23. Dezember: Aufstehen
Wir traten von beiden Seiten an die Schlafende heran und betrachteten sie. Lunaris war wunderschön. Ihr Gesicht war leuchtende Milch, ihre Haare weißes Silber. Unter der mit Silberfäden durchwirkten Samtdecke von dunklem Blau zeichnete sich ein ebenmäßiger Körper ab. Ich konnte mir gut vorstellen, wie diese Frau zusammen mit Ferdi an Seilen über die Reling gesprungen war, um Mondsteine zu fangen. Sie war eine schlanke Kriegerin und sie schlief würdig wie eine Kriegerin. Der Gürtel, den ich trug, stand ihr zu. Ich schämte mich, ihn überhaupt berührt zu haben.
Es war mir selbstverständlich, den Gürtel von meiner Hüfte zu nehmen und ihr sachte über den Bauch zu legen. Der Passus schob die Decke ein wenig zur Seite und zog ihre Hände hervor, um sie auf den Gürtel zu legen. Ich hatte das Richtige getan. Was jedoch sollten wir jetzt tun?
„Der Tod ist nur ein weiterer Übergang.“, sagte der Passus und nickte bedächtig.
„Können wir sie von der Schwelle dieses Übergangs zurückholen? Du hast gesagt, du bist der Übergang und das Vorübergehende. Was bedeutet das? Kannst du sie wecken?“
„Nicht allein.“
Der Passus setzte sich im Schneidersitz neben das Haupt der Frau und legte die Flöte an seine Lippen. Sehr leise begann er zu spielen. Es waren die tiefsten Töne, zu denen dieses Instrument fähig war. Lockend, wehmütig und verspielt tanzte das Lied über das Angesicht von Lunaris hinweg. Würde es sie aufwecken können? Was nur wurde von mir erwartet?
Das Lied des Passus wurde etwas lauter. Ich betrachtete die wundervollen Hände der Frau und spürte den Drang, sie zu berühren, was ich auch tat. Sie waren frostig kalt. Die Hände des Passus hatten immer einen wintrige Kühle ausgestrahlt, die sehr viel Leben enthielt. Diese Hände jedoch waren beinahe die einer Toten. Plötzlich wusste ich, was zu tun war.
Ich nahm den Gürtel kurz wieder auf und zog die Decke vom Leib der Schlafenden. Mit einiger Mühe führte ich das Schmuckstück unter der starken Frau hindurch und band es ihr um die Taille. Hatte der Gürtel bei mir recht locker gesessen, so schmiegte er sich bei ihr dicht an den Körper. Sie war weit größer und stattlicher als ich. Dieses goldene Band musste einst nur für sie angefertigt worden sein. Eine Anmaßung von mir, ihn jemals „meinen Gürtel“ genannt zu haben.
Nur kurz zögerte ich, ehe ich die Decke aufnahm, mich neben die Frau legte und uns beide damit zudeckte. Sie musste warm werden, das wusste ich. Das Lied des Passus wurde lauter. Die Melodie wechselte von anfänglicher Traurigkeit zu ausschließlicher Heiterkeit. Dann schlug sie um in eine hart klingende Weise, fast ein Lied des Kampfes. Die Töne wurden abgehackt, laut und schnell. Fest legte ich meine Arme um Lunaris.
Der Leib unter mir wurde nicht warm. Ich war es, die kalt wurde. Ihren Todesschlaf nahm ich in mir auf. Das war es gewesen, wovor mich der Passus gewarnt hatte. Der Todeshauch teilte sich auf uns beide auf. Ich wurde sehr müde. Zuerst zitterte ich noch, dann hatte ich mich an die Kälte gewöhnt. Wäre das Lied des Passus nicht zu einer rasenden Lautstärke angeschwollen, so hätte ich bald die Augen geschlossen und wäre in einen schwarzen Tiefschlaf gesunken, um ebenso wie Lunaris nie wieder daraus zu erwachen.
Es war nicht nur das Lied aus der Flöte, das mich wachhielt. Die Kälte ließ meine Glieder entsetzlich schmerzen. Das spürte ich besonders, als die Schlafende neben mir sich bewegte. Sie schlug die Augen auf und blickte genau in meine. Ein zartes Lila wie von frühen Veilchen strahlte aus ihnen.
„Kind des dreizehnten Mondes.“, flüsterte sie, lächelte und erhob sich.
Ich war viel zu schwach, um ebenfalls aufzustehen. Liegend beobachtete ich, wie die Kriegerin sich reckte und gegen die Kälte in ihren Gliedern kämpfte. Sie war so viel stärker als ich.
„Es ist Zeit, zum Schiff zurückzukehren. Ferdi wartet auf dich.“, sagte der Passus und verbeugte sich tief vor ihr.
„Wie lange hat er auf mich gewartet?“, fragte sie wie im Traum.
„Viele und viele Monde. Er ist krank vor Trauer. Sie würde ihn in den Irrsinn treiben, kämest du jetzt nicht zurück.“
„Was ist mit ihr?“, fragte Lunaris und legte mir eine ihrer noch kalten Hände auf die Stirn. Wie gut diese Berührung doch tat!
„Ich werde sie zum Schiff zurückbringen. Dort wird sie sich erholen. Wie auch du.“
Auf dem Rückweg fielen mir oft die Augen zu. Ich nahm die Gespräche zwischen dem Passus und Lunaris wahr wie aus weiter Ferne. Jede Bewegung schüttelte meinen kalten Körper. Die Arme des Passus unter mir fühlten sich heiß an, deshalb wusste ich, dass etwas mit mir nicht stimmte. Es war laut auf dem Schiff, als die Piraten durcheinanderriefen. Von Arm zu Arm wurde ich durchgereicht. Schließlich war es Nebelfranz, dessen bekümmertes, farbloses Gesicht sich über meines beugte, als er mich in Decken wickelte.
„Dummes Menschenkind. Das war nicht deine Angelegenheit. Sieh zu, dass du wieder zurechtkommst!“, schimpfte er.
Ich lächelte über seine harsche Zuneigung. Dann schlief ich der Wärme entgegen. Ich würde nicht sterben, nur ein wenig schlecht träumen, denn auch der Traum ist ein Übergang, vom Schlafen zum Wachen.

Hinterlasse einen Kommentar