8. Dezember: Gastgeber
Der Mann, der uns an Bord des Schiffes gezogen hatte, war schlank, wenn auch kräftiger und nicht so hager wie der Passus. Er war von mittlerer Größe, vielleicht ein bisschen kleiner als das Wesen, das mich hierhergebracht hatte. Seine Haut hatte einen wunderschönen Braunton, wie sehr dunkles Kupfer. Schwarzbraune Augen blitzten fröhlich unter langen, wilden Haarlocken hervor, die glänzten wie geölt. Er war ein wunderschöner Mann und dass ihm der linke Eckzahn fehlte, machte seine Erscheinung seltsamerweise nur noch angenehmer. Mit lauter, fester Stimme begrüßte er seinen Freund.
„Krampus! Wie erwartet zum Julmond! Wie lange habe ich dich nicht gesehen! Du Bock! Du Kinderschreck! Du frecher Unhold! Hahaha!“
„Du alter Sternenräuber! Loses Mundwerk, frecher Dieb!“, grüßte der Passus ihn zurück.
Der Mann wandte sich lachend ab und sah nun mich an. Offen musterte er meine Erscheinung von oben bis unten. Es lag kindliche Neugier in diesem Blick, ohne jede Unanständigkeit. Dann wurde seine Miene plötzlich ernst. Er machte sich steif und verbeugte sich tief in meine Richtung.
„Willkommen an Bord meines Schiffes, Reisende. Jeder Gast von Krampus ist auch mein Gast. Ich bin Ferdi Lunatikus Silberfahrt. Mondpirat in zehnter Generation. Ich bin Herr über dieses Schiff und Herr über 12 lose Männer. Über so viel und über sonst nichts. Wer bist du?“
„Ich bin Lina. Sonst nichts.“, antwortete ich.
„Na, das ist doch schon immerhin etwas!“, rief der Mondpirat und klatschte in die Hände. „Für die Zeit, in der du an Bord bist, machen wir dich zu ein bisschen mehr. Krampus ist ein rücksichtsloser Geselle! Ohne warme Kleidung hat er dich auf die kalte Mondbahn geschickt.“
„Nein, nein. Er hat mir seine Weste gegeben. Er ist überhaupt nicht rücksichtslos!“, widersprach ich.
Woher kam der plötzliche Drang, dieses Wesen, das mich aus meinem Bett geholt hatte, zu verteidigen? Ferdi Lunatikus Silberfahrt fand mich offensichtlich äußerst komisch, denn er kicherte und stieß dem Passus einen Ellenbogen in die Seite.
„Sie ist ja wirklich niedlich, Krampus. Da holst du sie im Schlafanzug aus den Federn und sie steht hier und springt für dich ein. Du Halunke, du Nachtschreck! Ganz und gar kein höflicher Gentleman bist du. Ein ungehobelter Kauz!“
„Ich bin, was ich bin und tue, was ich bin. Aber vielleicht tust du jetzt, was sich für einen Gastgeber gehört, und bietest uns etwas zu trinken an und dem Menschenkind geeignete Kleidung für die Reise mit deinem Schiff.“, entgegnete der Passus und kicherte ebenso.
„Dann kommt! Meine Männer schlafen noch. Es ist das Vorrecht des Kapitäns und Hauptmannes, eine eigene Kabine zu haben. Setzt euch zu mir, bis das Schiff erwacht.“
Der Mondpirat wirbelte wie ein Tänzer auf seinem Absatz herum und lief quer über das Deck bis zur Tür der Kapitäns-Kajüte. Ich konnte nur einen kurzen Blick auf das Schiff selbst erhaschen. Die Segel waren eingeholt, die Planken blank gescheuert. Alles schien ordentlich an seinem dafür bestimmten Platz zu sein. Die Dinge schimmerten grau, weiß und silbrig. Der Mondpirat öffnete die Tür zur Kajüte, verbeugte sich und deutete mit der Hand nach innen. Der Passus und ich traten nacheinander ein.
Es dauerte ein wenig, bis ich mich an das gedämpfte Licht der Öllaternen gewöhnt hatte und etwas erkennen konnte. Vor mir lag ein quadratischer Raum, so schlicht gezimmert wie eine Schutzhütte im Wald, dennoch fühlte es sich an, als würden wir einen Palast betreten. Rote Tücher schmückten die Wände, Rote Kissen und Decken waren auf die groben Bänke geworfen. Der Kartentisch war übersät mit goldenen, fein gearbeiteten Instrumenten, deren Verwendung mir ein Rätsel war. An Haken in der Decke hingen die wenigstens zehn gedimmten Öllampen herab. Die Ketten, an denen sie baumelten, machten es möglich, dass die Lichter bei schweren Wendemanövern nicht erloschen. Aber wo in dieser leeren Welt gab es so etwas wie Seegang oder eine Art Schwerkraft, um diesen Effekt zu erlangen? Es zieht die Dinge immer zum Kern der Himmelskörper, lehren die, die darüber Bescheid wissen.
Ferdi Lunatikus Silberfahrt deutete auf die Sitzgelegenheiten. Wir setzten uns jeder auf eine der Bänke. Der Mondpirat schob einige der Instrumente beiseite und stellte goldene Becher vor uns auf den Tisch. Aus einer Kiste, in der die Gegenstände wetterfest verstaut waren und sich gegenseitig in Reih und Glied aufrecht hielten, holte er eine goldene Kanne und goss uns eine klare Flüssigkeit ein.
„Hoch das Gefäß – gemütlich das Gesäß – gut im Bauch – so ist der Brauch!“, rief unser Gastgeber und hob den Becher.
Der Passus hob seinen Becher ebenso hoch und erwiderte: „So ist der Brauch!“
Ich machte es ihm nach und murmelte kaum hörbar „So ist der Brauch“, weil ich vermutete, dass dies der höflichen Gepflogenheit entsprach. Wir tranken. Es war Wasser, aber es schmeckte leicht metallisch und süß. Es war gut und erfrischte nach dem Aufstieg zum Schiff.
„Und nun machen wir dich zu einer Piratenbraut!“, rief Ferdi Lunatikus Silberfahrt mir zu.

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