Die Erzählungen, in denen Menschen leben
Buchbesprechung zu:
„Das Dämmern der Welt“ von Werner Herzog
Hanser, 2021, 126 Seiten

Onoda Hiroo ist vielleicht der berühmteste der sogenannten „Holdouts“ – japanische Soldaten, die noch Jahre und Jahrzehnte nach der Kapitulation des Kaiserreichs im Dschungel philippinischer Inseln ausharrten und ihre Stellung in dem Glauben hielten, der Krieg gehe weiter und Japan würde sich nie freiwillig ergeben.
Onoda bleibt bis 1974 als unsichtbarer Geist zwischen den Bäumen auf der Insel Lubang. Er ist der letzte Überlebende von insgesamt 4 Soldaten, die das Ende des Krieges verpassten oder es trotz verstreuter Hinweise nicht wahrhaben wollten und konnten. Es brauchte einen ähnlich seltsamen Charakter wie ihn, um ihn endlich von der Insel zu holen. Suzuki Norio, ein gescheiterter Student, der sich aufmacht, um Onoda, einen Panda und den Yeti zu finden.
Suzuki schafft es, Onoda zur Aufgabe zu bringen, unter der Bedingung, dass einer seiner ehemaligen Befehlshaber auftaucht und ihm die direkte Order dazu erteilt. Begnadigt durch den philippinischen Präsidenten und für einige Zeit als seltsamer Held in Japan verehrt, zieht er sich bald wieder aus dem modernen, für ihn seelenlos gewordenen Japan zurück, heiratet, wird Viehzüchter in Brasilien, gründet später noch eine Naturschule, in der Überlebenstechniken und alte Werte an die jüngere Generation vermittelt werden.
2014 verstirbt er mit fast 92 Jahren.
Mehr ist auch zum bloßen Inhalt des Buches, dass Werner Herzog über diese Geschichte geschrieben hat, nicht zu sagen.
Werner Herzog hat diesen Onoda getroffen, mit ihm gesprochen und sich intensiv mit der Geschichte des Mannes auseinandergesetzt. Wie man es von Herrn Herzog kennt, ist sein kleines Buch über die bemerkenswerte Geschichte dieses ewigen Soldaten keine einfache Dokumentation, sondern vielmehr eine Reflektion, die sich an den groben Abläufen der wenigen Ereignisse lose orientiert.
Man kann von einem Werner Herzog – egal, ob man ihm oder seiner Kunst zugeneigt ist oder nicht – durchaus erwarten, dass er mit Worten und Bildern umzugehen weiß. In der Tat malt dieses Buch in seiner Kürze und Schlichtheit einen Film vor die Augen, in dem Szenen aufblenden, wieder verblassen. Man spürt beim Lesen Kameraeinstellungen des inneren Auges auf die Gesichter der Männer, auf Details. Die Landschaftsaufnahmen sind ruhig, schwenken von einer Himmelsrichtung zur anderen, eine Stille zum Anfassen. Die Geräusche des Dschungels geben die passende Filmmusik für diese Erzählung. Werner Herzog bleibt ein Mann des Films und des Auges und er schafft es, diesen Film vor dem Auge des Lesers ablaufen zu lassen und ihn in das Erleben hineinzuziehen.
Darum ist dieser kleine Roman nicht nur die Schilderung des 30jährigen Krieges eines japanischen Soldaten, sondern sucht nach dem Existentiellen in der Geschichte. Es ist die Erzählung, in der Onoda lebt. Die Erzählung, die er sich selbst erzählt, die er glaubt und um jeden Preis am Leben erhält. Die Erzählung, die ihn für drei Jahrzehnte im Dschungel festhält.
Es ist auch die Erzählung vieler Menschen in der Jetztzeit, die ihren eigenen Krieg kämpfen, weil sie sich eine Geschichte erzählen und an sie glauben. Schwände die Geschichte, dann gäbe es keinen Krieg mehr. Und dann vielleicht auch keine sinnvolle Existenz.
Mit welchem Recht belächeln wir vielleicht Onoda, wenn wir selbst uns jeden Tag die Geschichte unseres Lebens erzählen, uns in ihr einrichten, die Ereignisse im Sinn dieser Erzählung deuten, integrieren, erklären und auf diese Weise die Komplexität der Welt scheinbar kontrollierbar machen?
Es gehört zur Existenz des Menschen, dass er Geschichten erzählt und mit Hilfe dieser Geschichten die Welt und seine eigene Existenz darin bewältigt. Darum besitzt Werner Herzogs kleine Reflektion eine berückende Aktualität. Onodas persönlicher Krieg lässt einen aufhören, über Verschwörungstheoretiker zu lächeln. Erzählen sie sich nicht alle eine Geschichte und deuten alles in der Welt eben nach dieser Geschichte? Niemand von uns ist allzu weit davon entfernt, ein Onoda zu werden.
Sämtliche abgeworfenen Flugblätter, Suchtrupps mit Lautsprecherdurchsagen und auch ein erbeutetes Radio werden von Onoda im Laufe der Jahre als Kriegslist des Feindes, als Täuschungsmanöver eingeordnet. Alles ist ein Hinterhalt. Der Feind ist überall. Niemandem kann man einfach so glauben und vertrauen.
Auch das gehört zur Existenz des Menschen: sich selbst gegen ein Außen abzugrenzen. Daraus kann ein „Wir gegen die Anderen“ werden. Oder ein „Ich gegen die Welt“. Nichts anderes hat die Kriegspropaganda mit Onoda gemacht. Wir gegen die. Niemals aufgeben. Die Ehre des Samurai. Welche Ehre fühle ich in mir angetastet, wenn man mich dazu bewegen will, eine Geschichte aufzugeben?
Es brauchte einen Suzuki, der an den Yeti glaubte, um einen Onoda, der an den Krieg glaubte, in die Gegenwart zu holen. So wird es uns mit allen Verschwörern und Fundamentalisten gehen, die ihren eigenen Krieg führen. Es braucht Suzukis mit eigenen Geschichten. Nur Geschichten können andere Geschichten ablösen. Es braucht Zeit. Manchmal dreißig Jahre, manchmal Generationen.
Der Mensch wird immer einer sein, der in Erzählungen lebt und sie mit seinem Leben verteidigen will. Ohne Erzählung können wir in keinem Raum leben, keine Zeit bewältigen. Das ist es, was uns Onodas Geschichte erzählt. Wir brauchen solche scheinbar verschrobenen Gestalten, um uns daran zu erinnern, dass wir selbst genauso menschlich sind.

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