Apokalypse ist jeden Tag IV

Apokalypse ist jeden Tag

IV

Apokalypse der Vergottung (Inspiration zum dritten Sendschreiben im zweiten Kapitel der Apokalypse des Johannes)

Pergamon ist Bild im Kopf auch derjenigen, die das dritte Sendschreiben von Johannes an die christliche Gemeinschaft dort noch nie gelesen haben. Schön, erhaben und großartig ist das Monument des in Pergamon ausgegrabenen Altarstücks, das wir in Berlin bewundern können. Ist dies der rätselhaft als „Thron des Satans“ bezeichnete Gegenstand? Oder ist damit ein anderer Tempel gemeint gewesen? Oder der Sitz eines Herrschers und der Oberen der Stadt? Wer ist dieser Satan – oder korrekter übersetzt: Ankläger, Widersacher, Feind?

Ein apokalyptisches Bild des Absurden braut sich hier zusammen. Der gehörnte Teufel unserer paganen Folklore hockt auf einem marmornen Sockel in einer antiken Stadt Kleinasiens. Nichts könnte ferner sein von dem, was wohl ursprünglich gemeint war. Hinweise geben uns biblische Begriffe wie Bileam, Götzendienst und Hurerei, doch dunkel ist das Bild, schwarze und rote Farben einer absichtlich zelebrierten Unmoral und Ausschweifung. Blut und nackte Leiber, Feuer und ein Geruch des Todes. Unsere Fantasie kennt keine Grenzen, obwohl das Sendschreiben nur auf einige knappe Sätze begrenzt ist.

Was wir wissen, ist dies: die apokalyptischen Texte sind an Gläubige gerichtet, die am Morgen einer großen Verfolgung und Unterdrückung durch römische Herrschaft leben. Sie sollen ebendiese Christen ermahnen, trotzdem an ihrem Glauben festzuhalten. Sie sollen dazu ermahnen, nicht doch den äußeren Zwängen nachzugeben. Sie sollen ermutigen, dass es sich wohl irgendwie lohnt, all die Gefahren für Leib und Leben auf sich zu nehmen.

Warum aber stehen Menschen, die einem gekreuzigten Wanderprediger aus einer der römischen Provinzen nachfolgen, in solcher Gefahr? Warum will Rom sie fressen? Warum ist die Bedrohung gerade in Pergamon so greifbar? Es ist die Vergottung des Menschlichen, der sie entgegenstehen. Rom ist eine Göttin, der römische Staat ist göttlich. Der römische Herrscher ist mindestens ein Sohn der Götter. Der Kaiser wird angebetet, ihm werden Altäre gebaut, ihm werden Opfer dargebracht. Der Staat ist Gott. Der Staat, von Menschenhand errichtet, wächst über sich hinaus und vergottet sich im Bewusstsein der Menschen.

Wenn einer es wagte zu sagen: wer immer hier auf Erden herrscht, ist nicht mein Gott. Und ein Sohn eines Gottes war der, den dieser vergötterte Staat ans Kreuz geschlagen hat und immer noch glaube ich, dass dieser einfache Mann aus Palästina der eigentliche Sohn des eigentlichen Gottes ist… Ist das nicht eine Apokalypse für jede Vergottung des Menschlichen, wenn es da welche gibt, die sagen, dass es einen Menschen gab, der göttlich war und niemanden sonst? Und dass durch diesen einen Gekreuzigten und Auferstandenen alle Menschen Brüder und Schwestern und Söhne und Töchter Gottes sind? Dass kein Herrscher dieser Welt dem einfachsten Bettler auch nur irgendetwas voraushat?

Welche Vergottung kann Bestand haben, wenn niemand mehr sie anbetet? Welcher Teufel zittert nicht, wenn ihm die Anbetung verweigert wird? Der Satan, Widersacher und Feind ist Antibild des ohnmächtigen Christus im mächtigen römischen Kaiser. Er ist der Anti-Christ, der Gegen-Gott. Insofern ist jeder Herrscher zu jeder Zeit in dieser Welt solch ein Anti-Gott, wenn er sich anbeten lässt und die Verweigerung der Anbetung unter Strafe stellt. Wir brauchen nicht auf einen Antichristen der Endzeit zu warten. Es hat diese Antichristen schon immer gegeben, wo Macht angebetet wurde.

Wir, die wir uns heute noch als Christen bezeichnen, beten aber nicht die Macht an. Keine der irdischen Mächte. Egal auf welcher Seite einer Wand. Wir vergotten nicht. Wir sollen die Apokalypse, der Untergang jeder Vergottung sein. Ob es das Geld ist oder ein starker Mann oder ein Ideal. Wir vergotten nicht. Wir lieben. Und wer wahrhaft liebt und sich jeder Vereinnahmung verweigert, der steht in der Gefahr des inneren oder äußeren Kreuzes.

Wir, die wir anbeten die „Macht der Liebe“, sind der Untergang jedes irdischen Gottes. Wir haben Zeit. Wir haben Geduld. Apokalypse ist jeden Tag. Die Ewigkeit ist jetzt.