13. Dezember: Gürtel II
Alle schwiegen an ihrem Platz, sogar Julius, der sonst immer eine Geschichte zu erzählen wusste, kratzte sich den Bart und hielt die Augen starr auf den Gürtel aus fliegenden Steinen gerichtet, wie all die anderen. Besonders Bockhorst im Ausguck hielt sich steif. Er war so allein und ausgeliefert dort oben. Ich hatte mit ihm fast mehr Mitleid als mit mir selbst. Denn zusammen mit dem Passus, Ferdi Lunatikus Silberfahrt, Nebelfranz und Scheidebold, dem Navigator der Silbermaid, stand ich im Bug und hatte die schwebenden, kreisenden, wirbelnden Steine in sämtlichen Größen genau vor Augen. Die Schönheit des leuchtenden Kosmos ringsum verblasste im Angesicht der Furcht, die ich empfand, weil wir darauf zu hielten.
Gilbert, Lenzel, Laun und Wunnibald hatten ihre Hände an den Seilen und Winden, bereit auf jeden Ruf von Scheidebold im Bug und Bockhorst im Ausguck zu reagieren. Hartmut, Hornfried, Bruchbert, Erntner und Julius verteilten sich mondbord und sonnenbord an der Reling. Sie würden dorthin eilen, wo man sie brauchte.
„Was tue ich hier?“, fragte ich.
Der Passus blickte mich an. Sein Tiergesicht mit den schwarzen Augen hing ernst herab.
„Du bist die Meisterin über den Gürtel. Darum bist du bei uns.“
„Was heißt das? Was soll ich nur tun?“, fragte ich noch verzweifelter nach, denn die Brocken mit ihren unberechenbaren Bewegungen rückten näher und näher.
„Du bist die Meisterin über den Gürtel.“, sagte auch Ferdi und sah an mir herab.
Ich folgte seinem Blick und stellte fest, dass er auf dem Gürtel ruhte, den ich aus seiner Hand empfangen und um meine Taille gebunden hatte. Erst jetzt betrachtete ich dieses goldene Schmuckstück genauer. Es waren eigentlich keine Kettenglieder, die ineinandergriffen, sondern zahllose Goldsteinchen, die miteinander durch feinste, bewegliche Streben verbunden waren. Jedes dieser Steinchen war von unterschiedlicher Größe und Form, jedes unterschied sich von allen anderen. Mein Gürtel war ein Abbild des Gürtels aus Steinen, der sich vor uns erstreckte und die Weiterfahrt zum Riesen behinderte.
„Nur deine Augen können erkennen, an welchem Punkt genau wir uns befinden und wo eine Durchfahrt möglich ist.“, erklärte der Passus. „Denn sie haben das Licht des dreizehnten Mondes gesehen und sie haben mich gesehen. Der Gürtel ist deine Waffe und deine Karte.“
Mit zitternden Händen öffnete ich die Schließe an meinem Bauch. Das Hemd fiel mir weich auf die Knie. Nun sah es tatsächlich so aus, als hätte ich ein zweiteiliges Kleid an. Ich fühlte mich verletzlich.
„Ich bin vollkommen ausgeliefert.“, stellte ich fest, als ich den Gürtel anhob und ihn genauer betrachtete.
„Das sind wir alle.“, flüsterte Ferdi neben mir. „Das sind wir alle. Nur so gehen Mondpiraten auf Reisen. Das ist es, wozu wir bestimmt sind.“
Das Schiff hatte guten Sonnenwind und es nahm ordentlich Fahrt auf. Immer schneller kamen die fliegenden Steine uns entgegen. Manche von ihnen bewegten sich träge und stellten kaum eine Gefahr dar. Andere wiederum schossen schneller vorbei, als das Auge sie erfassen konnte. Einige ihnen glühten unheimlich, wieder andere funkelten und waren besetzt mit messerscharfen Steinsplittern. Manchmal stießen zwei oder drei von ihnen zusammen, zerstörten sich gegenseitig oder stießen sich ab, um danach in eine völlig unvorhersehbare Richtung zu schießen. Diese Durchfahrt war in jedem Fall tödlich und wie tödlich sie ausging, hing allein von mir ab.
Ich studierte den Gürtel, den ich zuvor achtlos um meine Hüfte gehängt hatte. Der Passus legte aufmunternd eine seiner kalten Hände auf meine Schultern. Neben der Furcht strömte plötzlich eine große Ruhe durch meinen Rücken, hinunter zu den Füßen. Ich hörte auf zu zittern und stand sicher auf den Planken der immer schneller fahrenden Silbermaid. Der Gürtel in meiner Hand wurde warm, ich kniff die Augen zusammen. Plötzlich begannen die einzelnen Goldsteinchen und Streben sich zu bewegen.
„Passus! Siehst du das? Sie bewegen sich!“, rief ich aus.
„Nein, Kind. Meine Augen sehen viel, aber es ist dir – und nicht mir – bestimmt, das zu sehen.“, sagte der Passus.
Sein Gesicht kam nahe zu meinem. Ich roch den sterbenden Sommer und den heilenden Winter auf ihm. Ich spürte seine tierische Wärme und den Trost, den sie spendete. Sanft küsste er meine Wange.
„Bring uns sicher durch die tanzenden Steine, Lina Blaumond.“

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