19. Dezember: Unsinn
Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an einen neuen Anblick, und sei er auch noch so großartig, gewöhnen kann. In der Nähe des Riesen, der unser gesamtes Sichtfeld ausfüllte, war es wieder etwas wärmer geworden, denn er selbst sprühte vor Kraft, die wir jeden Augenblick in uns fühlten. Wir benötigten weniger Schlaf, die Arbeiten gingen uns schnell von der Hand. An Bord war die Stimmung nahezu übermütig. Ferdi Lunatikus Silberfahrt gestattete ein kleines Fest, ehe wir uns auf der Bahn schneller bewegen und zum achtzigsten Mond vordringen würden. Er gab Hornfried Anweisung, das Zafflakaff herauszugeben.
„Was ist Zafflakaff?“, fragte ich den Passus.
„Ein Getränk, das trunken macht vor Unsinn.“, erklärte er und lachte meckernd in sich hinein.
„So wie Alkohol? Ist es Alkohol?“, hakte ich nach.
„Es ist viel schlimmer, Lina. Es ist in Fässern gelagerter und auf Flaschen gezogener Unfug.“
Ich verstand nicht, was er mir sagte, bis die Männer die erste Flasche mit der lilafarbenen Flüssigkeit unter sich aufgeteilt hatten. Verunsichert lehnte ich das Angebot, ebenfalls daraus zu trinken, ab und beobachtete, was nun geschah. Die ersten Anzeichen einer Verwandlung zeigte der stets zu Späßen aufgelegte Wunnibald. Er sprang doch tatsächlich auf, packte den immer noch ernst dreinblickenden Nebelfranz und kitzelte ihn durch, während er lauten Unfug faselte.
„Gulligulliwuh! Hahaha! Kitzelkitzelbuh! Gulligulliwamm! Bummbumm!“
Nebelfranz hatte selbst einen ordentlichen Schluck aus der Flasche genommen und konnte nicht länger ernst bleiben. Er fing an zu lachen, stieß Wunnibald von sich, stürzte seinerseits auf ihn los und versohlte ihm den Hintern.
„Bummbumm! Ha! Tarumm! Tätääää!“
Dann brachen Lärm und Gewusel vollends los. Die Männer fielen übereinander her, boxten sich, tanzten, schrien, lachten, kreischten in hohen Tönen – und redeten völligen Unsinn, während sie sich auf dem Deck herumwälzten und gegenseitig kitzelten, bis sie schrien. Jetzt verstand ich den albernen Namen des Getränks.
„Das ist ja furchtbar!“, murmelte ich.
„Nicht, wenn du mitmachst.“, sagte Ferdi, der selbst noch nichts davon getrunken hatte und nun mit einer neuen Flasche des unheimlichen Gebräus neben mir stand. „Ich trinke gegen meine Traurigkeit, wenn du es auch tust. Krampus hier braucht das nicht. Der ist sowieso verrückt.“
Ehe ich noch etwas sagen konnte, hatte ich den Hals der Flasche an meinem Mund und schluckte. Es war klebrig und schmeckte so, wie Flieder und Lavendel riechen. Es war großartig und widerlich. Und ich musste lachen.
„Bäbillibuh!“, rief ich und schlug mir die Hand vor den Mund, weil ich nicht fassen konnte, was da gerade herausgekommen war.
„Bahahaha! Trummbummtrödel!“, rief Ferdi Lunatikus Silberfahrt, der nun auch etwas von dem Zeug geschluckt hatte.
Wir lachten, fassten uns an den Händen und schleuderten uns im Kreis herum, bis uns schwindlig wurde, wir einander losließen und über die anderen Piraten fielen, die am Boden hockten, kicherten und Unsinn redeten.
Der Passus holte seine Flöte hervor. Die Flasche kreiste erneut in unserer Runde. Als der gehörnte Spaßmacher die ersten Töne anschlug, brach der Unsinn erneut aus. Unser Tanz wurde zu einer Raserei, wir schrien eine Freude aus uns heraus, die vorher nicht dagewesen zu sein schien. Der Passus sprang so hoch in die Luft, dass er über unsere Köpfe flog und auf der anderen Seite vom Schiff landete. Das tat er ein paar Mal. Er war wirklich verrückt. Ein Gott des Schabernacks, der mir die Flasche an den Hals gehalten hatte, um mich tanzen zu sehen.
„Es gibt manche, die mich Pan nennen. Oder Loki.“, flüsterte er in mein Ohr.
Dann lachte er und lachte und lachte. Wir alle lachten und redeten herrlichen Unsinn, bis wir leer waren und einschliefen.

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