschen, doch insgesamt einfach blau und unberührt.
Mir kamen die Tränen, weil ich fühlte, dass ich nicht zu Hause war. Der Passus rückte näher und legte seinen kühlen Arm um meine Schultern. Sein hagerer Leib war warm. Ich roch das trockene Sommergras auf ihm, den ersten Novemberschnee, den Rauch eines Lagerfeuers, das Wilde. Der Trost. Ich fand den Mut, weiterzugehen. Er ließ mich los und wir gingen schweigend weiter, bis das zerklüftete Felsgesicht des Mondes die blaue Heimat ganz verdeckte. Wir waren angekommen auf der Schattenseite des Trabanten.

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