Passus – Eine Adventskalendergeschichte

10. Dezember: Mannschaft

   Wir traten aus der Kapitäns-Kajüte an Deck. Dort herrschte großartige Geschäftigkeit. Die Besatzung des Schiffes, 12 Männer, wuselte umher. Sie überprüften die Seiten des Schiffes, holten die silberne Strickleiter ein, auf der der Passus und ich an Bord geklettert waren und lösten und verknoteten Seile nach mir unbekannten Gesetzen. Einer von ihnen schrubbte emsig das Deck, obwohl ich nicht erkennen konnte, wozu das hätte nötig sein sollen, so sauber war es hier. Von einer Horde Männer, die sich Mondpiraten nannten, hatte ich anderes erwartet. Was genau eigentlich? Jedenfalls nicht diese bunte Horde, die Ferdi Lunatikus Silberfahrt mit Daumen und Zeigefinger in den Mundwinkeln herbei pfiff.

   „Zu mir, ihr Diebe! Krampus hat unseren dreizehnten Mann gebracht. Stellt euch gefälligst vor, ihr unhöflichen Lumpen!“ Er lachte und beugte den Oberkörper dabei leicht nach hinten.

   Neugierig liefen die Gesellen zusammen und beäugten mich. Ich kam mir vor wie ein sonderbares Ausstellungsstück, dessen Zweck keiner der Betrachter so recht begriff. Dieser Eindruck verlor sich bald, als die Männer nacheinander vortraten, sich ähnlich wie Ferdi Lunatikus Silberfahrt tief vor mir verbeugten und ihre Namen nannten.

   Zuerst trat ein großer, dünner Bursche vor. Er sah glatt und jung aus, aber seine Haare und sein gestutzter Bart waren schneeweiß. Seine Gesichtszüge zeichneten sich scharf ab, die Wangen waren hohl, die Nase spitz. Seine Augen waren von blassem Blau, dass es kaum als solches zu erkennen war. Er lächelte friedlich. Seine harten Sehnen an den Gliedmaßen spannten sich wie Seile, als er sein Haupt vor mir beugte. Er nannte sich Hartmut und war derjenige, den ich das Deck hatte scheuern sehen.

   Dann trat einer vor, der sich Hornfried nannte. Er sah Hartmut ähnlich, als wären sie beide Brüder. Von allen Männern war er der kleinste, kleiner als ich, aber zäh und drahtig. Sein Haar war ebenfalls weiß. Er sah älter aus als der erste Geselle und seine Augen waren grau.

   Als drittes stellte sich Lenzel mit einer flüchtigen Verbeugung vor. Er schien ein lustiger Kerl zu sein. Seine grünen Augen blinzelten mir frech zu. Irgendwie sah er Hartmut und Hornfried tatsächlich noch ein wenig ähnlich, war jedoch jünger, rosiger, bewegte sich flinker und hatte Haar wie gelbe Asche.

   Laun war ein seltsamer Anblick. In seinem Gesicht wechselten Ernst und Fröhlichkeit ab wie Ebbe und Flut einander ablösen. Er hatte eine graues und ein gelbes Auge, seine Haare waren wirr und gesträhnt wie die eines ungezähmten Tieres. Skeptisch beäugte er mich, lächelte dann doch höflich und schien sich schnell mit dem Gedanken anzufreunden, dass ich jetzt zur Mannschaft gehörte. Ich mochte ihn trotz seiner Wechselhaftigkeit.

   Der nächste Mann, der sich vor mir verbeugte, hörte auf den Namen Wunnibald. Ihn schloss ich sofort ins Herz, das fiel mir gar nicht schwer. Ein langer, brauner Zopf, ordentlich geflochten und geölt, hing ihm über die kräftige Schulter. Er sah aus wie ein fröhlicher Junge, hatte rosige Wangen. Ihm sah man an, dass er ein völlig ungetrübtes Gemüt hatte. Kraft und Hoffnung gingen ihm nicht so schnell aus. Reine, unverstellte Freundlichkeit strahlte aus seinem Blick.

   Danach stellte Bruchbert sich vor. Auch er war frisch und jung, sah Wunnibald ein wenig ähnlich, hatte nur herbere Züge und war etwas ruhiger und ernster. Ihm konnte man vertrauen. Er strotzte vor Kraft und schien ein guter Kämpfer zu sein. Seine dunkelbrauen Augen strahlten Zuversicht aus.

   Bockhorst sah wiederum Bruchbert ein bisschen ähnlich. Er war nur dunkler, schlanker, flinker. Sein Gesicht schien sonnenverbrannt. Er war derjenige mit dem Fernrohr in der Hand und kam gerade vom Ausguck heruntergeklettert, als Ferdi Lunatikus Silberfahrt seine Männer zusammengerufen hatte. Er war der größte und stolzeste in der Mannschaft. Seine Verbeugung war warm und hieß mich willkommen.

   Seltsam berührt war ich von Erntner, der sich als nächstes vorstellte. Er war gut genährt, hatte ein rundes Gesicht voller Witz und Freude, wettergegerbt, gebräunt, rote Wangen. Er sah von allen am gesündesten und heitersten aus. Der hier war ein Mann ohne Sorgen und ich ahnte, er musste der Koch der Mannschaft sein.

   Gesetzter trat wiederum Scheidebold auf. Sein rotes Haar brannte wie Feuer. Er hatte einen Ausdruck in seinen Augen, als nehme er Abschied von allem in der Welt. Eine kribbelnde Sehnsucht befiel mich, als er mir tief in die Augen blickte und mir zunickte. Er sah Erntner ein bisschen ähnlich, hatte aber weniger von dessen heiterem Gemüt.

   Auch Gilbert hatte rotes Haar. Er war blasser als Scheidebold. Seine Bewegungen waren fahrig. Er hatte es immer eilig, band von allen am geschicktesten die Seile und schien sich mit den Segeln an genau auszukennen. Seine Verbeugung war so flink, dass mir ein kühler Hauch entgegenkam, als er den Oberkörper fallenließ. Ich mochte ihn. Er schien ein ähnlich geschickter Tänzer zu sein wie der Hauptmann des Schiffes.

   Erschrocken hingegen war ich über den Anblick von Nebelfranz. Sein Gesicht war bleich und völlig ohne Färbung. Er strahlte Kälte aus und musterte mich abweisender als die anderen. Seine Augen waren scharf, wissend und hatten viel gesehen. Bedächtig strich er sich den langen, grauen Bart, ehe er sich ebenso höflich wie die anderen vor mir verbeugte.

   Zuletzt trat ein Mann vor, der Nebelfranz leicht ähnelte, aber viel schöner und dunkler war. Pechschwarzes Haar hing über Augen, die ebenfalls schwarz waren und in denen es glänzte. Er hatte von allen die größte Feierlichkeit in seinem Gebaren. Sein Alter war schwer zu bestimmen. Manchmal, wenn man ihn von der Seite ansah, schien er ein Greis zu sein. Wandte man sich ihm voll zu, war er wieder ganz Kraft und Jugend.

   Ich sah die Männer nacheinander an. Ihre Gesichter waren einzeln betrachtet völlig verschieden voneinander. Wenn man sie aber nacheinander ansah, verschwammen sie ineinander. Sie waren sowohl freie Einzelgänger als auch innige Brüder. Sie gehörten zusammen und waren trotzdem jeder für sich einzigartig. Sie waren gute Freunde und edle Gemüter. Ich wusste, was ich jetzt zu tun hatte.

   „Ich bin Lina Blaumond und freue mich, Teil der Mannschaft sein zu dürfen.“ Mit diesen Worten verbeugte ich mich vor ihnen.

   Hauptmann Ferdi Lunatikus Silberfahrt klatschte in die Hände.

   „Ein seltenes Ereignis ist eingetreten. Wir haben wieder einen dreizehnten Mann an Bord. Lange haben wir darauf gewartet. Nun endlich können wir auf die lange vorbereitete Fahrt gehen. Holt den Anker ein! Setzt die Segel! Der Beutezug kann beginnen!“