15. Dezember: Trümmer
Es war das fürchterlichste, das ich je in träumendem oder wachendem Zustand erlebt hatte. Die Silbermaid war manövrierunfähig. Ferdi kämpfte mit dem Steuerrad, um das Schiff einigermaßen auf Kurs zu halten, während der Passus und Nebelfranz ihn mit ihren Schilden deckten. Nun stand ich allein im Bug und sah die rasenden Feuerbälle immer näher kommen. Als der erste brennende Stein auf mein Schild traf, stolperte ich nach hinten und wäre beinahe gefallen. Mit dieser Schlagkraft hatte ich nicht gerechnet. Welcher Zauber auch auf den ovalen Platten lag, er musste wohl doch einiges von dieser Gewalt abhalten. Jeder von uns wäre sofort erschlagen worden ohne dieses Abwehrmittel.
Ich schrie, aber ich schrie nicht allein. Alle Männer brüllten im Chor und stemmten sich in der Hocke gegen den nun folgenden Ansturm, um möglichst viel von ihrem Körper hinter den Schilden zu verbergen. Ich tat es wie sie und ging auf meine Knie. Mit aller Kraft drückte ich den Schild nach vorn gegen die prasselnden Funken, mit denen wir alle beschossen wurden. Die Kräfte im Außenbereich des Gürtels waren grausam.
Einige kleine Steinchen, groß wie Kiesel, streiften meine Arme. Es brannte wie Feuer auf meiner Haut. Ich machte mich noch kleiner hinter meinem Schild. Mir liefen die Tränen über das Gesicht. Es wurde unerträglich laut und hell. Alles versank in Rauschen und Donnern. Dann war es plötzlich still und dunkel. So still und dunkel, wie es noch nie irgendwo gewesen ist. Es war so still und dunkel, dass ich zweifelte, überhaupt zu existieren. Das Gefühl war einer Ohnmacht nicht unähnlich, außer dass noch ein Funke des Denkens tief in mir übrigblieb.
Langsam begriff ich, dass es vorbei war. Doch erst, als die kühle Hand des Passus auf meinem Kopf lag und seine sanfte Stimme zu mir sagte: „Es ist vorbei.“, öffnete ich meine Augen, löste die Erstarrung meiner Gliedmaßen und richtete mich auf. Langsam drehte ich mich um und sah vom Bug aus über das Schiff.
Der Anblick war entsetzlich. Die einst aus sich selbst heraus leuchtenden Segel hingen in verkohlten Fetzen von den Masten herab. Das sonst so sauber geschrubbte Deck war übersät mit Brandflecken, Ruß und Splittern. Einige Seile waren gerissen. Die Männer standen lose über das Deck verteilt. Sie waren wie ich selbst schweißüberströmt und so wie sie musste auch ich rußverschmiert sein im Gesicht. Wir alle hatten einige blutige Schrammen auf den Wangen und den Armen. Mancher Riss zog sich durch ein Kleidungsstück.
Ferdi Lunatikus Silberfahrt hielt unbeirrt das Steuer in seinen Händen, um das manövrierunfähige Schiff wenigstens auf der Bahn zu halten, in der es durch den leuchtenden Kosmos trieb. Das Licht der Segel war erloschen, deshalb leuchteten die Sternennebel um uns herum umso mehr. Doch dieser Anblick konnte nicht darüber trösten, dass die Silbermaid in Trümmern lag; und ich war es gewesen, die diesen Kurs festgelegt und den Schaden verursacht hatte.
Ich begann zu weinen.
„Es tut mir leid. Ihr habt euch auf mich verlassen. Ich habe euch in dieses Feuer geführt.“, sagte ich, bevor mir die Stimme versagte.
Es waren eiskalte, bleiche Arme, die sich um mich legten. Nicht die des Passus. Nebelfranz war es, der mich umarmte und als erster sprach.
„Du hast uns wunderbar geführt, Kind des dreizehnten Mondes. Das Schiff hält uns und wir sind nahezu unversehrt. Du kannst das nicht wissen, aber es ist unmöglich, den Gürtel zu queren. Völlig unmöglich. Es sei denn, man hat dich an Bord. Wir danken dir für deinen Dienst.“
Noch nie hatte Nebelfranz so freundlich zu mir gesprochen. Bisher hatte ich ihn von allen Mondpiraten am wenigsten gemocht. Dabei war er der aufrichtigste von ihnen. Ich gab die Umarmung zurück und hörte auf zu weinen.
Julius begann zu lachen und in die Hände zu klatschen.
„Endlich richtig viel Arbeit für mich!“, rief er.
Alle anderen fielen in sein Lachen ein. Sie lachten und lachten. Der Passus sprang in die Luft. Dann griff er in die Tasche seiner zottigen Weste und zog die kleine Flöte heraus. Er setzte sie an die Lippen und begann zu spielen. Dabei wiegte er seinen hageren Leib im Takt hin und her. Die Melodie war hoch, wie diese Flöte sie eben hergab, aber das Lied ertönte laut und kräftig in der Stille. Es war ein wilder Tanz, in den zuerst Ferdi Lunatikus Silberfahrt hinter dem Steuer einfiel. Er klatschte, drehte sich, hielt wieder das Steuer fest, sprang hoch in die Luft, wie der Passus es getan hatte, drehte sich, klatschte, hielt wieder das Steuer. Er gab den Takt vor, begriff ich.
Nach und nach fingen die Mondpiraten an zu tanzen. Wild, springend, sich drehend und lachend. Noch nie hatte ich Menschen so tanzen sehen. Mir blieb keine Wahl, ich musste ebenfalls tanzen. Auf dem Hauptdeck liefen wir alle zusammen. Im Wechsel fassten wir uns an den Händen, wirbelten uns über die Planken, kamen aus dem Gleichgewicht, lachten, sprangen wieder auf die Füße. Der Passus sprang in unsere Mitte. Er tanzte wie Pan und Dionysos, wie die Wilde Jagd und wie der erste Tanz selbst, der je im Kosmos getanzt wurde.
Wir tanzten auf dem zerschmetterten Schiff, wie man nur auf Trümmern tanzen kann. Nur dann lebt man. Die Mondpiraten waren lebendiger als irgendjemand sonst. Ich war ein Mondpirat. Ich tanzte, weil ich lebte.

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