Die Schwingen der Freiheit

Die Schwingen der Freiheit

Buchbesprechung zu:

„Mein Leben als amerikanischer Sklave“

von Frederick Douglass

Originaltitel: „Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave. Written by Himself“

Übersetzung von Oeser, Hans-Christian – Reclam Verlag, 2022, 152 Seiten

Es gibt mehrere tausend Zeugnisse aus Mund und Feder ehemaliger Sklaven, geflohener oder freigelassener, die besonders im Laufe des 19. Jahrhunderts in den USA verfasst wurden. Doch dieses hier, veröffentlicht 1845, nimmt den Rang eines Klassikers ein und ist das bis heute meistgelesene und meistverbreitete.

Tatsächlich sind sog. „Slave Narratives“ fast schon eine eigene Gattung in der anglo-amerikanischen Literatur. Sie sind keine bloßen Biografien, die sich an schlichten Fakten orientieren oder Lebensdaten auflisten. Sie sind immer äußerst subjektive und aus dieser Perspektive bereits ausgedeutete Erzählungen über das Leben der Versklavten. Gerade weil sie radikal subjektiv sind und nicht jedes Detail mit Absolutheit den Fakten entspricht, sind sie das, was man wahrhaftig und aufrichtig nennen kann. Sie sind ein Zeugnis über das, was die Praxis der Sklaverei aus den Menschen macht – sowohl aus den Versklavten als auch aus den Sklavenhaltern. Sie sind Bewertung und wollen Bewertung sein. Die Narratives sind politisch und haben zum Ziel, die Ungerechtigkeit der Sklaverei besonders deutlich zu machen, so dass als einzig logische Konsequenz nur ihre Abschaffung bleibt.

Uns heutigen erscheint es vielleicht absurd, dass es überhaupt eines Nachweises über die Notwendigkeit der Abschaffung von Sklaverei bedarf. Im Amerika – und auch Europa – des 19. Jahrhunderts jedoch war dies keineswegs allen Menschen eine Selbstverständlichkeit. Frederick Douglass war sehr bald nach seiner Flucht ein gefragter Redner auf Versammlungen der Abolitionisten (Politische Befürworter der Abschaffung der Sklaverei in den USA). Als Vortragsreisender in den Nordstaaten und auch in Übersee teilte er einem bewegten Publikum seine Erfahrungen aus dem Leben als Sklave mit. Er schrieb zahlreiche Essays und Zeitungsartikel.

Der einstige Sklavenjunge, der sich heimlich das Lesen und Schreiben beibrachte und beibringen ließ, ergriff nun das Wort als Waffe gegen den unerträglichen Zustand der Versklavung der Schwarzen. Genau so darf und muss man das Buch „Mein Leben als amerikanischer Sklave“ auch lesen, um ihm gerecht zu werden. Wir haben hier das schriftliche Zeugnis eines redegewandten und sehr intelligenten Mannes vor uns, der genau weiß, was er sagen will. Das und die Authentizität seiner Schilderungen, wenn sie auch nicht in jedem Detail den konkreten Fakten entsprechen mögen und manche Auslassung zu spüren ist, machen dieses Werk zu dem Klassiker, das es ist.

Erschütternd sind die Beschreibungen der Lebensumstände der Sklaven und erschütternd wollen sie auch sein. Auspeitschungen; nicht geahndete Morde an schwarzen Sklaven durch weiße Aufseher; unzureichende Versorgung mit Nahrung und Kleidung; Ausbeutung der Arbeitskraft der schwarzen Sklaven auf den Plantagen bis zur tödlichen Erschöpfung; der Missbrauch schwarzer Frauen als „Zuchtstuten“ für neue Sklavenkinder, die den Reichtum ihres Besitzers vermehren sollen; Förderung der Unmoral unter den Sklaven, um sie von ihrer eigenen Wertlosigkeit zu überzeugen sind nur einige Beispiele. Die Details dazu möge jeder selbst im Buch nachlesen.

Darüber hinaus ist es jedoch kein geringes Vergnügen, den Text zu lesen. So knapp die Ausführungen auch manchmal sind, enthalten sie auch ein gutes Maß an Pathos und Poesie. Man merkt dem Text an, dass hier ein Mensch spricht, der trotz der wenigen Gelegenheit zu Bildung, die ihm vergönnt war, alles aufgesaugt hat, was er zum Lesen in die Finger bekommen hat.

Damit sind wir auch bei einem der Themen des Buches angelangt, die Frederick Douglass besonders herausstellt. Ein erster Schritt zu seiner Befreiung aus der Sklaverei war das Erlangen der Fähigkeiten des Lesens und Schreibens. Lesen zu können ermöglichte den Zugang zu Informationen, die andere Sklaven nicht hatten. Bildung als Befreiung des Geistes und als erste innere Emanzipation des Versklavten bildet ein zentrales Motiv in Douglass´ Schilderungen. Denken, nachdenken zu können, den eigenen Zustand der Versklavung zu reflektieren und ihn als Unrecht zu erkennen, ermöglicht überhaupt erst die Befreiung.

Es geht Douglass weniger darum, das selbst erlittene Unrecht zu beschreiben, als vielmehr dieses erlittene Unrecht zu verwenden, um die Wesenszüge der Sklaverei zu verdeutlichen und was das System der Sklaverei mit den Menschen, die daran beteiligt sind, macht. Dies ist sein Haupt-Argument gegen die Sklaverei, dass sie sowohl die Unterdrückten als auch die Unterdrücker entmenschlicht. Es ist die größte Stärke des Buches, dass es die Rechtlosigkeit der schwarzen Sklaven und die Machtbefugnisse der weißen Herren deutlich herausstellt und die Konsequenzen aufzeigt, die ein solches System der Ungleichheit für den Einzelnen hat und haben kann.

So beschreibt Douglass die Ehefrau eines seiner ehemaligen Herren als ihm gegenüber äußerst freundlich und herzlich. Fast mütterlich ist sie zu ihm, beginnt, ihm das Alphabet beizubringen und erscheint in ihrer Beschreibung wie ein engelsgleiches Wesen. Als ihr Ehemann untersagt, dass sie dem kleinen Haussklaven Frederick das Lesen beibringt und er seiner Frau erklärt, wie ein Sklave zu behandeln ist und dass es eine Notwendigkeit wäre, so zu handeln, verwandelt sich die personifizierte Güte in ihr hässliches Gegenteil. Die einst liebliche, junge Mutter wird immer mehr zu einer bitteren Person mit verzerrten Gesichtszügen, je öfter sie Douglass so behandelt, wie es das System der Sklaverei eben von ihr verlangt. So wird nicht nur Frederick entmenschlicht, gebrochen und abgestumpft, sondern auch die negativen Charakterzüge der Sklavenhalter treten deutlicher hervor und rauben ihnen alles Menschliche.

Diese Gegensätzlichkeiten herauszustellen und die Eindringlichkeit, mit der beschrieben wird, wie ein Muster des Machtmissbrauchs die Menschen verderben kann, ist Grundtenor des Buches. Radikal subjektiv und schonungslos geht Douglass dabei vor, jedoch nicht ohne sich davor zu hüten, die eigene Menschlichkeit abzulegen. Wo er etwas Positives über die Herren, Herrinnen und Plantagenaufseher sagen kann, da tut er es. In seiner Beschreibung des Lebens in der Sklaverei erhebt er sich bewusst über die entmenschlichende Ungerechtigkeit. Er lässt nicht zu, selbst zu einem nur anklagenden Leidenden zu werden. Befreiung von der Sklaverei bedeutet für ihn nicht nur, in die Nordstaaten zu fliehen, sondern auch, sich innerlich von der Haltung eines Sklaven zu emanzipieren. Genau dieses Bewusstsein von der eigenen Würde als Mensch, gepaart mit scharfer Intelligenz, macht Frederick Douglass zu einem so charismatischen Kämpfer gegen die Sklaverei und lässt seine Worte bis heute nicht ohne Wirkung bei den Lesern sein.

Wer kann ohne Empfindung bleiben bei den Worten Fredericks, wenn er beschreibt, wie er voll Sehnsucht nach Freiheit auf die davonziehenden Segelschiffe blickt und zu ihnen spricht?

„Ihr habt euch von euren Liegeplätzen gelöst und seid frei; ich bin in Ketten geschlagen, ein Sklave! Ihr lasst euch fröhlich von der sanften Brise treiben, ich mich traurig von der blutigen Peitsche! Ihr seid der Freiheit geflügelte Engel, die um die Welt fliegen; ich bin in eisernen Banden gefangen!“ (S. 62)

Ohne Pathos keine Rührung des Publikums und kein angeregter Wille zum entschiedenen Kampf gegen die Sklaverei.

Frederick Douglass ist auch ein Mann des 19. Jahrhunderts. Seine hohen Moralvorstellungen und seine Gedanken über das Wesen eines Christentums, dass die Sklaverei befördert und so gar nicht dem Geist Christi entspricht, mögen manch heutigem Leser vielleicht fremd sein, aber sie wecken eine Ahnung von den Gründen und Ursachen noch heute vorherrschender Ansichten in breiteren Schichten der US-Amerikanischen Bevölkerung. Während die einen dafür kämpfen, dass alle Menschen Schwestern und Brüder sind, hegen andere immer noch die Ansicht, dass es menschliche Rassen gibt und Menschen dunkler Hautfarbe zu einer minderwertigen Art gehören, die man zu Recht ausgrenzt und minderwertig behandelt.

„Der Mann, der wochentags die blutverkrustete Peitsche schwingt, steigt sonntags auf die Kanzel und behauptet, Diener des sanften und demütigen Jesus zu sein. Der Mann, der mich am Ende jeder Woche meines Verdienstes beraubt, tritt mir am Sonntagmorgen als Gemeindevorsteher gegenüber, um mir den Weg des Lebens und des Heils zu weisen. Derselbe, der meine Schwester zum Zwecke der Prostitution verkauft, gefällt sich als frommer Befürworter der Reinheit. […] Sie sind es, die behaupten, Gott zu lieben, den sie nicht geschaut haben, während sie ihren Bruder hassen, den sie geschaut haben.“ (S. 108 / 109 / 111)

Wir wissen, dass der Anteil von Schwarzen in Gefängnissen und in Armut in den USA ungleich hoch ist im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen in den Staaten. Dass dies so ist, hat auch und gerade seine Begründung in den immer noch tiefen Wunden, die ein menschenverachtendes System der Sklaverei und des Rassismus in die Gesellschaft geschlagen hat. Diese Wunden sind bis heute nicht geheilt. Darum besitzt ein Buch wie „Mein Leben als amerikanischer Sklave“ immer noch Gültigkeit, Aktualität und sollte die Herzen weiter bewegen.