Passus – Eine Adventskalendergeschichte

16. Dezember: Heilung

   Als der Passus zu spielen aufhörte, hielten wir erschöpft inne. Schwer atmend sahen wir einander an und betrachteten mit Bedauern die Schäden an der Silbermaid. Ferdi Lunatikus Silberfahrt seufzte schwer. Es war sein Schiff; in zehnter Generation befuhr er mit ihm die Himmelsbahnen. Alles, was dem Schiff widerfuhr, das durchlitt auch er in tiefster Seele. Seine dunklen Augen schwammen. Ach, hätte ich doch nur einen besseren Weg gefunden durch den Gürtel der fliegenden Steine, dachte ich.

   Doch der Passus wusste Abhilfe zu schaffen für die Traurigkeit, die uns nach unserem knappen Sieg befiel. Er ging auf Ferdi zu und beugte seinen Kopf nach unten. Der Kapitän der Silbermaid kannte seinen Freund sehr genau und wusste, wozu er gerade aufgefordert wurde. Ohne zu zögern, legte er seine Hände auf die Hörner des Wesens und umfasste sie für einige Augenblicke. Dann ließ er los.

   Nach und nach kam der Passus so zu allen Männern der Besatzung und ließ seinen Kopf vor ihnen hängen. Sie alle berührten seine Hörner. Manche nur kurz, andere hielten länger fest, als brächte es ihnen großen Trost. Zum Schluss trat er auf mich zu. Er ging vor mir sogar auf die Knie und schloss die Augen.

   „Jetzt du, tapfere Lina.“, forderte er mich auf.

   Ich zögerte. Es kam mir seltsam unanständig vor, ihn zu berühren. Auch und gerade seine Hörner, die er so stolz auf dem Kopf trug. Geduldig harrte dieses Wesen vor mir aus, bis ich mich endlich dazu überwand, meine Finger auf seine geschwungenen Hörner zu legen. Sie waren gar nicht kalt und glatt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Eine schwache Wärme strömte in meine Hände und ich fühlte ganz genau die wundersam gewachsene Struktur des geschwungenen Gehörns. Ich fand sogar den Mut, meine Hände um sie zu schließen und kurz festzuhalten.

   Als ich losließ und zurücktrat, war alles verändert. Das Schiff war verschwunden. Zumindest sah ich es nicht mehr, obwohl ich die festen Planken unter meinen Füßen immer noch merken konnte. Ich suchte nach den Mondpiraten. Sie waren alle da, schwebten wie ich stehend im leeren Raum. Wenn das Schiff nicht verschwunden war, so war es doch völlig durchsichtig geworden. Über mir, unter mir, überall konnte ich die Sternennebel sehen. Rote, grüne, blaue, weißblendende Wolken in weiter Ferne, aber nirgendwo festzumachen, so dass es einem vorkam, als müsste man nur den Arm ausstrecken, um sie zu berühren.

   Immer deutlicher wurden die Wirbel, Arme, Wolken und verzweigten Lichthaufen. Immer mehr wurden es. Wir seufzten im Angesicht der Schönheit. Einer nach dem anderen setzte sich auf die unsichtbaren Planken. Schließlich lagen wir alle auf dem Rücken und schauten in den unendlichen Kosmos der Schönheit. Wir schauten und schauten und alle Schmerzen waren vergessen. Alle Schmerzen aus vergangenen und künftigen Zeitaltern und erst recht alle Schmerzen, die wir gerade noch empfunden hatten. Es gab nur Schönheit und sie war unsere Erlösung.

   Ich weiß nicht wie, aber irgendwann schlief ich ein. So tief und heilsam hatte ich noch nie geschlafen. Als ich erwachte, war die Silbermaid wieder sichtbar und ihre Schäden ebenso. Aber sie verletzten die Augen nicht mehr wie noch zuvor. Ich sah mich um. Einige der Piraten schliefen noch, zusammengerollt und lächelnd wie kleine Kinder, andere erhoben sich langsam und wankten auf steifen Beinen über das Deck. Der Passus stand am Steuer und hielt es fest in der Hand. Er hatte sein ziegenähnliches Gesicht stolz erhoben, die Hörner glänzten, seine Augen waren noch schwärzer als sonst. Er hatte seine ganze Kraft für uns verwendet und über unseren Schlaf gewacht.

   Ferdi Lunatikus Silberfahrt ging zu Julius hinüber und redete kurz mit ihm. Der nickte verständig. Er ging zu jedem einzelnen Mondpiraten und erteilte ihm eine Aufgabe. Auch mich bat er um Mithilfe. So kam es, dass ich in der nächsten Zeit damit beschäftigt war, zusammen mit Hartmut das verschmutzte Deck zu fegen und zu schrubben, da ich von anderen Tätigkeiten am Schiff nicht die geringste Ahnung hatte. Hatte ich also gerade begonnen, mich wie eine heldenhafte Piratin zu fühlen, die ein fast tödliches Abenteuer bewältigt hatte, so brachte mich die stille Arbeit mit dem wortkargen Hartmut wieder auf die Füße.

   Dabei erfuhr ich auch zum ersten Mal, woher sie ihre Wasservorräte hatten. Was wir tranken, war geschmolzenes Eis von den Monden. Womit wir uns und das Schiff sauber hielten, entstammte silbernen Behältern, die an silbernen Ketten von der Reling hingen und kosmische Tröpfchen auffingen und sammelten. Der Raum um uns war nicht leer. Es gab überall Staub und Wasser. Wir denken nur, der Raum um die Wanderer und Sterne sei leer, weil wir es gewohnt sind, dass Staub und Wasser sich fest an einem Ort zusammenballen, anstatt über unendliche Strecken verteilt zu sein.

   Die Besatzung der Silbermaid war für viele Mondtage beschäftigt mit dem Flechten von Seilen, dem Ausbessern von Planken, dem Polieren des Decks und vor allem mit dem Weben neuer Segel. Diese Aufgabe stand allein Julius zu, dem Meister der Handarbeiten und des Geschichtenerzählens auf diesem Schiff. Der Passus griff in den Raum über dem Schiff und zog silbrig-weiße Fäden zusammen, die er Julius in die Hände gab. Wenn die Zeit der Beschäftigung an Deck vorüber war und ehe wir unter Deck gingen und in unseren Matten schliefen, sahen wir zu, wie Julius die Fäden allein mit den Fingern zusammenspann. Dabei erzählte er seine Geschichten, denn ein gutes Segel besteht aus Mondfäden, Sternensplittern und Geschichten, sagte er.

   Ich konnte nicht fassen, wie schnell und geschickt die Mondpiraten ihr Schiff wieder fahrtüchtig machten. Es war eine große Stunde, als die fertigen Segel gehisst werden konnten. Ferdi Lunatikus Silberfahrt wischte Tränen der Rührung aus seinem schönen, kupferfarbenen Gesicht, ehe er sich in die Brust warf und wieder Befehle schrie.

   „Auf neue Fahrt, ihr Diebe! Zum Riesen!“