Apokalypse ist jeden Tag
VI
Apokalypse des guten Rufs (Inspiration zum fünften Sendschreiben im dritten Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Die Bilder vom Schlafen und Aufwachen, vom Totsein und vom Lebendigsein sind ebenso wenig eindeutig wie alle anderen Bilder in der Apokalypse des Johannes. Und doch drehen sie sich alle um ein großes Thema. Die Treue zu dem, was die Gläubigen einst von Jesu Botschaft gehört haben. Die Gemeinschaften sind gewachsen und haben auch untereinander einen je unterschiedlichen Ruf. Sardes soll besonders lebendig sein. Johannes behauptet das Gegenteil. Sardes ist tot.
Ist es uns allen nicht schon einmal ähnlich ergangen? Da war eine Gruppe von Leuten, über die man uns gesagt hat: geht da hin, die sind toll und lebendig und da ist es gut. Und dann sitzt man inmitten von fröhlichen Leuten. Alles lacht, es gibt Musik, es ist modern und alles leuchtet in Ikea-Weiß. Hier ist das Leben. Aber tief innen bleibt ein Gefühl zurück, als wäre die Seele in Schlaf gelegt worden durch all die glatte Herrlichkeit.
Und dann wieder begegnet man einzelnen Menschen, die irgendwie zerrupft aussehen und den Ruf haben, nicht normal zu sein – was immer dieses „Normal“ bedeutet – unmoderne Menschen, arme Menschen, nicht schöne Menschen. Aber sie haben ein Lächeln für dich übrig und ein warmes Wort. Du fühlst, dass sie lebendig sind, dass ihre Freundlichkeit ehrlich ist und zweckfrei. Sie sind, was sie sind.
Nicht alles, was im Ruf steht, groß zu sein, ist es auch wirklich. Es sind immer die kleinen und unscheinbaren Menschen, die treu sind und ihre einfachen Pflichten erfüllen und die sind, was sie sind, die am meisten leuchten, wenn man genau hinsieht. Und sie sind überall, auch im toten Sardes, sagt Johannes der Apokalypsen-Dichter. Ja, es sind die kleinen Leute, die kleine Dinge tun. Sie halten die Welt zusammen. Darum ist die Welt schön. Es sind die Großen, die in die Zimmer kleiner Leute Dunkelheit bringen.
Aber in jedem Zimmer eines kleinen Menschen gibt es noch eine letzte Kerze. Und wenn diese Kerze angezündet wird, dann leuchtet das Gesicht dahinter und du weißt, dass dieser Mensch ein unsichtbares, weißes Gewand trägt und der Engel seines Nächsten ist. Das ist Treue und Lebendigkeit. Daran muss Sardes sich erinnern. Es muss die Apokalypse seiner Träume vom Groß-Sein erleben. Jeden Tag ist Apokalypse, wo wir erleben, dass ein guter Ruf die Welt nicht retten wird. Wachen wir auf zu den kleinen Dingen, die lebendig sind. Ein freundliches Wort, eine freundliche Geste.

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