Apokalypse ist jeden Tag
V
Apokalypse der Erkenntnis (Inspiration zum vierten Sendschreiben im zweiten Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Gab es in Thyatira eine Frau namens Isebel, die als Prophetin auftrat? Hieß sie anders und der Schreiber der Apokalypse nennt sie nur nach dem Namen der bösartigen Frau des alttestamentarischen Königs Ahab, die ihren Mann zum Morden anstiftete? Oder steht diese Frau symbolisch für alle, die Gläubige aus den damaligen Gemeinden dazu überreden wollten, sich doch wieder gemein zu machen mit den anderen Bürgern Roms, die den Göttern opferten, an ihrem Tisch zu sitzen und das Fleisch zu essen, das den Göttern dieses Roms dargebracht wurde?
Paulus riet den Gläubigen einst, nicht nachzufragen, woher ihr Fleisch käme. Wenn sie jedoch erfuhren, dass es einem fremden Gott dargebracht worden war, so sollten sie lieber auf den Verzehr verzichten. Die Tempel waren Schlachthöfe und die Schlachthöfe Tempel. Und es gab kaum ein Tier, das sein Blut nicht vor irgendeinem Gott ausgeschüttet hätte. Und wie viele Männer haben wohl in den Schlachten des Imperiums ihr Blut für den Sieg der Göttin Roma und die Macht ihres Kaiser-Gottes geopfert oder opfern müssen? Wer Christus nachjagt, der ist nicht mehr Teil dieser Götzendienerei für Macht und Einfluss.
Es mag natürlich Stimmen gegeben haben, die sich dafür einsetzten, Kompromisse einzugehen – ein bisschen Christus-Gemeinschaft und ein bisschen Teilhabe am Luxus Roms vielleicht. Sicherheit und Frieden, Widersprüche in Kauf nehmen, nicht allzu heftig für einen anderen Weg eintreten, vorbei am Gott-Anspruch von Reich und Kaiser. Und nicht alle hielten nur an dem fest, was ihnen über diesen Jesus gepredigt worden war. Gab es da nicht mehr? Größere, tiefere, weitere Erkenntnisse? Heftig müssen die Auseinandersetzungen zwischen Gemeindeführern und Vertretern von sog. Gnostischen Bewegungen gewesen sein. Vielleicht bot sich der Glaube an einen Vater-Gott und einen Christus, der Erlösung vom Übel bringt, recht gut an für die Vermischung mit ohnehin vorhandenen spirituellen Lehren über Gut und Böse und die Suche nach der eigenen Erlösung.
Es ist ein schmaler Grat, heute noch, daran zu glauben, dass es da einen Gott gibt, der gut ist und alle Dinge gut geschaffen hat – und dann die Einsicht, dass es trotzdem das Böse gibt, in der Welt und in einem selbst. Manchmal nimmt unsere Wahrnehmung des Übels solch gewaltige Dimensionen an, dass wir versucht sind, daran zu glauben, es wäre gleichwertig mit dem Guten, es müsste eine dunkle Kraft geben, die der Kraft eines liebenden Gottes ebenbürtig ist.
Und manchmal sind wir versucht, daran zu glauben, dass in uns selbst nur Böses ist, was ausgemerzt werden muss. Oder wir sind versucht, daran zu glauben, dass wir die einzig Guten und Auserwählten sind. Dass wir es besser wissen als alle anderen. Dass wir die höhere und tiefere und bessere Erkenntnis haben. Unser Gott ist der Richtige und die Art, wie wir ihn anbeten ist die einzig richtige. An unserem Wissen wird die Welt sich heilen. Wir werden zu Isebel und wir gleiten langsam hinein in diese scharfe Trennung zwischen dem, was gut und dem, was böse ist. Unsere Erkenntnis ist das richtende Schwert, nicht mehr das Wort, das aus dem Mund Jesu gekommen ist. Und wir finden es plötzlich nicht mehr schlimm, wenn unsere Mitmenschen leiden und sterben, denn sie haben es ja verdient. Sie teilen nicht dieses höhere Wissen, das uns selbst zu den besseren und wertvolleren Menschen macht.
Wir huren mit Erkenntnissen, wir morden den Nächsten in unserem Herzen. Und dann mahnt uns das Bild im Sendschreiben an Thytira. Einen guten Weg des Friedens hattest du begonnen und du hast begonnen gute Werke zu tun, weil du Lust dazu hattest, weil dein Gott auch einer war, der Lust daran hatte, allen Menschen Gutes zu tun. Aber du duldest Isebel. Du duldest diese Stimme in dir, dass du besser bist als die anderen. Dass die Welt schwarz und weiß ist. Dass deine Erkenntnis die wirkliche und richtige ist.
Ist es nicht interessant, dass Christus hier und anderswo im Neuen Testament mit dem Morgenstern in Verbindung gebracht wird? Und an anderen Stellen ist dieser Morgenstern ein Symbol für Luzifer, den gefallenen Engel, der das Böse in die Welt brachte. Die „Tiefen des Satans“ von denen die Rede ist, sind gar keine Lehren des Teufels. Es sind angebliche Wahrheiten über Gott, die teuflische Dinge in dieser Welt gebären. Kein Teufel kann so schlimm sein, wie ein Gott, dessen Wahrheit wir mit Gewalt und Mord und Groll durchsetzen wollen.
Wenn unsere Klugheit und Erkenntnis keine Apokalypse erlebt, jeden Tag, dann werden wir selbst zu Teufeln, zu Bileams und Isebels. Wir wissen nicht alles und wir müssen nicht alles wissen. Halte fest, was du hast und tue Gutes. Gott tut nichts anderes. Er hält dich fest, diese Welt und er tut Gutes – er lässt es regnen und die Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte. So sollst auch du sein, sprach dieser Christus. Güte befreit. Güte ist die Apokalypse jeder mörderischen Erkenntnis.

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