Passus – Eine Adventskalendergeschichte

6. Dezember: Pause

   Der Passus hielt an und deutete mit der Hand nach unten.

   „Zeit für eine Pause. Du musst etwas essen.“, sagte er.

   Er setzte sich im Schneidersitz auf die durchsichtige Bahn. Ich tat es ihm gleich. Wir schwebten sitzend im leeren Raum, unter uns gab das, worauf wir saßen, eine Kühle ab wie Glasscheiben im Winter. Vor unseren Gesichtern prangte die zerklüftete Rückseite des Mondes und füllte unser gesamtes Sichtfeld aus. Im Wechsel betrachtete ich die Kraterlandschaft rechts von mir und den Passus links von mir, denn ich konnte mich kaum entscheiden, welchen Anblick in faszinierender fand.

   Die Landschaft auf der Rückseite des Erdbegleiters war sicher derjenigen auf seiner Vorderseite ähnlich, jedoch konnte man sie ohne die blendende Lichtspiegelung der Sonne deutlicher erkennen, ihre Einzelheiten betrachten. Auf diese Weise erschien sie abweisender, fremder und gefährlicher als das Gesicht, welches mir bekannt war. Genau das machte die Schattenseite aber umso interessanter. Ich konnte mich kaum sattsehen an den Falten und Verwerfungen.

   Der Passus streifte eine Ledertasche über seinen Kopf, die er quer über Brust und Schulter trug und die mir bisher nicht aufgefallen war. Es sah seltsam aus, wie er seinen Arm weit ausstreckte, um den Tragriemen über seine Hörner zu heben. Eine geübte Bewegung, die in meinen Augen trotzdem absurd blieb. Er öffnete die Tasche und griff tief hinein. In große, braune Blätter hatte er seinen Proviant gewickelt. Die schlanken Finger öffneten die kleinen Pakete bedächtig und geschickt. Zum Vorschein kam ein schneeweißer Käse. Getrocknete Früchte. Eine Art dunkles Brot, grob und von unregelmäßiger Form. Der Passus brach etwas von Brot und Käse ab und reichte es mir mit beiden Händen.

   „Iss, soviel du willst und kannst. Du bist weit gelaufen und die Reise hat erst begonnen.“ Freundlich blitzten seine Augen auf.

   Ich griff nach den dargebotenen Speisen und bemerkte erst jetzt, wie hungrig ich war. Doch erst als er mir aufmunternd zunickte, biss ich kräftig in das Brot und gleich danach in den Käse. Das Brot war sehr trocken, aber leicht süßlich und ließ das Wasser im Mund zusammenlaufen. Der Käse schmeckte streng nach Ziege, war aber so cremig und weich, dass er schnell eine Einheit mit dem Brot im Mund bildete. Beides passte hervorragend zusammen und ich habe seither kaum etwas Besseres gegessen. Die getrockneten Früchte als Nachspeise rundeten das Mahl in Vollkommenheit ab.

   „Das ist gut!“, rief ich aus.

   Der Passus sah mir zufrieden zu und schien zu lächeln. Sein Tiergesicht konnte ich nur schwer lesen. Statt etwas zu antworten, griff er abermals in seine Tasche und holte eine verkorkte Flasche aus schwarzem Glas hervor. Er öffnete sie und reichte sie mir langsam hinüber.

   „Trink daraus. Aber nicht mehr als drei Schlucke. Er ist sehr stark.“, mahnte er.

   Zögernd setzte ich die Flasche an meine Lippen und nippte davon. Es war Wein. Nicht wie dieser auf Flaschen gezogene und gefilterte Unsinn, den wir heute als Wein trinken. Sondern der blutige, erdige Urahn des Weines aus wilden Trauben. Wein wie Noah ihn wohl zuerst gekeltert haben musste. Er war schwer und süß und schmeckte nach allen dunklen Beeren, die man sich nur vorstellen konnte. Ich nahm einen zweiten, kräftigeren Schluck, verzichtete aber auf einen dritten und gab die Flasche zurück an den Passus, denn ich merkte bereits, wie er in meine Gliedmaßen schoss. Genau so würde er mir Kraft geben für den weiteren Weg. Ich ahnte, ein Schluck zu viel davon würde mir hingegen übel bekommen.

   „Danke, das hat gutgetan.“, sagte ich.

    Der Passus nickte nur. Dann nahm er sich selbst von seinem Proviant. Er aß wenig und nahm die Bissen zu sich wie ein wohlerzogener Gentleman. Wäre das tierische Angesicht nicht gewesen, ich hätte vergessen, dass er kein Mensch war. Mein Hirn wollte seine aufrechte Gestalt und den gehörnten Kopf nicht zusammenbringen und als Normalität akzeptieren. Trotzdem ersetzte so etwas wie Gewöhnung an seine Gesellschaft die hin und wieder aufwallende Furcht vor seiner Andersartigkeit. Das musste vorerst genügen.

   Der Passus wickelte seine Vorräte sorgfältig ein und verstaute sie in der Tasche. Ich wollte mich gerade erheben, doch er machte keine Anstalten, unsere Ruhepause für beendet zu erklären. Stattdessen streckte er den Arm in meine Richtung aus und griff in die Tasche seiner Weste, die ich trug. Er zog eine kleine Flöte daraus hervor. Sie sah aus wie ein Stück Schilfrohr und war kaum länger als die Hand des Passus. Er setzte die Flöte an seine Lippen und sofort wanderten seine schlanken Finger unglaublich geschmeidig über die Löcher. Mit offenem Mund sah ich zu und lauschte der Melodie.

   Die Töne waren leise und hoch, gerade so, dass sie nicht unangenehm im Ohr waren. Es war ein wechselvolles Lied, schläfrig und etwas traurig. Eine Melodie, die mich zittern ließ. Ich war enttäuscht und gleichzeitig erleichtert, als er das Lied beendete, die Flöte wieder in die Weste schob und sich dann zum Weitergehen erhob. Wo würde unsere Reise jetzt hinführen?