Passus – Eine Adventskalendergeschichte

22. Dezember: Todeshauch

   Solange der Passus bei mir war, würde ich nicht alles spüren von Leere, Luftlosigkeit und Eiseshauch auf der Rückseite des Schwarzmondes. Trotzdem fror ich entsetzlich, als wir unseren Fuß in den schwarzen Staub des Mondes setzten. Das Atmen fiel mir sehr schwer. Beinahe sofort überfiel mich eine tiefe Müdigkeit, als ich meine neue Umgebung betrachtete. So viel Schwarz um mich herum hatte ich noch nie gesehen, ja fast körperlich gefühlt. Es war, als würde die Farbe der Umgebung in mich dringen und meine Seele färben.

   „Passus. Mir ist so schwarz zumute.“, flüsterte ich.

   Er nahm meine Hände und sah mir in die Augen.

   „Das ist die Schwärze des Schattens. Die Schwärze des Ungewollten. Die Schwärze am Ende der Sonnenwelt. Die Schwärze der Traurigkeit. Die Schwärze der Einsamkeit. Wenn sie dich überwältigen will, dann sieh mich an, damit du weißt, dass du hier nicht allein läufst.“

   Die Augen des Passus waren so dunkel, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie tranken ihre Umgebung. Er, der Übergang und Wanderer zwischen Zeiten und Orten, war hier so zu Hause wie überall. Er war mit einem Teil der Schwärze verwandt. Ich fürchtete mich vor ihm und diesem Ort. Er wusste es, darum zog er wieder seine Weste aus und gab sie mir, dass ich mich wenigstens wärmen konnte. Zuvor nahm er seine Flöte heraus. Während wir weitergingen, setzte er das kleine Instrument an seine Lippen und blies eine sanfte Melodie darauf. Sie war von langsamer Fröhlichkeit. Ich fiel mit meinen Schritten in ihren Rhythmus ein. Es half mir, mich zu bewegen, obwohl dieser Ort fast körperlich wehtat. Mit der Zeit wurde es erträglicher. Ich sah abwechselnd auf den Passus und auf die Mondlandschaft.

   Der Staub unter meinen Füßen war fein wie Mehl. Er blieb träge in der Spur liegen, wenn meine Sohle ihren Abdruck hinterließ. Die Färbung war wie schwarze Kohle und glitzerte ein wenig. Hätten die Sonne oder das Licht des Riesen darauf geschienen, wäre ich wohl blind geworden vom Gleißen. So jedoch blieb alles dämmrige Schwärze, die sich links und rechts von uns zu Hügeln, Scharten und seltsam spitzen Bergen erhob. Ich erkannte, dass wir unseren Weg durch ein tiefes Kratertal nahmen.

   Der Passus wusste sehr genau, wohin wir gehen mussten. Ich sah ihn wieder an. Diese Reise war von Beginn an geplant gewesen. Genau dies hatte er schon im Sinn, als er mich das erste Mal traf. Ich hätte wütend darüber sein können, doch ich war es nicht, denn dieses Abenteuer war genau das, was ich wollte. Es war zu mir gekommen, weil ich es zu mir kommen ließ. Dem Passus die Schuld für die in mir aufsteigende Furcht zu geben, wäre ungerecht gewesen.

   „Es geht mir nicht gut.“, gestand ich ihm.

   „Das ist der Todeshauch. Der Feind.“, erklärte er und spielte dann leise weiter.

   „Was ist das für ein Feind? Ich sehe ihn nicht. Gibt es ihn überhaupt?“

   Wieder setzte der Passus die Flöte ab und blieb nun stehen.

   „Die, die euch Dinge lehren über die Sonnenwelt, in der ihr lebt. Sie haben eines erkannt. Der äußerste Wanderer, jenseits der zwei Wanderer, die nach dem Riesen auf ihrer Bahn liegen, ist weder das eine noch das andere.“

   Ich dachte kurz darüber nach. Da fiel es mir wieder ein. Der Streit zwischen denen, die Bescheid wissen. Ist Pluto ein Planet oder ist er keiner? Ist er ein Objekt von vielen oder für sich etwas Besonderes?

   „Ist er einer der Wanderer oder nicht? Was weißt du darüber?“, fragte ich.

   „Warum kann ein Ding nicht das eine und zugleich das andere sein?“, fragte der Passus zurück. „Wie die Monde zwei Seiten und viele Gesichter haben und doch ein Ganzes sind, so ist es mit dem äußersten Wanderer, der so weit entfernt ist, aber jetzt seinen Schatten auf diesen Mond wirft. Eine Todesmacht von weit her wirft er auf uns. Sie hält Lunaris gefangen. Der Feind ist der Tod. Einen anderen gibt es nicht.“

   Wie passend, den äußersten Wanderer, der dem feindlichen Außen dieser um die Sonne wandernden Welt so nahe ist, nach dem Gott der Unterwelt zu nennen. Dem Gott des Todes, dem Tod selbst. Was wissen wir schon von den Kräften innerhalb und außerhalb von Welten? Ich schauderte, weil ich Begriff, dass wir so nah an der Todesnacht entlangwanderten, wie es nur möglich war.

   „Lass mich nicht allein.“, bat ich.

   Der Passus antwortete nicht. Stattdessen griff er nach meiner Hand und ging weiter. Die kalten Finger zu spüren war noch tröstlicher, als die Melodie seiner Flöte zu hören. Ich roch wieder das trockene Gras und den ersten Schnee. Das feuchte Laub und den erdigen Regen. Den satten Nebel und die eistrockene Nacht. Die Erinnerung an die Erde, die selbst dann lebt, wenn sie im Winter zu sterben scheint, hielt mich aufrecht.

   Plötzlich blieb der Passus stehen und blickte starr geradeaus. Ich folgte seinem Blick. Meine Augen hatten Mühe, in dem ganzen Schwarz genaue Formen zu erkennen. Langsam schälte sich aus dem Hintergrund eine Form heraus. Einige Schritte von uns entfernt, erhob sich ein flacher Fels aus dem Boden des Mondkraters. Auf diesem lag eine Frau unter einer glänzenden Decke. Ihr Gesicht war weiß und durchscheinend wie Wolken im Frühling. Wir hatten die schlafende Lunaris gefunden.