Passus – Eine Adventskalendergeschichte

24. Dezember: Kometenflug

   Die Mondpiraten warteten lange Zeit auf mich, bis ich wieder zu Kräften kam. Erntner steckte mir Extrarationen zu, die er Hornfried dieses Mal ohne großen Streit abgenommen hatte. Nebelfranz war ein Meister der Heilkunst. Er brachte mir bitter schmeckende Kräuter, die ich artig kaute, während er mein vor Ekel entgleistes Gesicht scharf tadelte. Ein undankbares Ding war ich, meinte er. Julius erzählte mir seine schönsten Geschichten und vernachlässigte nicht nur einmal seinen Dienst dafür. Sie alle kamen, um mich aufzumuntern und ihre Scherze zu machen.

   Als ich endlich ein wenig aufstehen konnte, kamen auch Ferdi Lunatikus Silberfahrt und seine Lunaris zu mir. Als ich sie zusammen sah, waren alle Schwierigkeiten vergessen. Der Kapitän des Schiffes hatte einen sanften Gesichtsausdruck gewonnen, der ihm zuvor abgegangen war. Er war ein noch schönerer Mann durch sein wiedergewonnenes Glück. Doch nichts konnte schöner sein als seine Frau, die von innen heraus weiß und silbern strahlte. Sie war endlich warm, als sie sich über mich beugte und meine Stirn küsste.

   „Du hättest sterben können.“, sagte Ferdi.

   „Ich bin es aber nicht. Zwar bin ich kein echter Mondpirat wie ihr alle, aber ich fühle mich als Teil dieser Mannschaft, auch wenn es seltsam klingt. Ich musste es wagen.“, sagte ich.

   Ferdi ging auf ein Knie herunter. Er schüttelte den Kopf.

   „Du! Du bist im Herzen eine wahre Piratenbraut. Du beraubst den Tod und bist deinen Freunden treu. Das ist es, was ehrenhafte Piraten tun. Auf immer bist du Teil der Mannschaft, auch wenn wir dich nun wieder zurückbringen müssen, wie Krampus es angewiesen hat.“

   „Ja, nach Hause…“, seufzte ich.

   Bis zu diesem Augenblick hatte ich nicht gemerkt, welche Sehnsucht ich nach dem blauen Himmelsjuwel hatte. Wenn ich auch die kindlichen Mondpiraten liebgewonnen hatte, so war ich doch froh zu erfahren, dass unsere Rückreise sehr viel schneller und einfacher sein würde als das Wagnis der Hinfahrt. Wir stiegen auf verschiedenen Bahnen hinauf zum Pol des Riesen. Der größte aller Wanderer hatte ungeheure Kräfte. Als wir einen bestimmten Punkt erreicht hatten, stieß uns seine Macht davon.

   Es war die atemberaubendste Raserei, die man sich denken kann. Jeder von uns hielt sich an der Reling fest. Wir hatten uns selbst fest vertäut und die Segel waren eingeholt. Das Schiff schoss mit einer solchen Geschwindigkeit davon, dass die Sternennebel zu Fäden wurden. Wir wurden selbst zu einem rasenden Kometen. Das Heck des Schiffes zischte gefährlich. Julius würde es ausbessern müssen. Doch das war weit weniger schlimm, als noch einmal den Gürtel der fliegenden Steine queren zu müssen, den wir in hohem Bogen überflogen.

   Von Stunde zu Stunde wurde unsere Fahrt langsamer und wir konnten uns endlich wieder von der Reling losmachen. Ferdi Lunatikus Silberfahrt, Scheidebold und Bruchbert traten ans Steuer, um den neuen Kurs zu suchen. Bockhorst stieg wieder hinauf in den Mast, um den Kurs zu bestätigen. Lenzel, Laun und Wunnibald entfalteten ein Segel nach dem anderen und richteten es aus. Alle anderen gingen ihren Beschäftigungen nach und kümmerten sich nicht weiter um die Fahrt des Schiffes. Sie wussten, dass ihre Bahn jetzt sicher war. Der Erdtrabant rückte näher.

   Der Passus blieb an der Reling stehen. Ich trat zu ihm.

   „Unsere Reise ist vorbei, nicht wahr?“, fragte ich.

   „Die Reise ist nie vorbei.“, entgegnete er und lachte meckernd.

   Ich lachte ebenfalls, weil ich dieses Mal meinte, ihn zu verstehen.

   Als wir den Anker auf der Rückseite des Erdenmondes warfen und in seiner kleinen Kraft ruhig hin und her schwankten, dachte ich, dass wir gleich von Bord gehen würden, doch darin hatte ich mich getäuscht. Ferdi Lunatikus Silberfahrt rief die ganze Mannschaft an Deck zusammen – auch mich und den Passus. Er hielt eine kleine Rede. Seine Anweisungen gab er nun mit kräftiger Stimme, ohne lautes Gebrüll wie zuvor.

   „Unser Beutezug ist beendet, unsere Aufgabe erfüllt. Nun müsste uns der dreizehnte Mann verlassen, doch ich habe beschlossen, Lina Blaumond eine besondere Ehre zuteilwerden zu lassen. Niemand, der nicht sein Leben darangibt, den Schwarzstein vom Schwarzmond zu fangen, darf ihn eigentlich berühren, um ihn in die Bahn der Erde zu bringen. Lina jedoch hat ihr Leben eingesetzt für Lunaris, meine geliebte Lunaris…“

   Hier machte Ferdi eine kleine Pause. Tränen rannen in seinen Augen zusammen. Er wandte sich an seine Frau, die lächelnd neben ihm stand. Sie küssten sich, sanft wie zum ersten Mal. Die Mondpiraten klatschten zustimmend in die Hände. Sie pfiffen und johlten. Dann waren sie wieder ruhig, als der Herr des Schiffes sich weiter an uns wandte.

   „Weil auch Lina ihr Leben eingesetzt hat wie wir anderen, soll sie mit uns zusammen die Steine ausbringen!“

   Alle brachen in zustimmenden Jubel aus. Einige der Männer klopften mir die Schulter. Der Passus beugte sein gehörntes Haupt in meine Richtung.

   Das Schiff wurde losgemacht und nahm kurz Fahrt auf, bis wir die wunderschöne, blaue Erde vor uns sahen. Wunnibald und Bruchbert schleppten die schwere Kiste mit den eingefangenen Mondsteinen auf Deck. Jemand warf mir ein paar Handschuhe zu. Sie waren aus feinen Ringen zusammengesetzt, wie die Ringe eines Kettenhemdes, nur dass dieses Material wesentlich leichter war und sich angenehm um die Finger schmiegte.

   Die Truhe wurde geöffnet. Jeder von uns griff hinein und holte sich einige der schwarzen, summenden Splitter heraus. Wir traten mondbord an die Reling des Schiffes. Auf den lauten Befehl Ferdis hin – „Los!“ – holten wir weit aus und schleuderten die Steine in Richtung der Erde. Es zischte, dann waren die Steine kurz nicht mehr zu sehen, bis sie weit vor oder unter uns zu einem gold-silbernen Funkenregen wurden, der zur Erde schwebte.

   Die, die Bescheid wissen, lehren uns, dass in den Wintermonaten die Geminiden an der Erde vorüberziehen und ein wundervoller Schauerregen von Kometen sichtbar die Erdenbahn streift. Aber vielleicht sind es auch die erbeuteten Mondsteine der Mondpiraten, die sie johlend, lachend und jauchzend vom Himmel herabschleudern, um ihre Kräfte auf die Bahn der Erde zu lenken und einen Ausgleich zu schaffen für all das Hässliche, das wir selbst von unten her in die Himmelsstufen geschossen haben.

   Ich weiß nur, dass wir einen grandiosen Spaß hatten, als wir an Bord des Schiffes standen und unser lustiges Feuerwerk veranstalteten. Und dass ich nach zahllosen Umarmungen plötzlich nicht mehr auf der Silbermaid war, sondern im Licht der Vorderseite des Mondes auf unsichtbaren Stufen zur Erde hinabstieg, am Arm des Passus, der mein Freund geworden war.

   Ich war wieder in meinem Schlafanzug und stand auf dem winterlichen, abgestorbenen Rasen unterhalb des Kirchturms, aus dem ich leises Gurren träumender Tauben hörte. Ich blickte in den Himmel. Es war kein Stern mehr zu sehen und der volle Mond verbarg sich als milchbleiche Scheibe hinter wandernden Wolken. Kalte Schneeflocken berührten meine Wangen. Der Passus stand vor mir und beugte sein Haupt. Sachte berührte ich seine Hörner. Dann war er verschwunden und ich stand allein.

   Leise weinend lief ich über den nächtlichen Kirchhof, durch das Tor auf die Straße. Ich schaute zu meinem Schlafzimmerfenster hinauf, das offenstand. Auch die Haustür war offen. Ich hatte vor wer weiß wie vielen Monden vergessen, sie abzuschließen. Langsam stieg ich die Treppe zur Dachwohnung hinauf. Alles war wie immer. Die Wohnung war dunkel und kalt.

   Als ich auf die Uhr sah und die digitale Datumsanzeige, war ich mir nicht ganz so sicher, ob nur eine Stunde vergangen war oder ein ganzes Jahr, in dem sich Leute, die Bescheid wussten, über ein winziges Wesen stritten, von dem nicht einmal sicher war, ob es überhaupt ein Lebewesen ist. Alles wie immer. Oder wie nie. Eine Zeit der Übergänge, die unsere Freunde sind, auch wenn wir sie als Schatten wahrnehmen.

   Ich machte das Licht in der Küche an, drehte die Heizung auf und bediente die Kaffeemaschine. Es tat gut, beide Beine auf dem Boden zu haben, etwas Heißes zu trinken und nicht über alles Bescheid wissen zu müssen.