7. Dezember: Segelschiff
Wir zogen Schritt um Schritt an der Rückseite des Mondes vorbei. Es dauerte jedoch nicht lange, bis wir wieder innehielten. Der Passus blickte starr auf die Kraterlandschaft, legte sogar eine seiner weißen Hände an die Stirn und kniff die Augen zusammen. Wonach suchte er dort? Ich blickte in dieselbe Richtung, konnte aber gar nichts entdecken. Plötzlich streckte er schnell seinen rechten Arm aus und griff in die Leere vor sich, packte fest zu, nahm sogar die andere Hand zu Hilfe. Was hielt er da fest? Ich konnte es nicht sehen.
„Hilf mir!“, forderte er mich auf.
„Ja, gerne, aber wobei und wie?“, fragte ich.
„Greif zu, wie ich. Zieh daran!“
„Woran?“, fragte ich wieder verständnislos.
„Tu es einfach.“
Ich stellte mich neben ihn und griff wie er unterhalb seiner Hände ins Leere.
„Oh!“, entfuhr es mir laut.
Ich fühlte einen Widerstand, etwas Kaltes. Fest schloss ich meine Hände darum. Es fühlte sich an wie große Kettenglieder aus schwerem Eisen. Ich tat, wie der Passus mir gesagt hatte und zog gemeinsam mit ihm an der unsichtbaren Kette. Ich zog und zog, bis mir der Schweiß ausbrach. Plötzlich wurde sichtbar, was wir beide festhielten. Aus der Leere trat, wie ich es erfühlt hatte, eine Kette hervor. Sie war nicht aus Eisen, sondern aus Silber. Sie führte vor uns weiter nach unten und weiter nach oben. Ich ließ meinen Blick daran auf und nieder gleiten. Unter uns schien sie ins Schwarz des kosmischen Teppichs zu sinken, doch oben endete sie an etwas, das mir bekannt vorkam, ich jedoch nicht sofort einordnen konnte.
„Du kannst aufhören zu ziehen. Sie haben uns bemerkt.“, sagte der Passus.
Ich ließ los und starrte weiter nach oben. Da wurde mir klar, was ich sah. Es war die Unterseite eines Schiffes. Die Planken des Rumpfes waren grau, sahen aus wie versteinertes Holz. Es musste ein altertümliches Segelschiff sein, keines dieser metallenen Ungetüme, die auf den Ozeanen der Erde Bananen und Betten umherfuhren. Ich wollte wissen, wie dieses Schiff von oben aussah. Hatte es Segel? Eine Besatzung? Der Passus hatte davon gesprochen, dass uns jemand bemerkt hatte, als wir an der Kette zogen. Offensichtlich war es die Ankerkette des Schiffes und eine Art Bordwache musste ihre Bewegung beobachtet haben. Die Bewegung einer unsichtbaren Kette. Absurd. War das Schiff zuvor auch unsichtbar gewesen? Wer befuhr mit einem Segelschiff die Umlaufbahn des Mondes?
Leise klirrend entfaltete sich eine herabfallende Strickleiter vor unseren Augen. Ihre Stricke waren dünne Silberfäden, die Leiterstreben schienen ebenfalls aus einer Art leichtem, grauem Metall zu sein. Der Passus angelte nach ihr und zog sie heran.
„Wir klettern daran hinauf?“, fragte ich. „Wer ist da oben?“
„Ein guter Freund.“, antwortete der Passus, als würde das zur Erklärung genügen.
War ein guter Freund dieses Wesens auch ein guter Freund für mich? War der Passus ein Freund? Er war bisher freundlich zu mir gewesen, doch ob ich ihm wirklich vertrauen konnte, wusste ich nicht zu sagen. Dennoch folgte ich seinem Wink und griff nach der Leiter.
„Was ist, wenn ich abrutsche oder keine Kraft mehr habe? Der Weg nach oben ist recht weit.“, meinte ich.
„Du hast genug Kraft. Ich gab dir deshalb zu Essen. Ich bin unter dir, um dich aufzufangen.“
Ja, mit deinen spitzen Hörnern, dachte ich wenig begeistert. Seufzend packte ich mit beiden Händen die Strebe vor mir, setzte den rechten Fuß auf die Leiter und stieß mich mit zusammengekniffenen Augen von der Bahn ab. Erst als ich den zweiten Fuß sicher auf der Leiter hatte, öffnete ich wieder die Augen. Mir brach abermals der Schweiß aus, als ich es wagte, die rechte Hand zu lösen und eine Strebe über mir zu fassen. Ich hob einen Fuß von der Leiter, setzte ihn auf die nächste Strebe und stemmte und zog mich hinauf. Es ging überraschend leicht. Die Leiter schwang gar nicht hin und her, wie ich es erwartet hatte. Sie stand fest im leeren Raum.
Ein nächster und ein übernächster Schritt. Die Angst wich und ich spürte, wie der Widerstand der Leiter sogar noch fester und sicherer wurde, als der Passus unter mir die Leiter betrat. Ich lachte grimmig in mich hinein. Im Schlafanzug und in Hausschuhen kletterte ich eine silberne Strickleiter auf der Rückseite des Mondes hinauf, einer Schiffsbesatzung entgegen, von der ich nicht wusste, ob sie mir feindlich oder freundlich gesonnen war.
Ich war im Schlafanzug. Es war mir peinlich, ich war argwöhnisch, ich war ein Mensch. Diese Schatten in meinem Gemüt wurden im grauen Licht dieser Mondseite auf einmal allzu deutlich. Am liebsten wäre ich wieder hinuntergeklettert. Ich wollte den Passus bitten, umkehren zu dürfen, wieder nach Hause, in mein Bett. Doch da hatte ich bereits das Holz der Schiffsplanken vor Augen, die Reling kam mir entgegen, eine dunkelbraune Hand, die nach der meinen griff, mich mühelos nach oben zog. Dann stand ich auf den Planken des Decks. Ich blickte in braune Augen zwischen schwarzen Locken. Das Gesicht verschwand und ich sah, wie die Gestalt des Mannes sich abermals über die Reling beugte und nach der Hand des Passus griff, um ihm an Bord zu helfen.
Der Passus und der schwarz gekleidete Mann standen sich gegenüber. Sie hatten einander bei den Unterarmen gepackt und sahen sich tief in die Augen. In ihren Bäuchen stiegen tiefes Brummen und Glucksen auf. Sie warfen gleichzeitig die Köpfe zurück und lachten schallend. Dann sprangen sie hoch, landeten auf ihren Füßen, packten sich noch fester an den Unterarmen, wirbelten im Kreis herum, lachten noch viel lauter, tanzten. Sie fielen sich in die Arme, klopften sich die Rücken, lachten weiter, drückten den anderen fest an die Brust. Dann gingen sie auseinander und schwiegen. Sie legten die Stirnen aneinander, schlossen die Augen und es kehrte für einen langen Moment völlige Stille ein. Die Zärtlichkeit, die sich zwischen den beiden ausbreitete und die Wildheit, die sie ausstrahlten, ließen mich erschauern. Gleichzeitig wollte ich genauso sein wie sie. Gefährlich fröhlich und sanftmütig wild.

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