Passus – Eine Adventskalendergeschichte

17. Dezember: Kräfte

   Der Unterschied zur bisherigen Fahrt war enorm. Zuvor hatten uns starke Sonnenwinde auf sicheren Bahnen vorangeschoben. Es war wie ruhige See mit dem rechten Maß an Wind für die Segel gewesen. Nun glich die Reise einer Fahrt bei starkem Seegang auf einem Erden-Meer. Die Kräfte des Riesen wirkten bereits, erklärte Nebelfranz. Wie nur mochte es zugehen, wenn wir auf die Bahn Jupiters gerieten? Das Abenteuer mit den fliegenden Steinen saß mir noch in den Knochen und ich fühlte mich nicht bereit für ein neues dieser Art.

   Einstweilen versuchte ich mich wie die anderen durch Geschäftigkeit abzulenken. Ich entdeckte meine Vorliebe für die Arbeiten in der Küche. Es war ein großer Spaß, mit dem lustigen Erntner und dem streitbaren Hornfried an den Töpfen zu stehen und ihren Auseinandersetzungen zu lauschen. Sie waren so verschieden, dass es grotesk wirkte, wie der wohlgenährte Koch sich vor dem fast kleinwüchsigen Herrn über die Vorräte aufbaute und seinen Kochlöffel über dessen Kopf schwang.

   „Hornfried, du Hornochse! Wie soll ich fünfzehn Mann an Bord satt kriegen, wenn du mit deinem knochigen Hintern auf den Fässern hockst und mir nur für höchstens zehn herausgibst?!“

   „Du gefräßiges Maul! Wenn du nicht zwischendurch naschen würdest, dann reichte es für zwei Schiffsmannschaften! Wann haben wir das letzte Mal eine so weite Reise angetreten? Noch dazu mit zwei Mäulern mehr?“

   „Ach, Unfug! Lina isst wie eine Maus und der alte Mondbock lebt immer noch von eigenen Vorräten, woher auch immer er sie zieht… Das fällt kaum ins Gewicht. Du bist ein knauseriger, grausamer Geizkragen. Die Männer haben geschuftet und gekämpft. Sie haben es verdient, gut zu essen. Du im Übrigen auch, mein Freund.“

   Als er Freund genannt wurde, glättete sich der herbe Gesichtsausdruck Hornfrieds etwas. Er gab noch einen weiteren Sack Mehl und ein paar Nüsse heraus. Egal, wie heftig sich die beiden stritten, am Ende gab es für alle reichlich zu Essen und die Vorräte schienen unerschöpflich zu sein, denn ernsthafte Sorgen um unser leibliches Wohl schien der Kapitän sich nicht zu machen, als ich ihn einmal auf die beiden Streithähne ansprach. Ferdi Lunatikus Silberfahrt lachte über meine Bedenken.

   „Ah! Wo zwölf solche Mondpiraten zusammenkommen, ist genug von allem für alle da. Das war schon immer so und das bleibt für alle Zeiten so, von Generation zu Generation. Der Vater meines Vaters hat mir erzählt, wie es manchmal zugegangen ist auf dem Schiff. Geprügelt haben sie sich, aber ihr Ziel erreicht haben sie immer. So auch wir!“

   „Gibt es denn auch eine Generation nach dir?“, fragte ich, neugierig geworden.

   Ferdi Lunatikus Silberfahrt hörte auf zu lachen. Er strich sich den schönen, glänzenden Bart und schüttelte bedächtig seine Locken.

   „Ei, ei, bist ein kluges Kind. Siehst du, das ist ein Problem. Wenn es mir gelänge, den großen Feind zu besiegen, dann würde ich meine Frau wiederbekommen. Es ist Monde und Monde her, seit ich sie gesehen habe.“

   Seine Augen füllten sich mit Tränen. Immer wieder stellte ich Fragen und machte damit jemanden traurig. Das machte mich wiederum traurig.

   „Es tut mir leid. Feingefühl besitze ich wohl nicht.“, gab ich zu.

   Ferdi klopfte mir auf die Schulter.

   „Ha! Was erwartest du denn von dir selbst? Du bist eine echte Piratenbraut! Und Piratenbräute sind mutig und sprechen aus, was ihnen in den Sinn kommt! Mit dir ist alles in Ordnung.“

   Ich stand lange ohne ein weiteres Wort bei ihm am Steuer und blickte mit ihm gemeinsam in den bunten Kosmos hinaus, bis mir etwas Neues in den Sinn kam.

   „Meinst du, ich könnte dabei helfen? Deine Frau wiederzubekommen? Den Feind zu besiegen, wer auch immer das ist?“, fragte ich.

   Ferdi Lunatikus Silberfahrt ließ kurz das Steuer los, was er in seiner Wache sonst nie tat. Er verbeugte sich tief vor mir.

   „Edles Gemüt, das du bist! Es könnte dein Leben kosten und darum würde ich es nie von dir erbitten. Aber dass du überhaupt daran denkst, zeigt die echte Piratenbraut in dir. Es ist mir eine Ehre, dich in meiner Mannschaft zu haben.“

   „Ich fühl mich gar nicht edel.“, murmelte ich.

   Wieder lachte Ferdi.

   „Nun, du bist Pirat! Wir sind Diebe. Wir stehlen Zeit und Steine. Wir müssen uns nicht edel fühlen.“, sagte er und schwieg dann für den Rest unserer Wache.

   Bevor alle erwachten, huschte ich schnell zum Passus hinüber. Er schlief nicht wie wir andere unter Deck, sondern rollte sich auf Deck unter einer Decke aus Ziegenhaar zusammen, die er jedes Mal aus seiner Tasche holte und dann wieder ordentlich zusammenfaltete und verstaute. Ich berührte ihn vorsichtig an der Schulter. Er öffnete eines seiner schwarzen Augen und blinzelte mir zu. Langsam richtete er sich auf. Er warf die Decke ab, setzte sich hin und winkte mich zu sich herunter.

   „Setz dich neben mich. Die kosmische Nacht wird kälter und du siehst frierend aus.“

   Es stimmte. Ich setzte mich neben ihn und er breitete die Decke über unser beider Beinen aus. So nah war ich ihm noch nie für längere Zeit gewesen. Wieder überkam mich dieses seltsame Gefühl einer Art traurigen Trostes durch etwas, das zu Ende geht und Platz für Neues macht, dessen Schönheit gewiss ist, aber noch fern.

   „Passus, können wir die Frau von Ferdi nicht für ihn wiederbekommen? Er tut mir so leid.“

   Der gehörnte Gott der Übergänge seufzte.

   „Es kostet alle Kräfte, die du und ich aufbringen können. Aber da du selbst darum gebeten hast, werden wir es vielleicht wagen können.“

   Er legte einen seiner kalten Arme um mich und so saßen wir als Freunde da, bis die anderen erwachten und an Deck kamen.