18. Dezember: Riese
Zuerst hatte ich ebensolche Angst wie vor dem Eintritt in den Gürtel der fliegenden Steine, als ich sah, was sich langsam vor unserem Bug erhob. Immer wilder wurde unsere Fahrt. Ich half Lenzel, Laun und Wunnibald beim Festziehen und Loskurbeln der dicken Seilwinden zum Ausrichten der Segel, je nachdem, was Scheidebold dem Kapitän am Steuer über den Kurs mitteilte, den Bockhorst vom Mast aus brüllend bestätigte. Auch der Passus packte mit an. Er war für seine hagere Gestalt erstaunlich kräftig. Wir schwitzten und stöhnten alle, denn die Kraft des Riesen ließ das Schiff schlingern und schwanken.
Als dies eine Weile so gegangen war, schlug die Furcht in Gleichmut um. Wir ergaben uns den Anstrengungen und folgten bereitwillig allen Anweisungen aus dem Bug und vom Mast, ohne selbst noch irgendetwas zu denken und zu wollen. Dann kam der Augenblick, als ich spürte, dass meine Kräfte aufgebraucht waren. Die anderen Mondpiraten sahen nicht unbedingt glücklicher aus. Dennoch wollte ich niemanden enttäuschen. Ich gehörte zur Mannschaft und musste tun, was die Stunde gebot.
Als erstes überkam es Wunnibald, der anfing zu lachen, als er wieder ein Seil festziehen musste, was in der Strömung der kosmischen Kräfte überaus anstrengend war. Irritiert blickte ich mich um. Einer nach dem anderen fiel in sein Lachen ein. Plötzlich packte es auch mich. Ein Kribbeln stieg von meinen Füßen hinauf bis unter den Schädel. Keine Schmerzen mehr, nur noch Wonne. Ich lachte und arbeitete. Es war wunderbar und ich war dafür geboren, mich zu bewegen und zu schwitzen. Es gab nichts Schöneres.
Je wilder die Fahrt wurde, desto lauter jauchzten die Männer an Bord der Silbermaid. Ich wusste, was sie spürten, denn es ging mir selbst ebenso. Ich konnte gar nicht genug Gefahr empfinden, um meinen Lebenshunger zu stillen. Gierig sog ich das tödliche Rasen, das heftige Auf und Ab des Schiffes in mich hinein.
Bis es abrupt endete.
Das Schiff bewegte sich plötzlich nicht mehr. Es richtete sich mondbord zum Riesen aus und hatte seine stille Bahn gefunden. Wir alle ließen die Seile und Winden los und richteten uns langsam auf. Einer nach dem anderen trat an die Reling und betrachtete den Himmelskoloss, der sich dort im Raum drehte. Er war furchterregend und furchterregend schön.
Blassblaue, orangefarbene und bleichgelbe Wolkenringe mäanderten über seine Oberfläche. Sie bewegten sich gleichmäßig, liefen ineinander über, vermischten sich, bildeten große und kleine Blasen. Manchmal liefen diese farbigen Wolken so zusammen, dass sie ovale oder kreisrunde Areale bildeten – blutrot oder gleißend weiß. Kalte, blaue Blitze zuckten hier und dort auf. Dieser Riese pulsierte und lebte. Er war die größte Macht in dieser Sonnenwelt, der unbestrittene Gott seiner Bahn – so lebensfeindlich, dass er selbst eine Art Lebewesen zu sein schien, das sich hier behauptete und nichts und niemanden neben sich duldete, es sei denn er steuerte das, was sich ihm näherte, nach seinem Gutdünken.
Wir Mondpiraten wurden also folgerichtig selbst zu einem seiner Monde und umkreisten ihn auf eigener Bahn. Ein König, der im Luxus lebte, war der Riese, denn er hortete einen Schatz von 79 Monden. Achtzig, wenn ich den Worten von Nebelfranz Glauben schenkte. Ach, es hätten auch gut neunzig oder hundert sein können, so übermächtig wandelte dieser Kerl durch den Raum. Alles konnte ich glauben im Angesicht dieses schrecklichen Wunders.
Wir hatten es geschafft. Jubel brach aus. Einige der Männer reckten ihre Fäuste nach oben, andere sprangen und schrien vor Freude. Ich klatschte in die Hände und wollte mich beteiligen, als mein Blick auf Ferdi Lunatikus Silberfahrt fiel. Er war der Einzige, der still an der Reling stand und mit sehnsuchtsvollem Blick ins Weite starrte. Ich wusste, woran er dachte – oder vielmehr an wen. Mein Blick traf den des Passus, der mit verschränkten Armen auf dem Deck stand und sein gehörntes Haupt stolz nach oben gereckt hatte. Er sah mich und meinen mitfühlenden Schmerz. Er lächelte geheimnisvoll, als hätte ich gerade etwas verstanden, das er mir von Anfang an beibringen wollte.
Tiefschwarz waren die Augen des Passus. Ich verlor mich für einen Augenblick in ihnen. Es zog mich tief hinein, weil ich ein Mensch bin und ein Mensch ein Wesen der Übergänge ist. Er ist morgen niemals der, der er gestern gewesen ist.

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