Passus – Eine Adventskalendergeschichte

20. Dezember: Schwarzmond

   Als wir erwachten, war die Hälfte von uns heiser. Selbst der Kapitän musste sich einige Male sehr kräftig räuspern, ehe er seine Befehle brüllen konnte. Der Kater nach dieser Art des Getränks bestand nicht aus Kopfschmerzen oder Übelkeit. Es war eher belustigte Scham und manchmal floss dem einen oder anderen über seiner Tätigkeit noch ein leises Kichern aus den Lippen. Insgesamt jedoch waren es ein paar stille Stunden, in denen wir gemächlich entlang des Riesen segelten.

   In der Ferne konnten wir einige Monde ausmachen, die näher als wir auf ihren Bahnen kreisten. Sie sahen dem Erdenmond nicht unähnlich, waren nicht so unförmig wie die zwei Monde des roten Freundes. Jeder von ihnen war anders gefärbt. Ich sah eine dunkelblaue Kugel, ein weißes, durchlöchertes Ding und etwas, das so grün war wie ein Laubfrosch. Manche der Monde waren so weit von uns entfernt, dass wir nur Schatten oder dunkle Punkte erkennen konnten. Bockhorst reichte mir einmal sein goldenes Fernrohr, das ich vorsichtig in meinen Händen drehte, bis ich etwas sah.

   Das kreisrunde Vergrößerungsfenster zeigte die Farben des Riesen und des grünen Mondes noch deutlicher. Ich war erschüttert von dieser Schönheit, die sich scheinbar friedlich vor uns bewegte und doch so gefährlich, abweisend und unzugänglich war. Wozu all die Schönheit, wenn niemand sie je sah oder berühren konnte? War Schönheit nur etwas, das ein Betrachter empfand, weil es etwas für ihn Unbekanntes war? Gab es eine Bemessung von Schönheit außerhalb unserer Seele? Musste es nicht eine sehr große Seele geben, die diese Schönheit immer sah und ihr dadurch die Berechtigung zum Schönsein verlieh? Oder waren die Dinge einfach nur? Ohne jede Bewertung. Woher dann aber unser Wissen von Schönheit? Dieses tief verwurzelte Etwas in uns, das uns sagt, dass die Dinge schön sind, gerade weil sie da sind. Kommen diese Empfindungen von der einen großen Seele? Ich wusste es nicht, aber ich sah Schönheit und das war das Einzige, was zählte.

   Unsere Fahrt war schnell, aber ruhig. Sie führte uns fort von der Vorderseite des Riesen, die hell von der fernen Sonne bestrahlt wurde, die ich nur noch als weißen Punkt an einem nicht vorhandenen Horizont vermutete. Auf der Rückseite befand sich unser Ziel. Der Mond, den niemand sah und den niemals jemand sehen würde außer uns, weil es uns bestimmt war, ihn zu erreichen.

   Je näher wir dem Ende unserer Reise kamen, desto düsterer blickte Ferdi Lunatikus Silberfahrt drein. Er sprach nicht mehr mit mir, wenn wir unsere Wache am Steuer hatten. Immer öfter winkte er ab, wenn ich zu ihm trat. Dann trollte ich mich lieber und suchte den Passus, der auch weniger schlief als sonst und meist schon auf mich wartete. Bereitwillig teilte er seine letzten Vorräte mit mir. Die Küche an Bord war gut, aber nichts war vergleichbar mit dem Käse und dem Brot, die mein gehörnter Freund bei sich trug und die auf wundersame Weise noch so gut schmeckten wie am ersten Tag. Ich fragte ihn nach der Frau des Kapitäns. Er erzählte mir kurz, was geschehen war.

   „Lunaris ist die Herrin über die Vorderseite des Mondes, während Lunatikus Herr über die Rückseite ist. Zusammen sind sie oft auf Fahrt gewesen. Bis zum Riesen und sogar darüber hinaus haben sie sich einmal gewagt. Ich riet ihnen davon ab, aber sie sind die kühnsten Piraten, die du dir denken kannst. Dort draußen hat der Hauch des Feindes Lunaris angeweht. Als sie zurückkehrten und Halt machten beim Schwarzmond – der auch jetzt unser Ziel ist – da machte es sich bemerkbar. Sie wandelten zu zweit auf der Oberfläche des Schwarzmondes und brachen den kostbaren Stein. Da sank sie nieder und schlief ein. Lunatikus konnte sie nicht mehr wecken und er musste sie dort zurücklassen. Dort liegt sie immer noch im Bann des Feindes. Seit sie nicht mehr bei der Mannschaft ist, können die Männer nur noch selten zum Riesen fahren, denn eigentlich war sie es, die den Gürtel trug, mit dem du uns durch die fliegenden Steine gebracht hast. Immer aufs Neue ruft der Blaumond mal den einen, mal den anderen Piraten an Bord. Heute bist du es. Du bist die erste, die den Wunsch geäußert hat, Ferdis Frau zu retten. Und vielleicht gelingt es allein durch diesen Wunsch.“

   „Und vielleicht war ich dumm und es bringt mich um. Aber ich kann nicht mit ansehen, wie er leidet.“, sagte ich.

   „Dann wagen wir es. Zur rechten Zeit. Warte auf mein Zeichen, denn zuerst müssen wir die Splitter des Schwarzmondes fangen. Wir sind da.“

   Der Passus erhob sich. Als hätten die noch schlafenden Piraten es gespürt, kamen sie an Deck gekrochen und stellten sich zu uns an die Reling, die mondbord lag und vor der sich nun der achtzigste Mond erhob. Fast metallisch glänzte das riesige Ding im diffusen Licht auf der Rückseite des Riesen. Es war wohl beinahe so groß wie die Erde, die wir vor so langer Zeit verlassen hatten. Schemenhaft konnte ich darauf die Einschläge erkennen, die auch unseren Trabanten kennzeichneten. Tiefe Löcher, geschlagen von den kosmischen Fäusten, die durch den Raum fliegen. Sie schürfen ernste Wunden und wirbeln die Splitter auf, die von den Mondpiraten so begehrt werden. Ein schwarzer Stein, so hart und spröde wie Glas. Ganz aus dieser erkalteten Masse bestand der Mond. Schaurig schön war er.

   Ich bewunderte den Mut von Lunaris und Lunatikus, die dort offensichtlich spazieren gegangen waren. Mir war gar nicht danach. Dann fiel mir ein, dass ich genau das eigentlich vorhatte. Ich biss mir auf die Lippen. Der Passus sah mich an und schüttelte den gehörnten Kopf. Schweig. Und ich schwieg und sah zu, wie die Mondpiraten sich bereit machten für ihren Beutezug.