Passus – Eine Adventskalendergeschichte

14. Dezember: Gürtel III  

   Ich hob den Gürtel mit beiden Händen vor meine Augen. Ein lautloser kosmischer Wind kam auf und wehte durch meine Kleidung. Im Wechsel betrachtete ich den Gürtel der fliegenden Steine und den Gürtel, den ich hielt. Immer mehr gerieten die goldenen Steinchen in Bewegung, ordneten sich neu an. Das Schmuckstück summte, was sich auf meine Arme und schließlich den ganzen Körper übertrug. Da endlich sah ich es. Ein Abschnitt bildete genau dieselben Bewegungen ab, die sich vor dem Schiff abspielten. Das Bild war identisch, nur sehr viel kleiner. Wir fuhren genau auf einen behäbigen Brocken zu.

   „Wir müssen den Kurs ändern.“, sagte ich. „Wir sind sehr schnell. Wenn wir nicht beidrehen, zerschellen wir.“

   „Mondbord oder sonnenbord?“, fragte Ferdi.

   „Sonnenbord! Da ist eine Lücke, die Steine sind kleiner und bewegen sich langsamer. Nur gegen die rasenden Kometen kann ich nichts ausrichten.“

   „Das ist unsere Aufgabe, sie abzuwehren. Du suchst uns nur den Pfad, der am wenigsten Schaden für die Silbermaid und unsere Haut bedeutet.“, sagte Nebelfranz

   „Sonnenbord, ihr Diebe!“, rief Ferdi.

   „Besser scharf sonnenbord…“, murmelte ich.

   „Scharf sonnenbord!“, brüllte Ferdi wieder.

   Sofort regten sich die Mondpiraten. Ich hörte hinter mir die Segel schlagen, Seile rutschen, eilige Schritte. Bockhorst bestätigte vom Mastkorb aus, was ich auf meinem Gürtel gesehen hatte.

   „Ferdi, ich sehe durch das Sternenrohr den größten Brocken, den ich je im Leben gesehen habe. Hätte Lina nicht sofort gewarnt, wir würden zerschellen. Kurs scharf sonnenbord halten!“

   Scheidebold richtete ein weiteres goldenes Instrument, bestehend aus einer Vielzahl von Zahnrädern und Drähten, vor seinem Gesicht aus und bediente einige Schrauben daran.

   „Kurs auf den Riesen stimmt, Ferdi. Vermutlich müssen wir nur ein geringes Wendemanöver mondbord vollführen, um wieder auf die Bahn zu kommen.“

   Ich schüttelte den Kopf, denn der Gürtel in meinen Händen bewegte sich unaufhörlich. Er summte immer lauter und ich sah, welche Hindernisse uns noch begegnen würden.

   „Ich fürchte, den Kurs musst du später neu bestimmen.“, sagte ich leise. „Wir werden noch einige Wendemanöver ausführen müssen. Fünf, um genau zu sein. Nur die schießenden Steine ganz hinten machen mir Sorgen. So weit wird Bockhorst noch nicht schauen können, aber die Karte zeigt es deutlich. Es gibt keinen anderen Weg. Am Ende werden wir beschossen. Ich sehe jedoch keine andere Möglichkeit.“

   Ich gab Bericht, als hätte ich nie etwas anderes in meinem Leben getan.

   „Du hast Recht, ein Wendemanöver, um einen besseren Kurs zu suchen, ist im Sog des Gürtels nicht möglich.“, bestätigte Nebelfranz.

   „Schilde aus dem Laderaum holen!“, brüllte Ferdi Lunatikus Silberfahrt. „Beschuss wird erfolgen!“

   Hartmut und Julius eilten unter Deck und kamen mit großen, ovalen Platten zurück, die sie an alle verteilten. Auch an mich, doch ich schüttelte den Kopf.

   „Ich muss den Gürtel mit beiden Händen halten.“

   „Krampus und ich werden dich decken.“, sicherte der Kapitän mir zu.

   Die Schilde waren sehr dünn, glänzten silbrig und schienen aus leichtem Material zu sein. Ferdi und der Passus schoben sich die auf der Rückseite dieser Metallplatten befestigten Riemen über ihren rechten Arm. Sie blieben zu meinen Seiten stehen. Ihre Ruhe und Festigkeit gaben mir Mut, den ich dringend brauchte, denn nun tauchte der Bug des Schiffes mit sichtbar hoher Geschwindigkeit in den Gürtel der fliegenden Steine. Dumpf prallten die Brocken an die Bordwände und von unten an den Kiel. Einige der faustgroßen Steine umgaben uns auch an Bord. Sie schwebten vor unseren Augen vorbei, schlugen an den Mast, trommelten auf die Segel.

   „Nicht berühren!“, mahnte Nebelfranz. „Sie sind kalt wie ewiges Eis, heiß wie geschmolzenes Metall, scharf wie ein Degen oder giftig wie ein Schlangenbiss.“

   Ferdi und Passus wehrten die kosmischen Trümmer ab. Sie schoben die heranschwebenden Steine mit den Schilden langsam zur Seite, damit sie keinen von uns berühren konnten. Ich vertraute den beiden und um meiner Furcht nicht völlig ausgeliefert zu sein, vertiefte ich mich in den Anblick meines goldenen Gürtels.

   „Um den großen Brocken navigieren. Scharf mondbord halten. Der nächste Stein ist kleiner, aber liegt gleich dahinter.“, gab ich neuen Bericht. Ferdi brüllte seine Befehle, die ich kaum hörte. Mich interessierte nur, was ich auf meiner beweglichen Karte sah. Hinter mir zischte und kratzte es. Dumpfe Schläge trommelten immer schneller und heftiger auf die Planken. Die Männer riefen laut durcheinander. Einer gab dem anderen Deckung, wenn es nötig war, ein Seil zu spannen oder zu lösen. Ihre Füße trommelten genauso heftig auf das Deck wie die Steine.

   Noch drei weitere Male gab ich den Hinweis, sich besser links oder rechts zu halten. Bockhorst im Mast bestätigte immer nur wenige Augenblicke später meine Einsichten. Scheidebold hatte seine Berechnungen längst aufgegeben und verteidigte sich und das Schiff wie alle anderen eifrig mit dem Schild gegen die tödlichen Steine. Ferdi wischte mit dem Schild vor uns hin und her. Seine Beine tanzten. Er musste außer Atem sein, dennoch brüllte er unaufhörlich Richtungsbefehle und Durchhalteparolen. Er nannte seine Männer Diebe, Faulpelze, Nichtsnutze und lahme Ratten. Ich spürte unsere Fahrt langsamer werden.

   „Die Segel sind durchlöchert, Ferdi!“, rief der Passus.

   „Das war zu erwarten. Lina, wie sieht es aus? Wir können keine schnellen Wendemanöver mehr ausführen. Die Segel sind zerrissen.“

   Ich sah zum ersten Mal vom Gürtel auf und wandte mich um. Die Männer hielten ihre Schilde krampfhaft fest. Sie keuchten und schwitzten. Die stolzen Segel der Silbermaid ähnelten Fischernetzen, so sehr hatten die Steine Löcher in sie gebrannt und geschlagen.

   „Es war das letzte Mal.“, bestätigte ich. „Jetzt müssen wir uns nur noch treiben lassen. Der Gürtel liegt gleich hinter uns. Allerdings machen mir die rasenden Steine dort Sorge.“, sagte ich.

   „Leg deinen Gürtel wieder um und nimm einen Schild!“, befahl Ferdi mir.

   Wie alle anderen stellte ich mich nun breitbeinig auf das Deck und hielt einen der Schilde vor meinen Körper. Er war leicht zu handhaben. Ich hatte gesehen, wieviel rasende Steine vor uns lagen, aber mit der Wucht, die nun auf uns einwirkte, hatte ich trotzdem nicht gerechnet.