Passus – Eine Adventskalendergeschichte

21. Dezember: Beute           

   Es war eine Aufgabe, die allein die Mondpiraten bewältigen konnten. Sie waren geübt darin, sich an langen, silbernen Seilen von der Reling zu stürzen, hin und her zu schwingen und sich dabei mit den Füßen und einer Hand zu halten, während die zweite Hand eine Art Käfig aus schwarzem Metall hielt. Sie mussten so geschickt durch den Raum schwingen, dass sie den schwarzkantigen Mondsplittern auswichen und gleichzeitig einige der Splitter mit dem geöffneten Käfig einfingen. Gelang ihnen das, versetzten sie dem Käfig mit einer Drehung des Handgelenks einen kurzen Ruck und die Tür schlug zu. Dahinter summte eingefangen der noch mit Bewegungsenergie geladene Splitter.

   Hatte einer der Männer erfolgreich Beute gemacht, hakte er den Käfig an seinem Gürtel ein und zog sich mit beiden Händen am Seil hoch. Nun sagen die, die Bescheid wissen, dass die Dinge kein Gewicht haben oder ein sehr viel geringeres Gewicht, wenn es ihnen die Kraft einer Himmelskugel, auf der sie sich befinden, nicht sagt. Dennoch – im Angesicht des Gasriesen fühlten wir alle uns mutig und stark – und trotzdem forderte diese Arbeit alle Kräfte.

   Ich selbst hätte diesen Sturz in die Tiefe nicht gewagt und keiner der Piraten verlangte es von mir. Auch der Passus hielt sich zurück. Wir beide blieben an Bord der Silbermaid und beobachteten das Geschehen unter uns. Wir halfen dem einen oder anderen durch den Zug am Seil schneller nach oben und über die Reling. Unsere ehrenvolle Aufgabe war es dann, die große Truhe zu öffnen, in der die Mondsteine gelagert wurden. Eine Art magnetische Bodenplatte in dieser Kiste verhinderte, dass die zuckenden, energiegeladenen Steine wieder davonflogen.

   Nachdem der erbeutete Stein erfolgreich verstaut war, reichten wir dem Piraten etwas zu Trinken und ließen ihn wieder hinab von der Reling. Dieser Augenblick war jedes Mal neu aufregend. Ich war begeistert von der Waghalsigkeit und dem akrobatischen Geschick jedes Einzelnen. Je länger dieses Jagen ging, desto weniger Angst hatte ich um meine mir lieb gewordenen Gefährten. Sie wussten, was sie taten. Und sie taten es mit Jubelrufen und Kriegsgeschrei. Jedes Mal, wenn einer von ihnen erfolgreich einen Splitter eingefangen hatte, schrie er vor Glück. Ich schrie mit ihm und freute mich so aufrichtig über seinen Erfolg, wie ich mich noch nie für jemand anderen gefreut hatte.

   Der Passus hingegen blieb ungewöhnlich ruhig. Er hatte seine schwarzen Augen besonders auf Ferdi Lunatikus Silberfahrt gerichtet, der tatsächlich einige sehr unnötige Manöver am Seil durchführte. Wohl um sich von seinem Schmerz abzulenken – dem Wissen, dass dort unten auf dem Schwarzmond seine Geliebte einen unauflösbaren Todesschlaf schlief – stürzte er sich besonders todesmutig in seine Aufgabe. Der Passus liebte seinen Freund und zum ersten Mal sah ich so etwas wie Sorge in seinem tierischen Gesicht. Erst als alle Männer wieder sicher an Bord waren, entspannte er sich.

   Wir versorgten die erschöpften Mondpiraten mit Vorräten und Getränken. Wunnibald und Bruchbert hatten noch etwas jugendliche Kraft in sich und brachten die gut gefüllte Kiste unter Deck. Nachdem wir alle in schweigsamer und zufriedener Runde gegessen und getrunken hatten, trollte sich einer nach dem anderen. Am Steuer musste niemand Wache halten, denn der Schwarzmond hielt das Schiff fest und der Anker sicherte es zuverlässig. Der Passus würde trotzdem wie immer an Deck bleiben. Ehe ich wie die anderen verschwinden konnte, berührte mich sein kalter Finger an der Schulter und ich hörte ein sehr leises „Bleib“.

   So blieben wir beide auf dem stillen Deck zurück, fegten die Planken und traten dann an die Reling, um lange auf den Schwarzmond zu blicken, der vor uns war, aber in Wirklichkeit unter uns. Es fühlte sich jeweils verschieden an, denn ein Oben und ein Unten ist im Angesicht des Riesen schwer zu bestimmen.

   „Wir steigen jetzt hinunter, nicht wahr?“, fragte ich.

   „Ja. Aber nur, wenn du es wirklich willst und kannst. Es ist gefährlich da unten. Der Todeshauch des Feindes beherrscht die Ebene. Wenn deine Seele sich ihm ergibt, dann bist du verloren wie Lunaris. Und ich kann dir nicht mehr helfen. Ich selbst kann wohl dem Hauch widerstehen, denn in mir wohnt das Licht der Übergänge und der Schatten ist nicht mein Feind. Vielleicht hast du genug gelernt auf unserer Reise und kannst standhalten.“

   Ich dachte nach. Verstehen konnte ich nur wenig von dem, was mir der Passus sagte; aber eine Sache wusste ich: dass ich es nicht ertrug, wenn einer meiner Freunde litt. Ferdi war zu meinem Freund geworden und er litt unter der Trennung von seiner Frau. Der Passus war traurig über die Traurigkeit seines Freundes. Der Passus war mein Freund. Ich wollte und ich musste dort hinunter und alles versuchen, um Lunaris zu wecken.

   „Ich weiß gar nichts. Nur dass ich es wirklich versuchen muss.“, sagte ich.

   „Das kann schon genügen. Folge mir. Ich kenne die Bahn für den Abstieg.“

   Wie schon bei unserem Aufstieg von der Erde zum Mond, schritten wir jetzt von der Silbermaid auf einer unsichtbaren Straße hinab zum Schwarzmond, nachdem wir uns an einem Seil hinuntergelassen hatten. Das Gefühl der Höhe, das sich einstellte, je näher wir dem dunklen Himmelsklumpen kamen, störte mich nicht. Im Gegenteil überkam mich ein lang ersehntes Empfinden, dass etwas unter mir sein und mich tragen würde. Der Mensch ist ein Wesen der Übergänge, aber er ist auch ein Wesen, das Boden unter den Füßen braucht.