9. Dezember: Kleidung
Ich war zutiefst erschrocken über den Ausruf des Mondpiraten. Wollte er mich etwa zu seiner Braut machen? Das war mir eine Spur zu abenteuerlich. Doch im nächsten Augenblick lachten er und der Passus über meinen ängstlichen Gesichtsausdruck. Ferdi Lunatikus Silberfahrt ging zu einer der Truhen, in denen er seine Habseligkeiten aufbewahrte. Eifrig wühlte er darin herum. Er brauchte dazu recht lange, zog ein Stück Stoff nach dem anderen heraus, begutachtete es, schüttelte den Kopf und legte es wieder zurück. Ich wandte mich derweil an meinen gehörnten Begleiter, um ihm die Frage zu stellen, die mir seit unserer Ankunft an Bord nicht aus dem Kopf ging.
„Sag, er hat dich Krampus genannt. Ist das dein Name?“
Der Passus legte den Kopf schief und strich sich das Kinn.
„Ich habe viele Namen, Mensch. Ich bin der Schatten und der Übergang. Ich bin der Wechsel und das Wilde. Ich bin das Vorübergehende. Ich bin das Verdrängte. Man nennt mich Passus. Ich habe mich dir unter diesem Namen vorgestellt, weil er die wenigsten dummen Ideen aufkommen lässt.“ Er unterbrach seine Rede und lachte meckernd. „Aber gemeinhin nennen mich viele Krampus. Vielleicht hast du auch schon von Pan dem Hirtengott gehört. Oder von Ruprecht.“
„Der Knecht Ruprecht, der den Nikolaus begleitet?“, fragte ich.
„Ja, die Menschen haben alles Dunkle, alles Unerklärbare, den notwendigen Schatten am Ende des Jahres, das Wilde zum Knecht dieser Gestalt gemacht. Der Nikolaus war ein guter Freund des Übergangs zwischen Welten und Zeiten. Aber die Menschen vertragen es schlecht, etwas Gutes ohne Bedingungen anzunehmen. Ein Geschenk ohne die Androhung von Strafe ist für sie schwer zu ertragen. Also gaben sie mir, dem Schatten der Winterruhe, die Rute in die Hand und nahmen mir die fröhliche Hirtenflöte weg, die ihnen wilde und heilsame Winterträume schenkte. Sie haben mich zum Teufel ihrer Teufeleien gemacht.“
Dicke Tränen traten in seine schwarzen Augen. Er tat mir leid.
„Entschuldige. Ich wollte dich nicht traurig machen!“
„Die Traurigkeit ist ohnehin in der Welt.“, flüsterte er und strich mir über den Kopf.
Seine Finger waren kalt, aber es störte mich nicht mehr so sehr wie zu Anfang. Als er meinen Kopf berührte, entstanden Bilder hinter meiner Stirn. Sie waren blass, aber ich konnte erkennen, was in ihnen geschah. Ich sah den Passus auf einem weiten Feld halb verwelkten Grases tanzen, mit der Flöte am Mund. Die Sonne stand tief und zauberte goldenes Licht, das lange Schatten warf. Weiße Schafe und Ziegen grasten unter kahlen Bäumen. Am Horizont türmten sich grau-schwarze Wolken auf. Sie würden den ersten Schnee bringen. Der Wind blies über den bleichen Winterhimmel und trieb die Wolken vor sich her. Und der Passus spielte die Flöte und tanzte und war fröhlich.
In der Zwischenzeit war der Mondpirat endlich fertig geworden. Schwungvoll warf er mir ein Bündel Stoff zu, das ich ungeschickt auffing.
„Hier. Das passt hervorragend zu dir. Für die nächste Zeit wirst du nicht nur Gast auf meinem Schiff sein. Du bist jetzt Teil der Mannschaft. Wie Krampus hier. Aber der ist bereits, was er ist. Dich kann ich meinen Männern unmöglich vorstellen, ohne dass du etwas bist, was dich zu einem Teil von uns macht. Zieh es an, hier, hinter dem Paravent.“, forderte er mich auf, in einem Tonfall, der überaus freundlich war, aber auch eines Hauptmannes würdig, gewöhnt daran, Anordnungen zu geben.
Gehorsam stand ich auf und versteckte mich schamhaft hinter dem Paravent. Während der Mondpirat und der Passus sich gedämpft unterhielten, kämpfte ich mich durch das Bündel. Da war eine dunkelblaue, weite Hose. Sie saß bequem, passte hervorragend und sah ein bisschen aus wie ein langer Rock, doch es war viel praktischer, darin zu gehen als in einem wirklichen Kleid oder Rock. Ein warmes Hemd aus dunkelblauem Samt schmiegte sich angenehm um meine Schultern. Das Hemd reichte bis fast zu den Knien und es hatte Schlaufen, in denen ein goldener Gürtel hing, der dazu vorgesehen war, das Hemd in der Taille zu raffen. Schwarze Stiefel ersetzten meine Hausschuhe und wärmten mir die Füße.
Erleichtert seufzte ich auf und trat hinter dem Paravent hervor. Der Passus und Ferdi Lunatikus Silberfahrt schwiegen abrupt, als sie mich sahen. Der Mondpirat trat auf mich zu, verbeugte sich tief und elegant wie ein Balletttänzer. Er nahm meine Hand und küsste sie.
„Nun bist du Lina Blaumond. Dreizehnte Piratin an Bord der Silbermaid. Hör auf meine Befehle, wenn das Schiff auf Fahrt geht. Ansonsten sei frei wie alle Piraten es sind und höre nur auf die Weltenwinde. Nenn mich Ferdi, wie meine Männer es tun. Sie stehen gerade auf und verlassen den Rumpf des Schiffes. Komm, ich will dich ihnen vorstellen.“

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